Tom Cooper: Barataria und die Everglades

Wenn Tom Cooper an seine Heimat Florida denkt, sieht er Wasser: Lagunen und Buchten, Bäche und Meere. Vor wenigen Jahren startete er den Versuch, dieses Bild in einem Roman über die Everglades einzufangen. Doch je mehr er sich in die Arbeit vertiefte, desto deutlicher musste er feststellen, dass es die Gewässer, über die er schrieb, gar nicht mehr gab. Im Essay erzählt der Autor vom Schreiben über verschwindende Landschaften und das Gefühl, im Goldenen Zeitalter der Dummheit zu leben.

 

Sumpfgebiet in New Orleans, Louisiana

 

Diese Landschaft ist ein integraler Bestandteil meiner Person. Und ein integraler Bestandteil meines Schreibens.

Man könnte mich wohl einen Südstaatler nennen, nehme ich an. Als ich klein war, zog meine Familie wegen der Arbeit meines Vaters wie die Nomaden durch den gesamten Bible Belt der USA. Ich habe schon überall im Süden gewohnt. Florida, Alabama, Georgia, Louisiana, Tennessee.

Doch Südstaatler halten mich selten für einen der ihren. Ich bin nicht aus grobem Holz geschnitzt. Ich trage keine Tarnfarben und bin kein Fan irgendeiner College- Football- oder Basketball—Mannschaft. Mit Baseballcap sehe ich aus wie ein Sittenstrolch. Ich höre keine Country Music, zumindest nicht die moderne Pop-Variante, warum das nette Mädchen von nebenan nach Hollywood gegangen ist. Ich gehe nicht auf die Jagd, ich besitze kein Gewehr oder sonst eine Art Handfeuerwaffe. Ich besitze nicht mal eine Nagelpistole. Oder eine Heißklebepistole. Ich habe noch nie auf ein Tier geschossen und habe auch nicht die Absicht, es sei denn aus Notwehr. Ich fahre keinen Pick-up. Ich kann noch nicht mal einen Reifen wechseln. Ich gehe nicht in die Kirche und ich gehe nicht zu Barbeques.

Wann immer ich also mit anderen Südstaatlern zusammenkomme, halten sie mich ausnahmslos für jemanden aus dem Norden. Einen Yankee. Merkwürdig, den wenn das entscheidende Kriterium der geografische Ort des Elternhauses ist, dann bin ich nach empirischen Maßstäben unzweifelhaft noch südstaatlicher als sie. Ich kam in Ft. Lauderdale, Florida, zur Welt und verbrachte den Großteil meiner Kindheit am südlichen Ende des Staats, jenem Teil der Halbinsel, die quasi karibisch, subtropisch ist. Diese Landschaft ist ein integraler Bestandteil meiner Person. Und ein integraler Bestandteil meines Schreibens.

 

 

Wenn ich an diese südliche Landschaft denke, denke ich an Wasser. Lagunen und Buchten, Bäche und Meere. Süßwasser, Salzwasser, Brackwasser. So viele Jahre meiner Jugend habe ich mit Forschen und Angeln verbracht. An diesen Expeditionen à la Huck Finn war etwas Rätselhaftes, Aufregendes, und ich wusste nicht, welche Kuriosität meinen Köder schnappen würde, welches komische Geschöpf ich an den Haken bekommen und an Land ziehen würde – Drückerfisch,Igelfisch, Schafskopf, Meerbrasse, Mangrovenbarsch, Regenbogenforelle, Rotbauch-Wolfsbarsch, Kürbiskernbarsch?

