„Ich habe keinen anderen Wunsch, als die Welt zu verlassen“

Lange Zeit fast vergessen zählt Anita Rée heute zu den wichtigsten Künstlerinnen der Moderne. Ihr Schicksal umspannt das ganze Drama deutscher Geschichte. Die Autorin Katrin Burseg schreibt über ein bewegtes Leben, welches Eingang in ihren neuen Roman fand.

von Katrin Burseg

 

Anita Ree, Selbstbildnis

Selbstbildnis, ca. 1929

Ihr nachdenklicher Blick zieht den Betrachter sofort in den Bann. Stille Melancholie durchzieht das Selbstporträt der Hamburger Malerin Anita Rée (1885-1933). Die Rechte ans Kinn gelegt bedeckt sie mit der Linken ihren entblößten Oberkörper. „Selbstbefragung“, so könnte man das schonungslose Bildnis, das zwischen Selbstbewusstsein und Selbstzweifel changiert, betiteln. Es ist gleichsam Sinnbild für ein Leben, in dem Glück und Verzweiflung immer nahe beieinander lagen.

Ich weiß nicht mehr genau, wann ich dem kleinen Gemälde zum ersten Mal begegnete. Vermutlich während einer Hospitanz in der Hamburger Kunsthalle, die ich vor mehr als zwanzig Jahren als Studentin der Kunstgeschichte absolvierte. Aber ich erinnere mich, dass das Bild, das dort in einem Seitengang hing, einen gewaltigen Eindruck auf mich machte. Es erschien mir wie ein Fenster zum Innenleben der Künstlerin – gegenwärtig und jenseitig zugleich. Schon damals galt Anita Rée als eine der wichtigsten Malerinnen der Moderne, doch ihr Werk und ihre Person waren lange Zeit fast vergessen und sind auch heute über die Grenzen der Hansestadt hinaus nur Wenigen bekannt. Als ich für meinen Roman „Liebe ist ein Haus mit vielen Zimmern“ nach einer Malerin suchte, deren Werk nach dem Krieg fast völlig in Vergessenheit geraten war, fiel mir die Sezessionsmalerin sofort wieder ein. Ihr tragischer Lebensweg und ihr früher Tod erzählen nicht nur von persönlichem Leid in einer bedrückenden Zeit, sondern sie umspannen das ganze Drama deutscher Geschichte.

Ehrgeiz und Selbstzweifel

1885 geboren, wächst Anita Rée in einer herrschaftlichen Villa nahe der Hamburger Außenalster auf. Die Tochter eines liberalen jüdischen Kaufmanns und seiner in Venezuela geborenen Frau, protestantisch getauft und konfirmiert, erhält die Ausbildung der höheren Tochter. Doch das Mädchen will mehr als Lesen, Klavier spielen, Sprachen lernen, Zeichnen – und setzt sich gegen die zweifelnden Eltern durch. Nachdem der große Max Liebermann ihr Talent erkennt, wählt sie den für eine Frau ihrer Zeit ungewöhnlichen Weg der künstlerischen Ausbildung. Ehrgeiz und Selbstzweifel kennzeichnen fortan ihren Weg, sie wird Schülerin von Arthur Siebelist, unter dem Dach des elterlichen Hauses richtet sie sich ein Atelier ein. Nachdem eine spätere Ateliergemeinschaft an einer unglücklichen Liebe zerbricht, schult sie sich in Paris an den Bildern von Cézanne, Matisse und Derain. Dort lernt sie auch Picasso kennen, trifft Renoir und nimmt Unterricht bei Fernand Léger.

Zurück in Hamburg wird Anita Rée eine gefragte Porträtistin der Gesellschaft. 1919 zählt sie zu den Gründungsmitgliedern der Künstlervereinigung, die sich nach Vorbildern aus Berlin und München „Hamburgische Sezession“ nennt. „Duldsamkeit in jede Richtung“, heißt es im Katalog zur ersten Sezessionsausstellung, und so gibt es keinen einheitlichen gemeinsamen Malstil, wohl aber eine Orientierung an französische Maler wie Henri Matisse und Paul Cézanne. Ein Großteil der Sezessionskünstler arbeitet nach dem Ersten Weltkrieg expressionistisch oder findet zur Neuen Sachlichkeit, einige wenige malen abstrakt. Allen gemeinsam ist ihre Experimentierfreude – die Hamburgische Sezession zählt zur Avantgarde.

Angst vor Armut

Anita Rée ist nun in ihren Dreißigern, ein Paradiesvogel mit hanseatischer Attitüde, Künstlerin – und allein. Eine stabile Partnerschaft wird ihr nie gelingen. Für ihre Bilder kann sie hohe Preise verlangen (zwischen 5.000 und 6.500 Mark), doch ihr Leben lang plagen sie Selbstzweifel und Unzufriedenheit. Krieg und Inflation haben das Familienvermögen dezimiert, und zu ihren Zweifeln gesellt sich die Angst vor Armut. Im italienischen Positano, wohin die Malerin 1922 zieht, lebt sie äußerst bescheiden mit Wasser aus dem Brunnen und ohne elektrisches Licht. Die Bilder jedoch, die in den italienischen Jahren entstehen, begeistern in ihrem magischen Realismus und neusachlichen Stil. Und Anita Rée ist glücklich, für kurze Zeit sogar verliebt.

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Weiße Bäume, 1922-25

Zu den wohl schönsten Positano-Landschaften zählt das Gemälde „Weiße Bäume“ (1922-1925). 1927 gibt sie es zusammen mit zwei weiteren Arbeiten in die Ausstellung „Hamburger Kunst“, doch die Jury lehnt es ab. Tief getroffen zeigt Anita Rée das Gemälde nie wieder; das Bild bleibt in ihrem Besitz und geht nach ihrem Tod an die Freundin Frieda van Porten. Die van der Portens verlassen Deutschland 1938 und versuchen 1940 über Frankreich zu fliehen. Als das misslingt, nimmt sich das Ehepaar das Leben. Das Gemälde bleibt über Jahrzehnte verschollen, bis es auf verschlungenen Wegen wieder in Hamburg landet.

Auch das Bildnis „Teresina“ (1925), das ein junges Mädchen mit Zitronen vor
üppig wuchernden Pflanzen zeigt, stammt aus dieser Zeit. Gustav Pauli erwirbt es für die Hamburger Kunsthalle und immer mehr setzt sich die Erkenntnis durch, dass Anita Rée eine Künstlerin mit außerordentlichem Potenzial ist. Temperament und Eigenwille seien bei ihr gebändigt durch noch stärkere Intelligenz, urteilt ein zeitgenössischer Kritiker. Ihr Werk richte sich „nicht an breite Kreise, sondern an kultivierte Menschen, Kenner mit ästhetischem Feingefühl“.

Sezierender Blick

Der drohende Verkauf ihres Elternhauses bewegt Anita Rée 1925 zur Rückkehr nach Hamburg. Sie will den Verkauf verhindern und als sie scheitert, hat sie ihren Anker verloren. Sie wohnt mal hier, mal dort, hat kein eigenes Atelier. Porträtaufträge erledigt sie, indem sie ein paar Wochen bei den Auftraggebern einzieht. Gedämpfte Farben, Ruhe und Präzision und die Anlehnung an Bildprogramme der großen Renaissancemaler machen Eindruck an der Elbe, in den großbürgerlichen Salons der Warburgs und Melchiors ist sie willkommen. Die Zwanzigerjahre sind auch in Hamburg von der Hoffnung auf einen politischen und kulturellen Neuanfang geprägt. Man gibt sich tolerant und lässt sich gern von der ungewöhnlichen Malerin porträtieren – wenn auch ihr sezierender Blick bisweilen schonungslos ist.

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Teresina, 1925

Zwischen 1929 und 1931 stellt Anita Rée zwei monumentale Auftragswerke für Schulen und einen Flügelaltar in Hamburg fertig, doch die Querelen um die Gestaltung zehren an ihrer ohnehin schon labilen Gesundheit. Das Wandbild „Die Klugen und Törichten Jungrauen“ in der Staatlichen Gewerbe- und Hauwirtschaftsschule wird 1937 durch Übermalung zerstört, ein Triptychon für die St. Ansgar Kirche in Hamburg-Langenhorn entfacht einen regelrechten Bilderstreit. Die Abendmahlszene sei zu eindringlich, zu verstörend, heißt es, zudem mischen sich Furcht und Antisemitismus in die Debatte, sodass die Bilder nie aufgestellt werden. Im Juli 1943 zerstört der Bombenhagel der Alliierten die in die Kirche St. Nikolai ausgelagerten Werke. Einzig das Wandbild „Orpheus und die Tiere“ für eine Mädchenschule in Hamburg-Hamm (heute Ballettschule des Hamburg Ballett John Neumeier) übersteht die Wirrnisse der Zeit.

