Bismarcks Kinderstube:
Meine Recherchereise zu „Der Jahrhundertsturm“

Unser Autor Richard Dübell hat sich während der Arbeit an seinem Buch „Der Jahrhundertsturm“ auf die Spuren Otto von Bismarcks begeben, der in dem Roman um den jungen Adligen Alvin von Briest eine Nebenrolle einnimmt. In Bismarcks Geburtshaus verschwimmen für Richard Dübell die Grenzen zwischen seiner eigenen Geschichte und der Realität.

von Richard Dübell

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Wenn ich für meine Romane recherchiere, besuche ich auch alle wichtigen Handlungsorte – gehe dort in Museen, spreche mit Historikern, Archivaren und Heimatpflegern, schreite die Wege meiner Helden ab und lasse mir die Atmosphäre um die Nase wehen. Für mich ist diese Vor-Ort-Recherche ebenso unerlässlich wie ein gut konstruierter Plot, glaubwürdige Charaktere und pointierte Dialoge.

Deshalb bin ich jetzt auch irgendwo östlich der Elbe gestrandet und habe keine Ahnung, wo genau ich mich befinde.

Vor mir sehe ich eine Baustelle. Die Straße ist gesperrt. Ach was, sie ist gar nicht mehr da. Nur eine Piste aus aufgerissenem Schotter und Schlaglöchern führt in die Richtung, in die ich eigentlich wollte. Ein Umleitungsschild sehe ich hingegen nirgends. Und mein Navi findet, jetzt genau ist der richtige Zeitpunkt, um keine Verbindung zum Netz zu bekommen.

Wenn mich ein Teilnehmer meiner Schreibwerkstätten fragt, was man tun soll, wenn man sich in seiner Geschichte festgefahren hat, antworte ich in der Regel: zurückgehen bis dorthin, wo noch alles klar war, und in eine andere Richtung weiterschreiben.

Meines Erachtens kann man diesen Rat auch im wahren Leben anwenden. Und er funktioniert! Fünf Minuten später und zwei Kilometer weiter finde ich doch noch ein Umleitungsschild. Und schließlich finde ich auch nach Schönhausen an der Elbe, mein Tagesziel.

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Schönhausen liegt gute 100 km westlich von Berlin. Am 1. April 1815 wurde dort Otto von Bismarck geboren, auf dem Gut seines Vaters Karl Wilhelm von Bismarck. Für meinen Roman „Der Jahrhundertsturm“ suche ich das alte Junkergut auf.

Vom Gut Schönhausen ist nicht mehr viel übrig – nur noch ein Seitenflügel, das sogenannte Torhaus. Zu Zeiten der DDR sollte eigentlich der gesamte Komplex gesprengt werden, da er den sozialistischen Machthabern als Symbol des preußischen Militarismus galt. Aber ein Bewohner weigerte sich hartnäckig, aus dem Seitenflügel auszuziehen; und da nicht einmal im real existierenden Sozialismus Volksgenossen zusammen mit missliebig gewordenen Bauten in die Luft gesprengt wurden, konnte ein Teil des Bismarckschen Geburtshauses gerettet werden.

Sonderlich beeindruckend ist der Gebäuderest auf den ersten Blick leider nicht; die spätromanische Dorfkirche mit ihrem wuchtigen Westwerk gleich daneben macht mehr her. Aber Gut Schönhausen wirkt auf den zweiten Blick – mit dem wunderschönen alten Park und dem liebevoll eingerichteten Museum voller Bismarck-Devotionalien.

Ich wusste, dass Bismarck auf der Höhe seines Ruhms jede Menge Erinnerungsstücke (heute würde man sagen: Merchandise) gewidmet wurden. Doch auch ich bin überrascht von den Ziertellern, den Bierkrügen, den Medaillen, den Ganz-, Halb- und Basreliefs, den Wachs-, Marmor-, Gips- und Bronzebüsten mit Bismarcks Konterfei darauf. Ich bin sicher, nicht einmal Elvis Presley ist auf so vielen Untergründen verewigt worden. Das Obergeschoss ist voll mit diesem akribisch gesammelten Nippes.

Im Erdgeschoss hat man einen Salon eingerichtet, wie er zu Bismarcks Zeiten als Zentrum eines wohlhabenden Haushalts galt. Ich stelle mir vor, der „tolle Junker“ Bismarck hat hier gesessen und sich mit der Buchhaltung seines Guts herumgeschlagen, bevor er der mächtigste Politiker Europas wurde. Aber natürlich waren Bismarcks Salon und sein Arbeitszimmer nicht hier, sondern im Herrenhaus, das es nicht mehr gibt. Egal. Der Eindruck bleibt trotzdem bestehen.

Ein halber Tag reicht, um sich in Schönhausen aufzuhalten, das Museum zu besichtigen, durch den Park zu schlendern (wegen der Hochwasserschäden vom letzten Jahr ist das Betreten nur auf eigene Gefahr erlaubt, und ich beschließe, das Risiko auf mich zu nehmen) und den Ort zu inspizieren. Ich nutze diesen halben Tag und habe sogar noch Zeit, mich zu einer kleinen Mittagspause ins Gras zwischen dem Torhaus und der Kirche zu setzen. Vielleicht hat Bismarck hier ja auch mal ein Picknick gemacht.

Für den nächsten Tag habe ich zwei Ziele. Dass es zwei Ziele sind, hängt damit zusammen, dass ich im Roman bei der Beschreibung einer Örtlichkeit ein bisschen schummle und zwei Plätze zusammengelegt habe, die gar nicht zusammengehören. Was sie aber sollten, denn sie tragen den gleichen Namen: Briest – das Gut und der Ort.

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Eine der Hauptfiguren in „Der Jahrhundertsturm“ ist Alvin von Briest. Er ist auf Gut Briest aufgewachsen, aber bei der Testamentseröffnung nach dem Tod seines Vaters leer ausgegangen. Ihm bleibt am Anfang des Romans nichts anderes übrig, als dem Rat seines Nachbarn und neuen Freundes Otto von Bismarck zu folgen und in Berlin eine Offizierslaufbahn bei der königlichen Garde einzuschlagen. Das Gut und das zugehörige Dorf zu verlassen, fällt Alvin sehr schwer.

Um das erste Treffen von Alvin und Otto plausibel zu gestalten, war es nötig, dass die beiden Nachbarn sind (Nachbarn ist hier bei der Weitläufigkeit der preußischen Rittergüter euphemistisch gemeint). Deshalb habe ich für den Ort, an dem sich Gut Briest befindet, den kleinen Ort Briest in der Nähe von Genthin gewählt.

Das echte Gut Briest liegt allerdings ganz woanders, nämlich auf der anderen Seite der Elbe – Luftlinie ca. 20 km, mit dem Auto gute 50. Ehrlich gesagt war mir das nicht so ganz klar, als ich die Örtlichkeiten des Romans konzipierte. Bis ich auf diese Diskrepanz stieß, war das Konzept schon so weit gediehen, dass ich es nicht mehr ändern wollte und stattdessen die künstlerische Freiheit nahm, beide Orte zusammenzulegen. In kosmischen Maßstäben gedacht liegen sie ja auch eigentlich direkt nebeneinander…

Der Ort Briest ist nett, ein paar Häuser, eine schöne Kirche, Obstgärten und Felder inmitten einer weiten, flachen Landschaft, die jemand, der wie ich aus dem südöstlichen Bayern stammt, nicht so recht gewöhnt ist und deshalb faszinierend findet. Er ist genauso, wie ich mir das Dorf rund um Alvins Gut vorgestellt habe.

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Gut Briest, das südlich von Tangermünde liegt und das ich danach aufsuche, ist fantastisch. Das Gut gehört mit seinen Park- und Gartenanlagen zu den „Gartenträume-Parks“ Sachsen-Anhalts. Außerdem gehört es von jeher und auch heute noch einem Seitenzweig der Familie Bismarck; daher auch die Nebenbemerkung Otto von Bismarcks bei seiner ersten Begegnung mit Alvin, dass ihre Familien weitläufig verwandt seien. Ich streife durch den frühherbstlich sonnenbeschienenen Park, um den herrlichen Fischteich herum, und weiß genau, dass ich den richtigen Ort als Vorlage für die Heimat Alvins gewählt habe. Schließlich finde ich sogar eine kleine Grablege direkt am Ufer, an einem der schönsten Plätze des gesamten Parks. Auf den Grabplatten ist der Name Bismarck eingemeißelt. Genauso wie in Schönhausen habe ich auf einmal das Gefühl, dem späteren Reichskanzler und Architekten des modernen Europa ganz nahe zu sein. Doch noch näher bin ich dem fiktiven Alvin von Briest, der dieses Gut, seine Heimat, ebenso sehr liebt wie die Frau, an die er sein Herz verliert, und seinen besten Freund Paul Baermann.

Gut Briest ist der Ort, an dem alle drei immer wieder zusammenkommen, an dem sie Kraft tanken und sich die Treuebrüche, derer sie sich mehrfach schuldig machen, vergeben können. Ich bilde mir ein, die Kraft, die Park und Gut ausstrahlen, ebenfalls zu spüren. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass ich in meinem Roman dem Ort diese Macht verliehen habe. Aber das wäre ja auch nicht das Verkehrteste – festzustellen, dass Realität und Fantasie sich vermischen können.

Mir ist dieses Gefühl nicht fremd. Es ist mir auf vielen Recherchereisen begegnet. Und das ist noch ein Grund, warum mir diese Reisen so wichtig sind. Diese Vermischung ist nämlich ein sehr schönes Gefühl. Wer es versäumt, hat die Gelegenheit verpasst, seiner eigenen Story ganz nahe zu kommen und sie in der Wirklichkeit Wurzeln schlagen zu fühlen.


Weblinks
„Der Jahrhundertsturm“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage
Die offizielle Website von Richard Dübell
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Richard Dübell

Richard Dübell

Richard Dübell, geboren 1962, lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen bei Landshut. Als Autor von historischen Romanen legt er nun mit „Der Jahrhundertsturm“ ein großes Epos zur deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert vor. Der Roman erschien im Februar im Ullstein Verlag.

Foto: © Uwe Zucchi

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Ein Kommentar

  1. Toll, dass mein kleiner Reisebericht hier veröffentlicht wird! Ich freue mich sehr darüber. Allen, die ihn auch lesen, kann ich nur raten, die Orte selbst aufzusuchen. Aber aufpassen – die Baustelle gibt’s bestimmt immer noch, so groß wie die war … 😉

    Herzliche Grüße
    Richard Dübell

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