Warum Unwissenheit manchmal ein Segen ist – William Paul Young über den Überraschungserfolg von „Die Hütte“

Self-Publishing mal anders: „Kein Interesse!“, hieß es zunächst bei 26 Verlegern, als man ihnen William Paul Youngs Roman „Die Hütte“ vorstellte. Kurzerhand gründete Young mit seinen Freunden einen eigenen Verlag für ihr Buch. Aus einer Garage wurde das Lager, nun fehlten nur noch die Leser. Was nach Größenwahn und purer Naivität klingt, wurde zu einem unfassbaren Erfolg, bis hin zum Hollywoodfilm, der jetzt in die Kinos kommt. Und das, obwohl Young eigentlich gar nicht vorhatte, ein öffentlich bekannter Autor zu werden…

 Von William Paul Young 

 

Hütte_1Mack Phillips (Sam Worthington) und Jesus (Avraham Aviv Alush) im Kinofilm „Die Hütte“. © Jake Giles Netter

Gottes besonderer Sinn für Humor 

Fast ein Jahrzehnt ist vergangen, seit 11 000 Exemplare von „The Shack“ („Die Hütte“) aus der örtlichen Druckerei zu einem Haus in Kalifornien geliefert wurden. Was mit fünfzehn, bei Office Depot ausgedruckten Exemplaren als Weihnachtsgeschenk für unsere sechs Kinder begonnen hatte, entwickelte sich zu einem unerwarteten Phänomen, das jeden in Erstaunen versetzte.

Drei Männer, Wayne Jacobsen, Brad Cummings und Bobby Downes, wollten diese Geschichte irgendwann auf der großen Leinwand sehen, aber es schien ratsam, sie zunächst in Druck zu geben. Nachdem der frühe vollständige Entwurf von sechsundzwanzig Verlagen gar nicht erst beachtet oder abgelehnt worden war, fassten Wayne und Brad den Entschluss, ihren eigenen Verlag – Windblown Media – mit nur einem Titel zu gründen: „The Shack“. Beide steuerten jeweils ein Drittel der ursprünglichen Kosten für die erste Auflage bei, und einer meiner Freunde lieh mir die restliche Summe.

Eigentlich hatte ich nie die Absicht, ein öffentlicher Autor zu sein. Dass ich es doch wurde, schreibe ich Gottes besonderem Sinn für Humor zu. Meine Gedanken richteten sich hauptsächlich darauf, die täglichen Rechnungen zu bezahlen sowie nach besten Kräften meine Familie zu ernähren und einzukleiden. Dafür ging ich gleichzeitig drei Beschäftigungen nach, die zum einen Teil in harter körperlicher Arbeit bestanden, zum anderen in der Internetbranche angesiedelt waren. Allesamt schlecht bezahlt, brachten sie dennoch „genug“ ein, um die Miete zu überweisen und die notwendigen Dinge zu erwerben. Wir waren zufrieden – ein Zustand, den man mit Geld niemals erkaufen kann.

 

Hütte_3Octavia Spencer als Papa in „Die Hütte“. © Jake Giles Netter

 

Unglaublich optimistisch, aber kaum realistisch

Wayne und Brad hatten in ihrer Nähe eine Druckerei ausfindig gemacht, und so trafen schließlich im Mai 2007 die ersten Exemplare in Brads Garage ein. Freiwillig kümmerte er sich um die wichtigste Aufgabe, nämlich nachts Bücher in Umschläge zu stecken und zu verschicken, während er tagsüber Sprinkleranlagen in den Gärten der Leute installierte. Wayne wiederum, selbst ein Autor, stand mir, wann immer seine eigene Schreib- und Vortragstätigkeit ihm dafür Zeit ließ, in den zwei Jahren zur Seite, als ich den Text umformulierte und bearbeitete, um den Handlungsstrang deutlicher herauszuarbeiten. Was dann geschah, hatte keiner von uns vorausgesehen, ich jedenfalls ganz gewiss nicht.

Das Ziel war folgendes: Windblown Media sollte die erste Lieferung innerhalb von zwei Jahren verkaufen und im Weiteren bis zu 100 000 Exemplare in fünf Jahren. Dann, so malten es sich die drei Männer aus, würde Hollywood an ihre Tür klopfen und um die Filmrechte bitten.

