„An einem Tag wie diesem muss die Idee entstanden sein, aus ihrer Geschichte einen Roman zu machen.“

In Lea Streisands autobiografischem Roman lernt die Protagonistin durch die Erinnerungen an ihre Großmutter mit ihrer eigenen schweren Lebenssituation umzugehen. Als Lea einen großen Koffer voll alter Briefe, Tagebücher und Fotos ihrer Großmutter Ellis Heiden, genannt Mütterchen, durchstöbert, findet sie darin die Kraft, über den Zumutungen ihrer Krankheit nicht den Verstand zu verlieren. Für uns hat Lea Streisand das Fotoarchiv geöffnet und teilt Momente und Geschichten aus dem bewegten Leben ihrer Großmutter.

von Lea Streisand

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1928 Mütterchen mit ihren Eltern im Garten in Oranienburg. Damals trug sie noch ihren bürgerlichen Namen: Hildegard Elisabeth Luise Lücke.

„In Mütterchens Nachlass fand ich einen Englisch-Aufsatz, den sie Mitte der Achtziger in einem ihrer Kurse an der Volkshochschule verfasst hatte. Er trägt den Titel: How to live and work in the countryside.
‚Meine Eltern hatten ein kleines Haus mit Garten in Oranienburg’, heißt es dort. ‚Jedes Mal wenn ich als Kind zum Spielen rauswollte, musste ich entweder Blumen gießen oder Unkraut zupfen. Ich hasste es!’“ (S.49.)

Auf diesem Foto von 1928 wird offensichtlich, dass Mütterchen es mit dem Unkraut zupfen es wohl schon eine ganze Weile nicht mehr so genau genommen hatte. Es war das Jahr ihrer Aufnahme an der Staatlichen Schauspielschule Berlin.

 

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Sommer 1932. Mütterchen in der Tonne.

„Diogenes“ steht in ihrem Fotoalbum unter dem Bild. Sie unterschreibt ihre Spielverträge jetzt nur noch mit ihrem Künstlernamen: Ellis Heiden. Und sie geht nie mehr ohne Zigaretten aus dem Haus.

„Mütterchen war höchstens zwölf, als sie mit dem Rauchen anfing, wahrscheinlich sogar jünger, und sie klaute auch keine einzelnen Zigaretten aus den herumliegenden Schachteln ihrer Eltern, wie ich es als Teenager getan hatte, sie klaute die Kippen gleich stangenweise.“ (S.19)

 

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Frühjahr 1933.

Super sieht sie aus, oder? Ein echter Tomboy. Hitler ist vor Kurzem zum Reichskanzler ernannt worden. Mütterchen spielt bei der Wanderbühne Frankfurt am Main und sammelt Liebhaber wie andere Leute Abziehbildchen. Ihre erste große Liebe ist ein jüdischer Arzt namens Jupp Ziegelaub.

„Der war sich meiner Liebe sehr sicher“, hat Mütterchen zu mir gesagt. (S.92)

 

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1938, Bewerbungsfoto.

„Solange ich denken konnte, schimpfte Mütterchen über meine Haare. ‚So was Unpraktisches!’, meckerte sie, wenn ich bei ihr übernachtet hatte und sie mir morgens nach dem Frühstück meine langen Haare bürstete. ‚Man sollte die Zotteln einfach abschneiden!’“ (S. 69)

Mütterchen selbst hatte sich gleich 1928 die langen Haare abgeschnitten. Da war sie 16 Jahre alt. Zehn Jahre später hatte sie eine Wasserwelle und ließ dieses Bewerbungsfoto für die Filmkartei schießen.
Sie spielte viele kleine Nebenrollen, u.a. neben Zarah Leander, laut Mütterchen „eine furchtbare Ziege“ und „eine schreckliche Schauspielerin“.

 

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1949. Mütterchen mit Knopsi und Sandy.

„Der Name Knopsi ging auf eine Glückwunschkarte an meinen Urgroßvater Hati zurück. Sie stammte aus der Feder einer mittelmäßigen, aber relativ erfolgreichen Kitschromanschriftstellerin, die sich anlässlich der Geburt des ersten Streisand’schen Enkelkindes zu dem Vers ‚Eine neue Knospe ist am Baume der Streisands erblüht’ hinreißen ließ. Die Familie brüllte vor Lachen, und Knopsi hatte ihren Spitznamen weg.“ (S.193)

 

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1969. Ellis Heiden (Mütterchen) und Dieter Franke bei den Proben zu „Die Aula“ am Deutschen Theater Berlin.

„Das Spiel war es, was meine Großmutter am Theater faszinierte. Nicht der Applaus, nicht die Möglichkeit des politischen Widerstands. Das Spielen an sich. Ich glaube, Mütterchen verstand überhaupt nicht, warum in den Sechzigern in jeder Vorstellung die Stasi im Publikum saß und warum die Stasi Stücke absetzte. Oder es interessierte sie einfach nicht. Die Zensur gehörte zum Spiel dazu.“ (S.157)

 

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Mütterchen bei der „Dreyfus“-Probe im bat Berlin April 1981.

Seit 1972 war Mütterchen offiziell in Rente, aber sie hatte gar keine Lust, mit dem Arbeiten aufzuhören.

„Mütterchen zog alles bis zum Ende durch: ihre Ehe, ihre Arbeit, ihr Leben. Sie ließ sich überall rausschmeißen.
Als sie 1972 in Rente gehen musste, bettelte sie regelrecht beim Intendanten um einen Werkvertrag, jede Spielzeit wieder, bis sie irgendwann über siebzig war und der Intendant sagte, er brauche die Stelle für den Nachwuchs.
Als Mütterchen Mitte achtzig war, riet ihr der Englischlehrer der Volkshochschule, mit den Englischkursen aufzuhören. Sie vergesse mittlerweile von Woche zu Woche mehr Vokabeln, als sie neue dazulerne.“ (S.247)

 

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Mütterchen im Mai 1981 auf einem Balkon.

„Mütterchen behauptete immer, es gebe zwei Sorten von Menschen: die ordentlich Unordentlichen und die mit der unordentlichen Ordnung.

‚Die einen legen immer alles auf Kante und finden nachher nichts mehr wieder. Bei den anderen ist es zwar nicht wie geleckt, aber gut organisiert.’ Sich selbst zählte meine Großmutter eindeutig zur letzteren Kategorie.“ (S.11)

Zu Mütterchens Ordnung gehörte, dass sie jedes ihrer 3 Mrd. Fotos beschriftete. Egal, ob da Enkelkinder drauf waren oder Enten im Tierpark oder sie selbst auf einem Balkon. Immer schrieb sie auf die Rückseite das Datum und ein paar erklärende Worte…

Auf der Rückseite dieses Bildes hat sie notiert:

„Das Luchterhaus wird renoviert.“
Oder „Das Lichterhaus wird renoviert.“
Vielleicht steht da aber auch: „Das Hinterhaus wird renoviert.“

Ich weiß es nicht. Ich KANN DIE SCHRIFT NICHT LESEN.

 

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1994 Mütterchen im Death Valley.

Das war Mütterchens dritte USA-Reise. Die erste war zwanzig Jahre zuvor, Mütterchen hatte Tagebuch geführt und ausschließlich die wichtigen Sachen festgehalten:

„10.7.74, 9–9.50 Uhr. Flug nach Frankfurt. 137 Plätze, Verpflegung: eine Tasse Kaffee. Flughafen Frankfurt ein Labyrinth. Langweilige Wartezeit bis Abgang des großen Flugzeuges. 437 Plätze, 146 belegt. Verpflegung: Orangensaft, Fisch mit Bohnen, Kartoffelsalat. Nachtisch: Tasse Kaffee, noch mal Orangensaft, Tee, Kuchen (1 Stück warm, 1 Stück kalt)“ (S.141)

Ich fühle mich ihr so nah, wenn ich diese Zeilen lese. Auch ich habe mich in meinem Schreiben immer am meisten für das Beiläufige, das Alltägliche interessiert, die scheinbar uninteressanten Nebensächlichkeiten. Die ungewaschenen und unfrisierten Stiefkinder historischer Ereignisse. Aus denen baue ich meine Geschichten.

