Svenja Gräfen : „Für Beziehungen gibt es kein Patentrezept“

Die Generation Y verbringt ihre Freizeit am liebsten mit Dating-Apps, lässt sich aber nur ungern auf feste Beziehungen ein? Warum das eine nichts mit dem anderen zu tun hat und weshalb man die digitale Kommunikation nicht voreilig verteufeln sollte, erklärt Ullstein fünf-Autorin Svenja Gräfen im Gespräch über Beziehungen, Ängste und das Erwachsenwerden – was auch immer das eigentlich heißen mag…

 

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In deinem Roman „Das Rauschen in unseren Köpfen“ geht es um eine Gruppe junger Erwachsener, die Erfahrungen in Sachen Selbstständigkeit sammeln: Umzug in die Großstadt, Studium, Kellnerjobs, WG-Partys, die erste gemeinsame Wohnung mit dem Partner/ der Partnerin.

Gegen Ende fragt die Figur Hanna: „Sind wir jetzt erwachsen geworden?“. Kann man das Erwachsensein deiner Meinung nach an bestimmten Kriterien messen?

Das kommt darauf an, wie Erwachsensein definiert wird: Bedeutet es, finanziell unabhängig zu sein, nicht mehr jedes Wochenende durchzufeiern, Pflanzen am Leben halten zu können? Selbst so etwas wie jahreszeitabhängige Wohnungsdekoration ist ja eher ein Indikator für einen bestimmten Geschmack und nicht fürs Erwachsensein.

Bestimmt hat es viel mit Verantwortungsübernahme zu tun und damit, dass man sich selbst und die eigenen Fähigkeiten einschätzen kann. Aber wäre es tatsächlich messbar, würde man also zum Beispiel sagen, man ist jetzt zu zwei Dritteln erwachsen, weil man regelmäßig zur Arbeit geht und die Steuer erklärt, dann wäre das hundertprozentige Erwachsensein ja der Abschluss eines Prozesses. Und das finde ich falsch. Als würden sich Erwachsene nicht mehr weiterentwickeln oder verändern können. Und gefühlt funktioniert das sowieso nicht, es wacht ja kaum jemand eines Morgens auf und denkt sich, huch, ich bin ja auf einmal total erwachsen! Auch die Figur Hanna spielt im Buch vielmehr mit dem Begriff, sie benutzt ihn als ein Synonym dafür, dass sich etwas verändert hat.

Die Freundinnen Hanna und Lene machen seit ihrer Kindheit alles zusammen. Als sie von Zuhause wegziehen, gründen sie sogar eine gemeinsame WG. Irgendwann bemerkt Lene allerdings, dass sich etwas zwischen ihnen verändert hat. Gehört zum Erwachsenwerden auch, dass man sich von alten Bindungen löst?

Ich würde nicht sagen, dass es zwingend dazugehört, aber es kommt mit Sicherheit vor. Ich halte besonders die Zeit zwischen achtzehn und etwa Mitte zwanzig für eine immense Entwicklungsphase, nach der man vielleicht merkt, dass man mit alten Schulfreund_innen nicht mehr so viel gemeinsam hat. Außerdem zieht man womöglich an andere Orte und knüpft durch Arbeit oder Studium neue Kontakte, die dann Zeit und Aufmerksamkeit fordern. Kürzlich habe ich mit ein paar Freund_innen die Theorie aufgestellt, dass der Bekanntenkreis immer größer wird, bis man etwa dreißig Jahre alt ist, und sich dann allmählich wieder verkleinert.

Okay. Ich nicke wieder. Es fühlt sich albern an, es fühlt sich nicht wie ein Gespräch zwischen Hanna und mir an. Sie gibt Informationen ab, ich nehme sie auf und bestätige dann, dass ich alles verstanden habe.

Neben der Freundschaft zu Hanna geht es in deiner Geschichte vor allem um die Beziehung von Lene und ihrem Freund Hendrik, deren Kennenlernen fast schon einem Märchen gleicht: Sie sehen sich zufällig in der U-Bahn, steigen gemeinsam aus, gehen spontan einen Kaffee trinken und kommen zusammen. Ist so etwas in Zeiten von Dating-Apps wie Tinder – gerade in einer Stadt wie Berlin – tatsächlich noch möglich?

Klar! Dating-Apps zerstören ja nicht die Möglichkeit, Menschen kennenzulernen, im Gegenteil bieten sie bloß noch mehr und alternative Möglichkeiten an. Ich verstehe nicht, warum das Internet und die digitale Kommunikation immer so schnell verteufelt werden, sobald es um Dating und Liebe geht.

Wer Leute online kennenlernt und sie dann schlecht behandelt, tut das ja nicht wegen des Internets, sondern eher, weil er_sie ein Arschloch ist. Und wenn sich jemand nicht festlegen möchte, dann höchstvermutlich, weil die Person gerade keine Lust auf eine feste Beziehung hat und nicht, weil zufällig Tinder auf dem Smartphone installiert ist. Wahrscheinlich ist es aber wirklich selten, dass man sich so zufällig kennenlernt wie Hendrik und Lene in der Geschichte. Meistens lernt man Menschen ja eher kennen, weil man zwangsläufig Zeit mit ihnen verbringt, auf der Arbeit, in der Uni, im Sportverein, oder weil man einander von Bekannten vorgestellt wird.

Die scheinbar perfekte Beziehung zwischen Lene und Hendrik wird beeinträchtigt, als Hendrik auf einmal unter starken Angstzuständen leidet. Schließlich gelingt es ihm nicht einmal mehr, das Bett zu verlassen oder sich bei Lene zu melden, die kaum noch zu ihm durchdringt. Was würdest du Paaren raten, die mit ähnlichen Situationen zu kämpfen haben? Kann man seinem Partner/ seiner Partnerin in so einer Lage irgendwie helfen?

Man kann sich unterstützen, auf jeden Fall. Das gilt meiner Meinung nach für jede Art von Beziehung: ob nun ein_e Freund_in oder ein Familienmitglied krank ist, Unterstützung und Beistand sind immer großartig, aber man kann natürlich nie eine_n Ärzt_in ersetzen. Dazu kommt, dass man auch unbedingt auf sich selbst achtgeben muss. Es bringt niemandem etwas, wenn man sich für eine_n Partner_in aufopfert und am Ende selbst krank ist.

Deswegen ist mein erster Rat an Paare in einer ähnlichen Situation auch, sich professionelle Hilfe zu holen. Wenn mein_e Partner_in eine Lungenentzündung hat, sage ich ja auch nicht, dass ich sie_ihn jetzt mit meiner grenzenlosen Liebe heilen werde.

„Mein Herz rast, mein Herz rast so furchtbar, sagte er, und ich versuchte, ihn zu beruhigen, ich sagte: Das ist doch normal, mein Herz rast auch, wir müssen schlafen, schlafen, schlafen, aber Hendrik wollte das alles nicht hören. Ich legte mich neben ihn und er drückte sich an mich, er sagte: Irgendwas stimmt nicht, scheiße.“

Eine weitere Hürde zwischen den beiden ist das Thema Eifersucht. Als Lene merkt, dass Hendrik ihr entgleitet, beginnt sie, in seinem Handy nach Hinweisen und Nachrichten seiner Ex-Freundin Klara zu suchen. Führt die Tatsache, dass die meisten von uns immer und überall für andere per Smartphone und in den sozialen Netzwerken erreichbar sind, zu mehr Misstrauen?

Die Eifersucht im Buch hat eigentlich viel mehr mit Hendriks psychischem Zustand zu tun, als dass es so eine klassische „Oh Gott, er hat ne Affäre!“-Eifersucht wäre, bei der man das monogame Liebesglück bedroht sieht. Es geht um einen Rückfall in die Vergangenheit, in alte Abhängigkeitsverhältnisse, um eine Verschlimmerung seines Zustands. Das ist, was diese besondere Art von Eifersucht oder auch Angst bei Lene auslöst: Sie spürt, dass sie ihm nicht helfen kann. Darüber hinaus habe ich die sozialen Netzwerke extra außen vorgelassen, weil ich fand, dass sie nicht in die Geschichte passen. Es geht nicht darum, Facebookfotos von vermeintlichen Affären anzuschauen oder zu kontrollieren, wer wann online war.

Aber auch IRL glaube ich nicht, dass soziale Netzwerke an sich zu mehr Misstrauen führen. Nur weil sich jemand online für Veranstaltungen interessiert oder Fotos hochlädt, macht das ihn_sie ja nicht automatisch vertrauensunwürdig oder undurchschaubar. Natürlich lässt sich vieles recherchieren und regelrecht „erstalken“ – wo sich jemand aufgehalten hat, ob es neue Kontakte gibt – aber innerhalb einer Beziehung kann das meiner Meinung nach bloß zum Problem werden, wenn es auch ganz ohne Internet schon keine gute Vertrauensbasis gibt.

Er trifft Klara. Ich bin mir sicher, dass er Klara trifft. Ich meine fast, ich hätte ihre Nachricht gelesen; was hat sie geschrieben: Komm nach Hamburg, ich bin da, wo bist du? Ich muss dich sehen, wir müssen uns sehen, es ist an der Zeit, dass wir uns sehen.

Wenn du sagst, dass du Facebook und Co. bewusst außen vor gelassen hast, ging es dir darum, eine möglichst zeitlose Liebesgeschichte zu erzählen?

Zeitlosigkeit war nicht mein oberstes Ziel, aber ich finde es immer etwas anstrengend, wenn es auch in literarischen Texten um Likes bei Instagram oder Facebook-Updates geht. Damit beschäftigt man sich ja sonst schon ausreichend, und man braucht all das nicht, um Geschichten zu erzählen.

Glaubst du dennoch, dass Beziehungen in unserer Generation anders funktionieren als die unserer Eltern, als sie in unserem Alter waren? Schließlich fällt im Zusammenhang mit der Generation Y auch gerne der Titel „Generation Beziehungsunfähig“.

Ich finde schon, dass Beziehungen im Jahr 2017 anders funktionieren als 1975. Das ganze Leben funktioniert ja anders. Das fängt damit an, dass es heute viel wahrscheinlicher ist, häufig Job und/oder Wohnort zu wechseln, und hört mit der digitalen Kommunikation auf. Aber dieses Label der Beziehungsunfähigkeit, das gleich einer ganzen Generation aufgedrückt wird, finde ich unsinnig. Personen, die tatsächlich beziehungsunfähig sind, können streng genommen auch keine engen Freund_innenschaften pflegen und klar, das ist mit Sicherheit schlimm.

Davon einmal abgesehen halte ich das aber für eine unnötige Pathologisierung, zumal es ja auch bedeutet, dass mit Menschen, die keine Beziehung führen (wollen), irgendetwas nicht stimmt. Dabei finde ich es eher gefährlich, davon auszugehen, nur durch eine_n Partner_in ein vollständiger Mensch sein zu können. Ist doch logisch, dass ein Scheitern dann meist vorprogrammiert ist. Ich habe außerdem das Gefühl, dass es auch bei diesem Thema immer bloß um den Abschluss von etwas geht, das Festzurren einer Beziehung als das kitschige Ende einer Reise. Und dabei geht es auch selten über das idealisierte Konzept der romantischen, monogamen Heteroliebe hinaus. So einfach ist es aber nicht. Beziehungen sind etwas total Individuelles und nichts, wofür es ein Patentrezept gibt. Unsere Generation ist für Patentrezepte sowieso um Welten zu heterogen.

Das Interview führte Marie Krutmann 

Die hervorgehobenen Zitate stammen aus Svenja Gräfens Debütroman „Das Rauschen in unseren Köpfen“.

 

 


 

Das Buch

OD_9783961010042_Graefen-Rauschen_in_unseren_Koepfen_SU_A01.inddLene studiert, wohnt mit ihrer besten Freundin in einer WG und hat ein enges Verhältnis zu ihrer Familie. Als sie Hendrik kennenlernt, scheint ihr Glück perfekt. Doch während sie eine Zukunft mit ihm plant, beginnt Hendriks Fassade zu bröckeln. Seine Vergangenheit schleicht sich in die Beziehung und drängt sich zwischen die beiden. Da ist der mysteriöse Tod seines Vaters, der die Familie zerrüttet hat. Und da ist Klara – seine erste große Liebe.

 

Links 

„Das Rauschen in unseren Köpfen“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage

Die offizielle Website von Svenja Gräfen

Svenja Gräfen auf Twitter – bei Facebook – bei Instagram 

 

Svenja Gräfen

Svenja Gräfen

Svenja Gräfen, geboren 1990, ist freie Autorin und Poetry Slammerin. Sie studierte Kultur- und Medienbildung, schreibt im Netz über Popkultur und Feminismus und lebt in Berlin. „Das Rauschen in unseren Köpfen“ ist ihr Debütroman.

Foto: © Melanie Hauke

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