Wie man schreibt wie ein Mann:
On Pandering – Über das Angepasstsein – Teil II

Für wen schreibe ich? Claire Vaye Watkins nimmt einen Schlüsselmoment ihres Schriftstellerlebens zum Anlass für eine Reflexion über das Selbstverständnis der Schriftstellerin, über Anpassung und Selbstzensur. Teil II eines viel beachteten Beitrags zur hitzigen Debatte über Sexismus und Rassismus im Literaturbetrieb.

von Claire Vaye Watkins
aus dem Amerikanischen von Zara Witte und Simon Grimm

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Jungen zuschauen, wie sie Dinge tun

Aber ihr wisst das ja alles, auch wenn ihr es nicht kürzlich erst gehört habt, auch wenn ihr es nicht laut ausgesprochen habt. Mich interessiert nicht, warum Stephen getan hat, was er getan hat. Ich studierte Frauenforschung im Nebenfach, ich hab‘s begriffen. Was mich neugierig macht, ist, wie ich mit dem umgegangen bin, was er getan hat.

Über Jahre hinweg dachte ich, dass diese Begegnung prägend war. Ich habe es wie oben beschrieben, als eine Art Offenbarung. Heutzutage denke ich, wenn es nur das gewesen wäre. Im Grunde ist es so viel milder mit einer Hässlichkeit gezeigt zu werden, von der du vorher absolut und ehrlich nichts wusstest, als mit einer, bei der du versucht hast so zu tun, als ob sie nicht existiert. In Wahrheit aber ist die Tatsache, dass unsere Kultur männliche Schriftsteller als seriöser erachtet als mich, keine Offenbarung. Ich habe die Botschaften aus Stephens Mail schon lange, bevor meine Freundin mir diese weitergeleitet hat, erhalten – alle Frauen tun das. Wir leben in einer Kultur, die uns hasst. Wir haben das begriffen. Frauenfeindlichkeit ist das Wasser, in dem wir schwimmen.

Das heißt:

Als junge Frau hatte ich einen und nur einen ernsthaften und endlosen Zeitvertreib, wenngleich das nicht der richtige Begriff ist, allerdings genauso wenig wie Hobby oder Leidenschaft. Ich habe diese Beschäftigung mit religiöser Hingabe praktiziert und länger, als ich zurückdenken kann. In letzter Zeit habe ich versucht es aufzugeben, seitdem ich von Bedford Falls weggezogen bin, ungefähr als meine Tochter geboren wurde. Jedoch hat sich fast mein ganzes Leben nach dieser Beschäftigung ausgerichtet. Ich habe meine Tage damit gefüllt, meine ganze Freizeit damit verbracht und auch einen großen Teil der Zeit, die nicht frei war, darauf verwendet. Dieses Hobby, dieses Interesse, diese Leidenschaft war folgendes: Jungen zuschauen, wie sie Dinge tun.

Ich habe Jungen zugeschaut, wie sie singen, Schlagzeug und Gitarre spielen, habe dabei zugeschaut, wie sie American Football spielen, Baseball, Fußball, Pool-Billard, Dungeons and Dragons oder mit Magic-Karten. Ich habe ihnen beim Golfen zugeschaut. Erst kürzlich habe ich sie gesehen, wie sie eine schweißtreibende, bücherwurmartige Version von Basketball spielen. Ich habe ihnen zugeschaut, wie sie an ihren Trucks schrauben und an ihren Master-Arbeiten schreiben. Ich habe Jungs beim Aufbauen von Dingen zugeschaut: Halfpipes, Bücherregale, Drehbücher, Karrieren. Ich habe sie Skateboard fahren, Snowboard fahren, schauspielern, radfahren, boxen, malen, kämpfen und trinken gesehen. Ich könnte wahrscheinlich meinen eigenen Zyklus von sechs virtuosen, autobiographischen Romanen schreiben, die ausschließlich auf den Jahren basiert, in denen ich Jungs zugeschaut habe, wie sie Resident Evil oder Tony Hawk’s ProSkater spielen. Ich habe Jungs in meiner Freizeit zugeschaut, ich habe ihnen in meinem Liebesleben zugeschaut und ich habe ihnen in meiner Erziehung zugeschaut. Ich habe Melville zugeschaut, Salinger, Ford, Flaubert, Díaz, Dickens, sogar dann zugeschaut, wenn ich gar nicht sonderlich mochte, was ich sah – vor allem dann -, weil es bewies, dass da etwas nicht in Ordnung mit mir war, etwas, das ich beheben wollte. Deshalb schaute ich Nabokov zu, schaute Thomas Hardy zu, schaute Raymond Carver zu. Ich habe Frauen gelesen (einige, aber nicht genug), aber ich habe ihnen nicht zugeschaut. Ich gab ihnen keine Stimme in meinem Kopf. Die Schriftsteller mit Stimmen in meinem Kopf waren nicht Mary Austin oder Louise Erdrich oder Joan Didion oder Joy Williams oder Toni Morrison, auch wenn sie alle gleich wichtig oder sogar wichtiger für mich waren, als die männlichen Schriftsteller, die ich aufgezählt habe. Trotzdem habe ich den Jungs zugeschaut, habe zugeschaut, um zu lernen. Ich wollte etwas schreiben, das Cormac McCarthy gefallen würde, etwas, wofür Thomas Pynchon aus seinem Versteck kommen würde, um es für gut zu befinden, etwas, für das David Foster Wallace  aus dem Grab heraus einen Klappentext schreiben würde.

In meinem künstlerischen Schaffen habe ich diesen unsterblichen Zeitvertreib meiner Mädchen-Jugend nachgespielt: Jungs zuschauen, ihnen nacheifern, versuchen die Aufmerksamkeit von denen zu bekommen, die keine Ahnung davon haben, dass ich existiere.

toni_morrison_bench_by_the_road_cogwellToni Morrisons A Bench by the Road, Sullivan’s Island, South Carolina (Foto: Tony Cogwell, Flickr, CC BY 2.0)

Über die Unsichtbarkeit

A propos, Dinge, die unsichtbar sind: stellt euch mich in New Mexico vor, wo ich hingekommen bin um eine Woche zu unterrichten. Marihuana wurde kurz zuvor in Colorado legalisiert, und eine Freundin von dort schenkte mir einen Joint. Ich nähere mich einer anderen Schriftstellerin, sie kommt aus Alaska angereist, die alleine neben dem leuchtenden Hotelpool steht. Ich mache Smalltalk:

Ich sage, und, wie lange wohnst du schon in Alaska?

Sie sagt, Ich bin Eskimo, also…

Ich frage, ob sie den Joint mit mir teilen will. Sie sieht vorsichtig aus, was verwirrend für mich ist. Ich habe sie schon über Mary Jane sprechen gehört und ich bin mir ziemlich sicher, dass wir dieselben Gedanken dazu haben.

Hier?, fragt sie.

Jepp, sage ich und schaue mich um, nach etwas, was sie stören könnte. Es ist dunkel, nur die Lichter des Pools leuchten und wir sind die Einzigen draußen. Die Sterne über unseren Köpfen sind umwerfend.

Sie sagt, aber Gras ist hier nicht legal.

Ich bemerke, dass es in Colorado legal sei und dass Colorado neben New Mexico liegt.

Was, wenn jemand die Polizei ruft?

Die werden die Polizei nicht rufen! Bist du verrückt? Wir sind Hotelgäste.

Was, wenn wir verhaftet werden?

An diesem Punkt sind wir beide sehr verwirrt, verstehen die jeweils andere überhaupt nicht. Ich denke, mach dich locker. Leute rauchen Gras in Stadtparks, auf Musik-Festivals, auf Wanderwegen. Das letzte Mal als ich geraucht habe, war auf einer Hochzeit in Maine.

Ich sage, komm schon, die werden uns nicht für einen kleinen läppischen Joint verhaften. Wir sind verdammt nochmal Dozentinnen!

Okay, sagt sie schließlich, den Joint anzündend. Aber, wenn sie die Polizei rufen, versteckst du mich besser unter deinem Tarnumhang weißer Privilegien.

In Momenten wie diesen, wenn sich meine weiße Haut vor mir materialisiert und ich sie sehen kann, schäme ich mich sehr dafür und bin wütend auf mich, weil ich mir dessen nicht immer so bewusst bin wie hier in diesem unangenehmen, schmerzenden, absurden, entscheidenden Augenblick. Ich will es ungesehen machen, es wieder unsichtbar machen, und normalerweise tue ich das auch, weil es sich besser anfühlt. Ich habe dieses Privileg.

Andere haben es nicht.

Ich habe Schriftsteller gesehen, die direkt vor meinen Augen schwarz wurden. Meinem Mann, der ein Halb-Kubaner ist, aber in Bewerbungsgesprächen noch viel mehr dazu gemacht wird, wurde von einem weißen männlichen Wissenschaftler, dessen Spezialgebiet Afro-amerikanische Literatur ist, gesagt, dass die erfindungs- und einbildungsreichen Aspekte des Kubas in seinem Roman “problematisch” seien und, geht es nach dem weißen Professor, er Kuba “falsch” verstanden habe.

Meine beste Freundin, eine baskische Amerikanerin, hat ein Buch veröffentlicht, das im spanischen Baskenland spielt, und Publishers Weekly preist es: “gerade exotisch genug”. Meine iBooks-Bibliothek kategorisiert Joshua Cohen als “literarisch” und Toni Morrison als “afro-amerikanisch”. Denkt darüber für einen Moment nach: Es ist entweder oder. Das bedeutet, geht es nach iBooks, kann man nicht gleichzeitig afro-amerikanisch und literarisch sein. Und es ist erst zwei Jahre her, dass, auf Wikipedia, amerikanische Autoren, bei denen die Redakteure vermutet haben, dass sie im Besitz einer Muschi sind, von der Kategorie “Amerikanische Romanautoren” entfernt und in “Weibliche amerikanische Romanautoren” verlegt wurden. Diese Kategorien – Schriftstellerin oder Studentin, Schriftsteller oder Mädchen, Romanautorin, Eskimo, Latino, literarisch oder afro-amerikanisch – sind von Bedeutung. Wie Susan Sontag zu Mailer sagte: “Wörter spielen eine Rolle, Norman.” Sie beeinflussen die Art, wie wir leben – ob wir einen Joint neben einem Hotelpool in New Mexico rauchen können ohne Angst zu haben, verhaftet zu werden; oder ob jemand es hört, wenn wir nein sagen – und sie beeinflussen auch die Art, wie wir schreiben.


 

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Claire Vaye Watkins

Claire Vaye Watkins

Claire Vaye Watkins wurde 1984 im Death Valley geboren und ist in Nevada aufgewachsen. Ihre Erzählungen und Essays sind unter anderem in GrantaTin HouseThe Paris ReviewOne StoryGlimmer Train und der New York Times erschienen. Ihr 2012 erschienener Erzählungsband Geister, Cowboys wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Story Prize und dem Dylan Thomas Prize. Derzeit unterrichtet Claire Vaye Watkins kreatives Schreiben an der University of Michigan. Ihr aktueller Roman Gold, Ruhm, Zitrusist am 22. September im Ullstein Verlag erschienen.

Foto: © Heike Steinweg

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