Vom Lesen und Schreiben am Meer

Reisen und Literatur passen für Ullstein-Autorin Ursula Kollritsch gut zusammen. So schwelgt sie während ihres Urlaubs auf Usedom in neu erworbenen Buchschätzen, wandelt auf den Spuren Maxim Gorkis und findet Inspiration für die eigene Arbeit am Buch. Ein Reisebericht.

von Ursula Kollritsch

Hört man das Meer eigentlich, bevor man es sieht? Was ist zuerst da: Das tosende Rauschen, begleitet vom Schreien der Möwen, oder das Bild unendlicher Weite? Was steht am Anfang? Das frage ich mich jeden Morgen, seit wir auf Usedom angekommen sind. Eine gefühlte Weltreise ist die Insel aus Sicht des Rheinlands entfernt. Unsere Ferienwohnung liegt am Rande von Ahlbeck, im nordöstlichsten Winkel Deutschlands. Danach folgt ein Wäldchen aus Kiefern, Laub- und Vogelbeerbäumen, das unzählige Radfahrer nach Polen führt. Davor liegt die Ostsee.

Die Ostsee sei weiblich, im Gegensatz zur rauen Nordsee, hab ich mal in einem meiner früheren  Ostseeurlaube gelesen. Ich möchte das Zitat nicht klauen, aber ich weiß wirklich nicht, von wem der Gedanke stammt. Und es stimmt. Ja, die Ostsee ist eine Dame und ich habe nun mal ein Herz für Frauen. Die meisten meiner Freunde sind Frauen, viele Kolleginnen sind Frauen, ich lese am liebsten Bücher von Frauen – das gebe ich zu – und mein Lieblingsmeer, die Ostsee, nun ja, wie geschrieben … Sie ist sanfter als die Nordsee und doch sehr bestimmt, sehr klar, kraftvoll, majestätisch und manchmal auch eine schäumende Diva. Sie weiß immer, was sie will. Oft liegt sie verborgen hinter Bäumen versteckt. Sie will gefunden werden, erobert. Nicht wie die Nordsee, die auf den ersten Blick mit ihrer Kraft strotzt. Und ausgerechnet hier begegnen mir Männer … aber der Reihe nach.

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Am Abend unserer Ankunft ist Usedom grau, neblig, verregnet und wenig einladend. Unwirtlich schießt es mir dazu aus der Sammlung aussterbender Wörter durch den Kopf. Wir machen uns dennoch auf den Weg zur berühmten Seebrücke, auf der schon Loriot mit Anhang feierte. Im Film. Später lese ich, dass das typisch ist: Die meisten Usedom-Urlauber gehen erst mal zur Seebrücke und darüber. Die Brücke in Ahlbeck ist ein Wahrzeichen. Übers Wasser laufen könne man hier, wirbt das Inselmarketing sozusagen mit Jesus. Übers Wasser laufen, hm, wollte ich eigentlich nie, aber ich tu’s und vorne angekommen drehe ich mich um, mitten im Meer und schaue auf Ahlbeck, Heringsdorf, rechts Richtung Bansin und links auf die stolzen Kräne des polnischen Hafens in Swinemünde (Świnoujście), durch das Meer vom Land entrückt. Und lasse es rauschen. Immer wieder werde ich dies im Laufe der Ferien tun. Besonders morgens ist es ganz still hier, die Ostsee schwappt an Land und zieht sich aufs Meer zurück, die Möwen schreien, ein Adler-Schiff fährt mit wenigen Urlauben ab und ich meine zu verstehen, was so viele hier suchen, in den „Kaiserbädern“ der mecklenburgischen Küste.

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Wir fahren an einen anderen Ort und suchen nach einer anderen Zeit. Dass diese längst vergangen ist, stellen viele Touristen enttäuscht erst hier fest. Ich bin es nicht wirklich … trotz der Pommes- und Softeisbuden, der eher schlechten Restaurants, dichtbestückten Tourishops und oft wenig kaiserlich anmutenden Urlauberrudeln. Irgendwo stecken die Kaiserbäder und lugen hervor. Souverän und gelassen. Ein Ort verändert sich in jeder Sekunde und speichert seine Erinnerungen – davon bin ich überzeugt. Auch beim Schreiben ist das so, die Geschichten sind immer da und irgendwann bahnen sich die Figuren ihren Weg nach draußen. Sie gehen ein Stück mit uns und leben weiter, wenn der letzte Satz im Buch geschrieben oder gelesen ist. So ähnlich haben meine Autorenpartnerin Stephanie Jana und ich es im Herbst auf einer Lesung in der Mayerschen Buchhandlung beschrieben, dass unsere Figuren weiterleben, sie kämen jetzt ohne uns klar und es ginge ihnen gut. „Sieht Ihr Therapeut das auch so?“, fragte daraufhin der Zuhörer, der die schöne Frage gestellt hatte, natürlich mit Augenzwinkern. Es gibt sie, die Parallelwelten, auch hier auf der Insel der Kaiserbäder, der sogenannten „Badewanne Berlins“. Ganz sicher. Saß da nicht eben noch Frau Konsulin Staudt mit Familie in langen Badekleidern im Strandkorb, während …?

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Auf der Suche nach Usedom lande ich im Buchladen. Ich gebe zu, ich habe die Strandbuchhandlung in Ahlbeck schon zuhause gegoogelt. Ich liebe Buchläden und ein Ort mit einer schönen kann kein schlechter sein. Für mich auf Reisen schon mal die halbe Miete. Eine Heimat. Boltenhagen weiter westlich an der Ostseeküste hat zum Beispiel die nach eigenen Angaben „kleinste Buchhandlung Deutschlands“ mit Galerie, dafür im Bäderstil mitten im Kurpark vor der Seebrücke. Das Pendant in Ahlbeck ist etwas größer, voll bis unters Dach und sehr gut sortiert. Es gibt Kunstkarten von Lyonel Feininger, dessen Stationen eine Route auf der Insel markiert, Schnickschnack und eine pralle Ecke mit Regionalbezug. Schön. Die Buchhändlerin ist kompetent und berät gut. Während ich vor dem Ostseeregal strande, höre ich mit einem Ohr, wie sie von Ralf Rothmann schwärmt, sofern Mecklenburger schwärmen. Und dass es hier deutlich sichtbar zwei Ausgaben vom „Jahr des Rehs“ gibt, freut mich natürlich sehr und lässt mich gerne bleiben, während ein Stück die Seestraße runter die Ostsee rauscht. Die Feine …

Nun muss ich kurz erklären, dass ich – obwohl unser Auto wie immer voll bepackt war und auch unter den Sitzen und Füßen Sachen klemmten, standen, lagen – über zehn Bücher für zwei Wochen Urlaubslektüre dabei habe: Biografien von der Côte d’Azur, Frauenromane, Sommergeschichten, Buchpreisnominierungen und natürlich auch Recherche für unseren neuen Berlin-Roman (zur Freude meiner Autorenkollegin). Natürlich weiß ich, dass ich maximal zwei, realistischerweise eher eines, okay, vielleicht drei quergelesen im Familienurlaub schaffen werde, aber ich brauche das Gefühl, auswählen zu dürfen. Den Moment entscheiden zu lassen, was hier und heute passt. Das kann ich doch vorher nicht wissen!

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Am ersten Tag schleppe ich sogar etwa die Hälfte mit zum Strand. Am zweiten Tag auch, und am dritten sitze ich dort mit der beim Rausgehen in der Strandbuchhandlung entdeckten Anthologie „Meine Ostsee“ und versinke in den Worten Gregor Sanders („Jenseits“) –  jaja, ein männlicher Autor, und das mir, hoch oben an der Ostsee! Die Sätze drehen sich in meinem Kopf, ich muss wissen, wie es weitergeht, die Geschichte hat Stoff für einen Roman, sie darf nicht zu Ende sein oder hat sie schon viel früher angefangen? Ich zögere die Sätze hinaus, blättere um, die Buchstabenschmetterlinge flattern in meinem Bauch. Ende, oh-je. Schon nach sieben, der Laden hat zu.

Am nächsten Morgen bestelle ich mir in der Strandbuchhandlung den ganzen Band mit Sanders Erzählungen „Winterfisch“, und das im Sommer … Entgegen dem in Deutschland beliebten Schlechtreden des Genres liebe ich Erzählungen. Ich mochte sie schon zu Schulzeiten, als Wolfgang Borchert auf dem Lehrplan stand und Judith Herrmanns Sommerhaus-Debüt noch unerzählt wartete. Diese hier sind wundersam, wundervoll. Wer ist dieser Autor? Ich muss ihm schreiben und traue mich per E-Mail im Strandkorb …

Wir haben Kaiserwetter im Kaiserbad und ich mag Usedom vom ersten Tag an. Hab ich jemals so viele so wunderschöne Häuser und Villen, nicht nur die Promenaden entlang, sondern bis in die x-te Reihe gesehen? Wie viele Geschichten, Menschen, Verbindungen stecken hinter den prächtigen Türen und den verzierten Fenstern? Auch die Villa Irmgard und ihre begeisterte Führerin erzählen ihre. Das trutzige Jugendstilgebäude beherbergt ein Literaturmuseum, weil der russische Schriftsteller Maxim Gorki hier mehrere Monate sein Lungenleiden kurieren sollte. Dass dies unmöglich war, weil er sich bei einem Selbstmordversuch die Lunge durchschossen habe, erzählt uns die engagierte Kennerin am Empfang. Sie deckt meine Jungs mit Malstiften ein und erzählt Insel-Geschichten, während ich im „arabischen Zimmer“ schwelgen darf, noch original eingerichtet, und in den Foto- und Briefsammlungen Gorkis, der hier seine „Universitäten“ zu Ende schrieb. Gorki habe im Laufe seines Lebens über 20.000 Briefe geschrieben und immer treu geantwortet, erzählt die Dame. Am nächsten Tag hat sie eine Ausstellungseröffnung der Künstlerförderung „7 malen am Meer“. Das wünsch ich mir auch für Schriftsteller „7 Tage schreiben am Meer“, mit 7 Autoren, Lesung und Anthologie zum Abschluss – denke ich. Bitte! Heute Nachmittag lege ich erstmal mit den Postkarten los, versprochen Alexei Maximowitsch, auch wenn schon einige Whatsapps raus sind.

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Foto-UK-bei-Gorki_900Natürlich sind wir hier bei dem schönen Sommerwetter die einzigen Besucher, ebenso wie in Bansin im Hans-Werner-Richter-Haus, dem Gründer der Gruppe 47 und, wie wir lernen, „Spezi von Günther Grass“. „Wir glaubten, langfristig werde die Mentalität eines Volkes von seiner Literatur geprägt.“ – wird Richter hier zitiert. Was für ein Satz. Die Ruhe der Museumsorte nimmt uns ein und auch die Liebe und Sorgfalt, mit der sie geführt werden, mitten im touristischen Seebadtrubel. „ … das Glück, so heißt es, ist eine Fundsache“, schrieb Grass über die Ostsee. Das nehme ich mit.

Hinter dem Kiefernwald blitzt die See. Ich schiebe mir meinen Klapptisch vors Fenster und stelle mir vor, wie bald die Herbststürme kommen, die Cafés schließen und ich am leeren Strand spazieren gehe.

Ich trinke Tee, notiere Ideen für den Roman und fühle mich ein kleines bisschen wie ein „Writer in Residence“, eine Inselschreiberin im äußersten Winkel Deutschlands. Dort, wo das Meer keine Grenzen kennt, zwischen Deutschland und Polen, früher nicht und heute nicht und einfach weiter rauscht. So sind sie, die Frauen!

Der Sand knirscht unsichtbar zwischen meinen Büchern und ich frage ich mich: Hört man die Ostsee vielleicht, bevor man sie sieht?

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Ursula Kollritsch, Sommertage auf Usedom, August 2016

Fotos: Ursula Kollritsch


 

Links
Das Jahr des Rehs auf den Seiten der Ullstein Buchverlage 
Die offizielle Website des Autorinnenduos Ursula Kollritsch und Stephanie Jana
Ursula Kollritsch/Stephanie Jana bei Facebook

Ursula Kollritsch

Ursula Kollritsch

Ursula Kollritsch,geb. 1972, arbeitet als freiberufliche Texterin. Mit ihrer Freundin Stephanie Jana kooperiert die Wortliebhaberin seit Jahren in ihrem beruflichen Alltag. Sowohl geschäftlich als auch privat schreiben sie sich fast täglich E-Mails über Großes und Kleines. Die beiden Autorinnen leben mit ihren Familien in Bonn/Bad Honnef. Ihr gemeinsamer Roman Das Jahr des Rehs ist im Juni 2015 im List Verlag erschienen.

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