Marc Raabe: „Ich liebe Geheimnisse.“

In Marc Raabes Kriminalroman „Schlüssel 17“ dreht sich alles um einen geheimnisvollen Schlüssel. Als man diesen bei einer Toten im Berliner Dom findet, beginnt für den LKA-Ermittler Tom Babylon eine Reise in seine ostdeutsche Vergangenheit. Im Interview erzählt der Autor, wie stark die Ereignisse der DDR die Gegenwart Babylons beeinflussen, welche Erinnerungen er selbst mit der ehemaligen Grenze verbindet und wie enorm die Anziehungskraft eines Geheimnisses ist.

In der Kuppel des Berliner Doms hängt eine grausam zugerichtete Tote mit schwarzen Flügeln. Um den Hals trägt sie einen Schlüssel. In den Griff ist die Zahl 17 geritzt. © MARC RAABE

 

Ihr Roman „Schlüssel 17“ spielt in Berlin. Eine Pfarrerin wird ermordet, sie ist die Erste, die mit dem besagten Schlüssel um den Hals gefunden wird. Tom Babylon vom LKA kennt den Schlüssel aus seiner Jugend. Als LeserIn taucht man auf der Suche nach dem Mörder mit ihm ein in die ostdeutsche Vergangenheit. Gibt es da bei Ihnen einen persönlichen Bezug zu Berlin oder zu Ostdeutschland vor der Wende?

Tatsächlich sind meine Eltern unmittelbar vor dem Mauerbau aus der DDR nach West-Deutschland geflohen, rübergemacht hieß das damals. Ich selbst habe die DDR dann später erlebt, als wir meine Großeltern im Osten besucht haben. Die Städte erschienen mir, als hätte jemand die Farbe aus dem Bild gedreht. Die Fahrt über die Grenze war geprägt von besonderer Anspannung. Es gab groteske Situationen, wie die mit einem Grenzsoldaten. Ich war noch recht klein, saß auf dem Rücksitz unseres Wagens und hatte einen großen knallbunten Lolly. Der Grenzer nahm ihn mir wortlos aus der Hand, untersuchte ihn aufmerksam und hielt ihn gegen die Sonne. Ich weiß bis heute nicht, was er zu finden glaubte.

Aber am eindrücklichsten war für mich immer, dass ich spüren konnte, dass dieses andere Land etwas mit den Menschen macht. Die fehlende Freiheit, die Zwänge, das vorsichtige und befangene Verhalten, das daraus entstand. Das Gefühl der Menschen verfolgt zu werden, nicht sicher zu sein, oder umgekehrt: Im Schatten des Machtapparates ungestraft Dinge tun zu können. Die DDR hat Folgen, die bis heute hat das Leben vieler Menschen zeichnen. Das ist etwas, das in der Tom-Babylon-Serie immer wieder eine Rolle spielen wird.

Die Rückblende in die Jugendzeit von Tom Babylon erinnert – gerade auch durch die emotionalen Tiefe und die Nostalgie, die mitschwingt – durchaus an „Stand by me“, einen Film von Rob Reiner nach einem Roman von Stephen King. Gibt es da Bezüge?

Ein toller Film und eine wunderbare Geschichte von Stephen King. Ich habe beim Schreiben allerdings nicht bewusst daran gedacht. Es ist eher so, dass ich es faszinierend finde, beim Schreiben durch die Augen von Kindern und Jugendlichen zu blicken, weil vieles, was sie erleben, für sie zum ersten Mal passiert und es dadurch diese besondere Intensität bekommt. Der Blick von Teenagern ist so ungetrübt und voller gesunder Naivität. Man springt von einer 14 Meter hohen Brücke, um einem Mädchen zu gefallen. Die Konsequenzen spielen in diesem Moment keine Rolle. Erst im Rückblick wird klar: dieser eine Moment hat das ganze Leben verändert.

Die Atmosphäre von Licht und Sommer in dieser Jugend-Szene von Tom an der Brücke ist für mich das Sinnbild für diese frische, jugendliche Leichtigkeit. Vielleicht ist das die Gemeinsamkeit mit „Stand by me“, die Leichtigkeit – und wie plötzlich sie verloren geht.

 

Auf der Brücke der alten Friedhofsbahn über dem Teltowkanal bei Stahnsdorf beginnt der Roman „Schlüssel 17″. © Marc Raabe

 

Auch in Ihren anderen Büchern müssen die Protagonisten sich ihrer Vergangenheit stellen. Ist das einfach ein besonders ergiebiger Topos für psychologische Thriller oder steckt da mehr dahinter?

Wir sind ja alle nur so, wie wir sind, weil wir eine Vergangenheit haben. Wir haben dies oder das gemacht – und das hatte Folgen. Meistens arrangiert man sich damit und lebt sein Leben weiter. Aber wenn einem dann diese Vergangenheit auf die Füße fällt, wird es interessant. Und ich rede nicht davon, dass jemand vorbeikommt und sagt: Denk doch mal drüber nach, was du damals gemacht hast. Ich rede davon, dass man gezwungen wird, sich selbst anzuschauen.

Gemeinsam mit Tom Babylon ermittelt auch die Psychologin Sita Johanns. Beide haben ein Geheimnis aus ihrer Vergangenheit, das sie verwundbar macht. Als Ermittlergespann kommen sie erst weiter, als sie sich darauf einigen, dem anderen sein Geheimnis zu lassen, nicht nachzubohren. Wie wichtig sind Geheimnisse für Geschichten wie diese?

Ich liebe Geheimnisse. Sie haben diese magische Anziehungskraft. Sie kurbeln unsere Neugier an. Neugier ist wie ein großer Motor, der einen immer weiter vorantreibt. Sag zu jemandem: Ich habe ein Geheimnis. Derjenige wird immer wissen wollen, was zum Teufel denn nun dieses Geheimnis ist, vielleicht sogar dann, wenn es gefährlich werden könnte.

Die Situation zwischen Sita und Tom ist so besonders für mich, weil sie sich an dieser Stelle plötzlich nah sind. Sie haben beide Geheimnisse. Aus einer anfänglich gegenseitigen Erpressung wächst dadurch ein gegenseitiges Verständnis.

Der Aufbau des Romans ist recht komplex, es gibt zahlreiche Rückblenden und man muss sich am Beginn jedes Kapitels erst einmal orientieren, wann und wo man gerade ist und mit wem. Das erzeugt eine große Spannung, ist aber sicher eine Herausforderung beim Schreiben. Nutzen Sie eine bestimmte Technik oder ein Hilfsmittel, um nicht die Orientierung zu verlieren?

Mein größtes Hilfsmittel ist mein Kopf. Und wenn ich mal etwas vergesse, dann blättere ich in den Seiten, die ich schon geschrieben habe. Das ist manchmal zwar etwas mühsam, und erfordert auch immer wieder mal eine Überarbeitung. Aber einen genauen Plan zu machen, das wäre mir zu anstrengend. Oder besser: es würde mich einengen.

Die einzelnen Kapitel funktionieren für mich wie Schubladen. Ich muss sie nur aufziehen, den ersten Satz lesen, und sofort weiß ich wieder, was in der Schublade ist. So kann ich immer wieder gut durch die Geschichte navigieren. Allerdings komme ich jetzt, wo Band 2 der Serie entsteht, nicht mehr drum herum, mir als Unterstützung Karteikarten für meine Protagonisten und ihre Geschichten zu schreiben. Bisher habe ich das erfolgreich vermieden.

Wer den Roman gelesen hat, weiß, dass er der Auftakt zu einer Serie ist. Schreiben Sie schon wieder oder machen Sie zwischen Ihren Büchern grundsätzlich eine Pause?

Ich baue gerade in meinem Kopf die Grundzüge der Geschichte zusammen und werde in den nächsten Tagen anfangen. Abgesehen von all den Dingen, die ich schon über meine Geschichte und die Protagonisten weiß, bin ich gespannt auf all das, was ich noch nicht weiß und was erst beim Schreiben entstehen wird.

 

Auf der gesperrten Brücke treffen sich Tom Babylon und seine Freunde im Sommer 1998 regelmäßig. © MARC RAABE

 

Inwieweit fließen Erfahrungen aus Ihrem anderen beruflichen Standbein, dem Fernsehgeschäft, mit in das Plotten und Schreiben ein?

Ich habe oft gehört, dass ich sehr visuell schreibe. Das liegt sicher daran, dass ich so viel mit Bildern gearbeitet habe. Bereits als Teenager habe ich angefangen Filme zu machen und Geschichten mit Bildern zu erzählen. Wenn ich schreibe, denke ich die Bilder oft mit. Manchmal denke ich sogar in Totalen und Großaufnahmen.

Eine Sache, die ich definitiv beim Machen von Fernsehen gelernt habe, ist das Ändern. Beim Fernsehen wird oft und gerne geändert, und man muss sich davon lösen, einen Änderungswunsch persönlich zu nehmen oder ihn als Kritik aufzufassen. Wenn man einmal begriffen hat, wie sehr eine Änderung die Chance beinhaltet, etwas besser zu machen, wird plötzlich alles leichter.

Ich habe gelernt, dass eine Geschichte nicht in einem Moment vollendeter Genialität zu Papier gebracht wird. Geschichten erzählen ist harte Arbeit. Ein Prozess mit ganz vielen unterschiedlichen Schritten. Und etwas zu überprüfen und zu ändern (oder zu kürzen) ist einer der wichtigsten Arbeitsschritte.

Vielen Dank für das Interview.

 

Das Interview führte Juliane Junghans. 


Das Buch 

In der Kuppel des Berliner Doms hängt eine grausam zugerichtete Tote mit schwarzen Flügeln: Es ist die prominente Dompfarrerin Dr. Brigitte Riss. Um den Hals trägt sie einen Schlüssel. In den Griff ist die Zahl 17 geritzt.Tom Babylon vom LKA will diesen Fall um jeden Preis. Denn mit diesem Schlüssel verschwand vor vielen Jahren seine kleine Schwester Viola. Doch Tom bekommt eine unliebsame Partnerin für die Ermittlungen. Die Psychologin Sita Johanns fragt sich schon bald, wer in diesem Fall mehr zu verbergen hat: Tom oder der Mörder, der sie beide erbarmungslos vor sich hertreibt.

„Schlüssel 17“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage.