Feminismus – nur ein Wort?

Feminismus ist nur ein Wort. Oder? Die Autorin Jacinta Nandi ist überzeugte Feministin seit sie denken kann. Doch so gerne sie sich auch als solche bezeichnet – während ihrer Zeit im Frauenhaus hat sie festgestellt, dass nicht das Vokabular wichtig ist, sondern die Einstellung dahinter.

von Jacinta Nandi

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Als ich im Frauenhaus gelebt habe, gab es keine einzige Frau, die sich als Feministin bezeichnet hat.

Es gab alleinstehende Frauen da, alleinstehende Frauen aus Polen oder der Ukraine oder Russland zum Beispiel, die „geholt“ worden sind von Ostdeutschen. Wenn man überhaupt an diese Frauen denkt, dann als Objekte – Frauen als Ware, Fleischware, Frauen im Katalog – die Vorstellung macht ein bisschen geil (mich zumindest). Aber die Realität, die sie beschrieben haben, war etwas Anderes: es gab Agenturen, die Dates organisierten, und die Männer, die die Frauen „holten“, haben dann großzügige Geschenke gemacht – sehr großzügige Geschenke – zum Beispiel das Haus der Eltern gekauft. Dann nahmen sie die Mädchen mit nach Deutschland – Mädchen wie bei Germany’s Next Top Model. 18, 19, 20 Jahre alt. Die Männer haben diese Mädchen nach Deutschland und raus aus der Armut geholt.

Aber dann haben diese Frauen sie irgendwann doch verlassen, weil sie nicht mehr geschlagen oder vergewaltigt werden wollten. Teilweise sprachen sie sehr offen drüber. Manche sind rausgeschmissen worden. Eine Ukrainerin wurde mit 22 aus der Wohnung rausgeschmissen, als sie nach einer Krebsbehandlung nach Hause gekommen ist. Ihr Ehemann, Mitte Vierzig, hatte eine neue Frau in der Wohnung installiert – eine 19-jährige Polin. Ihren politisch unkorrekten Polinnenhass habe ich dieser Frau vergeben – direktes Zitat: „Jacinta, hast du jemals eine Polin gekannt, welche nicht eine Schlampe war?“ Er hat die Schlösser ausgetauscht und sie kam nicht mehr in ihre Wohnung rein. „Meine Eltern konnten es nicht glauben“, sagte sie. „‘Uwe macht so was?‘, sagte mein Papa. Er war kein schlechter Ehemann, ich werde nie vergessen, was er für meine Eltern getan hat.“ Drei Wochen, nachdem er sie rausgeschmissen hat, hätte sie eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung bekommen.

Es gab alle möglichen Frauen im Frauenhaus

Ich würde sagen, dass diese Frau meine beste Freundin im Frauenhaus gewesen ist. Sie kannte das Wort „Feministin“ nicht. Ich habe es einmal benutzt, und dann bemerkt, dass sie dachte, es hieße so was wie „zickige Lesbe“, wie bei diesem doofen Witz, den Ali G gebracht hat.

Es gab alle möglichen Frauen im Frauenhaus. Es gab Mütter und Nicht-Mütter, Deutsche und Ausländer. Es gab deutsche Frauen, die vor deutschen Männern geflohen waren und deutschtürkische Frauen, die vor deutschtürkischen Männern geflohen waren und jede Menge Araberinnen. Es gab Schwangere. Es gab ein deutschtürkisches Mädchen, das ihrer Familie entkommen wollte, weil sie einen Typen aus der Türkei heiraten sollte, sie aber mit ihrem deutschtürkischen Freund zusammen sein wollte. Es gab deutsche Frauen, die vor ausländischen Männern geflohen waren. Es gab eine Frau aus Afrika und eine Holländerin mit chinesischen Wurzeln. Es gab stinknormale weiße deutsche Frauen, so solide und langweilig und ein bisschen middle-class, die nicht berlinert haben. Wir nannten alle weißen deutschen Frauen, die nicht berlinert haben, „Bio-Tanten.“ Da war es egal, ob sie tatsächlich beim Bio-Laden einkauften oder nicht. Es gab eine Oma. Es gab tatsächlich ein paar Omas.

„Warum schlagen Männer überhaupt?“, fragte eine junge russische Mama im Fernsehzimmer. Verqualmt wie in einer Eckkneipe war es dort drin. Mein Sohn schlief im Korridor in seinem Kinderwagen-Korb auf dem Boden und ich versuchte, nicht zu tief einzuatmen, ich wollte nicht, dass meine Muttermilch vergiftet wird.

„Weil sie trinken“, sagte eine.

„Weil dit Männa sind!“, sagte eine Berlinerin.

„Wenn du einen Mann findest“, sagte eine der Omis, „der nicht trinkt und nicht schlägt, musst du nett zu ihm sein.“

Es gibt Frauenhäuser übrigens nicht nur wegen der vielen Männergewalt. Nicht nur deswegen. Frauenhäuser existieren auch, weil es zu viel weibliche Armut gibt. Das wussten diese Frauen auch.

„Ach, ick bin jetzt verheiratet mit dem deutschen Staat!“, sagte die Berlinerin. „Vatta Staat is meen neua Ehemann.“

Ich habe mich niemals nicht als Feministin bezeichnet

Keine dieser Frauen hätten sich Feministin genannt, aber: Sie haben den Feminismus gelebt. Sie waren so tapfer, und sie hatten so viel Angst. Manche sind weggegangen, um nicht mehr geschlagen zu werden, manche sind weggegangen, um nicht mehr vergewaltigt zu werden. Manche wurden weggeschmissen wie Müll. Alle waren jetzt unabhängig – so wie Carrie von Sex and the City unabhängig ist. Wir warteten im Frauenhaus auf die Hartz-IV-Bescheide. Alle haben gewartet. Die Frauen, die weggegangen sind, wie tapfer sie sind! Sie haben Armut und Elend und finanzielle Verzweiflung gewählt, um männliche Dominanz zu vermeiden.

Das Wort „Feministin“ ist nur ein Wort. Wie Beyoncé liebe ich dieses Wort, und bezeichne mich gerne so. Für mich klingt das nach einem glamourösen Kampf, nach Frauenrechtlerinnen in den 20ern und Frauen, die mit ihren Muschipilzen Kuchen gebacken haben in den 70ern, nach Femen, mit ihren perfekten Titten, nach Slut Walks und Courtney Love und Cupcakes, die wie Muschis aussehen sollen und Fotzenpower und Lust und Sex und Liebe und Hoffnung. Ich habe mich immer als Feministin bezeichnet; ich habe mich niemals nicht als Feministin bezeichnet. In der 9. Klasse kriegte ich Ärger, weil ich mein Mathe-Buch mit dem Grafitti-Spruch „I don’t have a penis and I don’t want one“ dekoriert habe. Ich habe mich geweigert, ihn unter einem Sticker zu verstecken, weil ich es nicht vulgär oder obszön fand. „It’s a Courtney Love quote, Sir!“, erklärte ich dem Mathe-Lehrer und er war nicht sehr begeistert.

Es gibt andere Leute, die das Wort nicht kennen, nie gehört haben, oder es falsch verstehen. Und es gibt Leute, die das Wort nicht mögen – Ronja von Rönne fällt mir da ein. Ich weiß nicht, was dieses Wort für sie bedeutet. Ich würde mir wünschen, dass alle Menschen auf der Welt dieses Wort so lieben wie ich.

Das Wort ist unwichtig — die Tapferkeit ist wichtig

Aber zu verlangen, dass andere Frauen sich in dieses Wort verlieben, zu verlangen, dass sie sich so bezeichnen, das finde ich albern. Ich finde es sogar anti-feministisch, wenn diese Haltung von Männern kommt: ich denke, das ist der Wunsch, junge Frauen zu kontrollieren, ihnen ihre Unabhängigkeit oder Individualität abzusprechen. Es ist nur ein Wort, ein Wort, das eine intellektuelle Position beschreibt. Schaut sie euch an, diese jungen Frauen, die das Wort nie gehört haben und die, die es aus irgendeinem Grund ablehnen. Schaut euch an, wie tapfer sie sind, wie sie durch die Stadt laufen, obwohl es so viele Gründe gibt, zuhause zu bleiben. Wie sie sich auf Bühnen trauen, obwohl sie wissen, dass Frauen, die in der Öffentlichkeit sprechen, dafür verachtet werden. Schaut euch die ausländischen Alleinerziehenden an. Als mein Mann weg war und ich meine Flucht ins Frauenhaus organisierte, schlich ich aus der Wohnung wie eine Verbrecherin. Ich hatte eine kleine Tasche und den Kinderwagen, ich schleppte das Kind mit mir. In diesem Moment war ich keine erwachsene Frau, wir waren Hänsel und Gretel, oder ich war eine Kakerlake. Um zu dem Frauenhaus zu kommen, wo wir untergebracht werden sollten, musste ich zu einem U-Bahnhof gehen, an dem es keinen Fahrstuhl gab, mein Sohn war 3 Monate alt, ich musste auf der Rolltreppe den Kinderwagen halten, meine Kaiserschnittnarbe hat so weh getan, ich dachte sie würde platzen. In diesem Moment fühlte ich, dass ich eine erwachsene Frau werden könnte.

Schulden diese Mädchen den intellektuellen Menschen, die sich Feminist*Innen nennen, das Wort „Feministin“? Schulden sie Feminist*Innen ihre Solidarität? Ist nicht etwas schief gegangen beim Feminismus, wenn sie uns Solidarität schulden und nicht anders rum? Ich liebe das Wort „Feministin“, aber es ist nur ein Wort. Das Wort ist total unwichtig. Die Tapferkeit ist wichtig. Ich liebe alle jungen Frauen, die tapfer sind, denn das müssen sie sein, um unter diesem Patriarchat überleben zu können. Ich schicke ihnen meine Liebe und Solidarität. Meine Liebe soll sie beschützen bei ihrer gefährlichen Reise durch diese unfaire, frauenfeindliche Gesellschaft, in der wir, leider, leben müssen. Ihr kennt das Buch The Wizard of Oz nicht – den Film kennt ihr ein bisschen, das Buch gar nicht. Aber in dem Buch wird Dorothy von der weißen Hexe auf die Stirn geküsst und kriegt eine weisse Narbe, die sie beschützt. Ich küsse alle Mädchen in Deutschland und der Welt auf die Stirn. Sie haben eine lange Reise vor sich.


 

„Nichts gegen blasen“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage
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Jacinta Nandi

Jacinta Nandi

Jacinta Nandi wurde 1980 in Ost-London geboren und kam mit zwanzig nach Berlin. Sie schreibt für die taz die Kolumne „Die gute Ausländerin“ und den Blog „Riotmama“ sowie als Amok-Mama einen Blog für das englischsprachige Stadtmagazin Exberliner. Jacinta Nandi ist Mitglied der Lesebühne Rakete 2000. Ihr Buch „Nichts gegen blasen“ ist im April 2015 bei Ullstein extra erschienen.

Foto: © privat

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