Vor mehreren Jahren brachten mich die Lebensumstände ins südliche Louisiana. Ich hatte kürzlich meinen Doktor in Literatur gemacht und man bot mir eine zeitlich befristete Stelle in einer kleinen State University im Bayou an. Das war im August 2010, mitten während der Ölkatastrophe, an die wir uns noch alle erinnern. Deep Water Horizon. Die Gemeinde, in der ich unterrichtete, lag am Rand des Epizentrums. Meine Studenten waren die Söhne und Töchter von Shrimpfischern und Ölarbeitern. Einige waren selbst Shrimpfischer und Ölarbeiter. Sie erzählten mir ihre Geschichten, und sei es nur, um zu erklären, warum sie in jenem Semester immer häufiger fehlten. Sagen wir, Anwesenheit war manchmal ein Problem. Die Gemeinde ging in die Knie und taumelte. Natürlich schauten auf der ganzen Welt Menschen im Fernsehen zu, wie im Golf von Mexiko dieses schwarze Gift aus dem Boden kam, sie aber lebten dort, und dann waren da noch die anderen Geschichten, die der blanken Verwüstung. Das alltägliche Leid, der Zusammenbruch der Wirtschaft und der Gemeinschaft. Der Familien, Generationen davon. Der unabhängigen Unternehmen, die so unauflöslich mit ihrer Umwelt verbunden waren.

Der Schauplatz, der auf meinen Kindheitserinnerungen basierte, war unklar. Je weiter ich mich in die Arbeit vertiefte, umso deutlicher wurde mir, dass es die Gewässer, über die ich schrieb, gar nicht mehr gab.

Es wäre wohl übertrieben zu behaupten, dass ich eine emotionale Bindung zu meinen Studenten hatte. Ich bin nicht die Art von Lehrer, nicht die Art von Mensch. Meine Lehrtätigkeit war zu kurz, nur eine Handvoll Semester, und die Lehrstätte war derart massiv unterfinanziert und unterbesetzt, wofür sie allerdings nichts konnte – wir reden hier von Louisiana, vergessen Sie das nicht, dem letzten Platz von allen amerikanischen Bundesstaaten, was Bildung angeht –, dass ich fortwährend schon mit einem Fuß aus der Tür war. Ich unterrichtete hunderte von Studenten in einem Fach, das mir gleichgültig war: Grundlagen der Essayistik. Weit außerhalb meines Spezialgebiets. Ich wollte Literatur unterrichten und anderen beibringen, wie man schreibt. Vordergründig war ich auch dafür eingestellt worden. Und vordergründig betrachtet, sollte dies auch eine Möglichkeit sein, meinen Lebensunterhalt zu sichern, während ich selbst schrieb.

Dabei wohnte ich nicht mal in Thibodaux. Ich pendelte von New Orleans aus. Fuhr man fünf Meilen weit hinaus, kam man in eine völlig andere Welt. New Orleans ist von allen Seiten von Wasser umgeben. Die Sümpfe, die Bayous, der Mississippi River, Lake Pontchartrain, die brackigen Mündungen voller vermooster Bäume und Zypressenstümpfe. In weiter Entfernung ruinieren die Kolosse der Ölraffinerien den Horizont, und ihre Schornsteine blasen Qualm in den rußgefärbten Himmel.

Während der langen Pendlerfahrten sog ich die ursprüngliche Landschaft in mich auf, nicht unähnlich der äußersten Ecke Floridas, in der ich aufgewachsen bin. Noch hatte ich keine Ahnung, dass ich über diese fremdartige Gegend in Louisiana schreiben würde. Tatsächlich schrieb ich zu der Zeit an einem Roman über die Everglades. Der Roman, der im heutigen Florida spielte, erlebte einen wenig verheißungsvollen Start; ich habe ihn seitdem aufgegeben.

