Der Schatten des Kriegers

Am 30. September ist Internationaler Übersetzertag. Zu oft wird die Bedeutung dieser Arbeit unterschätzt, dabei sind es gerade die Übersetzer*innen, die dem Werk eines Schriftstellers zu seinem Recht verhelfen und es auch in der Zielsprache zum Kunstwerk machen. Stephen Tree, Übersetzer der Kriminalromane James Ellroys, erzählt von seiner besonderen Arbeit an den Texten des „demon dog of crime fiction”.

von Stephen Tree

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Der Autor und sein Übersetzer. Der Krieger und sein Schatten. Oder wie der deutsche Titel des Kurosawa-Films „Kagemuscha“ lautet: „Der Schatten des Kriegers“. Ein großer Feldherr stirbt, sein Tod darf aus militärischen Gründen nicht bekannt gegeben werden, ein keineswegs besonders kriegerischer oder heldenhafter Doppelgänger springt ein, und führt, indem er so tut als ob, die Truppen des Feldherrn (im Film: beinahe) zum Sieg.

Gewiss – der große Krieger war der andere. Aber ohne sein Schatten wäre der Sieg undenkbar gewesen. Es soll Leser geben (und wer würde sich über so viel Begeisterung nicht freuen!), die eine Sprache erlernen, um einen bestimmten Autor oder Dichter im Urtext lesen zu können. Die anderen sind, seit es Geschriebenes gibt, auf mich und meinesgleichen angewiesen.

Die Freuden des Übersetzens: unter Überspringung aller Dienstgrade gleich Feldherr sein. Kriege siegreich zu beenden, die ein anderer schon geschlagen hat. Ein bedeutendes Sprachkunstwerk nachgestalten dürfen, in überschaubarer Zeit, bei halbwegs gesichertem Lebensunterhalt. Painting by numbers, wenn auch mit anderem Farbkasten auf anderem Malpapier und nicht direkt übertragbarer Vorlage. Aber eben doch im Sinne eines Fremden. Eine Tätigkeit, die dem Schifahren am Schilift zu vergleichen ist, wo man sich die Mühe des Aufstiegs spart und nur noch den Berg hinunter zu gleiten braucht. Was, wie jeder Schifahrer weiß, schließlich seinen Preis fordert: irgendwann ist die Piste abgefahren und die Schier zu schweren, unhandlichen Latten geworden, die über eisig-steile Wege ins Dorf geschleppt werden müssen, während man froh sein kann, den mühseligen Heimweg ohne Sturz hinter sich zu bringen. Entsprechend der Katzenjammer des Übersetzers: das Werk, das er so intensiv gestaltet und sich, wie er meint, ganz zu eigen gemacht hat, erweist sich nach der Fertigstellung als einem Fremden gehörig; der Schatten des Kriegers hat seine Schuldigkeit getan – der Schatten des Kriegers kann gehen, jedenfalls muss er weichen und in den Hintergrund zurücktreten.

Je besser eine Übersetzung ist, desto weniger fällt der Übersetzer auf. Seine vornehmste Aufgabe besteht darin, sich unsichtbar zu machen und dem Leser das Original so zu vermitteln, wie es dessen eigentlicher Schöpfer geschrieben haben würde – wenn er es denn (was ja für uns Übersetzer glücklicherweise nicht der Fall ist) in der Zielsprache hätte schreiben und gestalten können. Will sagen: wenn der Übersetzer seine Arbeit getan hat, muss er als Person verschwunden sein. Um bei den in Ellroys letztem Roman, „Perfidia“ alles bestimmenden Japanern zu bleiben: in einem japanischen Film wird von Geistern berichtet, die einen Kalligraphen (einen Kollegen) heimsuchen, der den Spuk bannen kann, wenn er eine Nacht in Gegenwart der Geister durchsteht. Wofür ihn ein Buddhistischer Priester mit heiligen Zeichen bemalt, die ihn für die Geister unsichtbar machen, aber dabei, leider, die Ohren vergisst. An denen die Geister den Kalligraphen denn erkennen und äußerst unsanft hin- und herschütteln, so dass er nur mit großer Mühe und Durchhaltekraft sein Ziel erreicht (eine durchaus berufsspezifische Erfahrung). Ich selber habe in einer Ellroy-Übersetzung den Helvetismus „Fahrausweis“ statt des amtsdeutschen „Führerscheins“ benutzt. Was prompt eine, den aggressiven Geistern vergleichbare, schriftliche Reklamation eines erbosten Lesers zur Folge hatte, der seinem Ärger in einem erbitterten Brief an den Verlag Luft machte.

Als Sohn eines englischen Vaters und einer schweizerischen Mutter, die nicht immer gleich gut miteinander auskamen, ist mir die Herausforderung des Übersetzens, der Versuch, das scheinbar Unvermittelbare aus der einen Sphäre in die andere zu übertragen, als existentielles Bedürfnis immer präsent gewesen; was literarische Übersetzungen betrifft, hat es sich so ergeben, dass ich neben Theaterstücken (eines gemeinsam mit Peter Stein) seit Jahren die Werke von James Ellroy übersetze, gleichsam die „deutsche Synchronstimme“ des „Demon Dog“ der amerikanischen Literatur geworden bin.

Auch wenn wir aus sehr unterschiedlichen Sphären stammen, geographisch, sprachlich, kulturell: Wir gehören beide der selben Generation an, haben beide ein Elternteil fast in gleichem Alter verloren – er die Mutter, ich den Vater – beide unter ziemlich dramatischen Umständen, auch wenn sich die Gewichtigkeit derselben, natürlich, nicht vergleichen lässt: seine Mutter wurde 1958 ermordet, und es ist dem bekannten Kriminalschriftsteller auch unter Einsatz all seiner Mittel und Möglichkeiten nicht gelungen, den Mörder im nachhinein zu finden; mein Vater erlitt, 1959, auf einem Flug nach England einen tödlichen Herzinfarkt und ist irgendwo im Himmel zwischen Zürich und London verschieden. Was uns, bei allen offensichtlichen Unterschieden, verbindet, ist die Sehnsucht nach der verlorenen Welt unserer Kindheit und Jugend, die anhand seiner Werke sprachlich nachgestalten zu dürfen ich stets als Privileg empfunden habe.

Ellroy gilt, zu Recht, als großer Kriminalschriftsteller. Doch zugleich erscheint er mir, im Sinne seiner von ihm selber gern betonten schottischen Herkunft, als Epiker, oder, etwas bescheidender ausgedrückt, als Verfasser balladesker Schauermären, die sich der altehrwürdigen Technik des Schlüsselworts und Kehrreims bedienen, das immer wieder eingesetzt, einen fast hypnotischen Sog erzeugt: die scheinfreundliche Anrede „Kamerad“ (lad), mit der ein dämonischer Polizisten-Bösewicht seine Opfer und Mitläufer erschreckt; das streng wiederholte „sagte“ (said), das eben nicht durch „sprach“, „meinte“, „dachte“, „gab zu verstehen“ etc. ersetzt werden, sondern im Sinne des Autors konsequent identisch knapp als „sagte“ übertragen werden sollte – aus dramaturgischen Gründen und um den Rhythmus der Strophen-artigen, kurzen Abschnitte beizubehalten. Zumindest fast immer. Denn bei aller Bemühung um Genauigkeit soll das Werk das lesbare und spannende Buch bleiben, das der Autor für sein Publikum geschrieben hat. Und da geht es um Kunst, nicht um Mathematik.

Dialekte. Alliterationen. Wortspiele. Zitate. Ein barockes Arsenal rassistischer Invektiven, die teilweise neu erfunden werden müssen, weil das Deutsche für bestimmte Bevölkerungsgruppen nur einen beschränkten Fundus an brauchbaren Schimpfworten zur Verfügung stellt. Und über die, im Sinne des Gesamtzusammenhangs, Buch geführt werden muss. Wertstattnotiz: BURRHEAD krausköpfige Rauschgifthändler, JIGS Tintentaucher, SHINE Kaffer, COON Mohr, PUNK Taugenichts. Amts-Amerikanisch, dessen bemühte Nüchternheit im genauen Gegensatz zum hintergründigen Wortwitz steht, mit denen sein Schöpfer es ausgestattet hat. Hochsprachliche Tagebucheintragungen über niederträchtige Erfahrungen. Deeeeeehnung von Vokalen, Kursiv– und GROSS-Schreibung.

Wenn Übersetzungen, laut Cervantes, allenfalls der Rückseite eines prächtigen Gobelins entsprechen – hier müssen und dürfen die deutschen Sprachfäden neu zusammengesucht, die genial geschürzten Wortknoten nacherfunden werden. Um dem deutschen Leser die verstörende Leuchtkraft der Ellroyschen Riesenteppiche zumindest als Ahnung zu vermitteln.


 

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Perfidia auf den Seiten der Ullstein Buchverlage

Stephen Tree

Stephen Tree

Stephen Tree, 1949 geboren, in der Schweiz aufgewachsen, absolvierte die Regieklasse der Staatlichen Schauspielakademie Zürich, hatte Engagements in Bielefeld und an der Schaubühne Berlin und arbeitete als freier Regisseur, Dramaturg, Übersetzer und Autor. Er lebt seit 1976 mit seiner Frau in Berlin. Der letzte von ihm übersetzte Ellroy-Thriller ist Perfidia, der am 27. Februar 2015 als Hardcover, am 12. August 2016 als Taschenbuch bei Ullstein erschienen ist.

Foto: © Privat

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