Wir könnten genauso gut hierbleiben, oder?

Auch Aljoscha Brell hat seinen Urlaub dieses Jahr unweit der großen Stadt, nämlich im uckermärkischen Lychen, verbracht. Dabei hat er eine Weile gebraucht, um dem Alltag zu entkommen und sich am Ende die Frage gestellt: Was, wenn man aus dem Urlaubsort einfach den Wohnort machen würde?

von Aljoscha Brell

beitrag_brell_lychen_2Foto: Doris Antony, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Es ist früh, nicht einmal sechs. Die Morgensonne steht über den Wipfeln den schwarzen Baumsilhouetten am anderen Ufer und färbt die dünnen Schleierwolken am Himmel in ein warmes Goldrot. Nichts ist zu hören, nur das leise Schmatzen meiner Schritte, während ich langsam und etwas schlaftrunken durch das taufeuchte Gras zum Wasser hinabgehe, in der Hand eine dampfende Tasse Kaffee, die ich oben in unserer Ferienwohnung aufgebrüht habe. Der See ist still. Nur dort, wo die Äste eines Baums aus dem Wasser ragen, haben sich ein paar feine Kreise auf seine Oberfläche gelegt.

Seitdem wir hier angekommen sind, in Lychen, habe ich genau das machen wollen: Frühmorgens, noch bevor meine Frau und mein Sohn erwachen, hier runter zum Ufer kommen. Jetzt, am Tag unserer Abreise, schaffe ich es.

Von den zehn Tagen, die wir hier oben verbringen, in Brandenburg, in der Uckermark, habe ich mehr als die Hälfte gebraucht, um anzukommen: Um nicht ständig auf das Telefon zu gucken, das in den ersten zwei Tagen noch alle paar Minuten von irgendwelchen Push-Meldungen erzittert; um nicht die ganze Zeit über an die Arbeit zu denken, all den Kram, den ich in Berlin habe liegen lassen.

Lychen, die Flößerstadt, ist unsere Notlösung. Es ist immer dasselbe mit uns, wir arbeiten so lange, dass es schließlich, wenn wir uns doch noch um die Urlaubsplanung kümmern wollen, zu spät ist. In der Woche vor unserer Reise telefoniere ich der Reihe nach jedes einzelne Ostseebad ab. Überall erhalte ich dieselbe Antwort: Tut uns leid. Ausgebucht.

Als meine Frau eines Abends völlig erledigt nach Hause kommt und Lychen vorschlägt, Lychen, weil eine Freundin dort einmal gewesen ist, Lychen, weil es da Seen gibt, ist es mir längst egal. Fahren wir halt nach Lychen. Urlaub wird überbewertet.

Die kleine Stadt im Nordosten Brandenburgs, anderthalb Stunden von Berlin, wird umschlossen vom Wasser. Auf Google Maps sieht es aus, als wäre zwischen den Seen ein Glas voll Land ausgelaufen. Es gibt keinen Bahnhof, also schieben wir unsere Fahrräder in die Regionalbahn und fahren ins nahegelegene Fürstenberg. Von dort aus sind es mit dem Fahrrad vierzig oder fünfzig Minuten durch dichten Wald, vorbei an der Gedenkstätte des KZ Ravensbrück.

Während der ersten paar Tage erkunden wir die Gegend. Die Stadt ist schöner als ich erwartet habe, eine kleine Ansammlung alter Stein- und Fachwerkhäuser, die vom Turm einer Kirche aus dem Mittelalter überragt werden. Es gibt alles, was wir brauchen, eine Bäckerei, eine Apotheke, sogar ein kleines Kino, das wir, kindbedingt, nicht besuchen. Am zweiten Abend laufen wir zufällig in ein Sommerfest hinein. Draußen im Hof des alten Mühlengebäudes sitzen ein paar dutzend Leute auf Bierbänken, trinken, lachen, essen Gegrilltes. Die Mühlenwirtschaft, so heißt das, wird von einer Gruppe von Frauen betrieben. Sie haben das riesige, denkmalgeschütze Gebäude übernommen, Stück für Stück saniert, ein Café, ein Restaurant und Räume für Kultur darin aufgebaut. Als an diesem Abend die Tochter einer der Betreiberinnen, die in Berlin studiert, mit ihrem Freund ans Mikrofon tritt, um zu singen, will ich Reißaus nehmen. Aber meine Frau, immer die Klügere von uns beiden, zupft mich am Ärmel zurück auf meinen Platz. Und wirklich: Die junge Frau kann singen. Der Klang ihrer Stimme lässt mich einen Moment lang die Arbeit vergessen, die noch immer Kreise zieht in meinem Kopf.

Das Beste an Lychen allerdings sind die Seen. Wir fahren mit den Rädern durch die nahen Wälder, die jetzt, im Hochsommer, eine angenehme Kühle spenden, entlang schmaler Trampelpfade, die sich an die Ufer schmiegen. Alle paar hundert Meter lichten sich das Geäst und das Schilf zu kleinen, sonnenbeschienen Badestellen. Ab und zu hören wir kleine Gruppen von Teenagern, die sich von einem Ast aus kreischend ins Wasser schwingen. Die meiste Zeit aber ist es ruhig, sind wir vollkommen allein.

