Der Tod der Lebensversicherung

Die klassische Lebensversicherung war der Deutschen liebstes Anlageprodukt, heute ist sie am Ende. Wie konnte es so weit kommen? Sven Enger, jahrelang selbst in Führungspositionen der Versicherungsbranche tätig, beleuchtet die Gründe des Niedergangs und die Folgen für die Versicherten.

Sven Enger: „Ihre Altersvorsorge ist akut in Gefahr.“

 

Es ist noch gar nicht so lange her, da galt in jeder Familie die kapitalbildende Lebensversicherung als beste und sicherste Empfehlung für die private Altersvorsorge. Der Großvater hatte eine Police abgeschlossen, der Vater hatte eine, also auch der Sohn. Der Vertrag war einfach abzuschließen (der Versicherungsvertreter kam zu den Kunden nach Hause – Herr Kaiser lässt grüßen), versprach eine hohe Rendite und galt im Gegensatz zu Aktien als bombensicher und ohne Risiko (was gerade die Deutschen doch so schätzen).

Die klassische Lebensversicherung war und ist für die meisten Menschen der wichtigste Baustein der privaten Altersvorsorge –  was gerade in Zeiten, da die gesetzliche Rente nicht mehr ausreicht, wichtig ist. Sie ist unverzichtbar bei der Risikoabsicherung und als Sicherheit für Kredite, etwa um eine Immobilie zu finanzieren. Doch inzwischen ist sie zur Gefahr für den Wohlstand der Versicherten geworden. Ihre Altersvorsorge ist akut in Gefahr. Warum? Die einst versprochenen Renditen lösen sich in Luft auf, weil viele Versicherer sie nicht mehr erwirtschaften können. Als Kunde bekommt man heute bei weitem nicht mehr das, was von den Versicherern bei Vertragsabschluss versprochen wurde. Ein schwerer Schlag für alle, die ihre Lebensplanung und ihren Ruhestand darauf aufgebaut haben.

Die einst versprochenen Renditen lösen sich in Luft auf, weil viele Versicherer sie nicht mehr erwirtschaften können. Als Kunde bekommt man heute bei weitem nicht mehr das, was von den Versicherern bei Vertragsabschluss versprochen wurde.

Warum spitzt sich gerade jetzt die Lage für die Lebensversicherungsbranche und damit für ihre Kunden zu? Gegenwärtig kommen mehrere Faktoren zusammen, die jeder für sich gefährlich genug wären, in ihrer Kombination aber kaum zu bewältigen sind.

Am 1. Januar 2005 wurde das Steuerprivileg von Kapitallebensversicherungen weitgehend aufgehoben. Zahlungen aus Verträgen, die nach dem 31. Dezember 2004 abgeschlossen wurden, wurden nun steuerpflichtig. Als diese Vorgaben Mitte 2004 bekannt wurden, entstand ein regelrechter Run auf die Kapitallebensversicherung. Die Versicherer mussten Tapeziertische in den Fluren aufstellen, um waschkörbeweise Anträge zu bearbeiten. Die damals abgeschlossenen Policen werden nun sukzessive fällig, was die Unternehmen gehörig unter Druck setzt. Um die Liquidität zu sichern, wurden bereits umfangreiche Sparmaßnahmen ergriffen und Tausende Mitarbeiter entlassen. Der Liquiditätsbedarf wird in den kommenden Jahren aber noch weiter steigen, wenn die Policen der Babyboomer-Generation in die Auszahlungsphase kommen.

Dieser Liquiditätsbedarf ist in einer Phase anhaltend niedriger Zinsen problematisch, denn die Unternehmen erzielen mit ihren Anlagen inzwischen nur noch eine Rendite, die noch unter der liegt, die an die Kunden ausgezahlt werden muss. Wenn einige Versicherer nun zusätzlich Wertpapiere und Beteiligungen, die noch eine nennenswerte Verzinsung aufweisen, veräußern müssen, um den aktuellen Kapitalbedarf zu decken, werden sie hierfür künftig keinen adäquaten Ersatz mehr finden. Ohne Zinserträge aber ist ihr Geschäftsmodell praktisch perdu.

Jeder Faktor für sich kommt schon einem realen Stresstest für die Versicherer gleich. Aber so sehr die Risk Manager und Aktuare – das sind die vom Vorstand bestellten Versicherungsmathematiker, die unter anderem die für die Zukunft erforderlichen Deckungsrückstellungen kalkulieren – auch rechnen werden, für einige Unternehmen wird der Crash nicht abzuwenden sein.

Die Versicherer selbst klagen immer wieder über die niedrigen Zinsen. Vor allem EZB-Chef Mario Draghi steht unter Beschuss: Seine Nullzinspolitik helfe zwar, Staatspleiten zu verhindern, aber auf Kosten der Sparer (und natürlich auf Kosten der Versicherer …). Sie waschen ihre Hände in Unschuld. Richtig ist: Die niedrigen Zinsen sind ein wirkmächtiger Faktor. Richtig ist aber auch: Sie bieten keine hinreichende Erklärung für die Krise der Branche.

Die Lebensversicherer haben selbst am meisten dazu beigetragen, dass sie heute in ihrer Existenz bedroht sind.

Denn der Kollaps, der hier droht, ist kein unvorhergesehener, plötzlicher und „unverschuldeter“ Zusammenbruch eines an sich gesunden Systems. Nein, die Lebensversicherer haben selbst am meisten dazu beigetragen, dass sie heute in ihrer Existenz bedroht sind. Jahrelang haben es die Versicherer versäumt, ein effizientes Kostenmanagement zu installieren. Frische Einnahmen wurden durch hohe Provisionen und ein absurdes Belohnungssystem massenhaft vernichtet – die berühmten Lustreisen sind da nur die Spitze des Eisbergs. Ein enormer Verkaufsdruck hat die Beratungsqualität erodieren lassen, und die Chancen der Digitalisierung blieben bislang weitgehend ungenutzt. Vor allem wurde das Gründungs- und Grundprinzip der Branche, eine Solidar- und Schutzgemeinschaft der Versicherten zu sein, von einer überbordenden Vertriebsmaschinerie zermalmt und ist zunehmend einer reinen Umsatzorientierung gewichen.

In der Versicherungsbranche interessiert der Kunde wenig. Es geht beim Vertragsabschluss nicht um den Kunden und auch nicht bei einer Vertragsverlängerung. In den 23 Jahren, die ich in der Branche tätig war, hat mich nie ein Mensch nach dem Wohlergehen des Kunden gefragt. Die Angebote der Versicherer haben sich gerade in den letzten Jahren immer weiter von den Bedürfnissen und den Erwartungen ihrer Kunden entfernt. Das hat Vertrauen zerstört, führte zu immer weniger Neuabschlüssen und bedroht nun die Lebensversicherung als solche und damit die private Altersvorsorge von Millionen Menschen.

In den 23 Jahren, die ich in der Branche tätig war, hat mich nie ein Mensch nach dem Wohlergehen des Kunden gefragt.

Das Geschäft mit der klassischen Lebensversicherung haben die meisten Versicherer inzwischen aufgegeben, es rentiert sich für sie schlicht nicht mehr. Damit die defizitäre Lebensversicherungssparte nicht das gesamte Unternehmen mit in den Abgrund reißt, beginnen einige die Altverträge in eigenständige Gesellschaften auszulagern. Andere verkaufen die Verträge über die Köpfe der Versicherten hinweg an spezialisierte Abwicklungsfirmen, sogenannte Run-off-Gesellschaften, die mit den Lebensversicherungen von der Resterampe Geschäfte machen wollen. So landen viele der von den Bürgern besparten Policen auf der „Müllkippe“ der Versicherungsindustrie. Werden die Policen ausgelagert, wird das Problem aber nicht gelöst, sondern nur verlagert. Am Ende droht den Versicherten gar der Verlust ihrer gezahlten Beiträge. Denn die Finanzaufsicht kann in Krisenfällen sogar Versicherungssummen und Verzinsung herabsetzten. Wenn es hart auf hart kommt, existiert also nicht einmal mehr der Garantiezins.

Rutscht ein Lebensversicherer aufgrund von Liquiditätsengpässen in die Pleite, gibt es zwar noch die von den Unternehmen der Branche finanzierten Auffanggesellschaft „Protektor“, doch deren Rücklagen reichen höchstens aus, um kleine oder mittlere Versicherer zu retten. Erwischt es einen oder mehrere Große, kippt das ganze System. Dann muss die Gemeinschaft aller Kunden bluten. Ein Crash ist heute nicht unwahrscheinlich. Die Frage ist nicht, ob er kommt, sondern wann.

Dann wird es als Erstes die vielen „normalen“ Versicherten treffen, die schon heute am Ende der Vertragslaufzeit kaum mehr herausbekommen, als sie eingezahlt haben. Ihnen droht im Extremfall der Totalverlust ihrer Ersparnisse und damit ein Abrutschen in Altersarmut.

Ein Crash ist heute nicht unwahrscheinlich. Die Frage ist nicht, ob er kommt, sondern wann.

Bleibt ein Ausweg? Ja, wenn die Unternehmen gemeinsam mit der Politik die richtigen Schlüsse ziehen. Die Versicherungsbranche muss sich grundlegend reformieren und ihre Kunden wieder ernst nehmen. Die Politik muss das marode System der Altersvorsorge endlich neu und zeitgemäß gestalten. Beides haben die Bürgerinnen und Bürger, die Kunden der Versicherer, aber nicht in der Hand.

Für sie kann die Krise lediglich bedeuten, nicht blind ins Verderben zu laufen und sich aktiv mit dem Thema Altersvorsorge auseinanderzusetzen. Mir scheint, als bliebe nur eine Möglichkeit: Das tote Pferd nicht mehr weiter reiten und die bestehende Lebensversicherung kündigen. Aus dem System aussteigen. Denn bei den allermeisten Anlagemodellen ist das Geld für den Ruhestand besser aufgehoben als bei den Lebensversicherern.


Das Buch

Fast alle Menschen verlassen sich bei ihrer Altersvorsorge auf ihre Lebensversicherung. Doch die Lebensversicherer erwirtschaften nicht mehr die notwendige, so dass die Altzusagen an die Versicherten nicht bedient werden können. Vor unseren Augen werden die ersten Auffanggesellschaften gegründet. Das Geschäftsmodell Lebensversicherung kollabiert. Die meisten der rund 90 Millionen laufenden Lebensversicherungsverträge werden nicht wie versprochen ausgezahlt. Vielen Versicherten drohen herbe Verluste bis hin zur Altersarmut.

Sven Enger, selbst jahrelang CEO in der Versicherungsbranche, deckt die Hintergründe des Zusammenbruchs auf und legt dar, warum trotz der bedrohlichen Faktenlage der absehbare Kollaps von den dafür verantwortlichen Versicherern und von staatlichen Institutionen beharrlich verschwiegen wird. Und er zeigt auf, wie die private Altersvorsorge zukünftig wieder besser funktionieren kann.

„Alt, arm und abgezockt“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage