#YallaCSU: „Einfach nur ein bisschen arschlochmäßig“

Deutschpflicht für alle Bürger, auch zuhause in der Familie – der Vorstoß der CSU sorgte letzte Woche für Empörung und vor allem für Spott. Die Autorin Jacinta Nandi lebt als gebürtige Engländerin in Berlin. Mit ihrem Sohn spricht sie ein Kauderwelsch aus Deutsch und Englisch und findet das genau richtig.

von Jacinta Nandi

 

Als mein Sohn klein war, war ich mit einer Slowakin befreundet. Sie war wie ich eine Hartz-IV-Mama, frisch aus dem Frauenhaus, jung, alleine, arm – aber sie war ambitioniert und selbstbewusst. 23 Jahre alt, ihr Sohn war vier oder so – sie ist als Au-Pair-Mädchen schwanger geworden, glaube ich. Sie war eine sehr hübsche Frau. Sie hatte weißblonde Haare, dicke, ziemlich perfekte Titten, große Zähne wie ein Rennpferd und schlechte Haut. Ihr Sohn war halb-türkisch und sah auch so aus. Meine Freundin wollte mit ihrem Sohn zuhause nur Deutsch sprechen. Ihr Deutsch war gut, besser als meines, ich hielt es aber trotzdem für einen Fehler.

„Das sind deine Wurzeln!“, sagte ich ihr damals. „Wie soll der mit seinen Verwandten kommunizieren, wenn ihr nach Hause geht?“

„Ach!“, sagte sie. „Das ist für dich leicht zu entscheiden, Jacinta. Englisch ist sowieso eine Weltsprache. Aber meine Sprache ist nicht wichtig. Das ist eine unwichtige Sprache. Niemand braucht das zu sprechen. Für dich ist es leicht, aber für uns ist es besser, wenn wir Deutsch sprechen.“

Ihr Kind kam in die Kita. Er war ein kluges Kind – immer, wenn MTV lief, hat er mich angeguckt und zu mir gesagt: „Jacinta, sie sprechen wie du und Ryan.“ Er war sehr klein dafür, das zu bemerken, dachte ich. Seine Kita-Erzieher waren aber nicht mit meiner Analyse seiner Fähigkeiten einverstanden. Sie waren unzufrieden mit ihm. Mit seinen Sprachkenntnissen. Sie glaubten, dass sie ihn nicht verstehen können. Ich denke, ehrlich gesagt, dass das an seinem Aussehen lag, und vielleicht an seinem Namen – er hieß Kevin. Aber was weiß ich. Die Erzieher riefen meine Freundin irgendwann in die Kita, um ein Eltern-Gespräch zu führen. Sie sollte ab jetzt nur noch in ihrer Muttersprache mit dem Kind sprechen – ihr Deutsch sei so fehlerhaft, dass es dem Kind schade, mit seiner Mutter Deutsch zu sprechen. Meine Freundin war erschüttert, und sie tat mir so leid.

Aber die Sache ist so: Man kann den Leuten nicht das Sprechen verbieten. Man kann es ehrgeizigen slowakischen Hartz-IV-Mamas nicht verbieten, Deutsch mit ihren Kindern zu sprechen. Man kann es wahnsinnigen deutschen Eltern nicht verbieten, Englisch mit ihren Kindern zu sprechen. Man kann es Losern wie mir nicht verbieten, eine komische Mischung aus zwei Sprachen, von denen keine wirklich richtig ist, mit unseren Kindern zu sprechen. Man kann auch nicht verlangen, dass Mamas plötzlich mit ihren Kindern fehlerfrei oder akzentfrei oder grammatikalisch korrekt sprechen. Man kann das Sprechen, das zwischen Kindern und Eltern stattfindet, nicht kontrollieren. Es ist nicht praktikabel. Was sollen die Mamas sagen, die noch kein Deutsch sprechen können? Sollen sie ihre Babys schweigend umarmen?

Man kann den Eltern das Sprechen nicht verbieten, es nicht kontrollieren, es nicht beeinflussen. Wie auch? Soll man wie die Stasi Mikrofone in die Wände einbauen und uns beim Abendbrot abhören? Quatsch. Deutschland ist ein freies Land und wenn ich will, spreche ich zu Hause Latein oder Esperanto oder sogar Sorbisch. In der CSU weiß man das. Sie haben auch ihren Vorschlag nicht ernst gemeint, sie wollten nur Arschlöcher sein und Leute, die zu Hause nicht Deutsch sprechen, ein bisschen beunruhigen. Es war eigentlich nur Mobbing. Sie sind einfach nur ein bisschen arschlochmäßig drauf. Das ist alles.

