resonanzraum #5 – Perspektiven des heutigen Feminismus

Am 24. Mai sprachen Svenja Flaßpöhler und Margarete Stokowski im resonanzraum über Perspektiven des heutigen Feminismus. Svenja Flaßpöhler steht netzfeministischen Diskursen wie #metoo kritisch gegenüber. In ihrer Streitschrift „Die potente Frau“ fordert sie ein offensiveres Verständnis von Weiblichkeit und plädiert dafür, das weibliche Begehren zum handlungsbestimmenden Faktor zu machen, anstatt den Mann zu „kastrieren“. Wie Margarete Stokowski auf die Thesen der promovierten Philosophin reagiert? Wir haben die Diskussion der beiden aufgezeichnet.

Moderation: Juliane Rump (Libertine Magazin)


Das Buch

Die Diskussionen um #metoo reißen nicht ab. Während Kritiker beklagen, dass Männer pauschal an den Pranger gestellt werden, behauptet die andere Seite, der Hashtag mache eine tief verankerte Struktur sichtbar: nämlich eine Abwertung des Weiblichen, die bis in die feinsten Verästelungen des Gesellschaftlichen zu spüren ist. Zwar wohnt der Bewegung ein emanzipatorischer Wille inne. Doch der wahre Kern struktureller Misogynie wird in dieser Kampagne nicht berührt, sondern sogar gefestigt. Denn in der Begehrenslogik, die dieser zugrunde liegt, wird das Weibliche nicht als eigene Größe, sondern als wesenhaft bezogen aufs Männliche begriffen. Frauen wird libidinös gesehen eine rein passive Rolle zugesprochen, während männliche Lust als etwas gilt, das zu umgehen oder gar zu bekämpfen ist, um die Frau davor zu schützen.

„Natürlich“ sind es die Männer, die den ersten Schritt wagen und Frauen mit Blicken penetrieren – eine Frau, die sich diese Rolle anmaßt, kennt die abendländische Kultur nur als nymphomanische Perversion. Dies ist genau der falsche Ansatz, hält Svenja Flaßpöhler dem entgegen. Vielmehr müssen Frauen endlich anfangen, ihr eigenes Begehren zum handlungsbestimmenden Faktor zu machen. Nur damit kann es Ihnen gelingen, die althergebrachte Begehrensökonomie zu unterlaufen, die das männliche Begehren ins Zentrum des Geschlechterverhältnisses stellt, auf das Frauen nur reagieren können. Wir brauchen eine neue Ökonomie der Lust, in der die Frau nicht von Penisneid (Freud) oder gar von Irrelevanz (Lacan) gekennzeichnet ist und in der Männer und Frauen sich nicht ständig gegenseitig abwerten, sondern ein wechselseitiges Erkennen, eine absolute Hinwendung zum anderen möglich wird – mit zwei verschiedene, aber gleichermaßen potenten Geschlechtern, die sich in der Fülle und nicht im Mangel begegnen. Svenja Flaßpöhlers Streitschrift kommt zum genau richtigen Zeitpunkt – denn schon droht sich die #metoo-Bewegung in reinen (wenn auch noch so berechtigten) Schulzuweisungen zu verlieren, ohne dass sich eine neue Perspektive des männlich-weiblichen Miteinanders abzeichnet. Genau eine solche fügt Flaßpöhler dem Diskurs nun hinzu – sich dabei bewusst ihrerseits der Diskussion aussetzend.

„Die potente Frau“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage

Svenja Flaßpöhler

Svenja Flaßpöhler

Svenja Flaßpöhler, geboren 1975, ist Chefredakteurin des „Philosophie Magazins“. Die promovierte Philosophin war Literaturkritikerin in der Fernsehsendung „Buchzeit“ (3Sat) und leitende Redakteurin beim „Deutschlandfunk Kultur“, wo sie die Sendung „Sein und Streit“ moderierte. Mit Wolfram Eilenberger, Gert Scobel und Jürgen Wiebicke verantwortet sie das Programm der „Phil.cologne“. Ihre Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt, zuletzt erschien von ihr das vielbesprochene Buch „Verzeihen“. Svenja Flaßpöhler lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Foto: © Maria Sturm

Print Friendly, PDF & Email