In der Tat, Unwissenheit ist oftmals ein Segen. Im Rückblick und nach einem tiefgreifenden Lernprozess verstehe ich heute, dass unser Ziel naiv und unglaublich optimistisch war, aber kaum realistisch. Damals wusste ich nicht, dass von einem durchschnittlich erfolgreichen Buch während seiner gesamten Lebenszeit nur etwa 3000 Exemplare verkauft werden und dass ein Roman mit 7500 verkauften Exemplaren fast schon ein Bestseller ist. Wir hatten 11 000 Exemplare in einer Garage liegen und verfügten zwar über eine Webseite, nicht jedoch über eine echte Verkaufsförderung oder irgendwelche Marketingstrategien.

Sei’s drum. In einem Betrieb der nahrungsmittelverarbeitenden Industrie hob ich dreißig Kilogramm schwere Behälter mit Truthahnfleisch in die Höhe, um den Inhalt in Einfülltrichter zu stopfen, versandte Lötspitzen, reinigte Toiletten in der Lagerhalle eines Herstellers von Leiterplatten und agierte wie ein bewunderter Diskjockey im Internet, indem ich Firmen bei ihren Web-Konferenzen mit Rat und Tat unterstützte.

 

Hütte_2Avraham Aviv Alush als Jesus in der Verfilmung von Youngs „Die Hütte“. © Jake Giles Netter

 

„Was zwei Jahre hätte dauern sollen, geschah in dreieinhalb Monaten.“

Plötzlich überschlugen sich die Ereignisse. Was zwei Jahre hätte dauern sollen, geschah in dreieinhalb Monaten. Leute entdeckten unsere Webseite und bestellten jeweils ein Exemplar. Wenige Wochen später kehrten sie zurück und orderten etliche Exemplare oder gar mehrere Partien. Allmählich erhielt ich E-Mails von Lesern aus aller Welt, Botschaften, die ebenso herzzerreißend wie wunderbar waren und mir mitteilten, wie dieses kleine Buch „genau zur rechten Zeit“ in ihr Leben gekommen war. Sie erzählten mir bewegende, ja atemberaubende Geschichten darüber, welch überwältigende Wirkung die darin enthaltenen Gespräche und Fragen auf sie ausgeübt hatte.

Verleger – selbst einige von denen, die uns abgelehnt hatten – und Buchhändler kontaktierten Brad und Wayne, um bei Marketing, Verkauf und Vertrieb behilflich zu sein. Der Begriff Lauffeuer tauchte auf, um ein Phänomen zu beschreiben, das sich genauso schnell ausbreitete wie Flammen, die alles ringsum in Brand setzen. In den ersten dreizehn Monaten von Mai 2007 bis Juni 2008 hatte Windblown Media weniger als 300 Dollar für Marketing und Werbung ausgegeben, zugleich aber annähernd 1,1 Millionen Exemplare von „The Shack“ verschickt. Im Juni 2008 eroberte das Buch auf Anhieb Platz 1 auf der Bestsellerliste der New York Times, wo es 49 Wochen hintereinander blieb.

Der Erfolg ist bestimmt kein Hinweis auf unser großes Talent oder unseren Scharfsinn – er war eine „Sache Gottes“. Eine Kombination der Geheimnisse des genauen Timings und unseres persönlichen Einsatzes, die sich nicht wiederholen lässt und wahrscheinlich jeden frustrieren würde, der es dennoch versuchte.

In den letzten Jahren wurde „The Shack“ in 50 Sprachen übersetzt und weltweit mindestens 19 Millionen Mal verkauft, womit das Buch – inoffiziell – in die Top 100 der Belletristik-Bestseller aller Zeiten vorgestoßen ist. Und jetzt der Film!

 


mehr über den Autor →

Young_WilliamPaul_c_Torge_Niemann-1William Paul Young arbeitete viele Jahre als Büroangestellter und Nachtportier in Hotels. Der gebürtige Kanadier wuchs als Sohn von Missionaren in Papua-Neuguinea auf, war selbst viele Jahre lang Mitarbeiter einer christlichen Gemeinde. Mit seiner Frau Kim und seinen sechs Kindern lebt er in Oregon, USA.

Foto: Torge Niemann

Das Buch

9783548288796Vor Jahren ist Mackenzies jüngste Tochter verschwunden. Ihre letzte Spur fand man in einer Schutzhütte im Wald – nicht weit vom Campingort der Familie. Vier Jahre später, mitten in seiner tiefsten Trauer, erhält Mackenzie eine rätselhafte Einladung in diese Hütte. Ihr Absender ist Gott. Trotz seiner Zweifel lässt sich Mackenzie auf diese Einladung ein. Eine Reise ins Ungewisse beginnt. Was er dort vorfindet, verändert Mackenzies Welt für immer.

Der Kinostart für die Verfilmung ist der 6. April 2017.

Links 

„Die Hütte – Ein Wochenende mit Gott“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage 

Die offizielle Website von William Paul Young 

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