Der Schauplatz, der auf meinen Kindheitserinnerungen basierte, war unklar. Je weiter ich mich in die Arbeit vertiefte, umso deutlicher wurde mir, dass es die Gewässer, über die ich schrieb, gar nicht mehr gab. Innerhalb von fünfundzwanzig Jahren hatten sich die Everglades vollkommen verändert. Es hatte Trockenheiten gegeben, Buschbrände und Wasserverseuchungen. Nicht ansässige Tier- und Pflanzenarten hatten sich explosionsartig ausgebreitet. All das hatte die Landschaft verändert. Doch der größte Missetäter war natürlich der Mensch. Die Everglades waren umgeleitet und ausgebaggert, trockengelegt und parzelliert worden, und die ursprüngliche Landschaft war durch Bodenentwicklung, Landwirtschaft und Verschmutzung derart zugerichtet worden, dass nichts mehr an die sumpfige Wildnis meiner Jugend erinnerte. Soll heißen, die Everglades, über die ich schreiben wollte, existierten nur noch im Land meiner Erinnerungen. Als ich kürzlich auf der Fahrt zu einer Beerdigung im Familienkreis durch diese riesige Wildnis kam, bestätigte sich diese Tatsache. Der Himmel sah anders aus, die Wolken waren schmutziger und hingen niedriger. Das Wasser wirkte schwärzer, morastiger. Das Gras war grüner, als ich es in Erinnerung hatte, ein lebhafter, fluoreszierender Farbton, der unnatürlich wirkte, wie Plastik. Es roch auch anders. Aus großer Entfernung drang an einem nahezu windstillen Tag der Geruch von Qualm, von Buschbränden herüber. Die Hitze war wie aus einem Glutofen, 46°C, wenn man die Luftfeuchtigkeit mit einrechnete. Ein nasser, glühendheißer Lappen, der einem auf dem Gesicht klebte.

Ich finde es völlig unpolitisch und halte es für eine einfache Frage der Tatsachen und des gesunden Menschenverstands, dass wir sauberes Wasser wollen, sauberes Obst und Gemüse, saubere Fische.

Vielleicht ist es also nicht sonderlich überraschend, dass mein erster Roman, der von Florida handeln sollte, eine Totgeburt war. Das Projekt verkümmerte und ging ein. Ich hatte keine Ahnung, was ich als Nächstes anfangen sollte. Erst langsam und allmählich ging mir auf, dass mein Roman von verschwindenden Räumen handeln würde, sozusagen. Von ruinierten Landschaften. Von vergiftetem Wasser und einer aussterbenden Lebensart.

Aus der Asche des ersten aufgegebenen Romans erhob sich also mein erstes buchlanges Werk, Das zerstörte Leben des Wes Trench (im Original The Marauders) Die Kritiken waren fast durchwegs positiv. Überraschung und Erleichterung. Und ein wenig Glück. Man kann ja nie wissen, beim ersten Roman. Wenn man Pessimist ist wie ich, dann macht man sich auf das Schlimmste gefasst.

Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich mir die Online-Besprechungen nicht von Zeit zu Zeit angeschaut habe. Wir Schriftsteller sind schließlich narzisstische und egozentrische Geschöpfe. Bei den Besprechungen von ‚Durchschnittslesern‘, die ich online fand, gab es eine wiederkehrende, überraschende Haltung. Jede sechste, siebte Besprechung erwähnte die Tatsache, dass mein Material durchaus ans Pedantische grenzte. Ich würde zu sehr mit dem Politischen liebäugeln. Warum? Weil The Marauders von der Umwelt handelt.

Ich bin mir nicht sicher, wie die Umwelt zu einem politischen Thema werden konnte. Zumindest ist das in den Vereinigten Staaten so, wo wir, wie Sie ja wissen, in letzter Zeit einige Probleme hatten. Gelinde ausgedrückt.

Ich allerdings finde es völlig unpolitisch und halte es für eine einfache Frage der Tatsachen und des gesunden Menschenverstands, dass wir sauberes Wasser wollen, sauberes Obst und Gemüse, saubere Fische. Eine Analyse, wie diese Tatsache zur Debatte stehen konnte, wie amerikanische Politiker die Umwelt zu einer kontroversen Frage machen konnte, die die Parteien und die Wählerschaft spaltet, gehört ins Reich des politischen Diskurses. Es handelt sich um einen der größten und vielleicht tödlichsten politischen Hinterzimmerschwindeleien, die jemals begangen worden sind.

Ich habe den Eindruck, wir erleben das Goldene Zeitalter der Dummheit. Wussten Sie, dass es einen Anstieg, eine deutliche Steigerung der Anzahl derer gibt, die glauben, dass die Erde eine Scheibe ist? Wirklich wahr. Schlagen Sie es nach. Aber wie kann das sein? Ich habe keine Ahnung. Entwickeln wir uns zurück? Gibt es da draußen so viele Informationen, dass die Menschen die Spreu nicht mehr vom Weizen unterscheiden können? Sind wir derart mit den sozialen Medien und all den trivialen Kleinigkeiten beschäftigt, dass wir als Nächstes die Schwerkraft in Frage stellen? Ist da irgendetwas im Wasser, von dem uns die Gehirne schrumpfen?

Warum sollten wir der Meinung eines Politikers in Fragen des Klimawandels mehr vertrauen als der eines Wissenschaftlers?

 

 

Warum sollten wir der Meinung eines Politikers in Fragen des Klimawandels mehr vertrauen als der eines Wissenschaftlers? Das widerspricht doch jeder Logik. Ich würde einem Politiker nicht mal die Krücken meiner Großmutter anvertrauen, geschweige denn die Umwelt. Das ist, als würde man einem Müllmann eine Operation am offenen Herzen anvertrauen. Einem Klempner die Geburtshilfe. Und selbst wenn wir der Diskussion halber sagen würden, dass die Frage des Klimawandels noch ungeklärt ist – auch wenn die empirischen Beweise etwas anderes vermuten lassen -,  würde man sich da nicht lieber auf die Seite jener schlagen, die zur Vorsicht mahnen? Ich habe mich schon mal aus Versehen in Brand gesetzt – eine lange Geschichte – und ich kann Ihnen versichern, es ist so unangenehm, wie die Leute sagen.

Mir scheinen die Ökosysteme der Everglades und der Bayous in Louisiana in vielerlei Hinsicht verwandt zu sein. Beides sind Indikatoren. Und im Augenblick sind beide ernsthaft in Gefahr. Die Geschichte, die in The Marauders erzählt wird, geht immer noch weiter. Der Brunnen wird weiter vergiftet. BP beschwindelt Shrimpfänger, Schleppnetzkapitäne und Fischer, damit sie sich mit kärglichen Abfindungen zufrieden geben. Geschäfte und Gemeinden leiden immer noch, wenn sie nicht gleich ganz untergehen. Das Öl tritt noch immer aus, wenn auch nicht mehr in diesen dramatischen Mengen, wie wir es vor ein paar Jahren erlebt haben. Nein, was jetzt geschieht, könnte gefährlicher sein, heimtückischer, die kleinen Versickerungen im ganzen Golf, die kleinen Lecks, die nicht auf dem Radar erscheinen, sich aber summieren.

Es ist wohl wie das alte von Hemingway überlieferte Zitat. „Wie geht man pleite?“ „Langsam und plötzlich.“

 


Das Buch

Die Bewohner der kleinen Bayou-Stadt Jeanette ringen noch immer mit dem Überleben. Erst Hurrikan Katrina, dann das Unglück der Bohrplattform Deepwater Horizon. Und jeder Bewohner kämpft auf seine Art. Der Fischer Lindqvist jagt einem Kindertraum hinterher, einem Goldschatz. Die Brüder Toup nehmen eine Abkürzung zum Reichtum und bauen das beste Marihuana des Südens an, während Brady Grimes alle und jeden im Namen der Ölgesellschaft über den Tisch zieht. Und mittendrin Wes Trench, der seine Mutter an den Sturm und seinen Vater an die unermessliche Trauer verloren hat.

„Das zerstörte Leben des Wes Trench“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage.

 

 

Tom Cooper

Tom Cooper

Tom Cooper hat in zahlreichen literarischen Magazinen Amerikas, u.a. dem New Yorker, Erzählungen veröffentlicht und wurde für den renommierten Pushcart Prize nominiert. Cooper lebt in New Orleans. Das zerstörte Leben des Wes Trench ist sein Debütroman.

Foto: © Sara Essex Bradley

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