Der Mythos vom starken Führer in Russland

Am 18. März wählt Russland einen neuen Präsidenten. Auch wenn sieben weitere Kandidaten gegen Wladimir Putin antreten, besteht doch kein Zweifel an seinem Sieg. Warum die russische Neigung zu starken Führerfiguren nicht überraschend ist, erklärt der emeritierte Oxford-Historiker Archie Brown. Er hat sich eingehend mit dem Mythos vom starken Führer befasst und weiß, dass politische Kultur vor allem auf langjähriger historischer Erfahrung beruht. Ein politisches System, in dem die Macht verteilt wurde, hat die Mehrheit der Russen nur für sehr kurze Zeit  erlebt.

 


Original „make everything great again“ Graffiti mit Urhebern Mindanaugas Bonanu und Dominykas Čečkaukas von CategoryV   CC BY-SA 4.0


In den heutigen Demokratien muss man nicht lange nach Menschen suchen, die sich nach einem »starken Führer« sehnen. Und in Ländern, die sich von der Demokratie abkehren, sind »starke Männer« eifrig damit beschäftigt, ihre Macht zu festigen. In den letzten Jahren wurden die großen Demokratien von gravierenden inneren Konflikten erschüttert und mit großen äußeren Herausforderungen konfrontiert. In solchen Zeiten wirkt die Vorstellung verlockend, man müsse nur den richtigen politischen Führer finden, eine heroische Figur, die alle Probleme resolut in Angriff nehmen wird.

Kaum ein Land kennt die vom Führerprinzip ausgehende Gefahr besser als Deutschland. Die schlimmen Erfahrungen in der Zwischenkriegszeit und im Zweiten Weltkrieg und die positive Entwicklung von Wirtschaft, politischer Kultur und Bildung seit dem Krieg haben die deutschen Bürger besonders gut darauf vorbereitet, dem Mythos des starken Führers zu widerstehen. Doch selbst in Deutschland ist die Zahl derer, die es für vorteilhaft halten, von einem »starken Führer« regiert zu werden, der nicht auf die Zustimmung des Parlaments und der Bevölkerungsmehrheit angewiesen ist, in den letzten Jahren deutlich gewachsen (1). Ähnliches ist in vielen anderen Ländern zu beobachten, zum Beispiel in den Vereinigten Staaten und – was weniger überraschend ist – in Russland und der Türkei. 

Es überrascht, dass autoritäre Neigungen und der Mythos vom starken Führer in den Vereinigten Staaten auf dem Vormarsch sind. Hingegen war durchaus zu erwarten, dass dieser Mythos in Russland zu neuem Leben erwachen würde. Georgi Schachnasarow, ein enger Berater Michail Gorbatschows, erklärte: »In Russland bewundern die Menschen seit jeher strenge Herrscher, ja sie lieben sie sogar« (2). Das jüngste Beispiel für diese Haltung: Als Russlands führendes unabhängiges Meinungsforschungsinstitut Lewada im Jahr 2017 russische Bürger bat, die zehn herausragenden Persönlichkeiten der Weltgeschichte zu nennen, landete Josef Stalin (nicht zum ersten Mal) auf dem ersten Rang. 38 Prozent der Befragten zählten den sowjetischen Diktator zu den bedeutendsten Menschen der Geschichte.

Den zweiten Rang teilten sich Wladimir Putin und der russische Nationaldichter Alexander Puschkin (beide wurden von 34 Prozent der Befragten in die Liste aufgenommen) (3). Diese Resultate decken sich mit dem Weltbild Wjatscheslaw Nikonows, eines einflussreichen russischen Politikers: Stalin, Putin und Puschkin zählen zu der eigenwilligen Auswahl von Dichtern, Politikern und Militärs, die er zitiert, um Russlands Sonderrolle zu begründen. Er beruft sich auch auf seinen Großvater Wjatscheslaw Molotow, der Stalins rechte Hand war (4)

Die Meinungsforscher von Lewada stellen den russischen Bürgern seit der Spätphase der Perestroika alljährlich dieselbe Frage. Im Jahr 1990 nahm noch Wladimir Iljitsch Lenin den Spitzenrang ein (er wurde von 68 Prozent der Befragten genannt), gefolgt von Karl Marx (36 Prozent), Peter dem Großen (32 Prozent) und Michail Gorbatschow, der zu jener Zeit die lebende Person mit der größten Zustimmung war (22 Prozent). Stalin wurde damals nur von einem verhältnismäßig kleinen Teil der Befragten genannt (15 Prozent) (5). Marx war die wichtigste Ausnahme von ausgesprochen russozentrischen Antworten – die im Lauf der Jahre noch russozentrischer geworden sind. Während der Perestroika wurde die russische Öffentlichkeit über zahlreiche Verbrechen Stalins aufgeklärt, aber im postsowjetischen Russland kritisieren die Massenmedien Gorbatschow sehr viel härter als Stalin. Das ist einer der Gründe dafür, dass die Beliebtheit des ersten ebenso deutlich gesunken ist wie die des zweiten zugenommen hat. 