Anita Rée ist nun in ihren Vierzigern, immer weniger gelingt es ihr, Ruhe zu finden und mit dem Leben fertig zu werden. Als sie ihre Hamburger Wohnung aufgeben muss, verlässt sie die Stadt im Juni 1932 und verkriecht sich auf Sylt. Eine kleine, unbeheizte Dachkammer in Kampen wird ihr Zuhause, sie lebt von kleineren kunstgewerblichen Aufträgen. So bemalt sie Fensterläden, Türen, Schränke und Einbauten. Auch als sie sich ein komfortableres Zimmer leisten kann, lehnt sie ab. „Es scheint, als hoffte sie nicht mehr auf eine Wendung zum Guten“, schreibt Annegret Erhard 2013 in ihrem Büchlein über die Künstlerin. „Aus den Zweifeln der jungen Jahre war allmählich ein Zustand der Entfremdung, der Isolation geworden, aus dem sie sich nicht mehr lösen konnte.“

Furchtbare Nachrichten

Die Künstlerin ist zwar noch nicht unmittelbar von Verfolgung bedroht, doch im November 1932 hetzt die Presse gegen Künstlerkollegen.1933 überstürzen sich die Ereignisse: Hitler wird Reichskanzler, der Reichstag brennt, die Grundrechte werden Schritt für Schritt aufgehoben. In Hamburg besetzen die Nationalsozialisten nach der Reichstagswahl das Rathaus und übernehmen die Polizeigewalt. Kunsthallendirektor Gustav Pauli, Gönner und Hüter der Avantgarde, wird zwangspensioniert, Fritz Schumacher verliert sein Amt als Oberbaudirektor. Viele Künstler verlassen die Stadt und gehen ins Ausland, wo sie meist unter erbärmlichen Bedingungen ihr Dasein fristen. Auch die Hamburgische Sezession gerät in den Fokus der Nationalsozialisten: Die Frühjahrsausstellung muss nur zwei Wochen nach ihrer Eröffnung am 27. März 1933 schließen. Es ist der erste Ausstellungsabbruch im Dritten Reich. Kurz darauf verlangen die Nazis von der Künstlergruppe, ihre jüdischen Mitglieder auszuschließen. Daraufhin löst sich die Vereinigung am 16. Mai 1933 auf.

Für Anita Rée sind das alles furchtbare Nachrichten, die sie auf Sylt erreichen.

„Ich kann mich in so einer Welt nie mehr zurechtfinden und habe keinen einzigen anderen Wusch, als sie, auf die ich nicht mehr gehöre, zu verlassen. Welchen Sinn hat es – ohne Familie und ohne die einst geliebte Kunst und ohne irgendeinen Menschen – in so einer unbeschreiblichen, dem Wahnsinn verfallenen Welt weiter einsam zu vegetieren und allmählich an ihren Grausamkeiten innerlich zugrunde zu gehen?“, schreibt sie an eine Freundin. Am 12. Dezember 1933 nimmt sie sich mit einer Überdosis Veronal das Leben.

Nach ihrem Tod zerstreut sich ihr Werk in alle Himmelsrichtungen. Viele der überwiegend jüdischen Freunde und Malerkollegen nehmen Arbeiten von ihr mit ins Exil, wieder andere müssen alles zurücklassen, fliehen oder werden verschleppt. Einiges wird im Bombenhagel der Alliierten zerstört. Bis heute sind zahlreiche Werke von Anita Rée verschollen. Ganz vereinzelt taucht das eine oder andere aus Familiennachlässen oder über verschlungene Wege wieder auf. Erst mehr als fünfzig Jahre nach ihrem Tod erfährt Anita Rée eine späte Würdigung als eine der wichtigsten Protagonistinnen der Moderne. Ihr Selbstporträt von 1930 ist und bleibt ein eindringlicher Augenblick, der für immer stillsteht und sie dadurch der Vergänglichkeit entzieht.

 

Quellen: Maike Bruhns, Anita Rée, Leben und Werk einer Hamburger Malerin, 1885-1933, Hamburg 2001; Annegret Erhard, Anita Rée – Der Zeit voraus. Eine Hamburger Künstlerin der 20er Jahre, Berlin 2013


 

Weblinks
Die offizielle Website von Katrin Burseg
„Liebe ist ein Haus mit vielen Zimmern” auf den Seiten der Ullstein Buchverlage

Katrin Burseg

Katrin Burseg

Katrin Burseg, geboren 1971 in Hamburg, studierte Kunstgeschichte und Literatur in Kiel und Rom, bevor sie als Journalistin arbeitete. Sie hat mehrere historische Romane veröffentlicht. Für ihren Roman Liebe ist ein Haus mit vielen Zimmern wurde sie 2016 mit dem DELIA-Literaturpreis ausgezeichnet. Hamburg ist ihr Sehnsuchtsort, sie lebt mit ihrer Familie im Herzen der Stadt.

www.katrinburseg.de

Foto: © Redaktionswerft GmbH

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