Das Bedürfnis, sich seiner eigenen Geschichte zu stellen

Mit dem ehemaligen SED-Funktionär Günter Schabowski verbindet Journalist und Autor Frank Sieren eine langjährige Freundschaft. 25 Jahre nach der Pressekonferenz mit dem legendärem „Zettel“ erzählt uns Sieren von seiner Begegnung mit Günter Schabowski und dessen Sicht auf die Ereignisse vom November 1989.

von Frank Sieren

Ich habe Günter Schabowski zu einer Zeit kennengelernt, als niemand mit ihm sprechen wollte. Das war im Dezember 1989. Ein guter Freund von mir, Ludwig Koehne, und ich hatten die Idee, ihn in seiner Berliner Wohnung An den Kolonnaden zwischen Potsdamer Platz und Brandenburger Tor für ein Interview aufzusuchen. Einige Wochen zuvor war er aus Wandlitz, dem Politbüroghetto im Norden Berlins, ausgezogen. Die SED hieß bereits SED-PDS und hatte ihm alle Ämter entzogen. Sein Parteiausschlussverfahren stand kurz bevor.

Als wir damals bei ihm klingelten, rechneten wir damit, von Personenschützern oder einem Privatsekretär abgewimmelt zu werden. Doch Schabowski selbst öffnete die Tür. Er wirkte traurig, hatte einige Kilo verloren, trug Jeans, Jeanshemd und Pantoffeln. Seine Lesebrille baumelte um den Hals. Er schlug uns gleich ein „Geschäft“ vor: „Ihr erklärt mir, wie man mein neu gekauftes Westregal zusammenbaut, und ich erzähle euch, wie die Bonzen in der DDR gelebt haben.“ Wir haben ihm geholfen, und er hat erzählt. Das war der Beginn einer langen Freundschaft, die bis heute anhält.

Wir hatten zuvor auch mit anderen Politbüromitgliedern gesprochen. Schabowski allerdings war, das zeigte sich bald, ein ungewöhnlicher DDR-Spitzenkader. Seine Rhetorik war kraftvoller und bildhafter, eine echte Berliner Schnauze. Seine Zweifel meldeten sich stärker, sein Wunsch, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen, war im Unterschied zu seinen ehemaligen Genossen groß. Dennoch war uns während des gesamten Gesprächs immer bewusst, dass Schabowski mit hoher Wahrscheinlichkeit noch Jahrzehnte im Politbüro gesessen hätte, wäre die DDR nicht zusammengebrochen. Und dass er uns dann sicherlich erstaunt angeschaut hätte, wenn wir mit ihm über seine Zweifel am System hätten sprechen wollen.

 

Foto: Thomas Lehmann

Foto: Thomas Lehmann

Nunmehr jedoch hielt er nicht mit resignierter Halsstarrigkeit an den alten Maximen fest wie etwa Egon Krenz, der kurze Zeit Nachfolger von Honecker war. Er mochte sich auch nicht durchlavieren. Er war auch kein Wendehals. Vielmehr wollte er seinem Scheitern auf den Grund gehen.

Von diesem Zeitpunkt an führten wir monatelang Gespräche mit einem Mann, der gleichzeitig Bonze und Büßer war. Dieses Interview wurde in Buchform im Herbst 1990 veröffentlicht: Eine Befragung, so lautete der Titel damals. Der Verlag musste von uns nicht lange überzeugt werden, parallel dazu auch die Autobiographie von Schabowski mit dem Titel Der Absturz zu publizieren.

Auch in den folgenden Jahren hielt Schabowski an dem Bedürfnis fest, sich seiner eigenen Geschichte zu stellen. Immer wieder betrachtete er sowohl seinen eigenen Werdegang als auch das DDR-System kritisch – und das, lange bevor die deutsche Justiz ihn anklagte und 1997 zu drei Jahren Gefängnis verurteilte. Damals verteidigte ihn Ferdinand von Schirach, inzwischen auch ein sehr erfolgreicher Schriftsteller.

Schabowski und ich haben uns seit unserem ersten Treffen nicht aus den Augen verloren, obwohl ich schon seit zwanzig Jahren in Peking lebe. Und so kam es, dass wir uns entschlossen, zum 20-Jährigen wieder einen Gesprächsband zusammen zu veröffentlichen.

Schabowski hat inzwischen im vereinten Deutschland eine neue Rolle gefunden: Er bekommt viele Einladungen zu Veranstaltungen, auf denen er vor den Tücken der Ideologie und der Verblendung warnt. Er hält Vorträge, schreibt Zeitungsbeiträge und ist Gast in Fernsehsendungen. Heute ist er überzeugt, dass nicht nur die DDR, sondern die gesamte Sowjetunion vom ersten Tag an, den Willen der Mehrheit missachtet und den Wettbewerb vieler nicht genutzt hat. Ein Fehler, der früher oder später zum Zusammenbruch des Systems hätte führen müssen. Und er gibt bis heute zu: „Noch Anfang Dezember 1989 glaubte ich, dass es die DDR mit neuem Personal noch schaffen könnte.“ Anschließend erzählt er dann ausführlich, wie die Zweifel immer unerträglicher wurden.

Bei der dogmatischen Minderheit ehemaliger Genossen gilt Schabowski als „Verräter“, denn er habe mit der Maueröffnung die DDR dem Klassenfeind in die Hände gespielt. Gegen sie hat Schabowski leidenschaftlich argumentiert. Darüber hinaus ist er, der mit seiner Biographie zwischen allen Stühlen sitzt, ein wacher und kritischer Beobachter der Nachwendezeit. Er wurde vom Bundespräsident Köhler zu Gesprächsrunden eingeladen und schaffte es sogar, die eine oder andere Spiegel– oder Bild-Kolumne zu platzieren. Ich kenne keinen führenden Politiker in Europa, der sich nach seinem Sturz so schonungslos mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt hat, wie er.


 

 

Frank Sieren

Frank Sieren

Frank Sieren, Jahrgang 1967, Asienkolumnist des Handelsblatts und Zeit-Autor, lebt seit über 15 Jahren in China. Er ist Autor von »Der China Code« (2004) und »Der China Schock« (2008), die beide lange auf Platz 1 der Wirtschaftsbestellerlisten standen.

Foto: © Tina Heine

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