Der Personenkult um Wladimir Putin im heutigen Russland ist nicht mit dem um Stalin vergleichbar, aber er ist allgegenwärtig. Mittlerweile ist es unmöglich, im Fernsehen Kritik an Putin zu üben, und es gibt nur noch wenige unabhängige Printmedien. Russland hat einen autoritären Weg eingeschlagen, obwohl das politische System noch pluralistische Elemente enthält: Der politische Wettbewerb und die Meinungsvielfalt in den Massenmedien sind im Vergleich zu den letzten Jahren der Gorbatschow-Zeit stark eingeschränkt, aber der Pluralismus ist immer noch sehr viel deutlicher ausgeprägt als in der Sowjetunion vor der Perestroika. Der Mythos des starken Führers ist in der russischen Gesellschaf tief verwurzelt, obwohl sein Einfluss von Gruppe zu Gruppe schwankt.

Wie die Autoren einer neueren Studie erklären, geht »die Vorstellung, nur ein starker Führer, der nicht von demokratischen Verfahren behindert wird, könne die Probleme eines Landes lösen«, nicht zwangsläufig mit einer Vorliebe für autoritäre Regime einher, aber sie ist gefährlich, weil sie eine Bewegung in diese Richtung begünstigt (6). Studien haben gezeigt, dass die Mehrheit der Russen »einen starken Führer bevorzugt«, wobei diese Vorliebe in verschiedenen Altersgruppen und Bildungsschichten unterschiedlich ausgeprägt ist. Während sich 76,3 Prozent der Gesamtbevölkerung einen starken Führer wünschen, steigt der Anteil der Befürworter einer individuellen Führung unter den Über-61-Jährigen, die maximal eine Mittelschulbildung besitzen, auf 93,8 Prozent, während er unter den Angehörigen derselben Altersgruppe, die eine höhere Bildung besitzen, auf 65 Prozent sinkt (7). In Russland besteht eine enge Korrelation zwischen nationalistischen Gefühlen und der Vorliebe für starke Führer. Die empirische Forschung deutet darauf hin, dass eine »feindselige Haltung gegenüber den Vereinigten Staaten die Attraktivität der demokratischen Entscheidungsfindung verringert und den Hang zu einem starken Führer verstärkt« (8).

 


Putin anläßlich des 100. Jahrestages ihres Bestehens an der russischen Kapelle nahe des Vršič-Passes  ©Kremlin.ru  CC BY 4.0


Es wäre jedoch falsch, die öffentliche Meinung Russlands auf ein Stereotyp zu reduzieren und anzunehmen, das Land neige unvermeidlich zum Autoritarismus oder zu einer quasiautoritären Herrschaft. Wie die von Juri Lewada und seinen Kollegendurchgeführten Umfragen gezeigt haben, wuchs in der Zeit der Perestroika die Unterstützung für demokratische Normen und für Politiker, die diese Normen verfochten (obwohl Boris Jelzin seine Beliebtheit teilweise der Tatsache verdankte, dass er als »starker Führer« wahrgenommen wurde). Das Wiedererwachen der Neigung zu einem Führer, der mit harter Hand durchgreift, hängt eng mit der russischen Erfahrung in postsowjetischer Zeit und damit zusammen, wie die staatliche Propaganda und die Massenmedien diese Zeit darstellen. Die Demokratie geriet in den neunziger Jahren in Verruf, weil sich in Russland ein oligarchischer und korrupter Raubritterkapitalismus entwickelte, der mehr Verlierer als Gewinner und extreme Ungleichheit hervorbrachte, während die reichen Bodenschätze des Landes in undurchschaubaren Transaktionen zu Schnäppchenpreisen an von den Machthabern ausgewählte Unternehmer verkauft wurden. Nun stellt die offizielle Propaganda den »chaotischen« und »anarchischen« neunziger Jahren die »starke und stabile« Regierung der Putin-Zeit gegenüber.

Es stimmt, dass Instrumente der politischen Sozialisierung wie Schulen und Massenmedien die öffentliche Meinung formen, aber wir dürfen nicht vergessen, dass die politische Kultur auf einer grundlegenderen Ebene ein Produkt langjähriger konkreter Erfahrung ist (9). Sie entwickelt sich nicht biologisch, sondern historisch, und positive Erfahrungen mit einem politischen System, in dem die Macht verteilt wird, kann die Neigung dämpfen, das Schicksal des Landes in die Hände eines übermächtigen Führers zu legen. Eine solche positive Erfahrung dauerte in Russland nur sehr kurze Zeit. Ein vollkommen pluralistisches demokratisches System stößt bei der Mehrheit der Russen heute auf Ablehnung, denn der Pluralismus ging mit dem Zerfall der Sowjetunion und anschließend mit dem Vormarsch von Finanzmagnaten (den so genannten »Oligarchen«) einher, die in der Jelzin-Zeit unverhältnismäßig große Macht ausübten und von der Gesellschaft nicht zur Rechenschaft gezogen werden konnten.

