Christine Drews: „Leid ist immer subjektiv.“

In ihrem Roman „Sonntags fehlst du am meisten“ erzählt Christine Drews von der verhängnisvollen Beziehung zwischen einem Vater und seiner erwachsenden Tochter, deren Generation vom Zweiten Weltkrieg geprägt ist – ohne ihn selbst erlebt zu haben. Inwiefern der Roman auf eigenen Familienerinnerungen beruht und welche Gemeinsamkeiten die Autorin mit ihrer Protagonistin Caro hat, erzählt sie im Interview mit ihrer Lektorin Linda Vogt. 

 

 

Caro ist Kriegsenkelin, genau wie Du – wie viel persönliche Geschichte ist mit in den Text eingeflossen?

Es sind einige persönliche Erfahrungen mit in den Text eingeflossen, obwohl Caro ganz anders ist als ich. Weder bin ich mit dem goldenen Löffel im Mund geboren worden, noch hatte ich jemals ein Alkoholproblem wie Caro. Aber auch wenn ich nicht aus einer reichen Unternehmerfamilie stamme, ist mir Caros Kindheit sehr vertraut. Wir Kriegsenkel sind in einer Welt großgeworden, in der es im Prinzip alles gab, erzogen von den Kriegskindern, die nichts hatten. Deshalb mussten alle immer ihren Teller aufessen, Lebensmittel wurden grundsätzlich nicht weggeworfen, Kleidung am liebsten im Schlussverkauf gekauft  – eine Verschwendung, wie es sie heute gibt, war unseren Eltern, den Kriegskindern, völlig fremd. Kein Wunder, nach allem, was sie erlebt hatten. Ich glaube deshalb hatte früher auch niemand ein Ohr für die Probleme der Kinder und Jugendlichen. Wer selbst als 14jähriger die Bombardierung Dresdens erlebt hat, der kann den Liebeskummer seiner 14jährigen Tochter vielleicht nicht so gut nachempfinden.

Welche Erfahrungen hast Du mit der Kriegskinder-Generation gemacht?

Mein Großvater, der selbst in zwei Weltkriegen als Soldat war, hat immer nur die vermeintlich lustigen Geschichten aus dem Krieg erzählt, Anekdoten von Kameraden und Fronturlauben und ähnliches. Er war nicht in der Lage, über das Grauen zu sprechen. Man muss sich mal überlegen, wie viele schwersttraumatisierte junge Männer damals aus Krieg und Gefangenschaft zurückkehrten, die niemals therapeutische Hilfe bekommen haben. Wie sollten die mit dem Erlebten und auch mit ihrer Schuld weiterleben? Sich in die Arbeit zu stürzen war das eine. Wahrscheinlich gab es keine Generation, die so viel gearbeitet hat, wie die der Kriegskinder. Einerseits weil das Land wieder aufgebaut werden musste, andererseits weil die viele Arbeit ja auch ablenkte. Ich habe einen Onkel, der sein Leben lang vierzehn bis sechzehn Stunden am Tag gearbeitet hat. Psychisch hatte er nie Probleme. Erst als er in Rente ging, wachte er jede Nacht zur selben Uhrzeit schreiend auf. Immer um viertel vor zwölf, jede Nacht. Genau zu dieser Zeit war damals eine Bombe auf sein Haus gefallen und er hatte nur knapp überlebt. Jahrelang war er von der vielen Arbeit so müde, dass er von dieser Erinnerung nicht eingeholt wurde, erst als Rentner änderte sich das. Arbeiten war also sicherlich ein Faktor, um sich von dem Erlebten abzulenken. Der andere war der Alkohol, der in der Nachkriegszeit gesellschaftlich doch noch viel anerkannter war als heute.

Ist die traumatische Kriegserfahrung Deiner Eltern Gespräch?

