Caite Dolan-Leach: „Traditionelle Kriminalromane würden heute nicht mehr funktionieren, weil es das Internet gibt.“

In ihrem Krimi-Debüt „Dead Letters – Schwestern bis in den Tod“ erzählt Caite Dolan-Leach die Geschichte der Zwillingsschwestern Ava und Zelda. Die alphabetische Ordnung ist hier Programm: Mit den Augen der unzuverlässigen Erzählerin Ava gilt es die Briefe ihres totgeglaubten Zwillings Zelda von A bis Z zu überprüfen, um die Wahrheit über deren Verschwinden aufzudecken. Wie man eine Detektivgeschichte in der heutigen Zeit erzählt und warum Upstate New York den perfekten Schauplatz für zerrüttete Familienverhältnisse darstellt, erzählt die Autorin im Interview. 

 

Marie Krutmann (links) im Gespräch mit der Autorin Caite Dolan-Leach (rechts).

 

In deinem Kriminalroman „Dead Letters“ geht es um die Zwillingsschwestern Ava und Zelda, die in der Region Fingers Lake in Upstate New York aufwachsen. Ava verlässt das Familiengut nach einem Streit mit ihrer Schwester und geht für ihr Studium nach Europa. Zelda hingegen bleibt bei ihrer dementen Mutter. Nach zwei Jahren erhält Ava die Nachricht von der Mutter, dass ihre Schwester bei einem Brand ums Leben gekommen ist, woraufhin sie in ihre Heimat zurückkehrt, um der Sache genauer auf den Grund zu gehen.

Wie bist du auf die Idee gekommen, eine Geschichte über Zwillinge zu erzählen?

Soweit ich mich zurückerinnern kann, gab es von Anfang an zwei Stimmen in meinem Kopf, die sich miteinander unterhielten, als ich die ersten Seiten des Romans schrieb. Bis auf die Idee, dass einer der beiden Zwillinge eventuell tot sein könnte, hatte ich aber noch keinen genauen Plan. Also ließ ich die beiden sich immer mehr miteinander austauschen und ließ Zelda Briefe schreiben, in denen ich herausarbeitete, was sich in ihrer gemeinsamen Vergangenheit abgespielt haben musste. So entfaltete sich die Handlung von ganz alleine.

Wenn ich an Zwillinge in der Literatur oder im Film denke, entsteht in meinem Kopf unmittelbar dieses Bild von zwei Personen, die nicht bloß körperlich identisch aussehen, sondern sich oft auch identisch kleiden und praktisch unzertrennlich wirken. Die zielstrebige, gut organisierte Ava auf dem Elite-College wirkt hingegen wie das komplette Gegenteil von Zelda, die in einem Wohnwagen auf dem Land haust, in welchem sie und ihre Freunde regelrechte Exzesse feiern.

Es gibt viele Menschen, die von Zwillingspaaren fasziniert sind. Umso seltsamer wirkt es dann, wenn diese zwei identisch aussehenden Menschen vom Wesen her komplett verschieden sind. In dem Moment, als ich für mich beschloss, dass ich eine Art Detektivgeschichte entwickeln würde, habe ich mir das Motiv des Doppels in der literarischen Tradition des Kriminalromans zum Nutzen gemacht und die Spannung zwischen Ava und Zelda zum Thema des Romans gemacht.

Bereits vor ihrer Ankunft in Fingers Lake – und dem ersten mysteriösen Brief ihrer für tot erklärten Schwester – glaubt Ava nicht an Zeldas Tod. Gibt es trotz der Differenzen zwischen den beiden eine besondere Verbindung, wie sie nur zwischen Zwillingen besteht?

Ich glaube, dass Ava an diese Art der Verbindung glaubt. Sie denkt, dass sie es spüren müsste, wenn Zelda wirklich tot ist. Für sie ist der Tod ihres Zwillings überdies völlig unvorstellbar, da sie es gewohnt ist, dass Zelda kleine Spielchen mit ihr treibt. Als sie von dem Brand auf dem Weingut der Familie erfährt, denkt sie sich: Das sieht nach Zeldas Handschrift aus. Das ist genau die Art von Geschichte, die Zelda sich ausdenken würde, um mich zu manipulieren. Sie vertraut also ihrem Instinkt und beschließt, dass Zelda nicht tot sein kann – eine Entscheidung, die sie im Verlauf der Handlung bereuen wird…

 


Die Region Fingers Lake in Upstate New York. Foto: Visit Finger Lakes  | Flickr | CC BY 2.0

 

Du selbst bist, genau wie Ava, in der Region Fingers Lake aufgewachsen, dann aber nach Paris gezogen. Beeinflussen die Orte, an denen du lebst, deine Arbeit?

Definitiv. Die Region, aus der ich komme, hatte einen sehr großen Einfluss auf meine Arbeit an „Dead Letters“. Paris kommt im Roman nur kurz am Anfang vor, doch an meine Heimat habe ich sehr lebendige Erinnerungen, die teilweise mit in die Geschichte eingeflossen sind. Fingers Lake ist zudem ein wirklich seltsamer Ort. Allein schon die Weinberge dort sind einfach zu spektakulär, als dass sie einen nicht zum Fantasieren anregen. Viele denken bei amerikanischem Wein womöglich an Kalifornien und nicht unbedingt an Upstate New York. Doch es ist in der Tat eine große Weinregion mit vielen Landwirten und Familienbetrieben, deren Leben an den Ertrag der Trauben gebunden ist.