Wir müssen uns erneut mit der Frage befassen, ob wir in einer Demokratie unsere Hoffnungen und Erwartungen mit einer einzelnen Person verknüpfen und einem individuellen politischen Führer erlauben sollten, die wichtigen Entscheidungen alleine zu fällen. Ein starker Führer ist nicht automatisch ein weiser Führer. Wenn wir einem einzelnen Menschen erlauben, große Macht anzuhäufen, ebnen wir den Weg für gravierende Fehler und im schlimmsten Fall für katastrophales Blutvergießen. Auch kollektive Regierungen sind nicht gegen dumme und schädliche Entscheidungen gefeit, aber es gibt zahlreiche Belege dafür, dass die Wahrscheinlichkeit katastrophal schlechter Entscheidungen erheblich steigt, wenn eine einzelne Person unbeschränkte Macht ausübt und wichtige Entscheidungen alleine fällen kann. Das gilt sowohl innerhalb einer Regierung als auch im Verhältnis zwischen Regierung und Parlament. Obwohl ich mich auch mit vielen anderen Aspekten der politischen Führung beschäftige, ist der Mythos des starken Führers ein zentrales Thema, das sich durch das Studium der demokratischen, revolutionären, autoritären und totalitären Führung zieht. 

 

Anmerkungen

1 Roberto Stefan Foa und Yascha Mounk, »The Signs of Deconsolidation«, in: Journal of Democracy, Bd. 28, Nr. 1, Januar 2017, S. 5ff

2 Georgij Schachnasarow, Zena swobodi: reformatsija Gorbatschewa glasamiego pomoschtschnika (Rossika Sews, Moskau 1993), S. 77.

3 »Stalin Reloaded?«, in: Berlin Policy Journal, http://berlinpolicyjournal.com/stalin-reloaded/, 11. Juli 2017.

4 Wjatscheslaw Nikonow, Liderstwo po russkij (Izdatelstwo »e«, Moskau 2017. Für eine andere russische Einschätzung vgl. A.V. Obolonskij, Etika publitschnoi sfery i realii polititscheskoj zhyzni, Moskau 2016, insb. den Abschnitt »›Osobyj pjut‹ w nikuda« (Der »Sonderweg« nach nirgendwo), S. 100–103.

5 Obschestwennoe mnenie w tsyfrakh, in: VTsIOM, 2 (9), Moskau, Januar 1990, S. 6.

6 Giacomo Chiozza und Dragomir Stoyanov, »The Myth of the Strong Leader in Russian Public Opinion«, Problems of Post-Communism, 2017, S. S. 1: https://doi.org/10.1080/10758216.2017.1328984.

7 Ebd., S. 8.

8 Ebd., S. 12.

9 Vgl. Archie Brown, »Political Culture and Democratization: The Russian Case in Comparative Perspective«, in: Detlef Pollack, Jörg Jacobs, Olaf Müller und Gert Pickel (Hg.), Political Culture in Post-Communist Europe, Ashgate, Aldershot 2003, S. 17–27; sowie Stephen Whitfield (Hg.), Political Culture and Post-Communism, Basingstoke/New York 2005.

 

Der Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Vorwort des Buches „Der Mythos vom starken Führer“ von Archie Brown.


Das Buch

Archie Brown beleuchtet die Erfolge und Misserfolge der größten Demokraten und Diktatoren der vergangenen hundert Jahre und zeigt: Wenn wir einem einzelnen Menschen erlauben, viel Macht anzuhäufen, ebnen wir den Weg für gravierende Fehler und im schlimmsten Fall für katastrophales Blutvergießen. Von Hitler und Stalin über Trump, Putin und Erdoğan bis hin zu Brandt, Mandela und Gorbatschow untersucht Brown verschiedene Führungsstile und stellt weitverbreitete Annahmen über politische Wirksamkeit und Stärke in Frage. Anhand zahlreicher Beispiele belegt er, dass das Modell einer kollektiven Führerschaft viel effektiver ist als die Stärke eines Einzelnen. Eine scharfsichtige Lektüre, aus der wir viel für unsere Gegenwart lernen können. 

 

„Der Mythos vom starken Führer“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage

 

Archie Brown

Archie Brown

Archie Brown, geboren 1938, Historiker und Politologe, war bis zu seiner Emeritierung Professor für Politikwissenschaften an der Oxford University und Fellow des St Antony’s College. Er hatte zahlreiche Gastprofessuren im In- und Ausland inne, ist Mitglied der British Academy und Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Sciences.

Foto: © privat

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