Wie man schreibt wie ein Mann:
On Pandering – Über das Angepasstsein – Teil III

Für wen schreibe ich? Claire Vaye Watkins nimmt einen Schlüsselmoment ihres Schriftstellerlebens zum Anlass für eine Reflexion über das Selbstverständnis der Schriftstellerin, über Anpassung und Selbstzensur. Teil III ihres viel beachteten Beitrags zur Debatte über Sexismus und Rassismus im Literaturbetrieb endet mit einem flammenden Aufruf, das Patriarchat im Kulturbetrieb zu überwinden.

von Claire Vaye Watkins
aus dem Amerikanischen von Zara Witte und Simon Grimm

death_valley_zabriskie_point_wolfgangbeyerDeath Valley vom Zabriskie Point aus gesehen (Foto: Wolfgangbeyer, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Der „kleine weiße Mann tief in jedem von uns”

Es war Toni Morrison, die darauf hinwies, dass Tolstoi nicht für sie schrieb, die sagte, dass sie an schwarze Frauen gerichtet schreibe. Das bringt einen dazu, sich zu fragen, für wen schreibe ich? Zu wem schreibe ich?

Was mich betrifft – ich habe geschrieben, um alte, weiße Männer zu beeindrucken. Unzählige Entscheidungen darüber, was und wie ich schreibe, habe ich getroffen, indem ich mich den Meinungen weißer männlicher Literaten fügte. Ich fügte mich nicht nur, ich flehte, suchte nach Anerkennung, wollte es den Leuten recht machen.

Aber wen meine ich, wenn ich von weißen männlichen Literaten spreche? Klingt nach Verschwörungstheorie, einem meiner Lieblingsgenres des amerikanischen Storytelling. Ich meine damit die Leute und Stimmen, real und ausgedacht, in Machtpositionen (oder zumindest mit Einfluss) im Literatur- und Verlagsbetrieb, aber vor allem meine ich den Mann in meinem Kopf. James Baldwin schrieb vom „kleinen weißen Mann tief in jedem von uns”, meiner ist jedoch groß. Er ist ein weißhaariger Kettenraucher aus New Mexico, der Kurzgeschichtenautor, den man  “Cheevers wahren Erben” nennt. Es ist Lee K. Abbott, den ich in meinem Kopf höre. Das hat wenig mit Lee selbst zu tun, einem Mentor, den ich bewundere, einem Schriftsteller, den ich liebe, dessen Ermutigungen dabei geholfen haben, dass ich bin, wo ich heute bin, dessen Unterstützung ich hoch schätze. Ich rede nicht von Lee K. Abbott, der sich einmal an mich wandte auf einem Workshop, als ich in meinem ersten Masterjahr war, eine Wüstenratte ohne anständigen Wintermantel, mit einer toten Mutter, und einem starken Verlangen nach Aufmunterung, und mich – weil ich eine Geschichte abgegeben hatte, die er mochte – fragte: „Wer sind die größten Schriftsteller Nevadas?” Und als ich irgendwas von Robert Laxalt und Mark Twain stotterte, unterbrach er mich und sagte, „Nein, du bist es.” Ich rede nicht von Lee Kitteridge Abbott als Mann, sondern von dem, was er repräsentiert. Oder vielmehr rede ich von beidem, von der Verkörperung und von dem Mann selbst, denn, hatte ich den nicht gewusst, dass er diese Geschichte über einen alten Goldsucher, der ein junges, attraktives Mädchen, dem Tode in der Wüste überlassen, findet, mögen würde?

Ich bin froh, dass sie dir gefällt, Lee. Sie ist für dich.

Ich spreche von der Lesung, die ich in Montana gegeben habe in dem Herbst, der so schön war, dass ich fast nie nach Hause gegangen bin, wo ein älterer weißer Cowboy – nennen wir ihn den Alten Sumbitch – in meiner Signierschlange wartete, mitten unter braunhaarigen Mädchen mit Brillen, und, als er an der Reihe war, sagte er zu mir: „Eigentlich lese ich solche Sachen wie das hier nicht, aber Tom McGuane hat gesagt, dass du in Ordnung bist.” Ich spreche davon, dass ich gleichzeitig dankbar bin für die Freundschaft und Unterstützung von Tom McGuane, aber auch wütend und ernüchtert von der Tatsache, dass ich diese brauche. Der Alte Sumbitch hätte mich nicht gelesen, wenn Tom nicht gesagt hätte, dass ich gut bin. Ich verstecke mich unter Toms Tarnumhang männlicher Privilegien. Der Punkt sind nicht Tom McGuane oder Lee K. Abbott oder Jeffrey Eugenides oder Christopher Coake oder Chang-Rae Lee, die mir alle Beratung und Freundschaft angeboten haben, wofür ich ungemein dankbar bin. Aber warum sollten ihre Stimmen in meinem Kopf lauter sein als die von Karen Russell, ein über jeden Zweifel erhabenes Genie und, mit viel Glück, meine zukünftige Schwägerin? Warum sollten sie lauter sein als Antonya Nelson, die die aufschlussreichste Besprechung von Geister, Cowboys geschrieben hat, die ich je gelesen habe? Warum sollten sie lauter sein als Erin McGraw, die jede einzelne Fassung von Geister, Cowboys gelesen hat, die mir beigebracht hat, wie man einen Job bekommt und ihn behält, die mir ungefähr einhundert Empfehlungsschreiben geschrieben und so gut wie alles getan hat, außer mir heute dieses Mikrofon zu überreichen? Die verblüffende Wahrheit ist, dass ich mich tief im Innern frage: Was würde Philip Roth darüber denken? Was würde Jonathan Franzen darüber denken? Wobei die Antwort darauf wahrscheinlich lautet: nichts. Noch erstaunlicher ist die Frage, warum ich mich Schriftstellern beweisen will, deren Arbeit ich, in vielen Fällen, nicht besonders bewundere? Ich habe kürzlich Roths Empörung zu Ende gelesen und es blieb nicht viel mehr hängen als die ehrliche Neugier, ob Roth sich dessen bewusst ist, dass heutzutage sogar nette Mädchen Blowjobs geben.

Ich versuche ein Phänomen zu verstehen, dass sich in meinem Kopf ereignet, und vielleicht auch in eurem, demzufolge das vorherrschende weiße Patriarchat bestimmt, was ich schreibe.

Ich habe Geister, Cowboys für weiße Männer geschrieben, an sie gerichtet. Wenn ihr das Buch unter ein bestimmtes Licht haltet, werdet ihr es als eine Übung in Selbst-Schikane, als ein Produkt des Wahnsinns der Arbeiterklasse, der weiblichen Strapaze, sehen. Und, natürlich wurde Geister, Cowboys dann folglich gut aufgenommen vom weißen männlichen Literatur-Establishment: es war geschrieben für sie. Das ganze Buch ist an sie angepasst. Seht her, sagte ich mit meinen Geschichten: Ich kann alte Männer charakterisieren, Ich kann über Sex schreiben, ich kann über Abtreibung schreiben. Ich kann hart schreiben, unerschrocken, unsentimental. Ich kann schreiben, dass ein alter Mann einen Ständer kriegt!

Dort sind die Laternenmasten, dort ist das Kino mit nur einem Saal. Es ist alles eine Architektur der Anpassung. Es ist für sie.

Sie kann schreiben wie ein Mann, sagten sie und meinten damit, Sie kann schreiben.

 

Ein Typ auf Twitter sagt:

„Eine Menge junger Frauen (ganz zu schweigen von diesem weißen Mann) haben dieses Buch geliebt. Soll ich ihnen sagen, dass sie ihrem Leseeindruck keine Beachtung schenken sollen?”

Ich bin dankbar, wenn ihr mein Buch mögt. Aber ich erinnere euch daran, dass Leute aus Randgruppen dahin gelangen werden, Dinge zu akzeptieren oder sogar zu lieben, die nicht für sie gemacht oder auf sie zugeschnitten sind: dazu wurden wir unser ganzes Leben lang erzogen. Ich versuche nicht irgendjemandem ihre oder seine Reaktion auf das Gelesene auszureden, sondern lediglich zu bekennen, was in meinem Kopf vorging als ich das Buch schrieb, einen aufrichtigen Bestand an Leuten zusammenstellen, in deren Richtung ich nicht geschrieben habe (auch, wenn ich dachte, ich würde es tun): Frauen, junge Frauen, farbige Menschen, die Armen vom Land, den amerikanischen Westen, meine tote Mutter.

Das ist offensichtlich erschreckend, aber noch so viel beängstigender, weil ich dachte, dass ich es für mich selbst tun würde. Ich meinte, dass sich Kunstschaffen außerhalb der ganzen Verdorbenheit unserer Kultur befinde, doch tatsächlich ist es nicht davon getrennt. Es ist genau daraus gemacht.

