Magda Albrecht: „Diät mich nicht voll.“

Nach der Völlerei über die Weihnachtsfeiertage hegen viele den Neujahrsvorsatz, ihre Festtagspfunde wieder loszuwerden. Die einzigen Pfunde, die Magda Albrecht verlieren möchte, sind ihr Ballast an Unsicherheiten und an Scham. Warum sie nichts von Diäten hält, schreibt die Fa(t)shionista in ihrem Essay. 

 

 

Manchmal spiele ich Bingo. Also mit mir selbst, in meinem Kopf. Ihr kennt das Spiel bestimmt: Es ist ein Feld mit beispielsweise fünf mal fünf Kästchen und wenn man eine ganze Reihe diagonal, senkrecht oder waagerecht ziehen kann, ruft man laut Bingo! und holt sich seinen Gewinn ab. Üblicherweise finden sich Zahlen in den Kästchen, aber es gibt auch Bingos, in denen Worte drin stehen. In meinem Bingo stehen Begriffe wie „Kalorienbombe“, „Winterspeck“ oder „Festtagspfunde“.

Wenn ich mich jetzt, nach den Feiertagen, in ein x-beliebiges Büro in Berlin, Bonn oder Buxtehude setzen und den Menschen ein bisschen beim Smalltalken zuhören würde, wäre mein Bingo nach spätestens einer Stunde voll. Vielleicht auch schon nach 20 Minuten. Die Kolleg*innen kommen aus dem Urlaub zurück, reiben sich die geschwollenen Bäuche und verkünden ihre Vorsätze für das neue Jahr:

Fünf Kilo müssen weg!

Ich will mehr Sport treiben!

Ab jetzt gilt: Gesünder ernähren!

Bingo, Bingo, Bingo: Es ist Januar und die Diätsaison hat begonnen.

Na gut, eigentlich ist ja jeder Tag Diätsaison. Auch wenn die meisten Menschen das gar nicht merken. Es ist so normal geworden, die Kalorien abzuzählen, sich das Mittagessen zu verwehren oder über Kohlenhydrate zu schimpfen, dass man meinen könne, unser Leben hinge davon ab. Aber natürlich: Das tut es ja auch! Zumindest wenn man der Diätindustrie, Healthy Living- Coaches oder übereifrigen Ernährungsberater*innen glauben darf.

Wie heißt es so schön? Du bist, was du isst. Tja, ich glaube nicht an einfache Erklärungen. Ich glaube vielmehr, dass hunderte Einflüsse uns zu dem Mensch machen, der wir sind. Wie wir uns ernähren, bewegen, welche Erfahrungen wir machen, wie wir lieben, leben und lachen: All das, und noch viel mehr, macht uns aus. Sich ausgewogen zu ernähren, ist nicht verkehrt. Darauf zu achten, was dir gut tut und was nicht, ist sogar ratsam. Aber ein Dogma daraus zu stricken und One-size-fits-all-Lösungen für alle Menschen zu predigen („Damit verlierst du garantiert zehn Pfund!“ „So lebst du gesund bis ins hohe Alter!“), ist Humbug.

 

 

Immer zu Beginn des Jahres werden wir mit Diät-Werbespots beschallt. Fitnessstudios freuen sich über neue Mitglieder (die ab März schon gar nicht mehr kommen …) und auf der Arbeit gibt’s nicht Business-Talk, sondern Diet-Talk. Um das besser ertragen zu können, hole ich regelmäßig mein imaginäres Bingo raus und spiele, damit ich wenigstens etwas gewinne.

Hand aufs Herz: Die meisten, die „mehr Sport“ machen wollen und „mehr auf ihre Ernährung“ achten wollen, denken gleichzeitig auch an Gewichtsverlust. Das eine ist mit dem anderen fast unweigerlich verbunden. Meistens spielt die viel beschworene Gesundheit sogar die untergeordnete Rolle. Hauptsache schlank(er). Dann wird alles besser. Oder?

Die Wahrheit sieht aber so aus:

Wenn „gesund ernähren“ bedeutet, Zucker, Kohlenhydrate oder Fette aus der Nahrung zu streichen – ohne, dass dafür ein medizinischer Grund, wie zum Beispiel Unverträglichkeiten, vorliegt – und man dann den halben Tag hungrig und schlecht gelaunt durch die Gegend läuft, ist das nicht gesund, sondern eine Diät.

Wenn „mehr bewegen“ bedeutet, zum Jahresbeginn eine Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio abzuschließen, mit schlechten Gefühlen und Angst an einem Aerobic-Kurs teilzunehmen, in dem der Trainer „Schneller, Püppchen“ schreit, ist das keine freudvolle Bewegung, sondern ein teurer Stress. Das ist – Überraschung! – nicht gesund.

 

 

Während ich Bingo weiterspiele, könnt ihr ja mal eine Quizfrage beantworten:

Wenn eine schlanke Figur automatisch mit Erfolg, Attraktivität, Gesundheit und einem längeren Leben assoziiert wird und ein dicker Körper mit Faulheit, Krankheit und Versagen, dann ist das:

a) diskriminierend

b) wissenschaftlich nicht haltbar

c) langfristig ungesund für diejenigen, die stigmatisiert werden

oder

d) all of the above

Ich jedenfalls wünsche euch ein ereignisreiches, kraftvolles 2018 – ganz ohne Selbstkasteiung, aber dafür mit viel Genuss und mehr Respekt für unterschiedliche Körper und Fähigkeiten.

Mein Neujahrsvorsatz ist folgender: Die einzigen Pfunde, die ich verlieren möchte, sind mein Ballast an Unsicherheiten und an Scham.

(Ach ja: Antwort d) natürlich!)


Das Buch

Magda Albrecht darf man getrost als stylish bezeichnen: Sie hat knallrote Haare, scheut keine Punkte und Querstreifen auf ihren Kleidern und lacht viel. Modefotos und Diätratgeber lässt sie lieber links liegen, denn die vermitteln oft ein einseitiges Bild von Schönheit und Gesundheit. Die Art und Weise, wie dicke Menschen behandelt werden, sagt viel über unsere Gesellschaft aus – und zwar nicht immer Gutes, findet die Autorin. Sie hat gelernt, dem Schlankheitsideal etwas entgegenzuhalten: stolze Fatshionistas und die Erkenntnis, dass Diäten nichts bringen – außer schlechter Laune.

 

„Fa(t)shionista“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage.

 

Magda Albrecht

Magda Albrecht

Magda Albrecht wurde 1986 in Stralsund geboren und ist in Berlin aufgewachsen. 2013 beendete sie ihr Amerikanistik-Studium und ist seitdem als politische Sprecherin und Journalistin tätig. Sie schreibt regelmäßig für den Blog Mädchenmannschaft, forscht und hält Vorträge zu den Themen Queer-Feminismus sowie Körpernormierungen und Dicksein. Sie bringt ihr Engagement auf eine knappe Formel: Mein Fett ist politisch. Mehr auf ihrer Webseite: magda-albrecht.de

Foto: © Hans Scherhaufer

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