Meine Eltern haben immer betont, dass sie selbst keine traumatischen Erfahrungen gemacht haben. Wenn ich mir heute vorstelle, wie mein Vater mit dem Rad durchs völlig zerbombte Osnabrück zur Schule fuhr, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass das stimmt. Vielleicht wollten meine Eltern uns mit solchen Geschichten nicht belasten. Meine Mutter kann das Feuerwerk an Silvester jedenfalls kaum ertragen, weil es sie so an die Flakschüsse von damals erinnert. Allein das zeigt doch, was für eine seelische Last sie aus der Zeit mit sich trägt.

Inwieweit beruht die Erzählung auf realen Erlebnissen?

Natürlich spielen reale Erlebnisse durchaus eine Rolle in meinem Roman. Die neue Nachbarschaft von Caro ähnelt zum Beispiel durchaus meiner eigenen und ich habe gerade bei den Frauen meiner Generation oft das Gefühl, dass es für sie sehr wichtig ist, die Fassade nach außen zu wahren. Vielleicht hat das auch etwas damit zu tun, dass man uns Kriegsenkeln immer gesagt hat, dass es keinen Grund zum Jammern gibt, weil es einem doch gut geht. Das beobachte ich in meiner Generation heute noch häufig. Alle betonen immer, wie gut es ihnen geht.

 

Die Autorin bei ihrer Einschulung im Jahr 1978.

Christine Drews im Karnevalskostüm, 1977.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Caros Leben ist voller Brüche und Probleme und trotzdem hat sie es geschafft, jahrelang die Fassade zu wahren, um schlussendlich zusammenzubrechen. Was hat Dich an dieser Figur besonders gereizt?

Besonders gereizt hat mich die Frage, warum jemand so unglücklich ist, obwohl er doch scheinbar alles zum Glücklichsein hat. Caro ist gesund, intelligent, sieht gut aus, kommt aus vermögendem Hause und hat einen Vater, der ihr jeden Wunsch erfüllt – und ist dabei so unglücklich, dass sie Alkoholikerin wird. Viele reagieren im realen Leben auf solche Menschen mit Unverständnis, der Satz „die soll sich mal zusammenreißen“ fällt da nicht selten. Aber man muss eben keine schweren Traumata erlebt haben, um unglücklich zu sein, das habe ich nicht nur in meinem Psychologiestudium gelernt. Leid ist immer subjektiv – dafür steht Caro, die vermeintlich auf der Sonnenseite des Lebens steht.

Zudem verbindet mich mit ihr die Frage danach, wie gut ich jemanden, der mir nahesteht, eigentlich wirklich kenne. Ähnlich wie Caro bin ich mit zwei Geschwistern aufgewachsen. Mein Vater ist in jungen Jahren schwerkrank geworden, weshalb ich ihn als den Menschen, der er eigentlich war, nie kennen gelernt habe. Ich kenne nur den schwerkranken Mann. Dadurch wurde ich zu dieser Vater-Tochter-Geschichte inspiriert. Denn auch wenn die Gründe, warum Caro ihren Vater nicht richtig kennt und erst im Laufe des Romans lernt, ihn zu verstehen, gänzlich andere sind als in meiner persönlichen Vater-Tochter-Geschichte, stellen wir uns beide die selben Fragen: wie gut kenne ich meinen Vater eigentlich wirklich? Welche Geschichte hat ihn geprägt, von der ich womöglich gar nichts ahne?

 

Christine Drews mit ihrem Vater im Jahr 1980.

 

Was ist Deiner Meinung nach das Besondere an der Beziehung zwischen Vater und Tochter?

