Robert Prosser über „Gemma Habibi“

Robert Prosser erzählt in seinem Essay von den Ursprüngen und der Recherche zu seinem neuen Roman Gemma Habibi. Die Vermischung von österreichischem Slang und arabischem Kosewort im Titel des Buches gibt dessen Richtung vor: Erzählt wird von der subversiven Gleichzeitigkeit verschiedener Herkünfte, sozialer Hintergründe und dem zugehörigen Slang in einem Boxclub. Das Video ist eine Rezitation aus dem Roman, die zeigt wie Sprache, Rhythmus und Lebenseinstellung des Kampfsports eins werden können.

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Robert Prosser. Foto: Gerald von Foris

 

Eine zugegeben vage Idee brachte mich im Juli 2017 nach Lesbos. Die Handlung eines entstehenden Romans könnte an den südlichen Rand Europas führen, dachte ich mir, und im Vorhaben, ein Gespür für die Situation am Mittelmeer zu erhalten, besuchte ich die griechische Insel. Durch ihrer Nähe zur Türkei war sie für viele Refugees der erste Ankunftsort auf europäischem Boden; Moira, das größte der auf Lesbos befindlichen Flüchtlingslager, hatte es aufgrund der gefängnisartigen Zustände zu fragwürdiger internationaler Bekanntheit gebracht.

Gerade war EU-weit die Roaminggebühr abgeschafft worden; es fiel mir schwer, das Smartphone aus der Hand zu legen. Auf allen Kanälen und im Live-Ticker wurde an diesem Wochenende aus Hamburg berichtet, von den eskalierenden Protesten gegen den G20-Gipfel, ich las von Polizeigewalt, brennenden Autos und Einkesselungen. Vom Strand sah ich auf die Türkei, ein schwarzer Strich über den Wellen. Kaum zehn Kilometer trennte die beiden Küsten, in diesem schmalen Stück Meer waren Boote gekentert, Menschen ertrunken. Mein Smartphone ließ sich zum Heimattarif verwenden, die nächste Eilmeldung aus dem Schanzenviertel traf ein, und für einen Moment war ich mir sicher, dass diese Geschehnisse Europa definieren, dass genau diese Gegebenheiten Europa sind.

Die Camps, wovon sich jenes mit Namen Kara Tepe in meinem Rücken an einen Felsen krallte, die Straßenschlachten während eines Treffens der Regierungschefs der mächtigsten Staaten, Ausdruck der Wut auf Verhältnisse, die mitverantwortlich waren für ein Asylsystem wie jenem auf Lesbos. Die europäische Gegenwart, die vom unscheinbaren, glitzernden Massengrab an der südlichen Grenze bis in die gentrifizierten Viertel einer weit im Norden gelegenen Stadt reichte. Hier das quälende Ausharren in Containern oder Zelten, ohne, dass jemand wusste, ob die Flucht weiterginge oder zu einem erzwungenen Ende gekommen sei. Dort, nahe eines anderen Meeres, der Aufprall von Exekutive und Zivilisten. Was für eine abgefuckte Zeit. Die Ereignisse in Hamburg konnte ich verstehen, Lesbos aber machte mir deutlich, dass ich in keiner Weise nachvollziehen konnte, was es bedeutet, hinter den stacheldrahtbewehrten Zäunen eines Camps zu leben.

Die Eindrücke vor Ort, die Interviews mit Geflüchteten, aus Syrien vor allem, aus Afghanistan und verschiedenen Staaten Westafrikas, und die Gespräche mit NGO-Mitarbeiter*innen hatten eine Ahnung vermittelt, ja, aber mein Vorhaben blieb provisorisch. Ich verwarf die Idee, einen Teil des Romans auf Lesbos anzusetzen, entschied mich stattdessen, den Fokus auf eine Szene zu legen, die die Gegenwart in einer anderen Weise, doch nach denselben Maßstäben von Migration und Unabhängigkeitsstreben verhandelte und zu der ich tatsächlich Zugang hatte: Das Boxen.

Ich habe Ende 2011 mit Muay Thai begonnen, mittlerweile konzentrieren sich meine sporadischen Ausflüge in den Kampfsport auf klassisches Boxen. Mich beeindruckt die Präzision und Schnelligkeit, die gute Kämpfer*innen entwickeln, die Energie, die sie ausdrücken, die Wucht, und mich fasziniert die Sprache abseits der von Trainern vorgekauten Weisheiten. Kein From Ghetto to Glory oder You can run but you can‘t hide, doch ein Vokabular, gewachsen aus dem Aufeinandertreffen verschiedenster Nationen, von Rap beeinflusster Lingo der Gyms und Turnierhallen. Darauf nimmt der Romantitel Bezug: Die Gleichzeitigkeit von österreichischem Slang und serbokroatischen, türkischen oder arabischen Wörtern, eine subversive Mischung, die einen Boxclub gerade in von Politpropaganda aufgeheizten Gesellschaften wie der österreichischen auszeichnet; zugleich ein Abbild für die Vielfalt an Herkünften und sozialen Hintergründen, die sich um den Ringkampf konzentriert.

Eine eigenwillige Sprache, von Rhythmen geleitet wie auch das Training, der Wettbewerb und der damit einhergehende Lebensstil. Das Springschnurschnalzen, die Atemstöße, die Schläge auf Sandsäcke oder in die Pratzen, schließlich die Kämpfe selbst, die Schritte, das Schnaufen, die Treffer. Der Gong, die Trainerkommandos, der Applaus und das Geschrei: Von der ersten Schnuppereinheit bis zu einem echten Fight befindet man sich in diesem mitreissenden, treibenden Takt. Dieser kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass am Grund des Boxens, als die eigentlich wertvollste Erfahrung, nicht der Erfolg, sondern die Niederlage liegt.

Früher oder später als Verlierer ausgerufen zu werden, lässt sich nicht vermeiden, es kann eine Erklärung für die zurückhaltende, fast schüchterne Art sein, die vielen Boxer*innen eigen ist – eine gewisse erworbene Demut, Respekt vor den Fähigkeiten anderer. Es gibt immer jemanden, der besser ist als man selbst. Egal, wie viel man trainiert, irgendwann begegnet man einem Gegner, der flinker ist, stärker, wendiger. Man erkennt es an, macht weiter, hält an den Träumen fest – vom gesellschaftlichen Aufstieg, von Ruhm und Ansehen, oder, ein bisschen weniger pathetisch, von einem Visum, da erfolgreichen Sportlern bessere Chancen bei der Asylbehörde zugerechnet werden.

Etliche Boxer*innen, die mir in den Clubs begegneten, waren von der türkischen Küste nach Griechenland aufgebrochen. Im egalitären Raum eines Gyms aber ist es egal, woher man kommt. Ob man dank des Reisepasses über eine Freiheit verfügt, die in Gemma Habibi bis nach Ghana führt, oder ob man es auf einem Boot und im Inneren eines Lieferwagens bis nach Europa geschafft hat. Doch es zählt das unter Boxer*innen viel beschworene Herz, der Hunger. Auf ein anderes Leben, auf Anerkennung oder Selbstbestimmung. Boxen ist – wie Kunst und Literatur – ein Mittel, diesen Hunger aufrecht zu halten. Es verkörpert die Sucht nach einer Bedingungslosigkeit, der sich alles andere unterordnen muss.

Im Roman folgt die Fotografin Elena, die die Gegenwart durch Protestbewegungen ähnlich der Hamburger Geschehnisse charakterisiert sieht, ihrer künstlerischen Vision, ohne einen Gedanken an Kompromisse zu verschwenden. Zain, der Freund des Ich-Erzählers, erschafft sich im Boxen ein Alter-Ego, stillt dadurch die Sorgen um seinen in Syrien zurückgelassenen Bruder. In solchen Herangehensweisen ähneln sich Kampfsport und Kunst, von Fotografie bis zum Schreiben und in den Ring: Die Bedingungslosigkeit einer Sucht, die alles Wollen und Zweifeln, das man in sich hat, etwas leichter zu ertragen hilft.

 

 

 

In Syrien wütet Krieg, Flüchtlinge erreichen Europa, die Gesellschaft gerät in Aufruhr. All das streift das Leben von Lorenz. Er trainiert für die Meisterschaft, will siegen, will frei sein und reist dafür bis nach Westafrika. Sein Freund, der nach Wien geflohene Zain, genannt Z, träumt von einem Schlag, der ihn als Boxer unsterblich macht. Zwischen den beiden steht die Fotografin Elena. Mit ihrer Kamera hält sie die unruhige Gegenwart fest. Und den finalen Kampf. Kurdistan, Wien, Ghana: Drei Welten, drei Leben, drei Runden im Boxring. Ein dichter, intensiver Roman über Obsession und Freundschaft, Engagement und Aufbruch, geschrieben von einem der wortgewaltigsten Schriftsteller seiner Generation.

Robert Prosser

Robert Prosser

Robert Prosser, geboren 1983 in Alpbach/Tirol, lebt dort und in Wien. Er studierte Komparatistik und Kultur- und Sozialanthropologie. Der Autor ist Träger etlicher Auszeichnungen, unter anderem des Grenzgänger Stipendiums der Robert Bosch Stiftung und des Aufenthaltsstipendiums am Literarischen Colloquium Berlin LCB. Sein zweiter Roman »Phantome« war auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2017.

www.robertprosser.at

Foto: © Melanie Hauke

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