Erklär uns Deinen Tweet!

Auf Twitter begegnen uns täglich unzählige Nachrichten – Neues, Spannendes, Polarisierendes, manchmal Kryptisches oder Alltägliches in 140 Zeichen. Und immer wieder lesen wir Tweets, über die wir gerne mehr erfahren würden. Deshalb sprechen wir ab heute Twitterer an, die uns neugierig gemacht haben, und sagen: „Erklär uns Deinen Tweet!“. Wir freuen uns auf erhellende Beiträge und rege Diskussionen! Den Anfang macht ein Leser: Lars Reineke mit seinem Tweet zu E-Books.

 

 

von Lars Reineke

Zunächst einmal sollte ich eines vorwegschicken: Ich bin kein Evangelist für elektronische Bücher, und ich habe auch keinerlei Einsicht in die Entscheidungsprozesse innerhalb von Verlagshäusern. Das hindert mich natürlich nicht daran, eine Meinung dazu zu haben. Die muss man ja nicht teilen.

Ein Buch wird nicht automatisch besser oder schlechter, weil es auf Papier gedruckt oder in einer Textdatei verbreitet wird. Im Internet finden sich zahlreiche Blogs und Webseiten, die sich ausschließlich E-Books und den damit verbundenen Selfpublishing-Möglichkeiten widmen. Um es deutlich zu sagen, halte ich die meisten dieser selbstverlegten Bücher für unlesbaren Schrott, vor allem, wenn der Autor glaubt, zugleich Lektor, Coverdesigner und Marketingbeauftragter spielen zu können. Die Ergebnisse gleichen zumeist der Webseite des Handwerkers um die Ecke, die der Schwiegersohn vom Chef nach vier Stunden HTML-Selbststudium zusammengebaut hat.

Um diese Art der E-Books geht es mir also nicht. Es geht mir auch nicht darum, dass digitale Bücher gefälligst für ein paar Cent zu haben sein sollten, weil da „ja schließlich kein Material bei der Herstellung verbraucht wurde“. Das ist natürlich Quatsch. Während eines Rockkonzertes wird – außer ein paar Streifen Gaffa-Tape und der einen oder anderen Gitarrensaite – auch kein „Material verbraucht“, trotzdem käme niemand auf die Idee, dass Konzertveranstalter deshalb nicht mehr als 99 Cent Eintritt verlangen dürften. Ich zahle bei einem Buch nicht für das bedruckte Papier, sondern für das Leseerlebnis, und an dessen Entstehung sind nun mal mehrere Personen beteiligt, die alle ihren Kühlschrank füllen müssen.

Ich möchte einfach nur das lesen, was es auch auf Papier zu kaufen gibt. Wenn möglich, will ich dabei aber bevorzugt die Vorteile nutzen, die mir ein E-Book-Reader bietet. Was nicht heißt, dass ich nicht bei besonders schick aufgemachten Büchern durchaus zur bibliophilen Unvernunft neige. Den kompletten Foundation-Zyklus von Isaac Asimov im zehnbändigen Schuber hätte ich schon gerne. Meinetwegen gebraucht. Aber verdammt, der kostet bei eBay um die 350 Euro. Das sind für mich drei Jahre Kfz-Steuer, mit Maut-Gesetz oder ohne.

Seitdem ich einen E-Book-Reader habe und nicht mal mehr zur Haustür gehen muss, um Bücher zu kaufen, hat sich jedoch die Art, wie ich mich beim Kauf entscheide, drastisch gewandelt. Die Möglichkeit, mir die ersten 20 Seiten als Leseprobe herunterladen zu können, ist nur ein Vorteil, ein weiterer hängt mit einer persönlichen Schwäche zusammen: Ungeduld. Wenn ich mich zum Kauf entschieden habe, ist das Buch sofort da (na gut, in zehn Sekunden, das ist nahezu sofort).

Maximal 20 Prozent der Bücher, die ich mir für den Reader kaufe, entdecke ich beim Stöbern auf den Seiten des Anbieters selbst, wobei ich ohnehin zumeist in der E-Book-Rubrik mit der Suche beginne. So weit, so gut. Problematisch sind die 80 Prozent, insbesondere, wenn es sich um Veröffentlichungen handelt, die schon einige Jahrzehnte zurückliegen, und bei denen man sich nicht der Anstrengung unterziehen möchte, sie in der englischen Originalfassung zu lesen.

Das spielt sich in der Regel so ab: Ich erfahre von irgendwoher, dass es da ein Buch gibt, das von mir gelesen werden will. Das „irgendwoher“ kann ein Podcast sein oder ein Blog, eine Fernsehsendung oder ein Gespräch mit Freunden. Dank ständig verfügbarem Internet suche ich kurz danach, um es mir auf die Zu-Lesen-Liste zu setzen. Doch das Buch ist ausschließlich auf Papier erhältlich.

Entschließe ich mich dennoch zum Kauf, habe ich dort oftmals zwei Preisangaben: „neu für 8,99 Euro“ und „gebraucht für 0,01 Euro + 3 Euro Versandkosten“. Wenn das wichtigste Kriterium, es sofort zu bekommen, also bereits ausscheidet, und ich mir das Buch auch nicht zum Angeben ins Regal stellen will, für welches Angebot entscheide ich mich wohl? Da ich das Buch nicht unmittelbar haben kann, ist es mir auch egal, ob der Versand einen Tag oder eine Woche dauert. Und so bekommt irgendjemand einen Cent und die Post drei Euro dafür.

Noch ärgerlicher ist es, wenn ein Klassiker zwar als E-Book erhältlich ist, aber nur im englischen Original. Da wird noch deutlicher, dass hier zu Lande erheblicher Nachholbedarf besteht. Denn im Ursprungsland ist das Buch ja in der Regel sogar noch früher erschienen. Und trotzdem hat man es dort auf die Reihe bekommen, es zu digitalisieren, während man beim deutschen Verlag nur mit den Schultern zuckt.

Absolut unverständlich wird es aber für mich, wenn Bücher überhaupt nicht mehr zu haben sind oder nur zu Preisen, die sich auch mit dem damaligen Aufwand für Lektorat, Gestaltung und Vertrieb nicht mehr rechtfertigen lassen. So habe ich in einem Podcast zum ersten Mal von Carl Sagans „Der Drache in meiner Garage“ erfahren (spätestens jetzt dürfte klar sein, welche Podcasts ich so höre). Das Buch ist nur noch gebraucht erhältlich und das nicht unter 25 Euro.

Selbst, wenn der Text nicht mehr elektronisch vorliegt: Das Digitalisieren eines Buches mit 500 Seiten kostet beim ersten Dienstleister, den Google auswirft, keine zehn Euro. Rechnen wir nochmal den gleichen Betrag für die Texterkennung dazu, und der Verlag hätte für 20 Euro ein E-Book, das er ohne großartigen Aufwand für fünf Euro pro Exemplar verkaufen könnte. Ich hätte auch zehn bezahlt.

Apropos Google: Wenn ich bei der Suche nur ein Stichwort an den Titel anhänge, erhalte ich Treffer, bei denen ich das Buch kostenlos (und wahrscheinlich illegal) zum Download angeboten bekomme. Und davon haben in erster Linie nur die etwas, die sich mit fremden Inhalten über Bannerwerbung die Taschen füllen.

Ich habe den Sagan selbstverständlich nicht heruntergeladen, wo denken Sie hin? Möglicherweise geschieht es ja noch, dass die deutschen Verlage mir ein vernünftiges Angebot machen. Ich werde bald 41, da könnte ich das sogar noch erleben.

Habe ich schon erwähnt, dass ich mich auch über gebrauchte Bücher freue? Ach ja, da oben steht’s ja.


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Lars Reineke

Lars Reineke

Lars Reineke, geboren 1974, ist ausgebildeter Datenverarbeitungskaufmann und arbeitet seit fast 20 Jahren als Systemadministrator. Er ist seit 2013 Vorsitzender der Fraktion Die LINKE im Hamelner Stadtrat. In seiner Freizeit bloggt, twittert und podcastet er über Politik, Technik, Bücher und wofür sich Durchschnittsmenschen sonst so interessieren.

Foto: © privat

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