Bismarck und mein Filmdebüt: ein informelles Tagebuch

Am 1. April 2015 jährt sich der Geburtstag Otto von Bismarcks zum 200. Mal. Aus diesem Anlass strahlt arte ein neues Doku-Drama über den vielleicht größten europäischen Staatsmann des 19. Jahrhunderts aus. Auch der Historiker und Propyläen-Autor Jonathan Steinberg ist als historischer Berater im Film zu sehen. Auf Resonanzboden berichtet er von den Dreharbeiten und von seinen ganz persönlichen Eindrücken des Besuchs in Hamburg im August 2014, der für ihn auch eine Reise in die eigene Vergangenheit war. Ein Tagebuch.

von Jonathan Steinberg

 

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Dienstag, 13.00 Uhr

Ich sitze im Warteraum des Luton Airport, von wo aus die Völker Europas in Scharen nach Wrocław, Kaunas, Split, Murcia und zu hunderten anderer Orten fliegen. Ein Luxusflug wird es nicht gerade werden, aber endlich sehe ich meine persönliche Gelegenheit für Andy Warhols berühmte Fünfzehn Minuten Ruhm kommen. Ich fliege nach Hamburg, wo ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Rolle bei einer Filmproduktion spielen soll. Seitdem der Propyläen Verlag vor zwei Jahren die deutsche Ausgabe meiner Bismarckbiographie unter dem Titel Bismarck. Magier der Macht veröffentlicht hat, habe ich für einen Akademiker äußerst abenteuerliche Erfahrungen gemacht. Auf der Buchmesse in Frankfurt sah ich mich selbst auf einem Foto, überlebensgroß wie eine Flagge, über dem Bücherregal des Propyläen Verlags. Ich bin herumgereist, um „Book Events“ zu besuchen, auf denen ich über mein Buch und über Bismarck sprach. Jetzt aber gibt es etwas absolut Neues – einen Film über Bismarck! Was der Regisseur Wilfried Hauke von mir will, kann ich noch gar nicht sagen.

Hamburg ist die erste deutsche Stadt, in der ich lebte – ironischerweise als Untermieter in einer Wohnung auf der Bismarckstraße 20. Im alten Bankhaus M.M. Warburg & Co., Ferdinandstraße 75, arbeitete ich ein Jahr lang als Volontär, um das Bankgeschäft von Grund auf zu erlernen. Mehr als 50 Jahre sind seitdem vergangen, nicht Bankier, sondern Professor bin ich geworden. Und jetzt kehre ich nach Hamburg zurück, um eine Rolle in einem Film zu spielen. Ein Kreis in meinem Leben schließt sich.

 

Dienstag, 21.00 Uhr

Im Hotel Mittelweg, einer Gründerzeit-Prachtvilla, sitze ich in meinem viktorianischen Zimmer. Ein faszinierender Abend liegt hinter mir: Niko Günther, Produktionsleiter der dmfilm und tv produktion GmbH, holte mich am Flughafen ab und fuhr mich ins Hotel. Dann gingen wir zu Fuß in ein italienisches Restaurant um die Ecke, wo Wilfried Hauke bereits auf uns wartete. Wir haben uns sofort gut verstanden und ich fand beide Herren lebhaft, sympathisch und sehr interessant. Wilfried Hauke hat an der Universität in Kiel skandinavische Sprachen und Literatur studiert, ein Doktorat absolviert, spricht Dänisch und Schwedisch und arbeitet mit bekannten skandinavischen Filmemachern zusammen. Herr Günther hat mehr als zehn Jahre in der TV-Abteilung des Spiegel gearbeitet und ist selber ein erfahrener Filmemacher. Die Szenen mit mir werden im Haus von Gottfried von Bismarck gefilmt, was, wie sich herausstellt, ein großes Privileg ist. Herr Hauke hat mich im Vorfeld einem informellen und sehr entspannten Kreuzverhör unterzogen, das ich zu meiner Erleichterung bestand.

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Mittwoch, 16.00 Uhr, Hamburger Flughafen

Ein magischer Tag. Sehr herzlich empfing uns Gottfried von Bismarck in seinem schönen Haus, an dessen Tür wir wie verabredet um 10 Uhr klingelten. Sofort kamen wir ins Gespräch und er erklärte mir, zu welcher Bismarck-Linie er gehört. Sein Familienzweig stammt von Bernhard von Bismarck (1810-1893), dem älteren Bruder Ottos, ab, die sogenannte »Jarchliner Linie« der Bismarcks. Ebenfalls anwesend war Maria von Bismarck, eine bekannte Schauspielerin und die jüngste Schwester des Hausherrn. Die beiden waren offen, warmherzig und sehr zuvorkommend.

