The End of Quiet Music

Überleben als Musikerin vs. Überleben als Schriftstellerin – Alina Simone hat beides versucht und festgestellt, dass sich dies als Rockmusikerin deutlich schwieriger gestaltet. Sollten Musiker nicht ebenso gefördert werden wie Autoren? Und ist es nicht an der Zeit, dass der populären Musik ein Platz neben den „hohen” Kunstformen gebührt? Ein Appell.

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von Alina Simone

Nicht lange, bevor 2005 mein erstes Album erschien, brachte ich einen Sommer damit zu, in Russland Kleinunternehmer zu interviewen. Eine amerikanische Mikrofinanzinstitution hatte mich mit dem Auftrag losgeschickt, rosige Daten und erbauliche Geschichten darüber zu sammeln, wie sich dank ihrer Kredite das Leben dieser neuen Entrepreneure zum Besseren gewendet hatte.

Stattdessen kam ich immer nur in irgendeine Stadt mit einer kürzlich zusammengebrochenen Wirtschaft, um Frauen und Männern zu begegnen, die gefakte Markenjeans oder Obst aus Usbekistan verkauften und die mir alle dieselbe Geschichte erzählten: Sie vermissten die Fabrik, also ihre alten Jobs in irgendeinem ineffizienten Sowjetunternehmen. Sie konnten die finanzielle Unsicherheit ihrer neuen Tätigkeit und die längeren Arbeitszeiten nicht leiden. Sie vermissten es, am Ende des Tages einfach ausstempeln zu können. Viele von ihnen waren auch mit der Arbeit selbst weniger zufrieden. Ich bekam immer wieder ein und dasselbe zu hören: Nicht jeder möchte Unternehmer sein.

Damals verwirrte mich das noch. Was war schließlich so schlecht daran, sein eigener Chef zu sein? Der Sinn ihrer Worte erschloss sich mir erst Jahre später, als ich meine Karriere als Musikerin aufgab.

Die Realitäten des erzwungenen Unternehmertums in der Musikbranche lernte ich 2010 kennen, nachdem das Label, das meine zwei vorangegangenen Alben veröffentlicht hatte, pleitegegangen war. Als die Firmenhomepage eines Tages ohne Vorwarnung verschwand, hatte ich bereits die Arbeit an einem neuen Album abgeschlossen. Statt mich nun auf die Suche nach dem nächsten existenzbedrohten Indielabel zu machen, beschloss ich, den Weg so vieler anderer Bands zu gehen und das Album selbst rauszubringen.

Ich musste die Kosten gering halten. Das bedeutete, bei College-Radiosendern anzuklopfen und jedes Album und jede Promo eigenhändig zu verpacken. Es hieß auch, mit Kalkulationstabellen und einem ganzen Bündel an Herstellern zu jonglieren und am eigenen Leib zu erfahren, warum es meine örtliche Postfiliale beim Empfehlungsportal Yelp nur auf anderthalb Punkte bringt.

Die Kritiken für das Album fielen gut aus. Und was noch wichtiger war, ich hatte das Gefühl, dass es sich musikalisch um meine beste Leistung handelte. Aber nachdem ich ein Jahr zusammengekauert vor meinem Computer verbracht hatte — ein Jahr, in dem ich keine neue Musik schrieb — fasste ich den Entschluss, dass es mein letztes in dieser Branche gewesen sein sollte.

Was ich am meisten daran vermisste, ein Label im Rücken zu haben, war nicht so sehr das finanzielle Engagement, sondern das Recht darauf, schweigen zu dürfen, die Abschirmung vor der pausenlosen Selbstvermarktung. Ich war Musikerin, keine Geschäftsfrau. Nicht jeder möchte Unternehmer sein.

Ich bin nicht eitel genug zu glauben, dass meine Abwesenheit für die Welt der Musik auch nur den geringsten Verlust bedeutet oder dass mein Scheitern nichts mit der Qualität meiner düsteren, traurigen und sonderbaren Songs zu tun hatte. Aber ich bin keineswegs das einzige Opfer dieser neuen Ordnung. Und die steigende Zahl derer, die auf der Strecke bleiben, wird auch sehr viel einflussreichere Künstler als mich umfassen.

Mein Indielabel wurde nicht von mercedesfahrenden Managern betrieben, sondern von leidenschaftlichen Musikliebhabern, die in Kunst investierten, die ihnen am Herzen lag. Diesem Zweig der Branche hat die Musikpiraterie so ziemlich den Garaus gemacht. Viele scheinen zu denken, dass Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter die logische Nachfolge sind. Die Musiker können sich das Geld für die Produktion eines Albums von ihren Fans beschaffen (wenn sie auf altem Wege bereits berühmt geworden sind) oder aus dem Freundes- und Familienkreis (wenn dem nicht so ist). Weniger thematisiert wird, wie dieser Mechanismus naturgemäß all jene Künstler aussortiert, denen es an der Fähigkeit, dem Selbstbewusstsein oder der Lust mangelt, öffentlich Spendengelder einzuwerben.

Ein Freund fragte mich, warum ich nicht selbst ein neues Album „kickstarte“. „Du bist doch verdammt nochmal mit Amanda Palmer befreundet!“, schrieb er in einem Facebook-Post. Das stimmt. Ich kenne Amanda — die über Kickstarter für ein Album bekanntermaßen die Rekordsumme von 1,2 Millionen Dollar zusammengetragen hat — seit der Middle School. Sie war sogar meine Trauzeugin. Und doch hat selbst Amanda, die Social Media Queen des Rock ‘n’ Roll, öffentlich ihre Sorge darüber geäußert, was die Zukunft wohl für jene Künstler bereithalten wird, die sich weigern, die Ärmel hochzukrempeln und sich dem Selbstvermarktungstrubel aus Tweets, Fundraising und „Jampaigns” auszusetzen. Höchstwahrscheinlich werden sie einfach verschwinden. Die öffentlichkeitsscheue Künstlerin wird durch eine ersetzt, die Kapuzenpullis mit ihrem Konterfei feilbietet.

Für mich kam die Rettung aus unerwarteter Richtung. Eines späten Abends fand ich nach einem Auftritt die E-Mail eines Verlagslektors in meinem Posteingang. Er hatte meine Musik über das Internetradio Pandora entdeckt und meine Alben im (längst geschlossenen) Virgin Megastore am Union Square gekauft. Seine Frage war, ob ich es in Betracht ziehen würde, ein Buch zu schreiben.

Zwei Jahre später erschien meine Essaysammlung. Ich arbeitete freiberuflich für Zeitungen und veröffentlichte mein zweites Buch „Ich wollte Einhörner”. Danach gab ein Universitätsverlag ein weiteres Buch in Auftrag. Ohne es wirklich intendiert zu haben, war ich von einer Sängerin zu einer Schriftstellerin geworden. Und von meinem neuen Standpunkt aus fühlte sich die Ruhe nicht mehr wie eine Pflichtverletzung an. Ich konnte mich darauf konzentrieren, an meinen Fertigkeiten zu arbeiten, statt Download-Codes zu verteilen.

Natürlich steht das Verlagswesen unter einem ganz eigenen Druck, und womöglich kommt der Tag, an dem auch Autoren keine andere Wahl bleiben wird, als sich in Unternehmer zu verwandeln. Für den Augenblick hat es im Kern aber noch Bestand. Man kann noch immer für eine Zeitung schreiben, statt eine gründen zu müssen.

Und selbst wenn es keinen Bestand mehr haben sollte, gibt es andere Bereiche, in denen Autoren Halt finden. Sie können versuchen, sich über Wissenschafts- oder Aufenthaltsstipendien zu finanzieren oder an einer Universität Schreibunterricht geben. Diese Einkunftschancen haben einer bedeutenden Gruppe amerikanischer Künstler zu einer bürgerlichen Existenz verholfen.

Als ich meine erste Lehrstelle an der Universität antrat, machte es mich stutzig, dass ich nur aufgrund meines Genrewechsels geeignet erschien, Studenten bei der Entfaltung ihrer Kreativität zu helfen. Ich meine, ist beispielsweise eine Songwriterin mit Grammy-Nominierung weniger qualifiziert, kreatives Schreiben zu unterrichten, als ein Dichter, der – ohne den Poeten zu nahe treten zu wollen – 500 Exemplare eines Lyrikbands unters Volk gebracht hat? Ist die Musikerin Chan Marshall, besser bekannt als Cat Power, die 2012 ihren Bankrott bekanntgab, eines, sagen wir mal, Guggenheim-Stipendiums weniger würdig als kommerziell erfolgreiche Schriftsteller wie Jonathan Franzen oder Jennifer Egan?

Ich glaube, es ist an der Zeit, neu darüber nachzudenken, welche Arten von Kunst unseren besonderen Schutz verdient haben. In den vergangenen 50 Jahren wurde der Unterhaltungsmusik kein Platz neben den „hohen“ Kunstformen wie der klassischen Musik, dem Theater oder der Dichtung eingeräumt. Sie wurde entweder nicht für gut genug erachtet oder schien es einfach nicht nötig zu haben. Man dachte: Wenn das Ziel der Popmusik in der Breitenwirkung liegt, dann soll gefälligst der Markt über ihren Wert entscheiden. Aber können wir uns ehrlich einreden, dass das noch immer zutrifft? Heute ist das, was über den Äther kommt, Musik, die von der Kritik hochgelobt wird, die strukturell innovativ und kulturell relevant ist. Musik, über die man kostenlos verfügen kann.

Statt diesen Musikern zu helfen, erklären wir ihnen, dass sie sich an die neuen Realitäten der Branche anpassen sollen. Und weil sich MP3s so schlecht ins Toilettenpapier integrieren lassen, haben sie genau das getan. Viele Bands haben einen erstaunlichen Einfallsreichtum beim Versuch an den Tag gelegt, alles Mögliche zu Geld zu machen, um das Defizit auszugleichen, dass sie, ähem, ihre Musik nicht zu Geld machen können. Sie empfangen dich, erlauben dir, ihnen die Haare zu schneiden oder verschenken selbst gestaltete Instrumente.

Wir haben die gesamte Last des Mit-der-Zeit-Gehens auf die Musiker geladen. Aber warum können sich die mit der Kunstförderung betrauten Bildungs-, Kultur- und Regierungsinstitutionen nicht ebenfalls anpassen und denen, die den Soundtrack zu unserem Leben liefern, dieselben Möglichkeiten eröffnen? Sollten sie es nicht tun, werden – ganz im Sinne des Darwinismus – wahrscheinlich nur die musikalischen Unternehmer überleben. Ich kann nicht sagen, ob die Welt der Musik in diesem Fall besser oder schlechter dran sein wird, aber sie wird mit Sicherheit sehr viel lauter werden.


 

Weblinks
Alina Simones offizielle Website
„Ich wollte Einhörner” auf den Seiten der Ullstein Buchverlage
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Alina Simone

Alina Simone

Alina Simone, geboren 1975 in Charkow/Ukraine, war ein Jahr alt, als sie mit ihrer Familie in die USA emigrierte. Sie lebt heute in Brooklyn und gehört laut New York Times zur „whip-smart group“ der jungen Exil-Russen. Sie ist Rocksängerin und Autorin zweier Bücher. Ihr aktueller Roman „Ich wollte Einhörner” ist im April 2015 im Graf Verlag erschienen.

Foto: © Vinciane Verguethen / voyez-vous

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