andreas_scheuer

Ich bin eine Ausländerin, die mit ihrem Kind auf Deutsch kommuniziert. Die CSU wäre stolz auf mich, oder? Na ja, eigentlich sprechen wir eine Mischung, ein pidgin. „I know you gave yourself really much Mühe with this breakfast!“, sagt mein Sohn. „But this food doesn’t taste me.“ „Do you want me to pick you up from Hort?“ frage ich. „Ja“, sagt er. „Nee, nein.“ „I’ll give you a Fahrausweis.“, sage ich. So sprechen wir jeden Tag. Er denkt tatsächlich, dass man auf Englisch beamer sagt. Aber nicht allen Deutschen gefällt diese Mischsprache, die wir sprechen. Manchen tut es weh in den Ohren. Einmal in der U-Bahn sage ich zu ihm: „Pick your rucksack up, I’m not carrying it for you.“ Rucksack ist das britisch-englische Wort für Ranzen oder Schultasche. Ein backpack ist bei uns viel größer, für den Urlaub. Auf Amerikanisch gibt es diesen Unterschied nicht. Ein deutscher Geschäftsmann mischt sich ein. Das machen sie manchmal, ne, die deutschen Geschäftsmänner in der U-Bahn. Wahrscheinlich haben sie Langeweile oder so was. „Sie sollen die Sprachen nicht so vermischen!“, sagt er zu mir. „Sie klingen schlimmer als eine Türkin!“ Na ja.

Besonders deutsch werde ich immer beim Schimpfen. Ich finde die deutsche Sprache sehr gut, wenn man mit dem Kind schimpfen will. „WAS SOLL DAS!“ zum Beispiel. Was für ein schöner Begriff. Was soll das. Man kann auf Englisch nicht so schön schimpfen, ohne vulgär zu werden. Oder: „Jetzt ist aber Schluss!“, „Jetzt gehst du zu weit!“ Deswegen habe ich immer dazu geneigt, mit meinem Sohn auf Deutsch zu schimpfen, besonders wenn er sehr ungezogen gewesen ist. Und mein Sohn hat das als Kleinkind schon bemerkt. Sobald ich auf Deutsch gesprochen habe, hat er Angst gekriegt. „Why are you speaking German, Mummy? Please speak English again, I’m so sorry!“

So habe ich es gemacht. Eine komische Mischung. Eigentlich sprechen wir unsere eigene Sprache, nicht Deutsch, nicht Englisch. Leute mit mehr Ahnung von Pädagogik als die von der CSU haben mir versichert, dass das, was ich mache, auf jeden Fall, auf jeden jeden jeden Fall, absolut linguistisch und elternmäßig total falsch ist. Aber ich habe grundsätzlich das getan, was ich wollte. Eltern neigen dazu, das zu tun, was sie wollen. Es ist eine Tendenz von denen. Man soll kontrollieren, dass sie ihre Kinder nicht schlagen oder an Pädophile vermieten. Alles andere muss man die Eltern, diese fehlerhaften Eltern, mit ihrem fehlerhaften Sprechen, mit ihrer fehlerhaften Sprache, selbst entscheiden lassen.

Eine Sache mag ich an der Deutschpflicht der CSU aber. Ich mag es, dass sie gesagt haben, dass alle Ausländer zu Hause Deutsch sprechen sollen. Alle Ausländer, auch die aus reichen Ländern. Auch die aus angelsächsischen Ländern. Ich mag es, dass die denken, dass Deutsch besser ist, besser als alle anderen Sprachen. Das ist konsequent. Diejenigen, die denken, es wäre ein Nachteil, wenn ein Kind zu Hause Türkisch oder Arabisch spricht, aber ein Vorteil, wenn die Sprache Englisch oder Französisch ist, die sind noch größere Arschlöcher als die von der CSU und das ist eine ziemlich große Leistung.

Meine Freundin ist übrigens nach Hause gegangen. In die Slowakei. Ich hatte den Kontakt zu ihr verloren und traf dann neulich eine Polin aus der Frauenhauszeit auf der Straße, die mir sagte, dass sie weg sind, zurück in die Heimat. Ich weiß nicht, was aus Kevin geworden ist. Ich denke manchmal an ihn. Er muss jetzt zwölf oder dreizehn sein. Er war ein kluges Kind, denke ich, ich wünschte irgendwie, sie wären hier geblieben. Er war klug und neugierig und meine Freundin superambitioniert und selbstbewusst. Wir ausländischen Eltern brauchen keine Sprachkontrolle. Man muss unseren Kindern nur eine Chance geben und uns nur ein bisschen vertrauen.


 

Weblinks
„Nichts gegen blasen“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage
Jacinta Nandi bei Twitter

Jacinta Nandi

Jacinta Nandi

Jacinta Nandi wurde 1980 in Ost-London geboren und kam mit zwanzig nach Berlin. Sie schreibt für die taz die Kolumne „Die gute Ausländerin“ und den Blog „Riotmama“ sowie als Amok-Mama einen Blog für das englischsprachige Stadtmagazin Exberliner. Jacinta Nandi ist Mitglied der Lesebühne Rakete 2000. Ihr Buch „Nichts gegen blasen“ ist im April 2015 bei Ullstein extra erschienen.

Foto: © privat

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