Zum Tag der gewaltfreien Erziehung

So gut wie jeder kennt solche Situationen. Der schneidende Ton, in dem die Mutter in der S-Bahn mit ihrem Kind spricht, wie es zurückzuckt bei einer plötzlichen Handbewegung. Das laute Geschrei des Kindes aus der Nachbarwohnung jeden Abend. Das Geschrei des Vaters – dann: Stille. Das Gefühl, das einen in solchen Momenten beschleicht, ist eine Mischung aus Empörung, Fassungslosigkeit und Unsicherheit. Soll ich mich einmischen, hingehen, eingreifen? Wie?

von Juliane Junghans

© Bundesarchiv / Bild 183-R79742 / CC BY-SA 3.0

© Bundesarchiv / Bild 183-R79742 / CC BY-SA 3.0

Am 30. April wird bei uns in Deutschland und in vielen Ländern weltweit der Tag der gewaltfreien Erziehung begangen. Er geht zurück auf die internationale Organisation zur Beendigung körperlicher Gewalt gegen Kinder, EPOCH worldwide (End Physical Punishment Of Children). Deren Ländervertretung in den USA rief erstmals am 30. April 1998 zum „International No Hitting Day for Children“ auf. Die Idee wurde durch diverse andere internationale Organisationen weiterverbreitet. Seit 2004 ruft der deutsche Kinderschutzbund zum Tag der gewaltfreien Erziehung auf. Der Tag soll Eltern stärken, ihr Ideal einer gewaltfreien Erziehung Wirklichkeit werden zu lassen, sowie daran erinnern, dass die gesamte Gesellschaft die Verantwortung für ein gewaltfreies Aufwachsen aller Kinder trägt.

Einige bemerkenswerte Fakten dazu: Schon 1669 reichte ein aufgeweckter Junge eine Petition „im Interesse der Kinder seiner Nation“ beim britischen Parlament ein, um körperliche Züchtigung an Schulen zu beenden. Es dauerte mehr als drei Jahrhunderte, ehe sein Wunsch 1983 in Erfüllung ging: Mit dem Education Act wurden körperliche Strafen an britischen Schulen verboten. Leider gibt es in England bis heute noch immer kein generelles Recht auf eine gewaltfreie Erziehung.

Immerhin 48 Länder haben das Recht der Kinder auf gewaltfreie Erziehung inzwischen eingeführt. Schweden war 1979 der Vorreiter, gefolgt von Finnland und den Faröern (1983), Norwegen (1987) und Österreich (1989). Deutschland kam im Jahr 2000 als 11. Land in Europa dazu. Seit 2002 kam fast jedes Jahr ein neues Land dazu, zuletzt im vergangenen Jahr das afrikanische Benin. Eine umfassende Übersicht findet sich hier: www.endcorporalpunishment.org

Hier in Deutschland war es mit Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuches 1896 insbesondere Vätern erlaubt, angemessene Zuchtmittel gegen ihr Kind anzuwenden. Obwohl das Gleichberechtigungsgesetz 1958 diese Vorschrift aufhob, wurde das Züchtigungsrecht nicht zurückgenommen; vielmehr wurde nun Vater und Mutter ein gewohnheitsrechtliches Züchtigungsrecht zugebilligt, das „im Rahmen des Erziehungszwecks und in dem davon gebotenen Maß unter Berücksichtigung von Gesundheit und seelischer Verfassung des Kindes“ (nachweise in BT-Drucks. 14/1247, S. 3) angewandt werden durfte.

Mit der stärkeren öffentlichen Wahrnehmung häuslicher Gewalt in den 1970er Jahren rückte auch die Diskussion über erlaubte und verbotene Erziehungsmaßnahmen wieder in den Fokus der Gesetzgebung. Aber auch wenn in dieser Zeit eine Änderung des §1631 verabschiedet wurde, die das Verbot „entwürdigender Erziehungsmaßnahmen“ enthielt, blieb die elterliche Züchtigung als vermeintlich „nicht entwürdigend“ unangetastet.

Erst mit der Unterzeichnung der UN-Kinderrechtskonvention 1990 und ihrer Ratifizierung 1992 bekam die Bundesregierung die Aufgabe, alle notwendigen Gesetzesverfahren einzuleiten, um die Rechte des Kindes auf nationaler Ebene durchzusetzen. Es brauchte weitere acht Jahre, bis das „Gesetz zur Ächtung der Gewalt“ (§1631 Abs. 2 BGB) im Jahre 2000 verabschiedet und das Recht des Kindes auf gewaltfreie Erziehung damit verankert wurde. Im Wortlaut:

 „Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“

Zeitgleich wurde das Kinder- und Jugendhilfegesetz geändert, um die Umsetzung des §1631 BGB zu gewährleisten. Im §16 Abs. 1 Satz3 SGB VIII lautet der Zusatz: Die Leistungen der allgemeinen Förderung der Erziehung sollen “Wege aufzeigen, wie Konfliktsituationen in der Familie gewaltfrei gelöst werden können.“ Er verfolgt nicht nur das Ziel, die Gewalt in der Erziehung zu ächten, sondern appelliert auch, Eltern Wege zur gewaltfreien Erziehung zu zeigen und sie dorthin zu begleiten. Um dieses Leitbild der gewaltfreien Erziehung bekannt zu machen und die notwendige Bewusstseinsänderung zu unterstützen, startete die Bundesregierung am 19. September 2000 die Kampagne „Mehr Respekt für Kinder“. Damals wie heute gilt es, darauf aufmerksam zu machen, dass Gewalt in der Familie weit verbreitet ist und zu oft verharmlost wird.

90 Prozent der Eltern in Deutschland sprechen sich laut neuerer Studien für eine gewaltfreie Erziehung als Ideal aus. Sie geben an, zu versuchen, ihre Kinder ohne Gewalt zu erziehen. Kinder und Jugendliche schätzen ihre Eltern diesbezüglich jedoch weitaus kritischer ein. Und die Realität lehrt uns auch etwas anderes: Körperliche, seelische und sexuelle Gewalt an Kindern ist in unserem Lande nach wie vor weit verbreitet.

Was also tun, wenn man Fällen von Gewalt in der Familie begegnet oder vermutet, dass es so sein könnte? Gewalt nicht zu ignorieren – hinzusehen, die Gewalt zu benennen – erfordert Mut. Markus Breitscheidel sagt in seinem Buch „Nicht auf den Kopf“, in dem er seine  ganz persönlichen Erfahrungen mit Gewalt in der Familie festgehalten hat: „Sollte in Ihrer Nachbarschaft, in Ihrem Umfeld geschrien, geschlagen, um Hilfe gerufen, erpresst, geprügelt, abgelehnt, gedemütigt, ausgegrenzt oder gezüchtigt werden: Schauen Sie nicht weg. Bitte! Setzen Sie alle Hebel in Bewegung, um darauf aufmerksam zu machen. Holen Sie Hilfe. Wenden Sie sich an professionelle Beratungsstellen, die angesichts von Gewalt nicht verdrängen, Pillen verschreiben oder sie sogar gutheißen.“

Solche Beratungsstellen gibt es – im Deutschen Kinderschutzbund und auch in Kinderschutz-Zentren. Wir sollten sie nutzen.

 

Die Ullstein Buchverlage GmbH dankt dem Deutschen Kinderschutzbund für die Informationen zum Tag der gewaltfreien Erziehung.


→ mehr Informationen

→ über den Deutschen Kinderschutzbund: 

Im Deutschen Kinderschutzbund, gegründet 1953, sind über 50.000 Einzelmitglieder in ca. 430 Ortsverbänden aktiv und machen ihn zum größten Kinderschutzverband Deutschlands. Sie setzen sich gemeinsam mit über 10.000 Ehrenamtlichen und rund 5.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für die Rechte und Interessen von Kindern sowie für Veränderungen in Politik und Gesellschaft ein. Der DKSB will Kinder stark machen, ihre Fähigkeiten fördern, sie ernst nehmen und ihre Stimme hören. Schwerpunkte seiner Arbeit sind Kinderrechte, Kinder in Armut und Gewalt gegen Kinder.

Das Buch

VS_9783430201995-Breitscheidel-Nicht-auf-den-Kopf_U1.inddGewalt in der Familie ist ein Tabuthema – obwohl Jugendämter jährlich 45.000 Kinder deshalb in Obhut nehmen. Die Dunkelziffer liegt noch deutlich höher. Markus Breitscheidel wurde in seiner Kindheit und Jugend selbst Opfer von massiver Gewalt in der Familie. Mit diesem Buch liefert er uns einen emotional packenden Blick in den Alltag eines Kindes, das mit der allgegenwärtigen Angst aufwächst, geschlagen und gedemütigt zu werden. Und er beschreibt, wie Nachbarn, Lehrer, Ärzte, aber auch seine Großeltern jahrelang über die Gewaltexzesse seines Vaters hinwegsahen.
Breitscheidel stößt mit diesem sehr persönlichen Buch eine längst überfällige gesellschaftliche Debatte über das Tabuthema Gewalt in der Familie an.

 

Links
Die offizielle Website des Deutschen Kinderschutzbundes

Nicht auf den Kopf! auf den Seiten der Ullstein Buchverlage

 

 

Markus Breitscheidel

Markus Breitscheidel

Markus Breitscheidel, Jahrgang 1968, ist investigativer Journalist und Autor. Sein Buch Abgezockt und totgepflegt, ein Undercover-Bericht über die Zustände in deutschen Pflegeheimen, wurde zum Bestseller und löste eine breite gesellschaftliche Diskussion aus.

Foto: © J. Rammonat

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