Happy Birthday, Mister Marx!

Am 5. Mai 2018 wäre Karl Marx 200 Jahre alt geworden. Ilona Jerger erzählt von der Suche nach „ihrer“ Marx-Figur für den Roman „Und Marx stand still in Darwins Garten“ und beleuchtet, warum der Begründer des Kommunismus Darwin so dringend brauchte.


Foto: © Montecruz Foto I CC BY-SA 2.0

Marx Paradies! Genau so steht es in ziemlich großen Lettern in einem der Notizbücher, die meine Arbeit am Roman „Und Marx stand still in Darwins Garten“ begleitet haben. Ich kritzelte es an dem Tag hinein, als mir klar wurde, dass Karl Marx Einzug in meine Geschichte halten würde. Es war ein Festtag, denn ich wusste nicht nur, dass er sich seitwärts hinein geschlichen hatte, sondern plötzlich auch, warum. Das Kribbeln kann ich noch heute spüren und es ist sicher der Grund dafür, warum ich damals keinen ordentlichen Satz zustande brachte.

Ursprünglich sollte mein Buch ein Roman über Charles Darwin werden, da mich dessen schuldhafte Verstrickung seit langem umgetrieben hatte. Denn ausgerechnet einem Mann, der in Cambridge Theologie studierte, Priester werden wollte und eine tief gläubige Frau heiratete, fiel die Rolle zu, uns Menschen den Schöpfer zu rauben. Darwins Naturbeobachtungen an Rankenfußkrebsen, an Tauben und Regenwürmern hatten ihm einen Strich durch seine Lebensplanung gemacht, weil er dabei jene grandiose Verwandlungsmaschine entdeckte, die immer neue Arten schafft: jene ganz und gar materialistisch funktionierende, von Zufällen gesteuerte Evolution. 

Bei den Recherchen war mir aufgefallen, dass Marx 1873 Darwin ein Exemplar von Das Kapital geschickt hatte. Das Buch, das heute noch in Darwins Arbeitszimmer steht, trägt die Widmung: „Mr. Charles Darwin von seinem aufrichtigen Verehrer Karl Marx“. Warum schickt ein linker Revolutionär einem Naturforscher seine Analyse des Kapitalismus? Ich begann nach einer Antwort zu suchen, die mehr hergeben sollte, als dass der in jener Zeit wenig beachtete Marx nach Anerkennung durch den bereits weltberühmten Biologen lechzte.

Schnell hatte ich Belege gefunden, dass Marx Darwins Werk „Die Entstehung der Arten“ mit Interesse gelesen hatte und sofort verstand, dass das, was da geschrieben stand, den Blick auf die Welt für immer verändern würde. Nach der Lektüre schreibt er an Friedrich Engels, es handle sich um die „naturhistorische Grundlage unserer Ansicht“; an Ferdinand Lassalle formuliert er: „Sehr bedeutsam ist Darwins Schrift und paßt mir als naturwissenschaftliche Unterlage des geschichtlichen Klassenkampfes … Trotz allem Mangelhaften ist hier zuerst der Teleologie in der Naturwissenschaft …  der Todesstoß gegeben“.

Tatsächlich herrscht in Darwins Welt der blinde Zufall, es gibt kein Ziel, keine zweckmäßige Ordnung, keine göttliche Vorsehung, keine Schöpfung und auch kein Paradies, auf das alles hinsteuert. Salopp gesagt war Marx von diesem Tritt gegen die Religion begeistert. Denn nur wer sich nicht auf den Lohn im jenseitigen Paradies vertrösten lässt, kämpft für ein gerechtes Leben im Diesseits. Marx hatte schon früher zum Ausdruck gebracht, wie sehr er das Duckmäuserische verachtete, das die Kirchen seiner Meinung nach förderten. 1847 schreibt er in der Deutsch-Brüsseler-Zeitung: „Die sozialen Prinzipien des Christentums haben die antike Sklaverei gerechtfertigt, die mittelalterliche Leibeigenschaft verherrlicht und verstehen sich ebenfalls im Notfall dazu, die Unterdrückung des Proletariats, wenn auch mit etwas jämmerlicher Miene, zu verteidigen. Die sozialen Prinzipien des Christentums predigen die Notwendigkeit einer herrschenden und einer unterdrückten Klasse und haben für die letztere nur den frommen Wunsch, die erstere möge wohltätig sein … Die sozialen Prinzipien des Christentums sind duckmäuserisch, und das Proletariat ist revolutionär.“

Ironischerweise ersetzt Marx jedoch die göttliche Zielgerichtetheit, deren Abschaffung ihn diebisch freute, durch eine menschengemachte. Auch für ihn gibt es nur EINE Lösung: den Kommunismus. Und nur den EINEN Weg dorthin: die Revolution. Und nur den EINEN Erlöser, der es richten kann: das mutige Proletariat. Marx wird so zum Stifter einer weltlichen Religion. Nicht umsonst nennt Engels Das Kapital „die Bibel der Arbeiterklasse“.

Wie kann es sein, dass dieser geniale Analytiker des Systems ‚Kapitalismus’, in derart einseitige, jede Flexibilität und Vielfalt an Möglichkeiten leugnende, fast möchte man sagen, monomane Bahnen abdriftete, wenn es um die Veränderung der falschen „sozialen Prinzipien“ geht?

Ich begann, neben seinen Briefen und einigen Werken, Marx-Biografien zu lesen. Bald drängte sich mir die Sicht auf, dass die Strukturen für seinen diesseitigen Messianismus in seinen tief religiösen jüdischen Wurzeln zu suchen sind. Marx stammt väterlicher- wie mütterlicherseits von Rabbiner-Familien ab. Mit sechs Jahren wurde er jedoch getauft, sein Vater schon einige Jahre zuvor. 1819, im Jahr nach Karls Geburt, hatte sich die antisemitische Stimmung im Deutschen Bund immer mehr Luft gemacht. In vielen Städten war es zu gewalttätigen Ausschreitungen gegen Juden gekommen – unter den Rufen von „Hep! Hep! Jude verreck’!“ Da Karls Vater als Jude keine Anwaltskanzlei hätte führen dürfen, hatte er nicht die Wahl. Jurist Heschel konvertierte und wurde zu Heinrich. Karls Mutter Henriette konnte sich erst später zur Taufe durchringen, blieb jedoch ihr Leben lang die fromme Rabbinertochter, die sie immer gewesen war. Nichts hätte sie lieber gesehen, als dass auch ihr Sohn Rabbi geworden wäre.

Flüstert einem da nicht die Intuition ein, dass der Spross einer jahrhundertealten Rabbinerfamilie doch noch einen Weg gefunden hat, den Menschen das Heil zu verkünden? Sogar sein auserwähltes Volk hat er gefunden: das Proletariat, das den historischen Auftrag hat, die Menschheit für immer von der Fron zu befreien.

Nachdem ich einmal die alttestamentarische Brille aufgesetzt hatte, erkannte ich eine ganze Reihe von Parallelen. Marx wird geradezu zu Moses – nicht nur wegen seines biblischen Barts. Während Moses sein Volk aus der Knechtschaft der Ägypter führt, führt Marx sein Volk aus der Knechtschaft der Bourgeoisie. Es ist, als transponiere Marx, dieser Prophet der Moderne, Textstellen der Heiligen Schrift. Etwa diese als Beschreibung des ungezügelten Manchester-Kapitalismus seiner Zeit: „Und sie hielten die Kinder Israel wie einen Gräuel. Und die Ägypter zwangen die Kinder Israels zum Dienst mit Unbarmherzigkeit und machten ihnen ihr Leben sauer mit schwerer Arbeit in Ton und Ziegeln und mit allerlei Frönen auf dem Felde und mit allerlei Arbeit, die sie ihnen auflegten mit Unbarmherzigkeit.“ Oder diese als Beschreibung der sozialistischen Zukunft: „Und der Herr sprach: Ich habe gesehen das Elend meines Volkes in Ägypten und habe ihr Geschrei gehört über die, so sie drängen; ich habe ihr Leid erkannt und bin herniedergefahren, dass ich sie errette von der Ägypter Hand und sie ausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt.“

