Vier Fragen an… Max Tegmark

Max Tegmark hat sich auf das größte intellektuelle Abenteuer begeben – der Physiker erforscht das Wesen der Wirklichkeit und sucht nach den tiefsten Geheimnissen, die unser Universum bereithält. In seinem aktuellen Buch „Unser mathematisches Universum“ zeigt er nicht nur sehr anschaulich und unterhaltsam, was wir über den Kosmos wissen, sondern stellt auch eine provokante These auf: Das Universum – und wir in ihm – ist reine Mathematik. Vier Fragen an einen begeisterten Forscher, von dem wir unter anderem erfahren, dass es für ihn keine klare Grenze zwischen Philosophie und Naturwissenschaft gibt.

von Max Tegmark

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Ihr Buch ist nicht nur eine erstaunliche Reise durch Physik und Mathematik, sondern auch die Geschichte Ihres eigenen Lebens als Wissenschaftler, was das Ganze sehr lesbar und zugänglich macht. Begann das Buchprojekt als Buch über Sie selbst, quasi als wissenschaftliche Autobiografie? Oder nahm es diese Gestalt erst später an?

Obwohl das Buch viel mehr über den Kosmos sagt, als über mich, beschloss ich von Anfang an, auch einige persönliche Erfahrungen mit aufzunehmen. Das tat ich, weil ich nicht nur aufregende Entdeckungen beschreiben, sondern auch vermitteln wollte, wie viel Spaß es macht, zu forschen. Ich wollte junge Leser dazu ermutigen, Wissenschaftler zu werden. Ich glaube dass die Wissenschaft das ultimative geistige Abenteuer ist: Wenn Sie, die nun diese Zeilen lesen, sich dafür entscheiden, das Buch zu lesen, dann wird es nicht mehr nur mein Abenteuer sein – es wird unser Abenteuer werden.

Nachdem Sie im ersten Teil des Buches mehr oder weniger den aktuellen Mainstream der Physik und Kosmologie behandeln, stellen Sie dem Leser im zweiten Teil des Buches ein wesentlich kontroverseres Konzept vor: dass die Realität schlussendlich reine Mathematik sei. Dies wird sogar unter Ihren Kollegen noch sehr kontrovers diskutiert. Sie schreiben auch über die Grenze zwischen dem, was in der Physik als Mainstream gilt und darüber, dass diese sich ständig verschiebt. Und sie schreiben über die Dr. Jekyll-und-Mr. Hyde-Strategie, die Sie angewendet haben, um an den Themen arbeiten zu können, die Sie interessieren. Sind Sie über solche Strategien jetzt hinaus, haben Sie die Grenze selbst verschoben? Und können Sie schon die nächste Grenzlinie erkennen?

Die Grenze zwischen Mainstream und Spekulation verschiebt sich in der Tat ständig. Ich hoffe, dass ich dazu beigetragen habe und dass ich das auch weiterhin tun werde. Ein Teil des Spaßes, den die Wissenschaft bereithält, ist, dass man nie vorhersagen kann, in welche Richtung, diese Grenze sich bewegen wird: Manche Dinge, die früher als hoch spekulativ angesehen wurden, sind heute Mainstream (schwarze Löcher zum Beispiel), während andere, die früher als Mainstream galten, heute für unwissenschaftlich gehalten werden (wie Astrologie). Momentan ist die Grenze, die das Bewusstsein aufwirft, mein Favorit.

Ihr Buch enthält zahlreiche Zitate von Wissenschaftlern, Philosophen und Dichtern aus allen Epochen. Teilen Sie die Annahme, dass die wesentlichen Fragen über uns selbst und unser Universum heute aus der Wissenschaft kommen und nicht mehr aus der Philosophie? Gibt es Raum für Philosophie in einem mathematischen Universum?

Die Wissenschaft bezeichnete man früher als „Naturphilosophie“, und das Ph. in meinem Doktortitel (Ph.D.) steht nicht für Physik. Ich glaube die klare Grenze zwischen Wissenschaft und Philosophie ist etwas Artifizielles. Wenn Sie Philosophie als klares, rationales Denken betrachten, dann können Sie ohne Philosophie keine Wissenschaft betreiben. Mein Lexikon definiert Philosophie als „Das Studium der grundlegenden Natur des Wissens, der Realität und des Seins“, was letztlich natürlich ebenso die Zielsetzung der Physik ist.

Sie unterrichten auch Kinder in Astronomie. Wie ermutigt man Kinder am besten, kluge Fragen zu stellen und neugierig auf die Welt zu bleiben – kurz gesagt, sich für Naturwissenschaften zu interessieren?

Zuallererst sollte man sie ernst nehmen, wenn sie tatsächlich Fragen stellen über die Welt, in der sie leben, um ihren Appetit auf mehr zu wecken. Wenn ich früher meinem Vater solche Fragen stellte, antwortete er in der Regel: „Was meinst Du?“, und wir führten dann eine interessante Unterhaltung, die meine Neugier anstachelte. Zweitens glaube ich, ist es wichtig, Kinde interessanten Dingen auszusetzen und sie zu fragen, was sie davon halten. Drittens müssen wir in dieser Welt der Sound-Bites und Youtube-Clips ihre Geduld fördern, indem wir unseren Kindern helfen, zu verstehen, dass es Fragen gibt, die man nicht in 30 Sekunden beantworten kann, und dass manche Dinge es lohnen, dass man Stunden, Wochen oder sogar Jahre über sie nachdenkt.

 

Die Fragen stellte Juliane Junghans.


 

Weblinks
Die Website von Max Tegmark
Max Tegmark auf Twitter
„Unser mathematisches Universum“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage

Max Tegmark

Max Tegmark

Max Tegmark wurde 1967 in Schweden geboren. Er studierte am Royal Institute of Technology in Stockholm sowie an der University of California, Berkeley, und ist Professor für Physik am Massachusetts Institute of Technology. Tegmark ist Mitglied der American Physical Society und der wissenschaftliche Leiter des Foundational Questions Institute.

Foto: © Meia Chita-Tegmark

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