Was wir lesen: Unsere Lieblingsbücher zum Welttag des Buches

Am Samstag ist Welttag des Buches – dies haben wir zum Anlass genommen, um ein paar unserer Lieblingsbücher vorzustellen. Kolleginnen und Kollegen aus unserer Redaktion stellen Bücher vor, die sie geprägt haben, die sie begeistert haben und die ihnen damals wie heute etwas bedeuten.

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© James Shelley (CC BY 2.0)

 

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Kenzaburo Ôe: Stille Tage

Ein Schriftsteller nimmt eine  Einladung als „Writer in Residence“ in den U.S.A. an und verlässt Japan für ein halbes Jahr, begleitet von seiner Ehefrau, die ihn in seinen künstlerischen Krisen von allen Bürden des Alltags fernhält. Das Elternpaar lässt seine drei Kinder zurück, darunter den musikalisch talentierten und behinderten Sohn I-Ah. Während ihrer Abwesenheit obliegt der heranwachsenden Tochter Ma-Chan die Verantwortung für ihre zwei jüngeren Brüder.

Der Autor hat den autobiographischen Roman aus Sicht seiner Tochter geschrieben.

Das Buch ist für mich herausragend, da der Autor die Schwelle zwischen Kind- und Erwachsensein sehr ernst nimmt und sich vielschichtig  mit dem Thema Passion als Leid und zugleich Hingabe auseinandersetzt. Meines Erachtens sehr real ist außerdem die Bürde und Schönheit beschrieben, die ein Leben mit einem behinderten Geschwisterkind ausmacht.clara_henssen

Behinderung ist ein Thema, das mich in den letzten Jahren sehr beschäftigt, und kein Buch hat mich in diesem Prozess so rückhaltlos begleitet wie dieses.

Clara Henssen

 

joanna_bator_sandberg_300Joanna Bator: Sandberg und Wolkenfern

Die Lebensgeschichte des polnischen Mädchen Dominikas hat mich verzaubert. Die Poesie der Sprache entfaltet einen Sog, eine Virtuosität, der man sich nicht entziehen kann. linda_vogtDas beeindruckende Sprachfeuerwerk entzündet neue Bilder und Assoziationen, grandios übersetzt von Esther Kinsky, und hat für mich einen neuen Standard des Erzählens gesetzt.

Linda Vogt

 

 

clemens_meyer_als_wir_traeumten_300Clemens Meyer: Als wir träumten

Ich, neu in Leipzig, erste Empfehlung vom Buchhändler: Clemens Meyer!

Seitdem bin ich auf dem Meyer-Trip. Dieser coming-of-age-Wenderoman über zerbröselnde Biographien, hinweggeblasen von prügelnden Nazis, von berauschendem Techno, dem neuen System, das plötzlich einfach da war. Gerade noch stolzer Thälmann-Pionier, beginnt der Wendezeitraffer, man wird viel zu schnell erwachsen, Drogen, Frauen, Boxen, immer wieder Eckkneipen und vor allem: Träume für eine ungewisse Zukunft.

simon_grimmEin grandioses Mosaik, erzählt in einem unnachahmlich einfühlsam-rauen Ton – Geschichten, so Clemens Meyer, „die leuchten“. Und ich Westler bekam eine Ahnung davon, was nach der Wende im ehemaligen Osten eigentlich abging.

Simon Grimm

 

marlen_haushofer_die_wandMarlen Haushofer: Die Wand

Das erste Mal habe ich Marlen Haushofers Die Wand in der neunten Klasse gelesen. Damals habe ich mich nicht sonderlich für diesen Roman interessiert, fand ihn sogar langweilig – Schande über mich!

Knapp zehn Jahre später habe ich es noch einmal versucht. Ich saß im sommerlichen Oberösterreich auf einer Wiese, um mich herum die beeindruckende Berglandschaft, und konnte den Roman nicht mehr aus der Hand legen. Obwohl es heiß war, durchliefen mich bei der Lektüre eiskalte Schauer. Die Geschichte der namenlosen Frau, die isoliert und von einer unsichtbaren Wand getrennt von der restlichen Welt ihr Überleben in einer einsamen Berghütte zu sichern versucht, hat mich berührt wie selten ein Text. Das Grauen zeigt sich auf eine subtile und gleichzeitig verstörende Art, der Ton des Buches ist still und doch traf mich jeder Satz mit voller Wucht.

Seitdem habe ich sämtliche Texte von Haushofer gelesen. Die Autorin schafft es, in ihrem Werk mit lakonischen, aber messerscharf präzisen Bildern den bürgerlichen, ehelichen Alltags einzufangen. Ihre Protagonistinnen sind zerrissene Figuren, (Haus)Frauen, die schier an den patriarchalen Verhältnissen zu ersticken scheinen und nur im Kleinen rebellieren können.julia_martin

Für mich ist Marlen Haushofer eine der wichtigsten und beeindruckendsten weiblichen Stimmen der deutschsprachigen Literatur und ihre Lektüre hat mich in meinem politischen Denken stark beeinflusst.

Julia Martin

 

janosch_gesund_baer_300Janosch: Ich mach dich gesund, sagte der Bär – Die Geschichte, wie der kleine Tiger einmal krank war

Krank sein war als Kind gar nicht mal so übel. Es bedeutete nicht nur, dass man im Bett bleiben durfte und mit allerlei liebevollen Leckereien von Mama versorgt wurde, nein, vor allem war es fantastisch, wenn man von Papa zum gefühlt millionsten Mal Janoschs Ich mach dich gesund, sagte der Bär vorgelesen bekam. Das Entscheidende bei diesem Ritual war, an den wichtigen Stellen mitzusprechen und zwar die Wunderworte: „Da ging es dem kleinen Tiger wieder ein bisschen besser.” Denn da ging es einem tatsächlich gleich viel besser.marie_trakies

Ob mein Vater das Buch irgendwann auswendig konnte, weiß ich nicht (vermute es aber stark). Trotz allem wurde es jedes Mal mit Begeisterung aus dem Regal geholt, wenn einer von uns drei Kindern krank war und schnell wieder gesund werden sollte.

Marie Trakies

 

struwwelpeter_300Heinrich Hoffmann: Der Struwwelpeter

Jeder sollte ihn aus seiner Kindheit kennen: den Struwwelpeter von Dr. Heinrich Hoffmann. Doch nicht nur ihn allein, sondern auch die anderen lehrreichen Geschichten, die uns damaligen Kinderlein mit erhobenem Zeigefinger mahnend einbrennen sollten, dass man nicht mit dem Feuer spielen, keine Tiere schlagen oder frech sein und kippeln darf.

Besonders aufwühlend empfand ich immer die Geschichte des Suppen-Kaspars, der stets seine Suppe verweigert, bis er dünn wird „wie ein Faden“ und schließlich stirbt. Ich selbst aß nämlich als Kind ‚wie ein Spatz‘  und legte auf die besonders nahrhaften Sachen keinen großen Wert.

Auch, wenn einem als Kind manche Geschichten erst etwas schockierend vorkommen mögen, so sind deren Moral und Lehre auch heute noch aktuell und weiterhin empfehlenswert, weshalb der Struwwelpeter in jedem gut sortierten Kinderbuchregal zu finden sein sollte.

Cindy Klopfer

Nick Hornby: High Fidelity

high_fidelity_cover_300Musik, Schallplatten, Liebeskummer: Ich war sehr jung und das, wofür Kettcar einst das wunderbare Wort „befindlichkeitsfixiert“ erfanden: emotional, unvernünftig und im besten Falle irgendwie unglücklich (verliebt). Dann las ich High Fidelity. Rob Fleming, das war irgendwie auch ich – Nick Hornby musste von mir wissen!
Rückblickend betrachtet peinlich – doch die Story, das Setting, der Protagonist: das alles hat mich damals eiskalt erwischt.

benjamin_viethDabei festigte der Roman so ganz nebenbei auch meine Liebe zu den Schallplatten und erweiterte durch snobistische Fachsimpelei meinen musikalischen Horizont (Solomon Burke). Und der Part, in dem Rob seine Platten neu sortiert, hat bis heute einen Platz in den Top 5 meiner liebsten Buchszenen aller Zeiten inne.

Benjamin Vieth

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