Eine Geschichte zweier Liebender

Ein Korrespondent der New York Times auf der Suche nach einer guten Geschichte, ein Mann und eine Frau aus einfachsten Verhältnissen, eine Liebesgeschichte von Shakespeare’scher Dimension und all das vor der atemberaubenden Kulisse Afghanistans – Rod Nordland erzählt, wie aus all dem ein Buch wurde, dessen dramatische Geschichte noch nicht zu Ende ist.

von Rod Nordland

Foto: Diego Ibarra Sánchez

Foto: Diego Ibarra Sánchez

KABUL, Afghanistan – Als ich im Frühjahr 2014 begann, über zwei junge afghanische Menschen zu berichten, die fest entschlossen waren, zu sterben, wenn sie nicht zusammen sein könnten, waren mir die Shakespeare‘schen Züge der Geschichte natürlich nicht entgangen – beide schworen, sich umzubringen, sollte eine ihrer Familien den jeweils anderen töten.

Darum geht es in dieser Geschichte, und je mehr darin Dinge mitschwingen, die uns allen etwas sagen, sei es aus der Literatur, aus der Geschichte oder durch unsere eigenen Erfahrungen, desto eher funktioniert sie für unsere Leser. Bei der Zeitung, für die ich arbeite, haben die Redakteure das Wort „Geschichte“ aus unseren Geschichten verbannt – sie bestehen darauf, sie stattdessen „Zeitungsartikel“ zu nennen, vermutlich aus Sorge, dass „Geschichte“ etwas Fiktives suggeriert. Es hält unsere Korrektoren auf Trab, wenn wir uns auf bisher erschienene Artikel beziehen, denn fast immer ignorieren wie die Vorgaben und nennen sie „Geschichten“.

Die Geschichte dieses jungen Paares also, Zakia und Ali, beide aus der fernen Bamiyan-Provinz, wurde aus journalistischer Sicht immer besser. Erstens, weil sich dort ein oder sogar zwei Ehrenmorde abzeichneten. Denn obwohl Ehrenmorde in Afghanistan weit verbreitet sind, so ist es doch extrem schwierig, etwas über sie zu erfahren. Wenn Mädchen oder Frauen getötet werden, weil sie den Wünschen ihrer männlichen Verwandten in irgendeiner Weise getrotzt haben, so hüllt man sich darüber fast immer in einen verschwörerischen Mantel des Schweigens. Frauen werden in der afghanischen Gesellschaft ohnehin so gut wie nicht gehört und Ehrenmorde sind gesellschaftlich so akzeptiert, dass kaum jemand gegen die Täter aussagen möchte und selbst in den äußerst seltenen Fällen einer Verhaftung gibt es höchstens eine symbolische Strafe.

Ich berichtete weiter und die Leser wollten immer mehr

Im Fall von Zakia und Ali allerdings waren beide bereit zu reden und, zumindest zu Beginn, auch erreichbar – sie hatte Unterschlupf gesucht in Bamiyan, befand sich im Grunde in Schutzgewahrsam, und er hielt sich in ihrer Nähe versteckt. Und weil Zakias Familie von den erfolglosen Versuchen, zu ihr zu gelangen, mittlerweile frustriert war, waren auch sie bereit zu reden – zumindest am Anfang waren sie noch überzeugt davon, dass die Welt in ihrer misslichen Lage mit ihnen sympathisieren und erkennen würde, welches Unrecht ihnen widerfahren war, weil ihre Tochter ihren Partner lieber selbst ausgewählt hatte. Sie war Tadschikin, Sunnitin und von kaukasischer Abstammung, während Ali Hazara, Schiite und von asiatischer Abstammung war und Zakias Familie machte keinen Hehl daraus, dass dies für sie eine verabscheuungswürdige Verbindung war.

Dann entwickelte sich die Geschichte natürlich weiter, als Zakia aus dem Gewahrsam entkam und mit Ali durchbrannte, verfolgt von der Polizei und dem gellenden Gebrüll ihrer Verwandten. Ich berichtete 2014 und bis in das Jahr 2015 hinein weiter für die New York Times über das Schicksal der beiden, angespornt von unseren Lesern, die immer mehr darüber erfahren wollten. Noch bei keinem Thema, über das ich in meiner drei Jahrzehnte währenden Karriere berichtet habe, habe ich so viele Zuschriften erhalten. Zakia und Ali wurden verhaftet, wieder freigelassen, sie flohen aus ihrem Land, wurden von der Geheimpolizei verprügelt, wieder in ihre Heimat abgeschoben.

Irgendwann wurde aus ihrem Schicksal das Buch The Lovers, das im Januar in den USA erschien und zwei Tage später in England. In Deutschland erscheint es am 13. Mai bei Ullstein, zeitgleich in Italien und in vielen anderen Ländern.

Als ich einmal begonnen hatte, das Ganze als Buch zu betrachten, war die Geschichte leicht zu vermitteln, zunächst in den USA, und bald war das internationale Interesse so groß, dass Verlage in einem Dutzend weiterer Länder bei uns Schlange standen. Nachdem ich die Verträge unterschrieben hatte, flog ich zurück nach Kabul, wo ich das Büro der New York Times leitete.

Als ich mich das nächste Mal mit Zakia zum Gespräch traf, war das eines der schlechtesten Interviews, das ich je geführt hatte. Ihre Antworten bestanden aus einem halben Dutzend Worten und Phrasen: Ja, nein, denke schon, vielleicht, weiß nicht, okay. Ich war der Verzweiflung nahe und hatte keine Ahnung, wie ich einen Buchvertrag erfüllen sollte, der mir 80.000 Wörter abverlangte, wenn dies das Material war, mit dem ich arbeiten musste.

Diese jungen Menschen mögen Analphabeten gewesen sein, doch sie waren nicht ohne Literatur

 Ich hoffte, wir würden über diesen sprachlosen Zustand hinauskommen, wenn wir genug Zeit miteinander verbrachten, aber ich war besorgt. Ich hatte mich schließlich dazu verpflichtet, eine Geschichte von der Länge eines Buches über zwei Menschen zu erzählen, die beide Analphabeten waren. Nun wurde mir klar, dass begrenzt sein könnte, was an Ausdrucksfähigkeit aus den beiden herauszuholen sei. Ich erinnerte mich, dass man mir gesagt hatte, dass Analphabeten nicht nur nicht Lesen und Schreiben können, sondern als Folge dessen auch über eine sehr eingeschränkten Wortschatz verfügen, sodass es in der gesprochenen Sprache recht schwierig für sie ist, sich auszudrücken, besonders was abstrakte Begriffe angeht.

Abstrakte Begriffe wie Liebe. Kein gutes Zeichen für ein Buch, dass The Lovers heißen soll. Dann riefen wir eines Tages bei Ali an und anstelle eines Freizeichens erklang ein Liebeslied auf Dari, dem persischen Dialekt, der in Afghanistan sehr verbreitet ist. Ich bat meinen Kollegen, es zu übersetzen, und es stellte sich heraus, dass es sich um Worte aus einem alten Gedicht  des großen persischen Poeten Nezami handelte, das die Geschichte von Layla und Majnoon erzählt und als populäres afghanisches Lied neu aufgenommen wurde:

Ich reise durch Laylas Land,
Mal diese, mal jene Wand küssend:
Es ist nicht dieses Land, das ich liebe,
sondern die, die darin lebt.

Jeden zweiten Tag änderte Ali seinen Freizeichenton – und wir begannen, die Lieder zu übersetzen. Sie wurden zu einer Führung durch Persiens große poetische Traditionen. Diese jungen Menschen waren Analphabeten – aber das hieß nicht, dass sie ohne Literatur waren. Dieser Unterschied führte mir vor Augen, wie wichtig Geschichten für jedes einzelne Leben sind. Auch Zakia kannte die großen persischen Liebesgeschichten und tauschte sie heimlich mit anderen jungen Mädchen aus. Sie wurden überliefert von älteren Schwestern, in einer Gesellschaft, die offiziell die Liebe verbietet – und sie umso mehr anbetet, eben weil sie verboten ist. Viele unserer epischen Liebesgeschichten handeln freilich von der verbotenen Liebe. In Afghanistan sind sie alle verboten. Kein Wunder also, dass die Menschen davon besessen sind. „Verliebt zu sein ist in keiner Nation ein Verbrechen“, sagte Ahmad Naser Sarmast, der Leiter des Kabulschen Nationalinstituts für Musik (dessen großartiges Institut gemischtgeschlechtliche Chöre und Orchester nach Deutschland und in viele andere Länder entsendet). Viele afghanische Mullahs würden dem widersprechen. Doch während sie in diesem Kampf immer noch viele fromme Geister gewinnen – die Herzen gewinnen sie nicht.

Ihre Geschichte ist noch lange nicht zu Ende

Einen Großteil ihrer anfänglichen Liebesbeziehung führte das Paar am Telefon, weil sie sich nicht sehen durften, und viele ihrer Gespräche bestanden daraus, diese alten Geschichten miteinander zu teilen, von denen sie beide Bruchstücke kannten: Layla und Majnoon, der verrückte Dichter, der zum Einsiedler wird und unzählige Liebesgedichte an die Frau schreibt, die aus Liebe zu ihm die Ehe mit einem anderen nie vollzieht. Oder Farhad, der sich aufmacht, aus eigener Kraft den Fels eines Berges abzutragen, um die Hand der Prinzessin Sirhan zu gewinnen. Oder – von allen am meisten verehrt – die Geschichte von Yousef und Zuleikha – Josephs und Potifars Frau, wir kennen sie aus der Bibel, die dreißig Jahre auf die Erfüllung ihrer Liebe warteten.

„Ich fragte sie, ob ihr die Geschichte gefällt“, sagte Ali. „Ihre Antwort war, dass sie bereit sei, 50 Jahre auf mich zu warten.“

Nein, es würde keine Schwierigkeiten geben, die Geschichte unserer beiden Liebenden zu erzählen. Am Schluss habe ich 120.000 Wörter dafür gebraucht, und wenn es damit gelingt, diesem einst sprachlosen Bauernpaar eine Stimme zu geben, ist das alle Mühe Wert. Ihre Geschichte ist noch lange nicht zu Ende. Traurigerweise sind sie immer noch in großer Gefahr, sie haben sich wieder in Afghanistan versteckt. Zum Glück – in einem Land mit einer hohen Säuglingssterblichkeitsrate – hat ihre kleine Tochter gerade ihr erstes Lebensjahr bei guter Gesundheit vollendet, und sie sind zumindest für diesen Winter erst einmal in Sicherheit.

An einem frühen Punkt in unseren Gesprächen erinnerte sich Ali an irgendein Ereignis und  setzte es in einen zeitlichen Zusammenhang indem er sagte, es sei geschehen, „seit diese Liebesgeschichte begonnen hat“, und meinte damit die Geschichte von Zakia und sich selbst. Er sprach oft in dieser Weise von ihnen beiden. Auch er erkannte, wie wichtig Geschichte ist, wichtig für unser aller Leben.


Das Buch
nordland_thelovers_coverZakia und Muhammad Ali waren als Kinder unzertrennlich. Auf angrenzenden Feldern im afghanischen Bamian halfen sie ihren Eltern. Aber seit sie vierzehn ist, darf Zakia mit keinen anderen Männern als ihrem Vater und ihren Brüdern sprechen. In Afghanistan gehören Frauen erst ihren Vätern, dann ihren Ehemännern.
Doch es gelingt Muhammad Ali, im Verborgenen um sie zu werben. Seine offiziellen Heiratsanträge lehnt Zakias Vater ab. Zakia und Muhammad Ali entschließen sich zur Flucht – ein Mullah traut sie heimlich. Zakias Familie und die Polizei aber sind längst hinter ihnen her. Werden sie gefunden, droht ihnen der Tod. Es beginnt eine gefährliche Jagd quer durch Afghanistan – von Höhle zu Höhle, von Versteck zu Versteck.

 

 

 

 

Rod Nordland

Rod Nordland

Rod Nordland, 56, leitet das Büro der New York Times in Kabul. Seit dreißig Jahren hat er als Auslandskorrespondent unter anderem aus Beirut, Bagdad, Kairo und Sarajewo berichtet. Nordland hat mehrere Pulitzer Preise gewonnen. Sein Buch The Lovers erscheint in Deutschland am 13. Mai bei Ullstein.

Foto: © Matthew Naythons

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