 

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Mütterchen ca. 2000. Dieses Portrait hat mein Cousin fotografiert. Es war Mütterchens Foto in der Kleindarstellerkartei der Berliner Schauspielagentur, über die sie auch Daniel Brühl kennenlernte.

„Der Film hieß Nichts bereuen, jetzt wusste ich es wieder. Im Herbst 2000 war er gedreht worden, in Wuppertal, und Mütterchen hatte beinah mehr von der Schwebebahn erzählt als von den Dreharbeiten. Die Namen der Filmemacher hatte sie nicht behalten, die Namen der Schauspieler auch nicht. Sie sprach von dem Mann, für den dieser Film der berufliche Durchbruch werden sollte, immer nur als ‚diesem netten Jungen’.“ (S.241)

 

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1995 Mütterchen und Lea in der Wohnung am Tierpark

„Mütterchens Sofa hatte weiße und rote Streifen. Von oben nach unten. Eine Sechziger-Jahre-Couch zum Ausklappen. Damit man auch darauf schlafen konnte. Falls Enkel zum Übernachten kämen.“ (S.7)

Ich liebe dieses Bild. Diese Erdnussflips-Tüte auf dem Wohnzimmertisch, das orange-rote Stück Plastik unten rechts im Bild! Die DDR war seit fünf Jahren Geschichte und meine Großmutter bewahrte immer noch ihre Skatkarten in der ausgewaschenen Tüte auf. Ich habe sie heute noch. In genau der Verpackung.
Die Lampe rechts im Bild hat sie selbst gebastelt.
Monet war ihr Lieblingsmaler.
Und ich war ein kleines buntes Hippiemädchen.

An einem Tag wie diesem muss die Idee entstanden sein, aus ihrer Geschichte einen Roman zu machen.

 

Die Zitate in diesem Beitrag sind Auszüge aus Lea Streisands Roman Im Sommer wieder Fahrrad, der am 18. November bei Ullstein erschienen ist.

Alle Fotos veröffentlicht mit freundlichster Genehmigung von Lea Streisand.


 

Das Buch
VS_9783550081309-Streisand-Im-Sommer-wieder-Fahrrad_U1.inddWo die strahlende Lea ist, da ist das Leben – bis sie plötzlich, mit gerade dreißig, schwer erkrankt. Während ihre Freunde Weltreisen planen, aufregende Jobs antreten, heiraten, Kinder kriegen, kreisen ihre eigenen Gedanken um Krankheit und Tod. Als sie fast die Hoffnung verliert, muss Lea an ihre Großmutter Ellis denken.
Ellis Heiden war Schauspielerin und Lebenskünstlerin, „eine Frau wie ein Gewürzregal“, lustig, temperamentvoll und furchtlos. In den 1940er Jahren etwa schummelte sie ihren Bräutigam, einen „Halbjuden“, in einer abenteuerlichen Aktion nach Berlin und rettete ihm damit das Leben. Auch die Nachkriegswirren, Mauerfall und Wendezeit meisterte sie mit einer umwerfend unkonventionellen Haltung zum Leben. Die Erinnerung an diese besondere Frau stärkt Lea in einer schweren Zeit den Rücken.
Mit leichter Feder, Herz und Humor erzählt Lea Streisand die Geschichte zweier unverwechselbarer, starker Frauen.

Links
Im Sommer wieder Fahrrad und War schön jewesen auf den Seiten der Ullstein Buchverlage
Die Website von Lea Streisand
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Lea Streisand

Lea Streisand

Lea Streisand, geboren 1979 in Berlin, studierte Neuere deutsche Literatur und Skandinavistik. Seit 2003 liest sie Geschichten auf Lesebühnen und Poetry Slams in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sie schreibt für die taz und hat seit Mai 2014 eine wöchentliche Hörkolumne auf Radio Eins. „Im Sommer wieder Fahrrad“ ist ihr erster Roman, zeitgleich erscheint im Taschenbuch ihr Erzählungsband „War schön jewesen. Geschichten aus der großen Stadt“.

Foto: © Gerald von Foris

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