Meine Arbeit mit Peter Scholl-Latour

von Christian Seeger

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© Nadine Städtner/Ullstein Buchverlage

Wenn ich ihn besuchte, saß er meistens an seinem Schreibtisch. Ein ungewöhnlich kleiner Tisch, auf dem Stifte wohlgeordnet lagen und einige Erinnerungsstücke aus fernöstlichen Ländern, außerdem ein Stapel Post. Nichts, was mit seinem neuen Buch zu tun hätte – keine Lektüre, keine Karten, kein Recherchematerial. Vor ihm ein DIN-A4-Block, in der Hand ein Kugelschreiber. So schrieb er seine Bücher. In kleiner, schwer leserlicher Schrift, die Seiten randvoll, als befürchte er Papiermangel. Alles aus dem Kopf – seine Erinnerungen an über sechzig Jahre Reporterleben waren so präsent, als habe er sie gerade erlebt. Und nicht nur die eigenen Erinnerungen, nein, er hatte auch die Geschichte der Länder, über die er schrieb, im Kopf, ihre Geographie, ihre Kultur, ihre ethnischen und religiösen Besonderheiten. Er konnte Landschaften beschreiben wie Karl May das wilde Kurdistan, nur dass er sie im Gegensatz zu diesem selbst gesehen hatte. Die Menschen, denen er begegnet war, erinnerte er ebenso lebendig wie die Städte, die er besuchte ‒ ihre Kirchen und Kastelle, ihre Straßen, Plätze und Gerüche. Er war ein Schriftsteller, ein Reiseschriftsteller und Kriegsreporter, der alles, was er beschrieb und erzählte, selbst erlebt hatte, auf Hunderten von Reisen in alle Länder der Welt.

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© Nadine Städtner/Ullstein Buchverlage

Hatte er ein Kapitel zu Papier gebracht, diktierte er es auf kleine Kassetten, die wir abschreiben ließen. Da „Scholl“, wie wir alle ihn nannten, sein charakteristisches näselndes Nuscheln auch beim Diktieren nicht ablegte, kam es häufig zu wunderbaren Hörfehlern der Dame, die die Kassetten abschrieb. So wurde etwa die „Demarche des Außenministers“ zum „Marsch des Außenministers“. Ein sorgfältiges Lektorat hat derlei „Schnitzer“ dann aufgespürt und korrigiert.

Wenn Scholl in seinem Sommerdomizil in Südfrankreich weilte, bedeutete das für uns Alarmstufe eins. Die Kassetten – Schätze der Erinnerung ‒ durften nicht der Post anvertraut, sondern mussten per Boten nach Berlin befördert werden. Aber manchmal fand ein Bote das Haus nicht auf Anhieb und traf nicht zur vereinbarten Zeit ein. Dann rief Scholl erbost im Verlag an: Er reiße sich für uns den A… auf, und wir seien nicht mal in der Lage, einen Boten zu bestellen. Wenn der Bote dann schließlich vor der Tür stand, rief Scholl postwendend wieder an und entschuldigte sich für seinen Zornesausbruch.

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© Benjamin Vieth/Ullstein Buchverlage

Das abgeschriebene Manuskript wurde von ihm sorgfältig redigiert und erst dann dem Verlag überreicht. Ein zeitraubendes Verfahren, fürwahr ‒ aber alle (!) seine Bücher sind pünktlich erschienen. Scholl gab immer zum vereinbarten Termin ab, und der Korrekturbedarf war gering. Alles stimmte: die Daten, die Namensschreibung – ganz gleich, ob französisch, arabisch oder chinesisch; die sprachliche Qualität war sowieso über jede Kritik erhaben. Eine Freude für den Lektor, der sich auf den Genuss des Erstlesers konzentrieren konnte; der immer wieder den breiten Bildungshorizont Scholl-Latours bestaunte; der mit jedem Buch Neues lernte und auf überzeugende Weise Orientierung geboten bekam in den Wirrnissen der Gegenwart; und der sich auf den Bestseller freuen konnte, der das neue Buch, wie sämtliche Scholl-Bücher, garantiert werden würde. Nun ist das letzte Buch geschrieben, großartig erzählt wie alle vorherigen und ein Bestseller auch.

Adieu, Peter Scholl-Latour!

 

 

Peter Scholl-Latour

Peter Scholl-Latour

Peter Scholl-Latour, geboren 1924 in Bochum. Promotion an der Sorbonne in Paris in den Sciences Politiques, Diplom an der Libanesischen Universität in Beirut in Arabistik und Islamkunde. Er war in vielfältigen Funktionen als Journalist und Publizist tätig, unter anderem als ARD-Korrespondent in Afrika und Indochina, als ARD- und ZDF-Studioleiter in Paris, als Programmdirektor des WDR-Fernsehens, als Chefredakteur und Herausgeber des STERN und als Vorstandsmitglied von Gruner + Jahr. Seine TV-Sendungen erreichten höchste Einschaltquoten, seine Bücher haben ihn zu Deutschlands erfolgreichstem Sachbuchautor gemacht. Zuletzt erschienen bei Propyläen »Die Welt aus den Fugen« (2012) und „Der Fluch der bösen Tat“ (2014). Peter Scholl-Latour verstarb am 16. August 2014.

Foto: © Nina Mellmann

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