„Ich wollte dem Leben der normalen Menschen ein Gesicht geben”

Eine wilde Liebe zwischen einer finnischen Hebamme und einem Nazi vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs – das gefeierte Buch der Autorin Katja Kettu ist vieles, nur nicht brav. Sie widmet sich einem dunklen, vergangenen Kapitel ihres Heimatlandes, ihre Poesie ist absolut gegenwärtig. Hier schreibt sie über die Hintergründe von Wildauge.

von Katja Kettu
aus dem Finnischen von Andrea Plöger

Lapporten_winter_CC BY-SA 2.0_Oskar Karlin

Ich hatte das dringende Bedürfnis, einen mutigen Roman über Liebe und Krieg zu schreiben. Und ich war fest entschlossen, ihn in Lappland anzusiedeln, einem der Hauptschauplätze des Zweiten Weltkriegs in Europa. Ich stamme selbst aus Lappland und weiß, wie sehr der Krieg und unsere Kameradschaft mit Nazideutschland noch heute tabuisiert werden. Finnland war im Zweiten Weltkrieg mit Deutschland alliiert, schloss aber Anfang August 1944 ein separates Friedensabkommen mit den Sowjets ab. Als die Finnen offiziell den restlosen Abzug der 200.000 Mann starken deutschen Truppe aus Finnland forderten, brach der Lapplandkrieg aus. Die deutschen Soldaten wüteten durch das bergige Land. Auf ihrem Rückzug nach Norwegen brannten sie im finnischen Teil Lapplands Dörfer nieder und sprengten Brücken in die Luft. Mein Roman greift dieses Geschehen auf, indem er die Liebesgeschichte zwischen einer finnischen Hebamme und einem deutschen Offizier erzählt – in einer Situation, wo aus einem befreundeten Soldaten urplötzlich ein Feind wird.

Der Anstoß zum Roman kam 2008, während ich mit einem geliebten Mann im norwegischen Teil Lapplands war. Es war ein regnerischer Junitag, und wir hatten uns verlaufen. Als ich eine verlassene Hütte erblickte, beschloss ich, durch das Fenster einzusteigen.

Drinnen war es, als sei die Zeit vor Jahrzehnten stehen geblieben.

An der Flurgarderobe hing eine traditionelle lappische Jacke, auf dem Boden standen lappische Schnabelstiefel. Ein beschriebenes Notizbuch lag offen auf dem Tisch herum. Ich verstand zwar kein Wort, ging aber romantischerweise davon aus, dass es sich um ein Tagebuch handeln müsse. Das war die Geburtsstunde der Idee für die „Hütte des Toten Mannes”, einer der beiden zentralen Schauplätze der Geschichte.

Die Geschichte nahm in meinen Gedanken unverzüglich Gestalt an. Wir hatten uns kaum wieder ins Auto gesetzt, da schlug ich meinen Laptop auf und legte sofort mit dem Schreiben los. Die gesamte 1500-km-Fahrt schrieb ich ohne Unterbrechung. Obwohl die Mittsommerfeiern schon voll im Gang waren, als wir unser Ziel erreichten, blieb ich auf dem Parkplatz zurück und schrieb weiter.

Danach widmete ich mich der ausgedehnten Hintergrundrecherche für das Buch. Alles in allem nahm die Arbeit an Wildauge drei Jahre meines Lebens in Anspruch.

Die Themen in Wildauge sind international. Klassengrenzen, die sich sowohl in den Worten als auch in den Taten der Menschen ausdrücken, werden zu Fall gebracht. Der zweite zentrale Schauplatz des Buches ist ein deutsches Gefangenenlager in Titowka. Ich interessiere mich schon lange für Gefangenenlager. Nicht ohne Grund waren die Bunker aus der Kriegszeit in meiner Kindheit die aufregendsten Spielplätze. In der Mittelschule wollte ich ein Referat über Gefangenenlager halten, aber mein Lehrer lehnte den Vorschlag ab.

Norwegen, Soldat mit Lappen

Für eine Gemeinschaft ist der Krieg die härteste, die ultimative soziale Herausforderung.

Gleichzeitig stellt er alle moralischen Dogmen auf den Kopf. In der Kriegsliteratur bleiben die Geschichten von Frauen, Kindern und Kriegsgefangenen meistens unerzählt. Ich wollte dem Leben dieser normalen Menschen während des Krieges ein Gesicht geben. Meine Großmutter ist mir dank ihrer Courage immer ein Vorbild gewesen, und ich habe ihre Liebesbriefe aus der Kriegszeit gelesen. Das half mir, all das Ungestüme und Leidenschaftliche zu verstehen, das mit großer und bedingungsloser Liebe einhergeht.

Ich wählte für meine Hauptfigur bewusst den Beruf der Hebamme, weil Hebammen zu dieser Zeit freier reisen konnten als andere Frauen.

Zur Geschichte Lapplands trug ich reichlich Material zusammen, durchforstete das Nationalarchiv, sprach mit Historikern und Archäologen und ließ meinen Text von einem Experten für Dialekte lektorieren.

Das wichtigste Thema der Geschichte ist die alles verzehrende Liebe.

Ich selbst habe nur ein einziges Mal geliebt. Als ich ihn das erste Mal sah, schwor ich mir, dass ich, sollte ich diesen einen speziellen Mann bekommen, nie wieder nach einem anderen verlangen würde. Ich wollte diese Erfahrung in die Erzählung einfließen lassen.

Ein Sinnspruch, den mir meine Großmutter beigebracht hat, besagt, dass Glück aus zwei Dingen erwächst: einer lebhaften Fantasie und der Fähigkeit, gut zu schlafen. Ich verfüge über beides.


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Katja Kettu

Katja Kettu

Katja Kettu, Jahrgang 1978, ist eine der wichtigsten Autorinnen Finnlands. Ihr preisgekröntes Debüt Wildauge stand wochenlang auf Platz 1 der finnischen Bestsellerliste. Der Roman erschien in 20 Sprachen und wurde verfilmt. Auf deutsch ist er am 6. November im Ullstein Verlag als Taschenbuch erschienen. Feuerherz ist der vierte Roman der Autorin.

Foto: © Ofer Amir / WSOY

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