Die Wahl des Weinguts als Schauplatz des von dir beschriebenen Familiendramas finde ich angesichts der tragischen Umstände dieser zerbrochenen Familie umso spannender. Wein spielt bei der Familie Antipova ja eine zentrale Rolle.

(Lacht) Das stimmt. Der Wein verbindet die Familie aufgrund einer gemeinsam geteilten Liebe jedes einzelnen Familienmitglieds für sämtliches Alkoholische. Sie alle sind, so tragisch das ist, von dieser Substanz abhängig, womit das Weingut offenbar der perfekte Ort ist, um sich als Familienunternehmen dort niederzulassen.

Der Schauplatz der Handlung ist stark an deine Heimat in den USA angelehnt. In seiner alphabetischen Struktur erinnert der Aufbau deines Romans allerdings stark an die französische Autorengruppierung OuLiPo (L‘ Ouvroir de Littérature Potentielle). Hast du dieses Verfahren während deiner Zeit in Frankreich kennengelernt?

Ich glaube, das erste Mal habe ich von meinem Mann Jan von OuLiPo erfahren, als wir als in Frankreich als Co-Übersetzer zusammenarbeiteten. Ich war total fasziniert! Da hatte jemand einen kompletten Roman geschrieben, ohne den Buchstaben E zu verwenden. Wie um Himmels Willen ist das möglich?!

Du hast also den Text eines Mitglieds der OuLiPo-Gruppierung übersetzt?

Naja, der Autor, dessen Text Jan und ich übersetzten, war ein Konzeptkünstler, der Teil der OuLiPo-Bewegung werden wollte. Seine Bewerbung lehnte das Kollektiv jedoch ab. All diese französischen Gruppierungen Intellektueller haben ziemlich strenge Aufnahmebedingungen.

Hast du selbst auch versucht, Mitglied zu werden?

Oh Gott, nein! (lacht) Die würden mich keines Blickes würdigen. Ich pflege einen eher spielerischen Umgang mit dem oulipotischen Strukturkonzept. Als ich an meinem Roman schrieb, begann ich die Buchstaben in Zeldas Briefen hin und herzuschieben, bis sich schließlich eine alphabetische Ordnung ergab. Da fiel es mir dann wieder ein: OuLiPo!

In einem Artikel, den ich über dich gelesen habe, bezog sich jemand auf „Dead Letters“ als „Agatha Christie-Roman in einer Welt mit Internetzugang.“ Was hältst du von dieser Referenz?

Oh, das gefällt mir! Ich wollte, dass mein Roman als eine Anspielung auf das klassische Mystery-Genre gesehen wird. Agatha Christie spielt da als Vorbild natürlich eine wichtige Rolle. Gleichzeitig würde so vieles von dem, was man aus traditionellen Kriminalromanen kennt, heute gar nicht mehr funktionieren, weil es das Internet gibt. Ich wollte, dass Smartphones Teil des Mysteriums sind. Also habe ich mich gefragt: Welche Hinweise könnte dein Smartphone dir liefern, aber auch: Was könnte dein Smartphone vor dir verbergen?

Du hast dich also an den klassischen Vorbildern in der Kriminalliteratur orientiert und das Genre in die heutige Zeit überführt. Es scheint momentan allerdings auch einen regelrechten Trend zu geben, wenn es um Romane über verschwundene junge Frauen geht.

Dieses Phänomen beobachte ich mit großem Interesse. Viele „Girl Books“, die derzeit auf dem Markt erscheinen, behandeln die Thematik „Missing Girls“, an der ich mich mit dem Verschwinden und dem möglichen Tod Zeldas ebenfalls orientiert habe.

Was denkst du, macht dieses Phänomen so spannend? Ist es die weibliche Perspektive?

Ich habe erst kürzlich wieder einen Artikel über junge Frauen gelesen, die als vermisst gemeldet wurden und habe mich gefragt, warum wir in der Fiktion so auf dieses Thema abfahren. Vielleicht ist das Besondere an Büchern wie „Gone Girl“ oder „Girl on the Train“ tatsächlich die Tatsache, dass hier Frauen über die Gewalt an Frauen schreiben. Hinzu kommt, dass die Leserschaft dieses Genres überwiegend weiblich ist. Es sind demnach Romane von Frauen über Frauen, die von Frauen gelesen werden. Ein unglaublich gegendertes Universum.

 

 

 

Was deinen Roman zudem im Speziellen so besonders macht, ist die Tatsache, dass wir als Leserin oder Leser nicht die klassische Perspektive des ermittelnden Detektivs geliefert bekommen, sondern mit Avas Augen sehen, wie sie versucht, das Verschwinden ihrer Schwester aufzuklären. Auf der anderen Seite ist Zelda diejenige, die in ihren Briefen an Ava erahnen muss, welche Schritte ihre Schwester als nächstes tun wird. Wer ist in deinen Augen die Detektivin, wer das Opfer?

