„Ist die Ukraine alles, was der Kreml will?“:
Walter Laqueur über Amerikas Haltung im Ukraine-Konflikt

Wie geht der Westen mit Putins Provokationen um? In Europa und den USA wird derzeit heiß debattiert, wie man sich Russland gegenüber positionieren sollte. Barack Obama schließt Waffenlieferungen bisher nicht aus. Diese oder gar ein militärischer Eingriff würden für die USA einen neuen Kriegsschauplatz bedeuten – doch wäre es nicht viel gefährlicher für Europa, wenn die USA sich zurückhielten? Ein Kommentar von Walter Laqueur.

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Foto: ShadowNinja1080 via Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

Es ist allgemein bekannt, dass sich die Beziehungen zwischen Amerika und Russland erheblich verschlechtert haben. Jetzt wird in Washington darüber diskutiert, welchen Kurs man gegenüber Russland einschlagen soll. Als Barack Obama zum Präsidenten gewählt wurde, verkündete er, dass ein »Reset«, das heißt eine Verbesserung der Beziehungen zu Russland weit oben auf seiner Prioritätenliste stehe. Er hat es gewiss versucht, aber der Erfolg blieb ihm versagt. Warum? Laut der offiziellen russischen Version, weil Washington ständig versucht hat, Russland auf jede mögliche Weise zu schaden.

Die herrschende politische Elite Russlands, die zu einem guten Teil aus dem KGB kommt, ist in dem Glauben erzogen worden, dass Amerika ein ewiger Feind Russlands sei und die amerikanischen Führer fast ausnahmslos Tag und Nacht Intrigen schmiedeten mit dem Ziel, Russland zu vernichten. Amerika sei für den Zusammenbruch der Sowjetunion vor 25 Jahren verantwortlich, und jetzt wolle es die Arbeit zu Ende bringen und Russland als bedeutenden Faktor in Weltangelegenheiten endgültig ausschalten.

Das ist eine interessante Theorie. Aber entspricht sie der Wahrheit?

Als der Kalte Krieg zu Ende ging, war Washingtons Haltung zu Russland keineswegs von ruheloser Feindseligkeit geprägt, sondern von profundem Desinteresse. Dies war auf allen Ebenen zu beobachten, von der obersten bis zur untersten. Es galt für die Wirtschaft: Unter Amerikas Handelspartnern nahm Russland lediglich den zwanzigsten Platz ein. Es galt für die akademische Welt: Bis 1990 hatte an den Universitäten starkes Interesse an Russland geherrscht; es gab viele Forschungszentren und Studenten, die Russisch und Sowjetangelegenheiten studierten. Nach 1990 wurde intelligenten, ehrgeizigen jungen Leuten jedoch geraten, sich von diesem Gebiet fernzuhalten – es wäre ihrer Karriere nicht förderlich. Bei Washingtoner Experten in Sachen Außenpolitik galt Russland als verbrauchte Kraft, die im Gegensatz zu China nicht mehr wichtig war. Kurz, Russland war, soweit es Amerika betraf, kein Opfer teuflischer Intrigen, sondern Gegenstand von mangelndem Interesse, was schließlich zu Illusionen und Fehleinschätzungen auf Seiten des amerikanischen Präsidenten führte. Noch vor einem Jahr waren Illusionen über Russland weit verbreitet.

Nachdem Russland sein Imperium verloren hatte, machte man sich im Westen nicht klar, dass es versuchen würde, so viel wie möglich zurückzugewinnen, sobald sich seine wirtschaftliche und politische Lage verbessert hätte. Als dann die Rückeroberung der Krim und die Kämpfe in der Ukraine das herrschende amerikanische Russlandbild widerlegten, schlug die Stimmung in Enttäuschung und – nach jüngsten Meinungsumfragen – sogar in die Überzeugung um, Russland sei Amerikas Hauptfeind. Dies hatte man in den dreißig Jahren zuvor nicht angenommen.

Daher die gegenwärtige Debatte: Wie soll man sich gegenüber Russland verhalten? Einer Denkrichtung zufolge muss man Russland Widerstand entgegensetzen. Die Krim mag verloren sein, aber der Ukraine sollte man helfen, ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Andere vertreten dagegen die Auffassung, dass es ein grundlegender, wenn nicht sogar fataler Fehler wäre, wenn sich Amerika nach Afghanistan und dem Irak in einen weiteren Krieg verwickeln ließe, den es nicht gewinnen würde und in dem kein bedeutendes nationales Interesse auf dem Spiel stünde. Diese Ansicht findet man auf der extremen Linken und der extremen Rechten, bei Verfechtern des sogenannten politischen Realismus und bei jenen, die als Einflussagenten oder Personen gelten, die ein materielles Interesse daran haben, dem Kreml dienlich zu sein. Ihre Argumente sind ziemlich stark. Der Preis, der für eine, wenn auch nur indirekte, amerikanische Intervention zu zahlen wäre, könnte sehr hoch sein, und man findet in Amerika wenig Begeisterung dafür, in einen weiteren kleinen Krieg zu ziehen, der sich zu einem großen ausweiten könnte.

Aber diese Argumente haben einen erheblichen Schwachpunkt: Sie lassen die Frage außer Acht, welchen Preis die amerikanische Untätigkeit hätte. Ist die (Ost-)Ukraine alles, was der Kreml will? Oder wäre ihre Einverleibung nur der Anfang der Rückeroberung des alten, von Zentralasien bis zum Baltikum und Moldawien reichenden Imperiums und schließlich der aufgenötigten Einsetzung mit dem Kreml verbündeter Regierungen in ganz Osteuropa? Würde dies nicht das Ende der Europäischen Union und der NATO und den Aufstieg Russlands zur dominierenden Macht in Europa bedeuten?

Unsinn, entgegnen die »Realisten«, das sei Angstmache. Der russische Ehrgeiz sei begrenzt und historisch vielleicht sogar gerechtfertigt. Das heutige Russland sei sowohl ökonomisch als auch militärisch schwach. Es habe in den letzten Jahren zwar viel Geld in die Rüstung gesteckt, aber dies werde sich erst in fünf bis zehn Jahren auswirken. Angesichts der schlechten Wirtschaftslage aufgrund von Sanktionen, Rubelabwertung und sinkendem Ölpreis werde es Moskau vielleicht sogar unmöglich sein, die bisherige Rüstungspolitik weiterzuverfolgen. Sei es wirklich denkbar, dass sich ein solches Land aus einer Position der Schwäche heraus auf ein gefährliches Hasardspiel einlässt?

All dies trifft zu, aber die Feststellung, dass jemand stark oder schwach ist, ist stets relativ. Es hängt von den Kräften und der Entschlossenheit der anderen Seite ab. Wenn es den Anschein hat, dass die Risiken einer Expansion gering sind, könnte die Versuchung groß sein, das Hasardspiel fortzusetzen. Wie es schon in der Bibel heißt: Führe uns nicht in Versuchung.


 

Weblinks
„Putinismus – Wohin treibt Russland?“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage

Walter Laqueur

Walter Laqueur

Walter Laqueur, geboren 1921 in Breslau, 1938 nach Palästina emigriert, lebt heute in London und Washington. Von 1964 bis 1991 war er Direktor des Londoner Institute of Contemporary History and Wiener Library, seit 1969 zugleich in führender Stellung im Center of Strategic and International Studies in Washington tätig. Er ist der Autor zahlreicher zeitgeschichtlicher Bücher über den Holocaust, den Terrorismus, Russland und Europa. Sein neues Buch „Putinismus – Wohin treibt Russland?“ erscheint am 6. April im Propyläen Verlag.

Foto: © Marcus Gyger

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