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Das Vorangehende

ist entweder eine ästhetische/künstlerische/persönliche Erleuchtung oder mein ritualhaftes Verrücktwerden vor der Veröffentlichung, vielleicht ein bisschen etwas von Spalte A, ein bisschen von Spalte B. Ich sage euch eins: Ich habe nichts von Bedeutung geschrieben seit meine Tochter geboren wurde. Es ist leicht zu sagen, du hast eine Tochter bekommen, du bist beschäftigt, es wird sich bessern, und ich bin froh von denjenigen unter euch zu hören, die das so oft gesagt haben. Aber ich frage mich, ob der Grund, warum ich nicht geschrieben habe, nicht teilweise darin liegt, dass ich nicht gesehen habe. Mein Blick ist nicht länger der Blick einer Künstlerin.

Warum könnte das so sein? Ich denke, es hat etwas mit der Tatsache zu tun, dass ich nicht mehr so viel in der Wüste umherlaufe. Ich verbringe meine Tage mit einem Baby und das ist, so das Patriarchat, nicht der Stoff aus dem Kunst gemacht ist. Wieder einmal bin ich ein Mädchen und keine Schriftstellerin. Niemand hat das so gesagt. Niemand muss das sagen. Ich sage es zu mir selbst. Das ist die grausame Effizienz des „Gaslighting”*.

Nachdem meine Freundin Annie McGreevy zum ersten Mal Girls geguckt hatte, sagte sie, „Das habe ich auch erlebt, aber ich wusste nicht, dass es in Ordnung ist, Kunst daraus zu machen.” Und vielleicht ist es immer noch nicht in Ordnung. Nachdem sie eine Veranstaltung mit Miranda July gemacht hat, twitterte Lena Dunham diese Zitat von Lorrie Moore, die über July in der New York Review of Books geschrieben hatte, „Wenn man Wes Anderson und ‘fey ‘(feenhaft) googelt, bekommt man eine Menge Fotos von ihm und Tina Fey.”

 

Vor ungefähr einem Jahr habe ich ein Kind bekommen,

und während mein Leben plötzlich intensiver wurde, beängstigender, schöner, schwieriger, und tiefsinniger als es jemals war, fand ich mich in einer Situation wieder, in der es nichts gab, worüber ich schreiben konnte.

„Bei mir passiert nichts”, beklage ich mich gegenüber Annie. „Ich muss losgehen und einen Elefanten erschießen.”

Annie entgegnet, in ihrem spätabendlichen Lebowski-artigen Tonfall, „Alter, du bist eine Mutter. Du hast ein Kind bekommen. Mensch, du kämpfst dafür, dass deine Ehe gut läuft. Du versuchst, entgegen deinem Naturell und der Umstände, anständig zu sein. Das ist dein Elefant!” Aber wenn ich nun eine Version davon niederschreibe, erscheint es wunderlich oder noch schlimmer. Ich dachte, dass ich genug Material für einen Roman hätte, aber als es fertig wurde, war es eine Kurzgeschichte, und eine nicht ernst zu nehmende. Ich versuchte mich an einer Geschichte in der Form eines Fragebogens zu Depression in der Zeit nach der Geburt und es fühlte sich altmodisch an. Häuslich. Für Frauen. Die Mutterschaft hat mich weich gemacht. Ich habe ein engeres Ventil für die Dinge, die ich lese und anschaue. Ich will nicht mehr so schreiben wie ein Mann. Ich will nicht mehr dafür gelobt werden „unerschrocken” zu sein. Ich will zusammmenzucken. Ich will ganz offen sein.

Ich versuche etwas Dringliches zu schreiben, versuche verwundbar und aufrichtig zu sein, versuche zuzuhören, versuche meine tiefsten Gefühle zu ergründen und auszusprechen, versuche sie euch auch fühlen zu lassen, versuche eine Art von Telepathie, doch all das ist ohnehin schon schwierig genug und, in einer Kultur, in der Frauen der Verniedlichung und dem „Gaslighting“* unterworfen werden, in einer Kultur, die sagt, dein „telepathisches Herz” (Moore über July) ist dumm und schwächlich und langweilig und Firlefanz und für Mädchen, frage ich mich manchmal, ob es überhaupt möglich ist.

Ich habe eine Miniatur-Replik des Patriarchats in meinem Kopf erschaffen. Ich würde sie sehr gerne zerbrechen oder verbrennen. Aber ich befürchte, dass ich nicht weiß, wie. Obwohl ich ein paar Ideen habe.

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Ein paar Ideen:

Lasst uns aufbegehren.

Lasst uns nicht die Leute an den Rändern in Kundschafter oder Spione für den Mainstream machen. Lasst uns damit aufhören, Leute zu Sprechern für den gesamten kakophonischen Teil der Menschheit, der ihre Pigmentierung, Geschlechtsorgane oder  Vorlieben teilt, zu machen.

Lasst uns mehr Zeit in diesen unangenehmen Momenten verbringen, wenn unser Privileg hervortritt. Lasst uns dort reflektieren, verweilen, und eben nicht zurückzucken in den Status Quo.

Lasst uns weiter zählen und reden und über die Zahlen nachdenken.

Lasst uns diese namenlosen Dinge beim Namen nennen, wie Solnit es beschreibt, auf die gleiche Art und Weise wie „mansplaining“ oder „rape culture“ oder sexuelle Belästigung namenlos waren, bevor FeministInnen ihnen Namen gaben. Bringt diese Namen zum Singen.

Lasst uns die Geschichten hören, die wir uns selbst über uns selbst erzählen. Lasst uns daran erinnern, dass wir zu den Geschichten werden, die wir erzählen. Eine Veranschaulichung: Ich sprach mit der Autorin Elissa Schappell darüber, wie sehr wir beide auf Carrie Brownsteins neuestes Buch warteten. Ich fragte Elissa was sie von diesem neuen Trend von Memoirs von „badass“ Frauen halte: Carrie Brownstein, Kim Gordon, Sally Mann, Amy Poehler. War dieser Trend ein Ergebnis davon, dass Patti Smith vor fünf Jahren den National Book Award gewonnen hatte? War der Trend bezeichnend für eine neue Welle des Feminismus? Elisa unterbrach mich. „Du benutzt ständig dieses Wort.“, sagte sie. „Trend. Es ist kein Trend. Wir sind jetzt hier. Wir gehen nirgendwo hin. Wir sind jetzt hier.”

Lasst uns einen „do-it yourself“-Kanon entwickeln, indem wir alle unseren eigenen Grundsätze kreieren, voll mit dem, was wir lieben zu lesen, mit dem was uns anspricht und uns herausfordert und uns öffnet, in dem jede von uns ihre künstlerische Erblinie für sich selbst bestimmt, mit Neugierde und Elan, anstatt zu versuchen, uns in einen Kanon zu zwängen, der vorgefertigt ist und uns von irgendwelchen weißen Wichsern aus Oxford geschenkt wurde.

(Ich werde für uns den Auftakt machen, indem ich keinen einzigen Atemzug mehr damit verbringen werde, mich dafür zu entschuldigen, dass Cormac McCarthy tatsächlich, obwohl ich über den Amerikanischen Westen schreibe, keine große Einflussquelle für mich ist.)

Lasst uns unsere Wörter und unsere Blicke dazu benutzen, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Lasst uns die Wahrheit sagen.

Lasst uns, jede von uns, Dinge schreiben, die unkategorisierbar sind, statt etwas, dass sich diesen Kategorien anpasst und sie billigt und festschreibt.

Lasst uns dieses verfickte System bis auf den Grund niederbrennen und etwas Besseres bauen.

 

Anmerkung: „Gaslighting” ist eine Form psychologischer Kriegsführung mit der Absicht Menschen so zu manipulieren, dass sie selbst und andere anfangen an ihrer geistigen Gesundheit zu zweifeln. Der Begriff stammt aus dem gleichnamigen Film aus dem Jahre 1944, in dem ein Mann seine Frau systematisch in den Wahnsinn treibt, mit dem Ziel dadurch an ihr Vermögen zu gelangen.


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Claire Vaye Watkins

Claire Vaye Watkins

Claire Vaye Watkins wurde 1984 im Death Valley geboren und ist in Nevada aufgewachsen. Ihre Erzählungen und Essays sind unter anderem in GrantaTin HouseThe Paris ReviewOne StoryGlimmer Train und der New York Times erschienen. Ihr 2012 erschienener Erzählungsband Geister, Cowboys wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Story Prize und dem Dylan Thomas Prize. Derzeit unterrichtet Claire Vaye Watkins kreatives Schreiben an der University of Michigan. Ihr aktueller Roman Gold, Ruhm, Zitrusist am 22. September im Ullstein Verlag erschienen.

Foto: © Heike Steinweg

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