Falsche Fans

Mit der großen Rockstar-Karriere kommen die Fans, mit der mittelgroßen Rockstar- und Buchautorin-Karriere immerhin E-Mails aus Buffalo. Kein Wunder, dass Alina Simone zuerst höchst erfreut und gerührt war – bis sie begann, zu recherchieren.

von Alina Simone

simone_fans

Liebe Ms. Simone,

ich schreibe ihnen im Namen meines Mannes Kenny der eine schwere Operation hinter sich hat. Mein Mann ist ein sehr großer Fan von ihnen. Ich wollte sie fragen ob Sie ihm bitte ein Autogrammfoto schicken könnten. Ich bin mir sicher dass er sich riesig freuen würde und ich wäre ihnen auf ewig dankbar.

Haben Sie Vielen Dank Sandy.

 

Dieser Nachricht, die ich vor ungefähr zwei Jahren erhielt, war eine Adresse in Buffalo beigefügt. Mein Mann saß zufällig neben mir, als sie in meinem Postfach landete. Sofort zeigte er mit dem Finger auf mich und sagte, „Siehst du? Die ganze Zeit jammerst du, dass niemand dich mag und dass niemand sich für deine Musik interessiert, während insgeheim verzweifelte Männer in Krankenhäusern auf ein paar nette Worte von Dir warten, um endlich gesund zu werden!“

(Okay, okay, ich paraphrasiere hier etwas.)

„Tja, wow!“, sagte ich, wobei sich ein warmes Gefühl von Stolz in mir breitmachte. „Nun, es wäre ja irgendwie schäbig von mir, ihm einfach nur ein Foto zu schicken, oder? Ich sollte ihm wenigstens ein Exemplar meiner Platte dazulegen. Und vielleicht auch mein neues Buch.“

„Unbedingt“, sagte Josh. „Sei nicht geizig.“

Also teilte ich Sandy mit, sie solle Kenny mitteilen, dass ich im Laufe der nächsten Woche etwas losschicken würde und wünschte ihrem Mann von ganzem Herzen eine schnelle Genesung. Und Sandy dankte mir das ihrerseits mit einem „Peace and Love“.

Es musste einfach sein, Kenny und Sandys ewiger Dankbarkeit zuliebe

Den Rest des Wochenendes verbrachte ich mit Gedanken an meinen unglaublichen Akt der Nächstenliebe, an das schöne Genesungspäckchen, das ich für Kenny schnüren würde, und seine Operation, die ihn tragischerweise – so malte ich mir aus – Gliedmaßen und/oder Organe gekostet haben musste. Ganz sicher aber die Finger, die man braucht, um Mails zu schreiben.

Dann kam der Sonntag, und es regnete. Ich hatte eine unglaublich anstrengende Woche vor mir und ein zwei Monate altes Baby, um das ich mich kümmern musste. Mir wurde klar, dass ich überhaupt kein geeignetes Foto von mir besaß, das ich Kenny hätte schicken können, geschweige denn einen Umschlag in der richtigen Größe, und dass das Ausdrucken des Fotos und der Kauf des Umschlags und das Warten in der Schlange in unserer örtlichen Postfiliale — die es beim Bewertungsportal Yelp auf ganze zwei von fünf Punkten bringt (beide von ihnen unverdient) — zusammengenommen eine verdammt nervige Angelegenheit ergeben würden. Aber es musste einfach sein, Kenny und Sandys ewiger Dankbarkeit zuliebe.

Allerdings begannen sich finstere Zweifel in den sonst so undurchdringlichen Panzer meines Selbstbewusstseins zu bohren. Erst einmal passte dieser invalide Buffalo-Kenny nicht zum Rest meiner Anhängerschaft aus depressiven Juden und trübsinnigen Hipstern. Und wer zum Teufel wollte überhaupt noch ein Autogrammfoto? War das nicht seit den Sechzigern aus der Mode? Ich tippte also „Kenny Thrun“ und „Buffalo“ bei Google ein und fand im Gästebuch auf der Homepage der Schauspielerin Carol Alt gleich zweimal den folgenden Eintrag:

 

Liebe Ms. Alt, ich schreibe ihnen im Namen meines Sohnes, der eine schwere Operation hintern [sic] sich hat. Mein Sohn ist ein sehr großer Fan von ihnen. Ich wollte fragen, ob es ihnen irgendwie möglich wäre ihm ein Autogrammfoto zu schicken. Ich bin mir sicher dass er sich riesig freuen würde und seine Mutter und ich wären ihnen auf ewig tankbar [sic]. Vielen Dank

 

Auf den Eintrag folgte die altbekannte Adresse in Buffalo. Außerdem war er im August 2008 gepostet worden. Um Kennys Gesundheit musste es also tatsächlich so schlimm stehen, wie ich es mir ausgemalt hatte.

Trotz allem hinterließ die ganze Sache ein überraschend schlechtes Gefühl in mir, so als habe mir Kenny gerade in meinen Morgenkaffee gepinkelt

Es war keine Überraschung, dass sich das Ganze als Schwindel entpuppte und dass dieser verzweifelte und hoffnungslos entstellte Indierock-Fan aus Buffalo, dass dieser „Elephant Man“ unter den Indierock-Fans, der sich nach meinem Foto verzehrte, nicht exstierte. (Was allerdings überraschend WAR: Zwischen Carol Alt und mir gab es keinerlei Gemeinsamkeit.) Trotz allem hinterließ die ganze Sache ein überraschend schlechtes Gefühl in mir, so als habe mir Kenny gerade, und sei es nur ein bisschen, in meinen Morgenkaffee gepinkelt. Also schrieb ich einen Post auf Tumblr, wo ich sonst nie etwas poste (es müsste in meinem Fall in Anlehnung an die ausgestorbenen Städtchen aus dem Wilden Westen treffenderweise „Tumblrweed“ heißen). Er enthielt neben „Sandys“ vollständiger E-Mail-Adresse auch den Hinweis, dass sie/er dringend ein paar ExtenZe-Potenzpillen braucht, weshalb man doch bitte Kontakt aufnehmen sollte. Dann vergaß ich das Ganze.

Das heißt, bis die ersten Mitteilungen eintrudelten. Die erste Nachricht stammte von Devon Dorf. Auch er hatte eine Anfrage von Kevin erhalten. Die Sache ist allerdings die, dass Devons Band sich schon ACHT Jahre zuvor aufgelöst hatte. (Wenn Kennys Rechtschreibkünste auch nur im Geringsten Rückschlüsse auf seine Googlekenntnisse zulassen, ist dieser Fauxpas nicht wirklich erstaunlich.) Nachdem er auf meinen Post gestoßen war, hatte Devon ein bisschen tiefer gewühlt und „Kennys“ Anzeigen im Netz gefunden, in denen er tausende Autogramme zum Verkauf anbot. Daraufhin schlug Devon, der in der ganzen Angelegenheit einen erstklassigen Humor an den Tag legte, vor, dass wir jetzt selbst und ohne den Zwischenhändler mit den Autogrammen handeln sollten. Und ich freute mich darüber, dass wir uns durch Kenny kennengelernt hatten.

Einen Monat später schickte mir eine Band namens „The Dead Stars on Hollywood“ eine ähnliche Nachricht. Darauf folgte eine weitere Autogrammbitte von Kenny. Später schrieb mich der Boss eines Labels für klassische Musik aus dem englischen West Sussex an, der ebenfalls ein Gesuch erhalten hatte. Als Nächste folgten Anita Doron, eine Independent-Filmproduzentin aus Kanada, die ich ins Herz geschlossen habe, weil sie Kennys Nachnamen „Thrun“ zum Partizip umfunktionierte (Betreffzeile: Kenny Thrunned), Dasha Kelly, eine Künstlerin aus Milwaukee, und vier verschiedene Models (von denen eines, sagen wir es mal so, eher mit dem Ablegen von Kleidung zu tun hatte, wenn Sie verstehen, was ich meine).

All diese Menschen bedankten sich bei mir dafür, dass ich ihnen den Weg zur Postfiliale erspart hatte oder das schlechte Gewissen darüber, dem armen, ans Bett gefesselten Kenny nie geantwortet zu haben. Und ich muss zugeben, dass ich mir in der Rolle der Whistleblowerin ganz gut gefiel. So müssen sich also diese investigativen Journalisten fühlen, wenn sie gerade einen Drogen- oder Kinderhändlerring auffliegen lassen haben, dachte ich mir.

Der plumpe und schamlose Versuch, meine Sympathie zu gewinnen

Nun war aber ein halbes Jahr vergangen, ohne dass ich weitere Nachrichten über Kenny erhielt. Vielleicht hatte er das Geschäft aufgegeben. Nicht weiter verwunderlich, schien er doch zu der seltenen Spezies von Sammlern zu gehören, die sich auf mehr oder weniger wertlose Autogramme konzentrierte. Und doch vermisste ich die Kenny-Korrespondenz in meinem Posteingang.

Dann erhielt ich letzte Woche eine Nachricht von einem Typen, den ich mal „Ron“ nennen möchte.

 

Liebe ms Simone Ich brauche dringend einen freund Ich mache eine schwere zeit durch Ich bin von den menschen verletzt worden die ich für meine freunde hielt sie taten so als würden sie mich mögen und jetzt ignorieren sie mich einfach Ich sage guten morgen zu meinen nachbarn und sie grüßen nicht guten morgen zurück manche beschimpfen mich nur Ich versuche ihnen zu zeigen dass ich ein netter kerl bin können sie mir bitte einen rat geben und ich bin aus Chicago Ich bin ein musiker songwriter und rock ’n’ roll historiker Ich spiele gitarre und harmonika bitte schauen sie sich meine videos auf GESCHWÄRZT an und sagen sie mir wie sie ihnen gefallen bitte schicken sie mir ein autogramm mit der persönlichen widmung Für GESCHWÄRZT auf dem entsprechenden foto vielen dank meine adresse ist IRGENDWO IN ILLINOIS.

 

Aha!, dachte ich. Nochmal lasse ich mich nicht zum Narren halten usw. Die miese Rechtschreibung. Die absurde Grammatik und Zeichensetzung. Der plumpe und schamlose Versuch, meine Sympathie zu gewinnen. Es war an der Zeit, mein Tumblrweed wiederzubeleben und die Welt vor „Ron“ zu retten. Aber bevor meine Empörung ihren absoluten Höhepunkt erreichen konnte, beschloss ich, bei Google nachzusehen. Ich suchte und suchte, aber ich konnte weder Anzeigen für Autogrammangebote noch Spamnachrichten in Online-Gästebüchern finden. Tatsächlich war das Einzige, was erschien, Rons Facebook-Seite, und ihrem Anschein nach zu urteilen, ist er einfach nur ein Typ, der Musik und Autogramme liebt.

Und der wahrscheinlich gerade eine wirklich schwere Zeit durchmacht.

 

Dieser Text erschien zuerst auf dem Blog „Work in Progress”.


Weblinks
Alina Simones offizielle Website
„Ich wollte Einhörner” auf den Seiten der Ullstein Buchverlage
Alina Simone bei Facebook
Alina Simone auf Twitter

 

Alina Simone

Alina Simone

Alina Simone, geboren 1975 in Charkow/Ukraine, war ein Jahr alt, als sie mit ihrer Familie in die USA emigrierte. Sie lebt heute in Brooklyn und gehört laut New York Times zur „whip-smart group“ der jungen Exil-Russen. Sie ist Rocksängerin und Autorin zweier Bücher. Ihr aktueller Roman „Ich wollte Einhörner” ist im April 2015 im Graf Verlag erschienen.

Foto: © Vinciane Verguethen / voyez-vous

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