Wir Töchter reiben uns häufig in erster Linie an unseren Müttern. Mit der Mutter wird gestritten, diskutiert, besprochen und geschwiegen. Der Vater nimmt für uns eine andere Rolle ein und gerade für die Töchter meiner Generation blieb er häufig etwas außen vor. Familienoberhaupt und Familienernährer, ja – aber Vertrauter? Selten. Hinzukommt, dass das Frauenbild unserer Väter, durch die Nachkriegszeit geprägt, von uns 70er Jahre Töchtern nicht mehr gelebt wurde. Viele Väter konnten das Verhalten ihrer Töchter nicht verstehen, überließen die Auseinandersetzung aber den Müttern und entfernten sich so von ihren eigenen Kindern. Ich habe viele Freundinnen, die zu ihren Vätern praktisch kein Verhältnis haben. Papa hat immer gearbeitet, die Familie war Mamas Sache, heißt es da. Das ist schade und ich wollte mit „Sonntags fehlst du am meisten“ versuchen, dem Verhältnis zwischen Vater und Tochter mehr Beachtung zu schenken.Im Roman konnte Karl die Frauen in seiner Familie nicht schützen, diese traumatische Erfahrung hat ihn geprägt wie keine andere. Daher will er jetzt vor allen Dingen seine Tochter beschützen. Caro aber wird in einer Zeit groß, in der die Emanzipation der Frau gerade so richtig in Bewegung kommt. Sie will nicht behütet und beschützt werden, sie will ihr eigenes Ding machen, was ihr Vater überhaupt nicht nachvollziehen kann. Beide Seiten verschweigen sich zu viel und so ist es ein langer Prozess, bis sie sich wieder annähern können.

Du hast bereits angedeutet, dass Caro in die Sucht abrutscht. Alkoholismus ist weit verbreitet, trotzdem redet keiner darüber; ist es ein Thema, was Du aus eigener Anschauung von außen kennst?

Tatsächlich ist ein guter Freund von mir seit drei Jahren trockener Alkoholiker. Bei ihm konnte ich hautnah beobachten, wie er vom lustigen Partytrinker immer mehr in den Alkoholismus abrutschte – und keiner konnte ihn davon abhalten. Er hat mir viel von seinem Entzug und dem Umgang mit seiner Krankheit erzählt, auch von den Reaktionen seiner Familie und seiner Freunde. Davon ist sicherlich einiges in den Roman eingeflossen. Auch sonst beobachte ich in meinem Umfeld einen Umgang mit Alkohol, den ich manchmal erschreckend finde. Ich kenne einige, die sich vornehmen, wenigstens an einem Tag in der Woche keinen Alkohol zu trinken und schaffen selbst das nicht. Um Missverständnissen vorzubeugen: die betrinken sich jetzt nicht jeden Tag besinnungslos, aber zwei, drei Gläser Wein oder Bier am Abend gehören dann zum Feierabend einfach dazu. Auffällig ist der Umgang mit Alkohol besonders dann, wenn man auf Partys oder Familienfeiern komplett abstinent bleibt und nur Wasser trinkt. Erstaunlicherweise kann das keiner einfach so hinnehmen, ein Schlückchen zum Anstoßen ist doch wohl das mindeste, heißt es dann. Für jemanden wie Caro sind solche Situationen natürlich immer wieder eine Herausforderung.

In deinem Roman verarbeitest Du das Thema Epigenetik, wie bist Du darauf gekommen und wie stehst Du dazu?

Meine Generation gilt als die letzte, die vom zweiten Weltkrieg geprägt ist – und das ohne ihn selbst erlebt zu haben. Wie funktioniert so etwas? Das hat mich schon lange interessiert. Wird der erlebte Schrecken tatsächlich vererbt oder prägt uns nur die Art und Weise, wie unsere (vom Krieg geprägten) Eltern mit uns umgehen? Ich finde, das ist ein spannendes Thema, bei dem die Forschung noch ziemlich am Anfang steht.

Eigentlich schreibst Du Kriminalromane undThriller – wieso hast Du mit „Sonntags fehlst du am meisten“ das Genre gewechselt?

Ich schreibe nach wie vor auch Krimis und Thriller, vor ein paar Wochen ist gerade erst ein neuer Thriller von mir erschienen. Aber dieser Familienroman lag mir schon immer am Herzen. Vielleicht liegt es an meinem jetzigen Alter. Inden Vierzigern, merkt man doch sehr deutlich, dass man nicht mehr endlos viel Zeit hat, um seinen Eltern Fragen zu stellen und mehr über ihre Geschichte zu erfahren. Vielleicht habe ich mich gerade deshalb jetzt mit diesen Generationsfragen beschäftigt.

Welche Themen beschäftigen Dich außerdem, dass Du sie noch in Romanen verarbeiten wirst?

Momentan beschäftige ich mich viel mit den Konflikten, die zwischen Geschwistern herrschen. Warum legen wir unter Geschwistern unser Verhalten aus der Kindheit nicht als Erwachsene nicht? Das Konkurrieren um die Liebe und Anerkennung der Eltern kann man fast ein Leben lang beobachten – selbst wenn die Eltern längst verstorben sind. Dabei fällt auf, dass gerade unter Geschwistern häufig eine gewisse Sprachlosigkeit herrscht, sobald es um diese sensiblen Themen geht. Das finde ich sehr spannend, zumal es deutlich zeigt, dass die Menschen, die uns eigentlich am nächsten sein sollten, manchmal am wenigstens von den Dingen wissen, die uns wirklich beschäftigen.

Du schreibst auch sehr erfolgreich Drehbücher (unter anderem Bettys Diagnose) – was sind für Dich die Unterschiede beim Schreiben?

Die Unterschiede sind sehr groß. In meinen Büchern könnte ich es im Sommer schneien und gleichzeitig den Kölner Dom in die Luft fliegen lassen – alles Dinge, die in einem Drehbuch nicht möglich sind (es sei denn man arbeitet in Hollywood). Als Drehbuchautorin, gerade bei einer Serie, arbeite ich in einem viel engeren Korsett. Die Figuren gibt es in der Regel schon, ich muss ihre Charaktere bedienen, Kosten und Drehpläne im Auge behalten und immer darauf achten, was meine Figur in den Folgen davor schon gemacht hat (wer in Folge 20 ein Kind bekommen hat, sollte das in Folge 21 schließlich auch noch haben).

Hast Du (literarische) Vorbilder?

Nein. Aber es gibt Autoren, die ich sehr bewundere. An erster Stelle Jonathan Franzen.

 

Das Interview führte Linda Vogt.


Das Buch

Caro und ihr Vater Karl könnten nicht unterschiedlicher sein. Kriegskind Karl musste in seiner Kindheit alles entbehren, Kriegsenkelin Caro dagegen wächst im Überfluss auf. Karl war auf sich alleine gestellt, Caro fühlt sich eingeengt und überbehütet. Und sie schaffte es nie, sich von ihrem Übervater zu emanzipieren, mit dem sie eine ganz besonders innige Beziehung verband. Bis sie sich vor einem Jahr heillos zerstritten. Nun steht die Goldene Hochzeit ihrer Eltern vor der Tür. Aber wie soll sie sich mit ihrem Vater versöhnen? Als trockene, arbeitslose Alkoholikerin und alleinerziehende Mutter fühlt sie sich vom erfolgreichen Vater nicht ernst genommen. Erst als Caro die alte Frau Schneiders kennenlernt und eine Freundin in ihr findet, eröffnen sich ihr neue Perspektiven. Vielleicht gibt es doch einen Weg mit ihrem Vater ins Gespräch zu kommen?

 

„Sonntags fehlst du am meisten“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage 

 

Christine Drews

Christine Drews

Christine Drews arbeitete schon während ihres Studiums für diverse TV-Produktionen. Nach ihrem Magisterabschluss schrieb sie für verschiedene Comedy-Serien und ist seit 2002 als freie Autorin tätig. Sie schreibt weiterhin Drehbücher für Filme, Familien- und Comedyserien und arbeitet als Autorin für zahlreiche Showformate.

www.christinedrews.de

Foto: © Michaela Philipzen

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