Nicht nur, dass Marx derlei Inhalte übersetzt und transformiert, er schlägt auch immer wieder mit bildgewaltigen Sätzen einen biblischen Ton an und zitiert Begriffe und Szenen aus der Bibel. Diese Anklänge finden sich nicht nur in Briefen und Artikeln oder im Kommunistischen Manifest, dem politischen Programm der Revolutionäre, das Marx und Engels 1848 schrieben, sondern auch im „Kapital“. Da spricht er vom „ununterbrochenen Opferfest der Arbeiterklasse“ oder, wenn er die Akkumulation des Kapitals geißelt, von Adams Biss in den Apfel und der Erbsünde. Da ist die Rede von einer „Martyrologie der Produzenten“ und oft von Propheten. Es gibt Abschnitte mit Titeln wie: „Genesis der kapitalistischen Pächter“ oder er spricht vom „großen herodischen Kinderraub“, als er den oft tödlichen Missbrauch von Kindern aus Armen- und Waisenhäusern in der Industrie geißelt.

Er, der wirtschaftliche Prozesse analysiert, wird regelrecht übermannt von religiöser Metaphorik. Dass dem Wissenschaftler, der kühlen Kopfes nach den „ökonomischen Bewegungsgesetzen der Gesellschaft“ suchen will, Herkunft und Psyche ein Schnippchen schlagen, könnte man als seine persönliche Dialektik verstehen. Sogar als er den Begriff der Arbeit fassen wollte, konnte er von Gott die Feder nicht lassen und schrieb: „Du sollst arbeiten im Schweiße deines Angesichts! war Jehovas Fluch, den er Adam mitgab“.

Selbst wer die vielen Anspielungen auf Religiöses als Persiflage versteht, kommt nicht umhin, darin eben doch die tiefe Verbundenheit mit seiner Herkunft zu erkennen. Der Atheist Marx blieb den Ahnen, diesen herausragenden Gelehrten und Oberhäuptern von Talmudschulen, die alte Schriften studierten, auch insofern treu, dass er jahraus, jahrein im Lesesaal des British Museum saß und las, was vor ihm geschrieben worden war. Nie interessierte ihn ein Brotberuf, mit dem er seine Familie hätte ernähren können. Nie setzte der promovierte Philosoph auch nur einen Schritt in eine Fabrik. Feldstudien waren ihm fremd, er führte das Leben des Schriftgelehrten. Tausende Bücher und Zeitschriften exzerpierte er aufs Gründlichste und hinterließ riesige geschnürte Ballen mit schier unleserlichen Notizen.

Marx Paradies! Ich hatte meine Geschichte gefunden. Ein verhinderter Priester, nämlich Darwin, und ein verhinderter Rabbi, nämlich Marx, wurden zu den epochalen Religionszertrümmerern des 19. Jahrhunderts – verbunden durch das Paradies: Während Darwin das jenseitige als Kollateralschaden seiner Naturforschung notabene abschaffte, verkündete es Marx auf Erden. 


Das Buch 

England, 1881. Zwei bedeutende Denker leben nur wenige Meilen voneinander entfernt: Charles Darwin in einem Pfarrhaus in Kent und Karl Marx mitten in London. Beide haben mit ihren Werken die Welt für immer verändert, beide wissen es und sind stolz darauf. Und doch leiden sie unter Schlaflosigkeit und Melancholie: Darwin hat den Schöpfer abgeschafft, fühlt sich missverstanden und forscht inzwischen still am Regenwurm. Marx wartet auf die angekündigte Revolution, grollt der Welt und kommt über Band 1 von Das Kapital nicht hinaus. Eines Abends begegnen sie sich bei einem Dinner…

„Und Marx stand still in Darwins Garten“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage