Hannes Köhler: Von Weite und Verlorenheit

Auf den Spuren der deutschen Kriegsgefangenen in den USA während des Zweiten Weltkriegs reiste Hannes Köhler zwei Monate durch Amerika. In Archiven, Museen und an Ausgrabungsorten stieß er auf zahlreiche Geschichten, die sein Schreiben entscheidend beeinflussten. Daraus entstanden ist der Roman „Ein mögliches Leben“ über einen deutschen Soldaten, der 1944 im texanischen Camp Hearne lebte und erst im hohen Alter, gemeinsam mit seinem Enkel, an den Ort seiner Gefangenschaft zurückkehrt. Wie sich Recherche und eigene Reiseerfahrungen in den Roman eingeschrieben haben, erzählt Hannes Köhler hier. 

„DIE ENTSCHEIDUNG FIEL ZUGUNSTEN DER UNVERNUNFT, ZUGUNSTEN VON ZWEI MONATEN ON THE ROAD.“ © HANNES KÖHLER

Es gibt diesen Moment, die Reise ist schon mehr als zwei Wochen alt, als alles zugleich greifbarer und irrealer wird. Die letzten Tage haben meine Freundin und ich unter den Neonröhren der Weber State Library in Ogden verbracht und kistenweise Dokumente gesichtet, abfotografiert, Notizen gemacht, uns mit der Leiterin der Sonderabteilung unterhalten. Und als wir nach Überresten fragten, irgendwelchen Spuren dieses ehemaligen Camps, in dem Deutsche und Italiener als Prisoners of War in den 40ern mitten in Utah lebten, da verneinte unsere Gegenüber erst, zögerte doch, lief in ihr Büro, tippte auf ihrer Tastatur herum und rief uns zu sich. „Abby of Our Lady of The Holy Trinity“ stand auf der Webseite, in hässlich grüner Schrift, dazu ein paar Fotos von Mönchen auf Feldern oder im Gebet. Die Bibliothekarin deutete auf den Bildschirm. „Die Mönche haben damals Teile der Baracken abgetragen, um ihr Kloster zu errichten“, sagte sie.

Und so biegen wir zwei Stunden später, unter einer satten Spätnachmittagssonne in eine kleine Schotterstraße ein, die uns einen sanften Hügel hinaufführt, unter den Bäumen einer Allee entlang, bis zum Vorplatz der kleinen Holzkirche. An der Kirche selber erkennt man es nicht; zu neu, zu gepflegt sieht sie aus. Aber auf der anderen Seite des Platzes liegen die Arbeits- und Wohnbaracken, an denen die weiße Farbe abblättert, denen man ihr Alter ansieht. Da sind sie: die Gebäude aus den Fotos, die Baracken, von denen wir in der Lagerzeitung und in den Briefen der Kriegsgefangenen gelesen haben, sie liegen vor uns, über 60 Jahre später, davon sind wir in diesem Moment überzeugt. Dahinter, auf den Feldern, Männer in Mönchskutten auf Traktoren, andere in der Entfernung dabei Tiere in einen Stall zu führen. Alles wirkt vertraut aus den Schwarz-Weiß-Aufnahmen und gleichzeitig fremd und unwirklich. Einige Jahre später werde ich in einem Artikel, der von der Schließung des Klosters berichtet, darüber lesen, dass die Baracken schon in den 50ern ausgetauscht wurden, dass wir vermutlich keine alten Wohnstätten der Kriegsgefangenen mehr gesehen haben. Aber an diesem Nachmittag im Sommer 2013 ist die Illusion perfekt, ein Bild, von dem ich in diesem Moment weiß, dass ich genau dafür in die USA geflogen bin.

CAMP-BARACKEN AM KLOSTER IN ODGEN. © HANNES KÖHLER

Als für mich im Frühjahr 2013 die Frage immer dringender wurde, ob ich mein Erspartes tatsächlich für eine Recherchereise auf den Kopf hauen würde, von der ich nicht wusste, ob sie jemals zu einem Roman führen würde, war es am Ende genau das, was den Ausschlag gab: diese Gewissheit, dass ich einen Text, der zu großen Teilen in den USA spielen wird, nicht würde schreiben können, ohne dort gewesen zu sein. Weil es mir an Quellen fehlte, aber auch an Eindrücken. Ich glaube durchaus nicht, dass man nur schreiben kann, was man selber gesehen und erlebt hat. Aber diese dreifache Distanz, zeitlich, räumlich und auch textlich, weil nur ein paar historische Monographien mit einer Handvoll Fotos auf meinem Schreibtisch lagen, hatte es bis hierhin unmöglich gemacht diesen Text über die deutschen Kriegsgefangenen in den USA zu schreiben. Im Sommer 2011 hatte ich mich, nach Erscheinen meines ersten Romans, das erste Mal daran herangewagt, damals noch überzeugt davon, ihn ganz aus den familiären Mythen und Erzählungen kreieren zu können. Zwei Jahre später fiel die Entscheidung zugunsten der Unvernunft, zugunsten von zwei Monaten On the Road.

DAS TAL VON ODGEN. © HANNES KÖHLER

Nach einigen Tagen der Akklimatisierung in Los Angeles, einer Fahrt nach San Francisco und einer eher unergiebigen Recherche im „Military Museum Sacramento“ (wenn da nicht dieser eine Brief gewesen wäre, mit einer Geschichte über einen verlorenen Finger), durchquerten wir zuerst den trockenen, felsigen Norden Nevadas und die große Salzwüste im Westen Utahs, um uns anschließend in Ogden, einer kleinen, grünen Universitätsstadt nördlich von Salt Lake City, das erste Mal am Ort eines ehemaligen Lagers in die Quellen zu vertiefen. Und auch wenn all diese Texte und Fotos im Nachhinein beim Schreiben des Romans außerordentlich hilfreich waren, so ist es doch vor allem dieses sonderbare, ärmliche Kloster gewesen, das mir in Erinnerung geblieben ist. Dass dieser Ort sich am Ende auch im Roman wiederfindet, ist sicherlich kein Zufall, ebensowenig wie die Entscheidung, Ogden zum Ort für den zweiten Aufenthalt meines Protagonisten Franz in einem Lager zu machen. Franz, ein junger deutscher Soldat, gerät kurz nach dem D-Day 1944 in amerikanische Gefangenschaft und verbringt diese in verschiedenen Lagern der USA. Die Entscheidung für Ogden hatte zur Folge, dass ein anderer Ort, den wir gegen Ende der Reise besichtigten und an dem es ebenfalls eine Fülle an Quellen zu lesen und abzufotografieren gab, nicht zum Schauplatz dieses Romans wurde: Aliceville, Alabama. Aber vor allem viele der Zeichnungen und Tagebuch-Einträge, die es dort im kleinen, örtlichen Museum zu lesen gab, haben ihren Weg in den fiktionalen Text gefunden.

ZEICHNUNGEN AUS DEM TAGEBUCH EINES DEUTSCHEN KRIEGSGEFANGENEN, DAS DIESER NACH SEINER RÜCKKEHR NACH DEUTSCHLAND DEM KLEINEN MUSEUM IN ALICEVILLE GESPENDET HAT.

ORIGINALGETREUER NACHBAU EINER BARACKE DES CAMP HEARNE. © HANNES KÖHLER

Nie einen Zweifel gab es daran, dass Hearne in Texas der Ort sein würde, an dem Franz sein Leben als Kriegsgefangener in den USA beginnen würde. Unweit dieses kleinen, unscheinbaren Dorfes, in dem man uns an der Tankstelle nicht einmal sagen konnte, wo sich das ehemalige Lager und das dazugehörige Museum befanden – niemand wusste davon! -, fuhren wir plötzlich auf eine Baracke und einen Wachturm zu, originalgetreue Nachbauten anhand erhaltener Pläne. Was fehlte, war jener Effekt des zeitlosen, den uns das Kloster in den Bergen übermittelte, denn hier, im texanischen Kernland, war von Anfang an klar, dass wir es mit einem künstlich geschaffenen Ort zu tun hatten. Was die wenigen Ehrenamtlichen dort in jahrelanger Arbeit auf die Beine gestellt haben, ist um so beeindruckender. Zahlreiche Dokumente und Schaukästen stehen zur Besichtigung zur Verfügung, regelmäßige Veranstaltungen mit Schülern und Studenten und auch, wie im Roman beschrieben, Treffen zwischen ehemaligen POWs und früheren Wächtern, die noch immer in der Gegend leben, werden organisiert. Und vielleicht noch wichtiger: Die Museumsleiterinnen und ihre Helfer kümmern sich, so gut es geht, um den Erhalt all jener archäologischer Ausgrabungsorte, an denen man tatsächliche Überreste des damaligen Lagers besichtigen kann. Meines Wissens ist Hearne einer von weniger als einer Handvoll Orten in den USA, an denen dies möglich ist.

