„Mysteriös, dunkel und unbekannt“: Tom Cooper im Interview

Louisiana, USA. Irgendwo mitten im Bayou, unweit New Orleans – die Region ist gezeichnet von Hurrikan Katrina und der BP-Ölkatastrophe. In diesem Setting spielt Tom Coopers Debütroman Das zerstörte Leben des Wes Trench – eine Geschichte über Abenteuer, Verlust und darüber, nicht aufzugeben. Im Interview spricht Cooper über Literatur, die Inspiration zu seinen Figuren und über den Prozess des Schreibens.

die Fragen stellte Lucas Humann

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Glauben Sie, dass Sie ein sehr amerikanisches Buch geschrieben haben?

Das kann ich unmöglich objektiv beantworten. Ich denke schon, da ich natürlich in Amerika lebe. Dann wiederum gibt es so viele verschiedene Amerikas. Ich weiß nicht so recht, was das bedeutet, sehr amerikanisch sein. Wie Sie wahrscheinlich wissen, ist es zurzeit ein sehr gespaltenes Land mit vielen Streitherden. Die Politik ist zum Zirkus verkommen.

Manche sagen, dass New Orleans, wo ich lebe, eine Art europäische Stadt im amerikanischen Süden ist. Sicherlich verwendet das Buch diese besondere amerikanische Sprache, die Sprache des Südens, da dies nun mal meine Muttersprache ist. Ich hoffe, dass diese Besonderheiten, die Nuancen und der Rhythmus auch für die deutschen Leser spürbar sind.


Viele Kritiker haben Ihr Buch als southern gothic beschrieben, ein Genre, welches außerhalb der USA nicht besonders bekannt ist. Wie würden Sie Ihren Roman beschreiben?

Der Roman spielt im amerikanischen Süden, ja, und es gibt auch einige gothic Elemente. Ich überlasse die Einordnung lieber den Kritikern und Lesern, da ich glaube, dass es den kreativen Prozess stört, seine eigene Arbeit zu analysieren. Es gibt einen großen Unterschied zwischen etwas denken und sich etwas vorstellen. Ich mag Elemente des southern gothic-Genres aber sehr gerne, von daher ist es nicht überraschend, dass einige dieser Bilder vorkommen.


Warum haben Sie die Literatur gewählt, um Ihre Geschichte zu erzählen?

Nun, Gitarre kann ich nicht spielen und mein Gesang ist grauenvoll. Mein Ausdruckstanz ist sogar noch schlimmer.


Obwohl Ihr Buch in der Gegenwart spielt, ist es doch zeitlos. Würden Sie sich selber als Autor moderner Literatur bezeichnen?

Literatur mit großem „L“? Das würde ich mir nicht erlauben. Die Zeit wird zeigen, wie ich eingeordnet werde, und bis dahin bin ich längst tot. Ich bin lieber lebendig und kann einigermaßen von meinem Schreiben leben. Es ist müßig über das, was danach kommt, nachzudenken.

 


Das ständige hin- und herwechseln zwischen einzelnen Figuren lässt das Buch sehr rasant erscheinen – es erinnert gar an die Erzählweise von TV-Serien. War dies beabsichtigt?

Ja, das war in der Tat beabsichtigt. Ich mag es, mit einzelnen Bausteinen zu hantieren, mit denen ich dann nach Belieben arbeiten kann. Sie können neu angeordnet, hinzugefügt, gelöscht werden. Ich könnte niemals einen dieser riesigen, unterbrechungsfreien Texte schreiben, wie wir sie von Henry James und Marcel Proust oder auch von John Updike und David Foster Wallace kennen.


Der Sumpf ist ein Leitmotiv, das derzeit öfter in Geschichten vorkommt, vor allem, wenn man an TV-Serien wie „Dexter“, „Treme“ oder „True Detective“ denkt. Was macht Ihrer Meinung nach den Sumpf so interessant?

Er ist mysteriös, dunkel und unbekannt, geradezu ursprünglich. Ich glaube, dass dies das Kind in uns anspricht. In Geschichten wie diesen gibt es das Element des Abenteuers und der Entdeckungslust, eine Atmosphäre von unmittelbarer Gefahr.


An manchen Stellen in Ihren Roman erscheint der Sumpf so real, dass er als eigene Figur durchgeht, denken Sie nicht auch?

Das hoffe ich, ja. Vielen Dank. Das Setting sollte meiner Meinung nach immer Einfluss auf die Figuren haben und umgekehrt. Das mag etwas professoral klingen, aber Sie wissen, was ich meine.


Was entstand während des Schreibprozesses als Erstes, das Setting oder die Figuren?

Diese beiden Dinge treten gleichzeitig auf. Man hat eine vage Vorstellung der Figuren. Vage, aber auf einer Art Bühne. Ein Dialog im Dunkeln. Sehr theatermäßig, wie in einem spartanischen Stück. Manchmal erfordert eine Figur ein anderes Setting – manchmal erfordert ein Setting eine andere Art von Figuren. Die Hauptsache ist, dass die Geschichte im Fluss bleibt.


Die wenigen weiblichen Figuren im Buch sind allesamt Mütter. War das beabsichtigt?

Zunächst einmal gibt es nicht viele weibliche Krabbenfischer. Das heißt nicht, dass es gar keine gibt, aber im Vergleich zu den männlichen Kollegen ist ihre Zahl sehr gering. Daher war es beabsichtigt. Es sollte plausibel bleiben. In meinem nächsten Roman – jedenfalls hoffe ich, dass es mein nächster wird – werden mehr weibliche Figuren auftreten. Wahrscheinlich sogar mehr weibliche als männliche.


War von vornherein klar, dass Wes Trench im Mittelpunkt der Geschichte stehen würde?

Das steht zur Debatte. Einige Leser sehen in Lindquist die zentrale Figur. Ich denke, es ist eine Art Ensembledrama, mit großer Besetzung. Wie in einem Robert Altman-Film. Oder bei dem frühen P.T. Anderson.
Die deutsche Ausgabe heißt ja, Das zerstörte Leben des Wes Trench. Darüber wurde ich nicht informiert – aber ich beschwere mich auch nicht. Ich kann kein Deutsch, daher vertraue ich dem Verlag. Und der Übersetzer hat, soweit ich das mitbekommen habe, großartige Arbeit geleistet. Vielleicht vermittelt der deutsche Titel den Eindruck von Wes als Mittelpunkt der Geschichte.


 

Das Buch
OD_9783550080968-Cooper-Das-zerstoerte-Leben-des-Wes-Trench_SU_AAls Hurrikan Katrina mit den Südstaaten der USA fertig ist, hat Wes Trench alles verloren. Er ist kaum erwachsen, und doch erscheint es ihm, als sei sein Leben schon vorbei. Weil er es zu Hause nicht länger aushält, heuert Wes beim Shrimper Lindqvist an. Der alte Fischer ist noch übler dran: Was er fängt, reicht kaum zum Leben, ein Ölteppich bedroht die Küste, und zu allem Unglück ist ihm auch noch die Armprothese gestohlen worden. Besessen von der Idee, in den Sümpfen der Küste einen Schatz zu finden, fährt er immer wieder mit seinem Boot raus. Auch die gefährlich durchgeknallten Toup-Brüder, deren Grasplantagen er zu nahe kommt, können ihn nicht davon abhalten. Wes genießt die Freiheit an Lindqvists Seite und fasst allmählich neuen Mut, bis ihn ein weiterer Schicksalsschlag zu einer Entscheidung zwingt. Ein großer Roman, der packend und mit viel Liebe zu seinen störrischen, gebeutelten Figuren von Verlust erzählt und davon, was es heißt, allen Widrigkeiten zum Trotz immer wieder aufzustehen.

Links
 Das zerstörte Leben des Wes Trench auf den Seiten der Ullstein Buchverlage

• Tom Coopers offizielle Website
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Tom Cooper

Tom Cooper

Tom Cooper hat in zahlreichen literarischen Magazinen Amerikas, u.a. dem New Yorker, Erzählungen veröffentlicht und wurde für den renommierten Pushcart Prize nominiert. Cooper lebt in New Orleans. Das zerstörte Leben des Wes Trench ist sein Debütroman.

Foto: © Sara Essex Bradley

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