John le Carré zum 85. Geburtstag

John le Carré feiert morgen seinen 85. Geburtstag. Mit einem Blick in seine Notizbücher und mit Bildern aus seinem Leben würdigen wir den Schriftsteller, der in einfachen Verhältnissen geboren wurde, als Agent im Dienste des britischen Geheimdienstes stand, vor allem aber als Schriftsteller und politischer Seismograf Weltruhm erlangte – 24 Romane sind es bis heute, soeben erschienen sind seine Erinnerungen Der Taubentunnel.

 

jcs-home-cornwallPhotography by Nadav Kander

 

„Mein Schreibtisch in Cornwall steht in der Mansarde einer Scheune, die aus Granitblöcken am Rand einer Klippe gebaut ist. Schaue ich an einem sonnigen Julimorgen wie diesem hinaus, dann sehe ich nur den geradezu lächerlich mediterran wirkenden blauen Atlantik vor mir. Eine Reihe von schlanken, schnittigen Segelbooten legt sich in eine leichte Brise aus Ost. Freunde, die uns besuchen kommen, halten uns gerne, je nach Wetterlage, entweder für verrückt oder für gesegnet, und heute sind wir gesegnet. Auf dieser Landspitze kesselt uns das Wetter ein, wann immer ihm danach ist. Tagelange Sturmböen, dann Waffenstillstand und plötzliche Stille. Zu jeder beliebigen Jahreszeit kann sich eine dichte Nebelwand über unserer Halbinsel aufbauen, und kein noch so starker Regenschauer vermag sie aufzulösen.”

 

 

„Ich liebe es, unterwegs in Notizbücher zu schreiben, beim Wandern, in Eisenbahnen und Cafés, um dann  nach Hause  zu eilen und meine Beute durchzusehen. Bin ich in Hampstead Heath, dann ist mir eine bestimmte Bank unter einem ausladenden Baum auf der Heide die liebste, abseits der anderen Bäume, und dort schreibe ich auch wirklich gern. Und immer mit der Hand. Es mag etwas arrogant wirken, aber ich ziehe es vor, der jahrhundertealten Tradition des Schreibens mit Stift und Papier treu zu bleiben. Der verkümmerte grafische Künstler in mir hat sein Vergnügen daran, die Wörter zu zeichnen.”

 

in-casino-w-father-ronnieZeichnung des Autors: Im Casino mit dem Vater Ronnie (Photography by Nadav Kander)

 

„Wenn der durchschnittliche freche Junge den letzten Rest Haushaltsgeld beim Nachmittagsrennen in Newmarket verliert, hängt Ronnie entspannt am großen Tisch in Monte Carlo herum, einen Brandy Ginger vor sich, mit Empfehlung des Hauses. Ich sitze mit meinen siebzehn Jahren neben ihm und mache auf älter, auf der anderen Seite haben wir den etwa fünfzigjährigen Stallmeister von König Farouk. Der Stallmeister ist an diesem Tisch höchst willkommen. Seine Verluste haben den Tisch schon viele Male bezahlt. Der Stallmeister hat sich in Schale geworfen, er hat graue Haare, ist ganz harmlos und sehr müde. Das weiße Telefon neben seinem aufgestützten Arm ist die direkte Verbindung zum ägyptischen König, der von seinen Astrologen umgeben ist. Das Telefon klingelt, der Stallmeister nimmt die Hand vom Kinn, hebt ab, lauscht mit  halbgesenkten Augenlidern und setzt folgsam einen weiteren Batzen des Reichtums Ägyptens auf Rot oder Schwarz oder welche Zahl auch immer die astrologischen Zauberer von Alexandria oder Kairo für glückbringend erachten.

Ronnie hat sich das Prozedere schon eine Weile angeschaut, ein kampfeslustiges Lächeln auf den Lippen, das besagt: ‚Wenn du es so haben willst, alter Knabe, dann ist das wohl so.’ Und er erhöht seinen eigenen Einsatz. Entschlossen. Zehner werden zu Zwanzigern. Zwanziger zu Fünfzigern. Und während er mit seinen letzten Chips nicht geizt und herrisch nach weiteren verlangt, erkenne ich, dass er nicht einer Eingebung folgt oder gegen das Haus oder auf bestimmte Zahlen setzt. Er spielt gegen König Farouk. Setzt Farouk auf Schwarz, setzt  Ronnie auf Rot. Setzt Farouk auf Ungerade, setzt Ronnie auf Gerade. Jetzt reden wir von Hunderten (heute wären es Tausende). Und was Ronnie dem König von Ägypten damit sagen will – während ein Halbjahr, dann ein ganzes Jahr an Schulgebühren im Schlund des Croupiers verschwinden –, sein, Ronnies, Draht zum Allmächtigen ist erheblich wirkmächtiger als der von irgendeinem unbedeutenden arabischen Potentaten.

Im weichen blauen Zwielicht von Monte Carlo vor der Morgendämmerung schlendern Vater und Sohn nebeneinander die Esplanade entlang und suchen einen Juwelier auf, der rund um die Uhr geöffnet  hat, um Ronnies  Platin-Zigarettenetui, den goldenen Füllfederhalter und die Armbanduhr zu versetzen. Bucherer? Boucheron? Mir ist warm. ‚Morgen gewinnen wir alles mit Zinsen zurück, stimmt’s, mein Junge?’, meint Ronnie, als wir uns im Hôtel de Paris zu Bett legen, wo er unsere Zimmerrechnungen gnädigerweise schon vorab bezahlt hat.”

 

Die Textstellen sind Auszüge aus John le Carrés Erinnerungen Der Taubentunnel, die am 9. September im Ullstein Verlag erschienen sind.


 

Das Buch
VS_97835504080739-de-Carre-Der-Taubentunnel_U1.inddWas macht das Leben eines Schriftstellers aus? Mit dem Welterfolg Der Spion, der aus der Kälte kam gab es für John le Carré keinen Weg zurück. Er kündigte seine Stelle im diplomatischen Dienst, reiste zu Recherchezwecken um den halben Erdball – Afrika, Russland, Israel, USA, Deutschland –, traf die Mächtigen aus Politik- und Zeitgeschehen und ihre heimlichen Handlanger.

Mit Witz, Selbstironie und voller Lebensweisheit erzählt John le Carré in Der Taubentunnel aus seinem Leben. Von seiner Kindheit und Jugend, geprägt von der Abwesenheit der Mutter und der komplexen Beziehung zum Vater. Von seiner Zeit als Student in Bern und an der britischen Botschaft in Bonn, von seinen Reisen und Begegnungen. Er blickt zurück auf Jahrzehnte, in denen der Lauf der Welt scheinbar so leicht anhand von Spionage-geschichten zu skizzieren war. Kurz: Auf ein Leben voller Material für seine Romane.

Links
Der Taubentunnel auf den Seiten der Ullstein Buchverlage
Die offizielle Website von John le Carré
John le Carré bei Facebook

John le Carré

John le Carré

John le Carré, 1931 geboren, studierte in Bern und Oxford. Er war Lehrer in Eton und arbeitete während des Kalten Kriegs kurze Zeit für den britischen Geheimdienst. Seit nunmehr fünfzig Jahren ist das Schreiben sein Beruf. Er lebt in London und Cornwall.

Foto: © White Hare

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