Ich würde sagen, dass Ava die Detektivin ist – wenn auch eine ziemlich lausige. Sie übersieht jeden wichtigen Hinweis und nimmt ständig die falsche Fährte auf. Sie ist nicht gerade ein Sherlock Holmes oder Dupin, weißt du? Aber sie ist die Detektivin in diesem Szenario. Zelda hingegen betrachte ich eher als „criminal Mastermind“. Sie ist diejenige, die im Hintergrund die Fäden zieht.

Wie du eben schon kurz angerissen hast, bist du nicht nur Autorin, sondern auch Übersetzerin und arbeitest außerdem als Literaturkritikerin. Wie ergänzen sich diese drei Positionen?

Alle drei Bereiche bergen für mich ihre ganz eigenen Vorzüge und Schwierigkeiten. Ich mag es, fiktiv zu schreiben und zwischendurch wieder eine Rezension oder einen Artikel zu veröffentlichen. Leider komme ich in letzter Zeit kaum noch zum Übersetzen, weil es sehr aufwändig ist, nach Material zu suchen und es Verlagen zur Übersetzung anzubieten. Ich hoffe aber, dass ich nach Abschluss meines zweiten Romans wieder ein neues Übersetzungsprojekt beginnen kann.         

Hat dir dein Wissen um die Perspektive als Übersetzerin und Literaturkritikerin auch beim Schreiben deines Debüts geholfen?

Ich habe beim Schreiben oft daran denken müssen, was ein Kritiker oder eine Kritikerin wohl über mein Buch denken würde und habe mir entsprechend bei einzelnen Sätzen oder ganzen Passagen gedacht: Eine bösartige Person könnte an dieser Stelle einen Schwachpunkt entdecken. Das hatte auch sein Gutes, da ich auf die Weise sehr genau gearbeitet habe und immer wieder die Brille der Kritikerin aufgesetzt habe.

Auf der anderen Seite war das Schreiben meines eigenen Romans im Vergleich zu meinen Übersetzungen, bei denen ich immer mit der Sprache einer anderen Person arbeiten musste, wahnsinnig befreiend! Ich konnte jedes Wort nehmen, das ich für meinen Text nutzen wollte – weshalb es in diesem Buch ziemlich viele Worte gibt! (lacht)

Eine Letzte Frage: Ich habe gesehen, dass du einen Workshop für andere junge AutorInnen mit dem Titel „Preparing Your Novel for Submission“ anbietest. Wie ist es dazu gekommen und was genau bringst du den Leuten in diesem Kurs bei?

Die Anfrage kam von dem Herausgeber-Institut catapult, die jungen AutorInnen eine Onlineplattform bieten. Ich war mir erst unsicher, ob und was ich anderen beibringen könnte, doch dann kam mir die Idee, dass ich dabei helfen kann, wenn es darum geht, eine Struktur in den Prozess zu bringen, der folgt, wenn man sein erstes Manuskript fertiggestellt hat. Man muss eine Agentur finden, ein Exposé schreiben, sich selbst als Autor oder Autorin professionalisieren und all das.

Und was rätst du deinen TeilnehmerInnen beispielsweise in so einem Webinar?

Erst gestern habe ich mit meinen StudentInnen gechattet und mit ihnen über die ersten fünfzehn Seiten ihrer Manuskripte gesprochen. Diese ersten Seiten sind sehr wichtig, da sie das einzige sind, was die Agenturen lesen, wenn sie sich ein erstes Urteil über einen Text bilden. Ich haben ihnen also gesagt: Ihr habt fünfzehn Seiten, macht was draus!

 

Vielen Dank für das Interview.

 

Das Interview führte Marie Krutmann 

 


Mehr über die Autorin →

Caite Dolan-Leach, aufgewachsen in Upstate New York, studierte am Trinity College, Dublin und lebt heute als Literaturkritikerin und Übersetzerin in Paris. „Dead Letters. Schwestern bis in den Tod“ ist ihr erster Roman.

Foto: Dominique Cabrelli

 

Das Buch
Von A bis Z, von Ava bis Zelda, von Anfang bis Ende, Schwestern für immer, Glück auf ewig – das stimmt schon lange nicht mehr. Ava hat ihre Zwillingsschwester und das Weingut der Familie in Upstate New York vor Jahren zurückgelassen und ein neues Leben in Paris begonnen. Als sie vom Tod Zeldas erfährt, tritt sie die Reise nach Hause an. Dort angekommen, meldet sich die totgeglaubte Schwester zurück: durch E-Mails, Briefe, Facebook-Nachrichten. Ist Zelda tatsächlich noch am Leben? Um das herauszufinden, muss sich Ava den Abgründen ihrer Familiengeschichte stellen. Doch kann sie die Wahrheit ertragen? 

Links

„Dead Letters“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage 

Die offizielle Website von Caite Dolan-Leach

Caite Dolan-Leach bei Facebook und auf Instagram

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