Dann war der Moment gekommen und die Kamera lief. Herr von Bismarck hörte aufmerksam zu, als ich Herrn Haukes Fragen beantwortete. Wir sprachen über das Verhältnis Bismarcks zu verschiedenen Persönlichkeiten in seinem Umfeld und versuchten, uns auf diese Weise dem „Menschen“ Otto von Bismarck zu nähern.

Einer der unvergesslichen Momente des Interviews war der Augenblick, in dem ich unter einem der bekanntesten Portraits von Bismarck stand, gemalt von Franz von Lenbach (1836 -1904), der über 80 Portraits und Skizzen von Bismarck und genauso viele von Helmut von Moltke gemalt und gezeichnet hat. Bismarck, der Mensch, war da plötzlich buchstäblich vor meinen Augen. Er saß in die Ferne schauend da. Nicht in Uniform, sondern in einer schwarzen Jacke mit einem kragenlosen weißen Hemd und er sah alt und eher melancholisch als „eisern“ aus.

Fast drei Stunden später besprachen Herr Hauke und ich den Charakter von Bismarck, die Quelle seiner Macht und sein Verhältnis zu Kaiser und König Wilhelm I. Bei dieser Beziehung muss ich wie beim Schreiben meines Buches sehr an eine temperamentvolle Vater-Sohn Verbindung denken, einschließlich fürchterlicher und tränenreicher Auseinandersetzungen, mit all dem Hass und der Liebe, mit all dem Charme und dem Zorn der beiden Männer. Wieder fühlte ich ganz deutlich die Unmöglichkeit, die schillernde und faszinierende Persönlichkeit des Menschen Bismarck zu erfassen und zu beschreiben. Kein Wunder, dass von Lenbach mit seinen 80 Portraits nie fertig wurde! Otto von Bismarck war buchstäblich ein Magier der Macht. Seine Persönlichkeit war derart vielschichtig und widersprüchlich, dass sie gleichzeitig sowohl positiv als auch negativ wahrgenommen werden konnte. Baronin Hildegard von Spitzemberg (1843-1914), seine Nachbarin, die ihn über dreißig Jahre lang regelmäßig sah, notierte am 4. Januar 1888 in ihrem Tagebuch:

„Die scheinbaren Widersprüche in dieser machtvollen Persönlichkeit sind von einem intensiven Zauber, der immer auf’s Neue bestrickt.“

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Nach einem deliziösen Lunch, zu dem Gottfried von Bismarck das ganze Team abschließend eingeladen hatte, brach ich zu einer weiteren Zeitreise auf. Zusammen mit Janina Harder, der Assistentin von Herrn Hauke, stieg ich in ein Taxi und begann meine sentimentale Rückkehr zu den Orten, an denen 1958 der junge werdende Bankier Jonathan Steinberg logierte und arbeitete – Bismarckstraße 20 und M.M. Warburg & Co. Das Wohnhaus stand, abgesehen von einer neuen Fassade in rotem Backstein, noch genauso in seiner Reihe da wie damals. Auch die Bank schien absolut unverändert. Schon 1958 hatte sie so ausgesehen – es war das einzige Gebäude im Viertel, das von Bombenschäden und Feuerangriffen unversehrt geblieben war. Wir gingen hinein, aber Frau Harder wurde sofort gebeten, keine Photographien zu machen. In der Kassenhalle war alles neu – eine Kombination aus neoklassizistischen und modernen Baustilen. Ich hätte mich bei Max Warburg (dem „jungen Max“ von damals) melden können, wollte ihn aber nicht ohne Voranmeldung stören. Stattdessen gingen Frau Harder und ich zu Fuß zur S-Bahn Station Jungfernstieg und bald sah ich Hamburg auf meinem Weg Richtung Flughafen hinter den Fenstern der S-Bahn an mir vorbeigleiten. Mein märchenhaftes Filmdebüt war vorbei.

Ich widme dieses Blog zum Andenken meiner Gönnerin Frau Anita Warburg (1908-2008), die mir den Weg in die deutsche Gesellschaft durch ihre Empfehlungsschreiben an ihre Freunde und Freudinnen ermöglichte.


Das Doku-Drama „Bismarck – Härte und Empfindsamkeit“ von Wilfried Hauke wird am 21. Februar 2015 um 20:15 Uhr auf arte ausgestrahlt, die Wiederholung läuft am 26. Februar.
Den Trailer zum Film gibt es hier zu sehen.


 

Weblinks
„Bismarck – Magier der Macht“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage

Jonathan Steinberg

Jonathan Steinberg

Jonathan Steinberg, geboren 1934 in New York, hält die Walter H. Annenberg Professur für Neuere Europäische Geschichte an der University of Pennsylvania. Zuvor lehrte er an der University of Cambridge. Sein Forschungsschwerpunkt ist die deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. 2012 erschien sein Buch „Bismarck – Magier der Macht“ im Propyläen Verlag.

Foto: © privat

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