Wie geht digitale soziale Marktwirtschaft?

Der Finanzkapitalismus ist in der Krise. Während Unternehmen riesige Profite einfahren, verlangsamt sich die Innovation, und die Ungleichheit wächst. Thomas Ramge und Viktor Mayer-Schönberger erläutern, wie wir auf Grundlage der Digitalisierung den Markt neu erfinden und Wohlstand für alle schaffen können. Ein Essay über die digitale soziale Marktwirtschaft. 

 


Foto: Karl-Marx-Monument in Chemnitz I Creative Commons 3.0 I © pixel-liebe

 

Wir brauchen eine Vision für Wirtschaft und Gesellschaft der kommenden Jahrzehnte: eine digitale soziale Marktwirtschaft, in der wir weniger Ressourcen verschwenden und Menschen besser zusammenarbeiten. In der Gewinne aus Datenreichtum allen zugute kommen, indem wir etwa die digitalen Superstar-Firmen zwingen, ihre Daten zu teilen, und in der die Menschen über ihre Zukunft entscheiden, und nicht Datenkraken oder Finanzkapital.

Es wird weiter Firmen und Geld geben, aber sie werden nicht mehr die erste Geige spielen. Daten koordinieren die Wirtschaft besser und schaffen mehr Wert.

Die zentralen Fragen, die schon Karl Marx in „Das Kapital“ stellte, sind heute auf Wiedervorlage: Wie entsteht wirtschaftlicher Mehrwert im Kapitalismus? Und wie sollte er umverteilt werden? Seit Marx bedeutet Kapitalismus: Märkte werden von Unternehmen und Geld dominiert. Unternehmen koordinieren die Produktion, schöpfen den Mehrwert ab und bieten dafür Arbeitsplätze. Preise verdichten die wichtigen Informationen auf Märkten, weil Menschen von zu vielen Informationen überfordert sind. Big Data und Künstliche Intelligenz verändern das Spiel grundlegend.

Dank Datenreichtum und cleveren Algorithmen finden Angebot und Nachfrage künftig besser zusammen. Digitale Entscheidungsassistenten werten Informationen aus und geben Empfehlungen frei von menschlichen Fehleinschätzungen – und oft entscheiden Computer auch selbst. Damit entfaltet der Markt endlich sein volles Potenzial. Es wird weiter Firmen und Geld geben, aber sie werden nicht mehr die erste Geige spielen. Daten koordinieren die Wirtschaft besser und schaffen mehr Wert.

Doch der digitale Fortschritt hat seinen Preis. Die Automatisierung von Entscheidungen wird vielen Menschen den Bürojob kosten. Um dieser Dynamik zu begegnen, müssen wir traditionelle Überzeugungen infrage stellen, beispielsweise jene von Arbeit als fest geschnürtes Paket aus Pflichten und Entlohnung. Dieses Paket aufzulösen wird eine herausfordernde, aber lohnende Aufgabe sein. Sie liegt im Interesse der Unternehmen auf der Suche nach neuen Talenten, der Gesellschaft, die sich vor Massenarbeitslosigkeit fürchtet, und jedes Einzelnen, der nicht nur einen Job will, sondern gute Arbeit, die Sinn und Identität stiftet. Von Zufriedenheit und Selbstverwirklichung bei der Arbeit allein wird jedoch auch in Zukunft niemand satt.

Wir müssen die Selbstbestimmung über Arbeit und Lohn mit Freiheit vom Mangel verbinden. Elemente eines Grundeinkommens können hier helfen, aber das auf beiden Seiten des Atlantiks vieldiskutierte bedingungslose Grundeinkommen (BGE) ist keine Zauberformel.

Wir brauchen dringend neue Formen der Regulierung, die fairen Wettbewerb bei Daten und Datenanalytik sicherstellen.

Der Staat muss seine Kompetenz als digitaler Wettbewerbshüter erhöhen, sonst übernehmen Datenkartelle die Macht. Wir brauchen dringend neue Formen der Regulierung, die fairen Wettbewerb bei Daten und Datenanalytik sicherstellen. Hierzu schlagen wir eine gesetzliche Innovation vor: die „progressive Daten-Sharing-Pflicht“. Diese sorgt für einen umfangreichen, aber differenzierten Zugang zu Feedbackdaten ­– natürlich unter Beachtung des Datenschutzes – und garantiert dadurch Wahlfreiheit und Vielfalt in der datengestützten Entscheidungsfindung. Sie ist nicht nur die geeignete Kartellrechtsmaßnahme für das Datenzeitalter, sondern auch ein Schutz gegen Entwicklungen, die unsere Gesellschaft als Ganzes bedrohen könnten. Sie schützt uns vor Datenmonopolen und den Datenkapitalismus vor sich selbst. Weiter gedacht kann diese Pflicht in eine Datensteuer münden, die von datenreichen Firmen nicht in Geld gezahlt wird, sondern in Daten.

Im Zeitalter der aus Daten lernenden IT-Systeme stellt sich natürlich auch die Frage: Unterwirft die intelligente Maschine langfristig den Menschen? Das wird nicht geschehen, wenn wir Menschen die technische Entwicklung mit ausreichend Selbstreflexion begleiten. Wir müssen lernen, den Grad der maschinellen Assistenz sinnvoll zu wählen. Das Ergebnis von Daten und Künstlicher Intelligenz wird dann nicht seelenlose Perfektion sein, sondern individuelle Erfüllung. Mit all der Vielfalt und dem gelegentlichen Irrsinn, die uns zu Menschen machen.

 


Das Buch

Wir können mit Daten den Markt neu erfinden – und Wohlstand für alle schaffen. Dazu müssen Big Data, Automatisierung und Künstliche Intelligenz ihr Potenzial voll entfalten können. Den Effizienzgewinn dürfen nicht allein die großen Datenmonopolisten einstreichen. Nur wenn dieser allen zugute kommt, schaffen wir eine digitale soziale Marktwirtschaft. In der aber werden Geld und Banken eine untergeordnete Rolle spielen. „Das Digital“ entwirft eine neue Vision von Wirtschaft im 21. Jahrhundert.

 

„Das Digital“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage 

Die offizielle Website von „Das Digital“

 

Viktor Mayer-Schönberger

Viktor Mayer-Schönberger

Viktor Mayer-Schönberger war zehn Jahre Professor in Harvard und hat heute den Lehrstuhl für Internet Governance in Oxford. Bekannt wurde er durch sein Engagement für das digitale Vergessen im Internet und seinen weltweiten
Bestseller »BIG DATA«.

Foto: © privat

Thomas Ramge

Thomas Ramge

Thomas Ramge ist Korrespondent des Wirtschaftsmagazins Brand eins und schreibt für The Economist. Er wurde mit zahlreichen Journalistenpreisen ausgezeichnet. Ramge hat elf Sachbücher veröffentlicht, darunter den Spiegel-Bestseller »Die Flicks« und »Wirtschaft verstehen mit Infografiken« (zusammen mit Jan Schwochow).

Foto: © privat

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