SCHAUKASTEN IM MUSEUM VON HEARNE. © HANNES KÖHLER

Wenn man, bei fast 40 Grad schwüler Hitze, die alten Wege abläuft, an den verrosteten Hydranten entlang, sieht man die Betonfundamente im Grün des Dickichts und steht plötzlich vor einem Kreisrunden Basin, in dessen Mitte noch das Podest jener Engelsfigur steht, die damals von den Deutschen errichtet wurde. Heute gibt es nur noch Fotos von ihr. Man bekommt vor allem einen Eindruck von der Weitläufigkeit dieses Lagers, in dem zu Hochzeiten fast 5000 Deutsche lebten. In Hearne lese ich auch zum ersten Mal die Geschichte eines jungen Deutschamerikaners, die sich später in der Figur des Paul wiederfinden wird, der wichtigsten Bezugsperson für Franz im Lager. Paul, der einst aus Amerika auswanderte, um sich der Wehrmacht anzuschließen, und jetzt desillusioniert zurückkehrt, begegnet Franz bereits auf der Überfahrt von England in die USA. Die enge Freundschaft, die sich zwischen beiden Männern entwickelt, hat sowohl persönlich als auch politisch enormen Einfluss auf Franz.

Für all diese Erfahrungen und Geschichten hat es sich gelohnt in die USA zu fliegen und dieses gigantische Land, von einem kurzen Zwischenflug von Kalifornien bis nach Texas abgesehen, komplett mit dem Auto zu durchqueren. Was aber, ganz unabhängig von einzelnen Orten und Ereignissen am prägendsten war, ist dieses Gefühl der Weite, das uns in den acht Wochen unterwegs immer wieder überkommt, natürlich an Orten wie dem Grand Canyon, aber auch in der Salzwüste, im beeindruckend schönen Süden Utahs, an den Küstenstraßen Kaliforniens oder auf den Autobahnbrücken durch die Sümpfe Louisianas.

 

 

Es ist dieses Gefühl von Freiheit aber auch Verlorenheit, das selbst zwei erfahrene Reisende im Jahr 2013 immer wieder packte, und das für mich im Schreibprozess zu den wichtigsten Erfahrungen für meinen Protagonisten geworden ist. Dieser Gedanke, wie überwältigend all das für einen Achtzehnjährigen gewesen sein muss, der in den 40ern aus der deutschen Enge in dieses Land gerät, wie es ihn aus der Bahn geworfen und verändert haben wird, ganz abgesehen von all den anderen Dingen, die ihm in den Lagern im Konflikt zwischen dem Wunsch nach neuer Freiheit und der Verpflichtung zu alter Verbundenheit mit den Kameraden widerfahren konnten, dieser Gedanke hat mich nicht mehr losgelassen. Wie auch meine Protagonisten fühle ich mich den USA seitdem auf eine besondere Art verbunden, von den aktuell eher schrecklichen politischen Realitäten abgesehen ist der Wunsch da, immer wieder zurückzukehren, an bekannte Orte, aber auch um neue Wege zu entdecken. Nach dem West-Ost-Weg über den Süden, ist da mittlerweile immer öfter eine Stimme zu hören, die fragt, ob nicht der Weg zurück über den Norden auch eine Reise wert wäre. Egal ob mit einem Roman im Kopf oder ohne.

 


Das Buch

Ein Wunsch, den Martin seinem Großvater Franz nicht abschlagen kann: eine letzte große Reise unternehmen, nach Amerika, an die Orte, die Franz seit seiner Gefangenschaft 1944 nicht mehr gesehen hat. Martin lässt sich auf dieses Abenteuer ein, obwohl er den Großvater eigentlich nur aus den bitteren Geschichten seiner Mutter kennt. Unter der sengenden texanischen Sonne, zwischen den Ruinen der Barackenlager, durch die Begegnung mit den Zeugen der Vergangenheit, werden in dem alten Mann die Kriegsjahre und die Zeit danach wieder lebendig. Und endlich findet er Worte für das, was sein Leben damals für immer verändert hatte.

Mit jeder Erinnerung, mit jedem Gespräch kommt Martin seinem Großvater näher, und langsam beginnt er die Brüche zu begreifen, die sich durch seine Familie ziehen. Er erkennt, wie sehr die Vergangenheit auch sein Leben geprägt hat und sieht seine eigene familiäre Situation in einem neuen Licht.

„Ein mögliches Leben“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage

 

Hannes Köhler

Hannes Köhler

Hannes Köhler, geboren 1982 in Hamburg, lebt als freier Autor und Übersetzer in Berlin. Studium der Neueren deutschen Literatur und Neueren/Neuesten Geschichte in Toulouse und Berlin. 2011 erschien der Debütroman „In Spuren“ (mairisch). Hannes Köhler war u.a. Teilnehmer der Prosawerkstatt im LCB, Stadtschreiber in Kitzbühel, Stipendiat der Stiftung Preußische Seehandlung und des Goldschmidt-Programms für deutsch-französische Literaturübersetzung. Für „Ein mögliches Leben“ unternahm er eine zweimonatige Recherchereise in die USA und führte zahlreiche Zeitzeugengespräche.

Foto: © Gerald von Foris

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