Heribert Prantl: Was zählt

Die Adventszeit lädt dazu ein, innezuhalten und sich den großen Fragen des Lebens zu widmen. Heribert Prantl reflektiert hier über die Bedeutung der Weihnachtsgeschichte: Welche Kraft entfaltet eine solche Erzählung in der heutigen Zeit? Ein Essay.

Die Volkszählung zu Bethlehem von Pieter Bruegel, 1566.

 

Vor der großen Erzählung kommt die große Zählung. Die Weihnachtsgeschichte beginnt nicht weihnachtlich, sondern staatlich. Sie beginnt mit der Geschichte von der Erfassung des Lebens, sie beginnt mit der Unterwerfung des Lebens unter die Zahl: alle aufschreiben, alle erfassen, alles aufzeichnen.

Der Gottkaiser Augustus hat allen Bewohnern seines Reiches befohlen, sich in ihren jeweiligen Geburtsstädten registrieren zu lassen. Er setzt damit, zu seinen Zwecken, die ganze Welt in Bewegung. Wie diese Geschichte ausgeht, um wie viel die Steuereinnahmen des Imperiums gestiegen sind – das erfahren wir nicht mehr, weil der Evangelist Lukas diese Zählgeschichte abbricht und eine  Gegengeschichte beginnt: die Weihnachtsgeschichte.Unterwerfung des Lebens unter die Zahl: alle aufschreiben, alle erfassen, alles aufzeichnen.

Sie handelt von kleinen Leuten, von Maria und Josef, einem Kind in der Krippe und von Hirten; es ist eine Geschichte über Leute, die zwar gezählt werden, die aber eigentlich nichts zählen. Vordergründig folgen sie dem Gebot. Sie sind gehorsam, machen sich auf den Weg; aber der mündet ganz woanders, nicht bei der Zählung, sondern in einer großen Erzählung.

Ein aberwitzig schönes Märchen

Es beginnt eine Befreiungsgeschichte, in der eine Botschaft „vom Himmel“ kommt und der Kontroll-Befehl des Augustus von oben, von Engeln und himmlischen Heerscharen, durchlöchert und abgelöst wird. Abgelöst wird die höchste Instanz, diejenige, die mit Zahlen regiert. Auch wenn man das Ganze nur für ein aberwitzig schönes Märchen hält – das Wahre an dieser Gegengeschichte ist: Sie hat die Welt verändert. Aus der Gegengeschichte über die kleinen Leute ist große Geschichte geworden.

Kein Mensch würde von der Zählung des Augustus wissen, wenn mit  ihr nicht die Weihnachtsgeschichte beginnen würde – die als Beginn einer Befreiungsgeschichte gedeutet wird. Sie stellt nicht weniger als einen neuen Himmel und eine neue Erde in Aussicht. Sie hat eine  klare Botschaft: Höchstes Wesen ist nicht ein Kaiser, sondern ein Mensch, der ohne Obdach zur Welt kommt. Sie ist die Geschichte von der großen Umkehrung.

Im Himmel und auf Erden zählt letztlich nur eine  Währung. Die heißt nicht Sesterz, Euro oder Dollar, sondern – Entschuldigung – Liebe. Wer das nicht kapiert, ist ein Schaf, auch wenn er Nobelpreisträger wäre. Und wer das zu gefühlig findet oder sich selber nicht mag, der kann es für sich ja so übersetzen: Man muss den  Menschen neben sich nicht mögen, braucht sich keine falschen Gefühle einreden, muss ihn aber respektieren – ihn also so behandeln, wie man selber behandelt werden will. Dann braucht man nicht die sarrazineske Angst vor den  Unterschieden zu haben. Wer die Weihnachtsgeschichte versteht, der sieht den Mensch hinter der Zahl. Das ist Liebe.

Kein Mensch würde von der Zählung, der Volkszählung des Kaisers Augustus, wissen, wenn mit ihr nicht die Weih­nachtsgeschichte beginnen würde. Wer diese Weihnachtsgeschichte versteht, der sieht den Menschen hinter der Zahl. Das ist Liebe.

Die Kaiser heißen heute anders, sie heißen Markt, Rendite, Effektivität und Sicherheit. In ihrem Namen wird so viel gezählt wie nie zuvor. Es wird gezählt, was die Leute wann und wo kaufen, es werden zu Werbezwecken Profile von ihren Vorlieben angelegt, sie werden zur Einschätzung von Finanzkraft und Kreditwürdigkeit sortiert, ihre Kaufwünsche werden vorausberechnet – im Internet so akribisch und treffsicher wie noch nie. Persönlichste Daten werden umfassend erfasst. Vom Staat, im Interesse der Sicherheit; und von der Wirtschaft, im Interesse guter Geschäfte. Es wird gerankt, evaluiert und angeblich Qualität analysiert, die dann oft wiederum an der Quantität, also an der Zahl, gemessen wird. Gezählt werden auch die Dienste der Menschlichkeit. Pflege wird in Module getaktet; die Krankenschwestern in der häuslichen Pflege sind mit Zeiterfassungsgeräten unterwegs. Die halten fest, ob die vorgeschriebenen knappen Zeiten für die Alten eingehalten werden. Waschen, füttern, Windeln wechseln – alles nach Minuten und Sekunden.

 

Steuereinnehmer, Pieter Bruegel, 1566.

 

Das Leben verliert seinen Faden

Menschliche Begegnung wird aufgefressen von der Zähl- und Nachweisbürokratie. Bei der Betreuung von Suchtkranken, von psychisch Kranken und Wohnungslosen werden ,,face-to-face“- Kontakte gezählt, sie müssen von den ,,Betroffenen“ unterschrieben werden, und nur dafür wird gezahlt. In Sozialdiensten, Medizin und Altenpflege ist es so wie auf dem öffentlichen Klo. Dort hängen die Listen aus, auf denen die Reinigungskräfte eintragen müssen, wann sie geputzt haben. Eine solche Erfassung scheint für Ordnung in einer unordentlichen Gegenwart zu sorgen. Sie sorgt aber vor allem für Effizienz und Gewinn. Die heutige Allgegenwart der Erfassung ist Kennzeichen und Symbol für eine Gesellschaft in ihrem Übergang von der festen zur flüchtigen Phase der Moderne: Aus Arbeit wird Leiharbeit, aus dem Beruf werden Jobs auf Zeit, aus dem Leben eine  Aneinanderreihung von Situationen, wechselnden Rollen, Projekten und Episoden.

Arbeit und Leben werden zerlegt in immer kleinere Stücke; stabile Gemeinschaften und soziale Bindungen werden abgelöst von Netzwerken und wechselnden Patchwork-Konstellationen. Früher gab es Identitätszwänge, aber es gab immerhin Identität; diese Identität wird von Flexibilität abgelöst, und Lebensplanung zu einem Wort aus der Vergangenheit. Das Leben von immer mehr Menschen verliert seinen Faden. Daraus resultieren mehr Ängste als aus  den Turbulenzen um  den Euro.

Der Mensch wird, und das macht Angst, dem Geld immer ähnlicher: Geld treibt dahin, ist flüchtig, ballt sich zusammen. Es muss nicht wundern, dass die Flüchtlingsströme den Geldströmen folgen. Die Existenz dieser Flüchtlinge wird allenfalls als Zahl registriert, ihre Geschichte interessiert niemanden.

 

Maria und Josef, Pieter Bruegel, 1566.

 

Große Geschichten vom Alltag kleiner Leute

Leben wird aber nicht durch Zahlen erfasst, sondern durch Erzählung beschrieben. Eine Lebensgeschichte ist nicht Addition und Subtraktion bestimmter Zahlen und Daten, sondern Erzählung des nicht Be- und Verrechenbaren. Die Weltreligionen wissen davon. Sie stellen den  Menschen große Geschichten bereit, in die sie ihre kleinen Lebensgeschichten einschreiben können. Es sind dies  allgemein anerkannte Grunderzählungen, in denen die Menschen ihre eigenen Lebenserzählungen miterzählt wissen. Diese großen Geschichten, in der Bibel heißen sie oft Gleichnisse, handeln vom Alltag kleiner Leute, die dem Leben  der Bedeutungslosen Bedeutung geben und dabei Krankheit, Verlorenheit, Angst, Verzweiflung und Tod nicht auslassen.

Die Weihnachtsgeschichte ist ein Beispiel. Sie ist Ouvertüre zu vielen anderen Geschichten, in denen gespeist, gerettet, geheilt und von den Toten auferweckt wird. Es sind Hoffnungsgeschichten. Jahrhundertelang haben sich die Menschen darin wiedergefunden. Das funktioniert nicht mehr so richtig, nicht nur wegen der Säkularisierung. Auch deshalb, weil die Menschen in der getakteten Welt das Erzählen und Zuhören verlernt haben. Um zu erzählen, braucht man ein Gegenüber, das die Geschichte hören will und sich die Zeit nimmt. Mit dem Erzählen beginnt die Gegengeschichte zur flüchtigen Moderne, beginnt der Widerspruch. Erzählen schützt davor, im Gefühl der Sinnlosigkeit zu versinken. Erzählen heilt. Zuhören auch. Man nimmt dabei den  anderen wahr – als Mensch, nicht als Gefahr. Das ist Weihnachten.

 

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch „Alt. Amen. Anfang“. Zuerst erschien er in der Süddeutschen Zeitung.


Das Buch

Kinder sind unsere Zukunft – das hört man in der Politik jeden Tag; aber: Auch die Alten sind »unsere Zukunft«. Denn unsere Zukunft ist das Alter. Menschen, die ein Leben lang gerackert haben und es jetzt nicht mehr können, gelten als Infragestellung dessen, was für normal gehalten wird: Leistung, Fitness, Produktivität. Ein System aber, das nicht in der Lage ist, sich um die Alten zu kümmern, ist selber dement. Der Respekt vor den Kindern und der Respekt vor den Alten gehört zusammen. Gehört es nicht zu diesem Respekt, dass Alte auch in Ruhe alt, auch sehr alt, werden dürfen?

 

„Alt. Amen. Anfang.“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage