Alleinerziehend – Meine Abenteuer in der größten Randgruppe Deutschlands

Am ersten Januar 2017 jährte sich die Einführung des Elterngelds zum 10. Mal. In Verbindung mit dem Ausbau der Kleinkindbetreuung hat es das Selbstverständnis und das Bild der Familie in Deutschland nachhaltig beeinflusst. Dass die Familienpolitik aber immer noch einen weiten Weg zurückzulegen hat, meint Katja Zimmermann, die ihre beiden Kinder allein groß gezogen hat. Sie stellt die Frage, warum immer noch nicht überall Familie gesehen wird, wo Kinder sind – egal wer sich um sie kümmert.

von Katja Zimmermann

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Als ich erfuhr, dass ich meine Zwillinge ohne ihren Vater aufziehen würde, konnte ich es nicht glauben: Alleinerziehend? Ich doch nicht: Teenagerschwangerschaft, Hartz IV, geringes Bildungsniveau, gescheiterte Existenz, Versagen, Verwahrlosung, Perspektivlosigkeit, plärrende Kinder in verwaschenen SpongeBob-Sweatshirts waren die Assoziationen, die ich mit diesem Begriff, aber auf keinen Fall mit meiner Person verband. Ich war gut ausgebildet, Anfang dreißig, halbwegs hip und wusste zwar, dass SpongeBob gar keine üble Serie ist, würde aber aus ästhetischen Gründen meinen Kindern nie ein solches Sweatshirt erlauben.

Die Frauen (es sind nun einmal zu 90 Prozent Frauen), die ich kannte, die auf die eine oder andere Weise alleinerziehend waren, erfüllten zwar keines der Klischees. Aber irgendwie zählte ich sie anscheinend nicht dazu zu meiner Vorstellung vom Leben Alleinerziehender. Ich persönlich hatte mich auch nie gefragt, wie es ist, ein Kind solo großzuziehen. Irgendwie machen die das alle schon und mir passiert es eh nicht. Und wenn ja, dann ist das bestimmt nur eine Phase.

Diese Phase dauert mittlerweile 12 Jahre an.

Meine Kinder haben mir zum Glück von Anfang an die Kraft gegeben, Dinge zu tun, die ich nie für möglich gehalten hätte. Mehrmals mitten in der Nacht aufstehen, um sie zu versorgen und am nächsten Morgen trotzdem glücklich auf die beiden glucksenden Menschlein zu gucken, nicht zu verzweifeln in einsamen Momenten und Zukunftsängste notfalls auch mal auszublenden. Wie heißt es so schön, man wächst eben mit seinen Aufgaben. Neben den vielen harten, einsamen und stressigen Momenten hatte ich vor allem eins: Eine Menge Freude und Spaß mit und an meinen Kindern. Außerdem erfuhr ich Unterstützung, Liebe und Anerkennung von meinem Umfeld. Ich wage zu sagen, viel mehr, als eine Mutter in einer klassischen Kernfamilie je bekommt. Von meinen Eltern, die an einem festen Tag in der Woche die Kinder beaufsichtigten, meinem Freundeskreis, der mich am Anfang bekocht hat und auch von Nachbarn, Miteltern, Lehrern oder Menschen, die ich gerade erst kennengelernt hatte. Dafür band ich sie natürlich auch proportional mehr ein, ließ sie teilhaben. Mich abzugrenzen, mich mit meinen Kindern einzuigeln, meine Freunde zu vernachlässigen – das konnte ich mir weder leisten, noch hatte ich Lust dazu.

Keine permanente Party, aber auch kein Jammertal

Mein Leben, und das Leben der Alleinerziehenden, die ich kenne, ist keine permanente Party, aber auch kein Jammertal. Wir sind selbstbestimmte Frauen und liebevolle Mütter, die ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen. Wenn man sein Kind ohne Partner aufzieht, ist einem nie langweilig. Jeden Tag erwartet uns ein neues Abenteuer, das sich zu den Herausforderungen gesellt, denen wir permanent begegnen: Der ständige finanzielle Druck, das Bewusstsein, dass unsere Kinder von Kinderarmut bedroht und wir selbst von Altersarmut gefährdet sind, das Gefühl, dass der Tag zu wenig Stunden hat, für alles, was wir erledigen müssen, und vor allem für ein paar Augenblicke nur für uns selbst. (Weswegen wir genau um diese kämpfen müssen, uns einen Babysitter nehmen, auch wenn wir dafür auf anderes verzichten müssen, oder uns trauen, Freunde und Verwandte direkt anzusprechen, ob sie mal auf die Kinder aufpassen). Das Wissen, immer die komplette Verantwortung zu tragen. Sich niemals gehen lassen zu können.

Hinzu kommt die Stigmatisierung. Es würde helfen, wenn der Staat und unsere Umgebung uns nicht als Problemfälle, sondern als eine Lebensform von vielen sähe. Ein Familienmodell, das es genau so steuerlich zu fördern gilt, wie die vom Grundgesetz geschützte Ehe. Das Grundgesetz stellt auch die Familie unter ihren Schutz, und Familie ist mehr als Mutter-Vater-Kind. Sie kann Mutter-Kind, Vater-Kind, Vater-Vater-Kind, Mutter-Mutter-Kind, Vater-Kind-Kind-Kind sein und vieles mehr. Kurzum überall, wo Kinder aufwachsen. Wann finden wir das endlich in Gesetzen und Familienpolitik wieder? Was hält uns immer noch davon ab, diese Realität zu akzeptieren und damit konstruktiv umzugehen?

Familie ist mehr als Mutter-Vater-Kind

Für mich persönlich lag jedoch die größte Herausforderung nicht in den Vorurteilen der Anderen, sondern in meinen eigenen. Mein defizitärer Blick auf meine Situation. Konnte ich meine Kinder wirklich zu glücklichen Menschen erziehen, so ganz ohne Mann? JA, weiß ich heute, denn ich sehe es nicht nur an meiner Familie sondern auch an den Ein-Eltern Familien, die ich kenne. Für das schlechte Image des Alleinerziehens sind wir eben auch zum Teil selber verantwortlich. Wer, wenn nicht wir, kann unsere Lebensform mit neuen Begriffen besetzen? Wie wäre es zum Beispiel mit selbstverantwortlich, stark, unabhängig, frei, glücklich, aufregend und komplett? Nur wir können den Vorurteilen und Ängsten, die mit der Rolle als Alleinerziehende verbunden werden, glaubhaft etwas entgegenhalten, neue Bilder und Vorstellungen schaffen vom Leben in Familien – wie es auch immer aussehen mag. Und: einen Schritt beiseite zu treten und über die Absurdität seiner eigenen Situation zu lächeln, tut immer gut – vor allem, wenn man Kinder hat.

Als ich mein Buch schrieb, habe ich meine Tochter gefragt, was ich den Menschen ihrer Meinung nach unbedingt über das Alleinerziehen erzählen sollte. „Schreib über den Spaß“, lautete die überraschende Antwort. „Man hat ja viel mehr Zeit alleine mit seinen Kindern und da kann man auch mehr Spaß haben.“ Ich würde meiner Tochter niemals raten, ihre Kinder ohne Vater aufzuziehen. Wenn es das Schicksal doch so will, wird sie zumindest ein Problem weniger haben als ich.


Das Buch9783548376707
Schwanger mit Zwillingen! Katja Zimmermann kann ihr Glück kaum fassen. Bald werden sie und ihre Jugendliebe eine richtige Traumfamilie sein. Bis Jonas ihr den folgenschweren Satz sagt: „Tut mir leid, das musst du ohne mich machen.” Seitdem schlägt sich Katja solo durchs Leben — mit Humor und Pragmatismus. Das „bisschen Haushalt”? Sieht die Wohnung halt aus wie nach Hurrikan Katrina. Selbstgekochter Babybrei? Es gibt doch Gläschen. Man muss schließlich Prioritäten setzen. Hauptsache, alle haben eine gute Zeit. Der Alltag mit Kindern ist zwar keine romantische Komödie, aber voller absurd-komischer Momente.

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Katja Zimmermann

Katja Zimmermann

Katja Zimmermann wurde 1972 in Westberlin geboren und arbeitet als freie Drehbuchautorin für alle Serien mit „Liebe” im Titel. Spezialität: Hochzeitsfolgen. Boshaftigkeit oder Ironie des Schicksals?

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