Entweder es ist Literatur oder es macht Spaß

Nirgendwo ist der Gap zwischen unterhaltender und ernster Literatur tiefer zementiert als in Deutschland. Nach dem Motto: Entweder es ist Literatur oder es macht Spaß. Ullstein fünf- Autor Michel Decar hält das für großen Unsinn und fordert mehr Mut zum Spaß in der jungen Literatur.

© Niklas Vogt

Auch 2018 gilt in der BRD: Entweder es ist Literatur oder es macht Spaß. Was soll der Unsinn?

An den Universitäten, im Feuilleton, im gesellschaftlichen Diskurs ist die Sache klar: Macht ein Text Spaß, hat er mitunter Humor, etwa Leichtigkeit, wird sich dort rasant in die erzählerische Kurve gelegt, schön und gut, aber dann kann es keine Literatur sein.

Nirgendwo ist der Gap zwischen U und E (unterhaltende Literatur vs. ernste Literatur) tiefer zementiert als in Deutschland. Die Italiener können sich an Dante und der Göttlichen Komödie orientieren. In Frankreich heißt der Klassiker Molière und selbst Shakespeare hat 10 kernige Komödien rausgehauen. Und die Clásicos in Deutschland? Goethe, Schiller? Die haben schön den sauren Drops gelutscht. Auch Mann und Hesse: Edle Spießer, strenge Moralisten.  Wo ist der Fun, wo die Leichtigkeit im deutschen Kanon? An wem orientiert man sich in Fragen des Esprits, des Tempos? Wer schrieb mit Komik und mit Wendigkeit?

Denn ja: es ist möglich, Literatur zu schreiben, die all das beinhaltet, ja, beinhalten sollte. Egal ob große weltumfassende Erzählung oder existenzialistisches Kammerspiel: U und E sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Medaille.

In Russland hat man das längst verstanden. Nehmen wir einen meiner Lieblingstexte, den Roman Zwölf Stühle von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow. Geschrieben 1928, mittlerweile 13mal verfilmt, ein russischer Klassiker. Was noch? Ein Road Movie, eine Caper Novel, Komödie und Tragödie in einem. Der Roman spielt auf dem Land und in der Stadt, zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten, ein kompletter Abriss der frühen sowjetischen Gesellschaft. Und trotzdem: Federnde Dialoge, zwielichtige Charaktere, eine kurvenreiche Story, Platz für abstruse Exkurse und erzählerische Finten. Auf der einen Seite biegt man sich noch vor Lachen, auf der nächsten ist man geschockt, weil aus dem Nichts eine Hauptfigur ermordet wird. Es geht um Gier, Sehnsucht, zerstörte Träume. Große Themen, große Emotionen und trotzdem sprüht der Text vor Ideen und Erzählsaft.

Und nun, BRD 2018: Wo sind die abgefahrenen Plots, die schrägen Figuren? Wo kann man nachlesen, wie schön und schrecklich die Welt ist? Wo lachen und weinen und mit der Zunge schnalzen? Na los, her damit, wir haben lange genug darauf verzichtet!

Sollten Sie also zufällig ein formstarkes, sprachlich flirrendes Manuskript in der Schublade haben, in dem es um eine Gruppe dekonstruktivistischer Meerschweinchen geht, die auf dem Mars einen genialen Raubzug planen, ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, um damit die Lektorate zu stürmen. Ich fände das jedenfalls 1A!


Das Buch

So schnell kann es gehen: eben noch sitzt Privatdetektiv Frankie wie jeden Montagabend bei Bacardi-Cola in der Koralle, im nächsten Moment ist er mitten drin in seinem absurdesten Auftrag: Bahnvorstand Mauke wird von einem anonymen Anrufer erpresst und der einzige Hinweis auf dessen Identität ist, dass er aus einer Diskothek anrief, in der Madonnas „White Heat“ gespielt wurde. Frankie wirft sich in seinen zucchinigrünen Opel Admiral und zieht seine Kreise, erst durch München, dann durchs Umland, schließlich durch ganz Westdeutschland. Bald ist ihm klar, dass er Teil eines Spiels ist, in dem es um Industriespionage, Doppelagenten, Verrat und Täuschung geht. Im heißen Sommer des Jahres 1988 ist Frankie auf einem irren Trip, bei dem die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit zunehmend verwischen.

„Tausend deutsche Diskotheken“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage

 

Michel Decar

Michel Decar

Michel Decar, geboren 1987 in Augsburg, lebt als Schriftsteller, Dramatiker und Hörspielregisseur in Berlin. Für sein dramatisches Werk wurde er mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Kleist-Förderpreis. Zuletzt sorgte sein Stück Philipp Lahm am Münchner Residenztheater für Furore. Tausend deutsche Diskotheken ist sein erster Roman.

Foto: © Niklas Vogt

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