Auf einem dieser Ausflüge, im Norden von Lychen, entdecken wir einen Campingplatz. Unser anderthalbjähriger Sohn, hinten auf seinem Kindersitz, kreischt vor Vergnügen, weil sich am breiten Sandstrand zehn oder fünfzehn Kleinkinder tummeln. Die folgenden Stunden sitzt er nackt am Ufer und buddelt mit bloßen Händen im nassen Sand, in der Matschepampe, wie wir das nennen.

Wenn es an mir ist, mich auszuruhen, liege ich im Schatten einer Kiefer, kneife die Augenlider zusammen, bis das Blau des Himmels zerfranst. Berlin geht mir nicht aus dem Kopf. In einem meiner Projekte hakt es, unmittelbar nach unserer Rückkehr muss ich nach Köln, den Projektstand rechtfertigen. Vielleicht, denke ich, hätten wir einfach noch ein paar Wochen warten sollen mit dem Urlaub. Aber dann, andererseits, hätte meine Frau wieder keine Zeit mehr gehabt und…

Ich schließe die Augen ganz, drehe mich auf die Seite und schlafe ein.

Nach und nach aber werde ich ruhiger. Das Kind spielt mit, also werden unsere Fahrradausflüge ambitionierter. Für zwei Tage lassen wir die Seen hinter uns, fahren entlang staubiger Feldwege. Hier und da halten wir an, um von den wild wachsenden Brombeerbüschen zu naschen. Der Anblick von Treckern, die in großer Entfernung gemächlich die Felder pflügen, begeistert unseren Sohn. Auf mich wirkt er besänftigend. Er erinnert mich an meine Kindheit, die ich auf einem Bauernhof verbracht habe.

Wir fahren in die Feldberger Seenlandschaft hinein, durchqueren karge Dörfer mit Sandwegen und Schotterstraßen, in denen wir keinen Menschen sehen. In der gleißenden Mittagssonne erinnern sie uns an Sizilien. In einem dieser Dörfer aber, in Triepkendorf, entdecken wir einen Gasthof, der so überhaupt nicht hierhin passt. Tenzo heißt er. Die Küche: Japanisch inspirierte Gerichte mit Zutaten aus der Region.

Tenzo, das ist in japanischen Klöstern der Koch. Und tatsächlich: Ein wenig wie in einem Kloster sieht es im Inneren der alten Dorfschule aus. Licht ist sie, anmutig. Helle Erdfarben dominieren. Gegessen wird an einfachen, hölzernen Tischen. Die beiden Gastleute haben das Gebäude 2007 übernommen, es behutsam und mit viel Liebe zum Detail restauriert und sich damit ein Stück weit einen Lebenstraum erfüllt. Das Essen kommt angerichtet auf großen, weißen Tellern. Vielleicht liegt es daran, dass ich nach dem Vormittag auf dem Fahrrad Hunger habe, aber es schmeckt atemberaubend. Ich war noch nie in einem Sternerestaurant, aber so, stelle ich mir vor, muss das sein.

Wie das funktionieren kann, so ein Restaurant, frage ich beim Bezahlen den Besitzer, und verkneife mir hinzuzufügen: Mitten im Nirgendwo. Wenn etwas gut sei, antwortet dieser mit einem schelmischen Lächeln, funktioniere es eben. Als wir uns wieder auf die Räder setzen, muss ich daran denken, wie mutig das ist. Einfach so alles liegen zu lassen, vollkommen neu anzufangen. Ich bewundere das.

Und dann, genauso plötzlich, wie er begonnen hat, ist unser Urlaub wieder vorüber. Am Abend vorher haben wir schon die Taschen gepackt, es ist der Morgen des letzten Tages, ich stehe mit meiner Kaffeetasse im feuchten Ufergras. Die kleine Stadt Lychen schläft noch, es ist alles still. Weiter vorn, wie Gespenster, die sich im ersten Tageslicht zur Ruhe legen, schweben die letzten Ausläufer des Morgennebels über dem See.

Wir könnten genauso gut hierbleiben, oder? Hier herausziehen, nach Lychen. Ein kleines Haus kaufen, mit einem Garten vielleicht, und eigenes Gemüse anbauen. Wir hätten kein Internet, nur ein normales Telefon mit einem Kabel daran. Abends, wenn wir mit Schwielen an den Händen ins Haus zurückkämen, wäre eine schwere Müdigkeit der Lohn für einen langen Arbeitstag an der frischen Luft. Für den Kleinen wäre es gut. Der Kleine liebt es, hier unten am Wasser zu spielen, für ihn wäre es gut, ganz sicher. Warum nicht, denke ich, und nippe an meinem Kaffee. Warum nicht. Die Leute vom Tenzo, die haben es auch geschafft. Aus dem plötzlichen Bedürfnis heraus, etwas von der Ruhe dieses Moments in mir zu bewahren, ziehe ich mein Smartphone aus der Hosentasche, richte es auf den See und mache ein Foto.


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Aljoscha Brell

Aljoscha Brell

Aljoscha Brell wurde 1980 in Wesel, NRW, geboren und lebt in Berlin. Er leitet ein Team von Webentwicklern in einem Berliner IT-Unternehmen. Er war Stipendiat der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloqiums Berlin und erhielt 2009 das Alfred-Döblin-Stipendium der Berliner Akademie der Künste. Sein Debütroman Kress ist im September 2015 bei Ullstein erschienen.

Foto: © Marcel Brell

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