Victim blaming – Verbale Steinigung

Der Prozess um Gina-Lisa Lohfink geht in die nächste Runde. Noch immer wird angezweifelt, ob der Vergewaltigungsvorwurf berechtigt ist. Der Fall lässt tief blicken in unseren Umgang mit mutmaßlichen Opfern sexualisierter Gewalt. UllsteinExtra-Autor und Psychiater Peter Teuschel findet einen tiefenpsychologischen Zugang zum Thema.

von Peter Teuschel

Vor gut zwei Wochen wachte eine 22-jährige Niederländerin in einer fremden Wohnung auf. Ihre Kleidung war zerrissen, an die zurückliegenden Stunden konnte sie sich nicht mehr erinnern. Aufgrund der Umstände ging sie davon aus, Opfer einer Vergewaltigung geworden zu sein. Sie erstattete Anzeige bei der Polizei. Als Folge davon wurde sie inhaftiert und zu einem Jahr Gefängnis auf Bewährung verurteilt – wegen außerehelichen Geschlechtsverkehrs.

Dieser Vorfall ereignete sich nicht in den Niederlanden, sondern in Katar. Es ist nicht das erste Mal, dass Opfer von Vergewaltigungen wegen „Unzucht“ oder vergleichbaren Vorwürfen kriminalisiert wurden. Ähnliche Fälle ereigneten sich in den Vereinigten Arabischen Emiraten, im Sudan, in Somalia, dem Iran, in Saudi-Arabien und weiteren Ländern. Je nach Rechtssystem des jeweiligen Landes wurde als Strafe auch die Steinigung angeordnet.

Manch einer wird sich jetzt beruhigt zurücklehnen und diese Vorfälle in der sicheren Entfernung „unzivilisierter“ Länder als grausame Barbarei bezeichnen. Das sind sie auch. Die Frage ist nur, ob „wir“ besser sind.

Das Model Gina-Lisa Lohfink hat 2012 zwei Männer angezeigt, da diese gegen ihren Willen sexuelle Handlungen an ihr vollzogen hätten. Die mediale Berichterstattung stilisierte Lohfink zum Prototyp des „Luders“. Silikonbrüste, aufgespritzte Lippen und sexualisierte Gesamterscheinung schienen ein Indiz für Unglaubwürdigkeit zu sein.

Oder der Geiger David Garrett: Seine amerikanische Ex-Freundin Ashley Youdan hat ihn wegen Körperverletzung angezeigt. Dumm für sie: Sie verdient ihr Geld als Escort-Dame und Darstellerin in Pornofilmen. Auch hier ist für viele Medien die Sache klar: „Unser armer David“ (ein gebürtiger Aachener)  ist einem „Pornosternchen“ auf den Leim gegangen.

Brock Turner, ein Student der renommierten Stanford University in Kalifornien, wurde Anfang Juni diesen Jahres zu einer sechsmonatigen Freiheitsstrafe verurteilt. Nach einer Uni-Party vergewaltigte er eine Frau. Aufgrund des hohen Alkoholkonsums der beiden war sie während der Tat bewusstlos. Die vergleichsweise milde Strafe war für den Vater des Täters noch zu viel. Unzufrieden mit dem Strafmaß schrieb er an das Gericht, schließlich habe es sich doch nur um „20 minutes of action“ gehandelt.

Ist das nun die berüchtigte rape culture, die „Vergewaltigungskultur“, die sexuelle Übergriffe als Kavaliersdelikte herunterspielt und dadurch begünstigt? Haben die Feminist*innen Recht, wenn sie sowohl die Taten als auch den Umgang damit als Versagen eines von Männern dominierten Gesellschaftssystems sehen?

Die Bewertung von Gina-Lisa Lohfink als „Luder“ oder „Schlampe“ scheint mit ihrer Selbstdarstellung als Model mit bewusst erotischer Ausstrahlung zu tun zu haben. Diese mag dem einen gefallen, dem anderen nicht, warum dies aber auf eine Gesinnung hinweisen soll, die sich durch Hinterlist, Lüge und Unglaubwürdigkeit auszeichnet, bleibt unklar.

Wir haben ein generelles Problem mit Opfern

Die Suche nach Eigenschaften, die dem Opfer scheinbar eine Schuld am Zustandekommen sexueller Übergriffe geben, steht in der Regel in engem Zusammenhang mit den Wertehierarchien und dem Selbstwertgefühl des Betrachters. Je starrer die ersten und je geringer das zweite, desto mehr wird abgewertet. Eine Frau auf ihre erotische Ausstrahlung zu reduzieren, und sei sie auch noch so selbstgewählt, und daraus Schlüsse auf die Gesamtpersönlichkeit zu ziehen, ist ein Primitivismus, der in seiner anachronistischen Haltung dem Rechtssystem „unzivilisierter“ Regionen in nichts nachsteht. Wo die eingangs zitierten Länder die Steinigung verhängen, findet bei uns eine identische Verurteilung statt. Nur dass wir nicht mit Steinen werfen, sondern mit Worten. Ja, das ist ein Unterschied, aber die soziale und seelische Hinrichtung in den Medien oder vor Gericht möchte ich nicht als Errungenschaft der Zivilisation gelten lassen.

Hinzu kommt aber ein weiterer Punkt, und auch dieser stellt eine Verbindung her zu den Steinigungen wegen „Unzucht“: Die Annahme, das Opfer habe eine Bestrafung verdient. Diese Dimension einer „Strafwürdigkeit“ der Opferrolle finden wir nicht nur bei sexuellen Übergriffen. Die Ablehnung von Opfern des Krieges, die bei uns Schutz suchen und deren vermeintliche „Islamisierungsabsicht“ sich politisch offensichtlich höchst lohnend ausschlachten lässt, gehört ebenso hierher. Auch der Umgang mit Mobbing-Opfern, die in großer Zahl seit Jahren von mir gesehen und begleitet werden, ist durch die selbe Einstellung geprägt: „Die werden schon ihren Beitrag dazu geleistet haben, dass sie am Arbeitsplatz nicht zurecht kommen“ ist ein reflexhaft auftretendes Vorurteil, dem ich sehr oft begegne. Und das nicht bei „Hinz und Kunz“, sondern bei Kollegen, Therapeuten und Krankenkassen.

Mir scheint, dass wir ein generelles Problem mit Opfern haben. Und das ist keineswegs ein ausschließlich männliches Thema. Im Gegenteil, die Plattitüde „na ja, so wie die sich herrichtet, muss sie sich nicht wundern“, höre ich ebenso von Frauen.

Tiefenpsychologisch betrachtet kann man in der Abwertung des Opfers auch den Versuch sehen, diesem mit der „Teilschuld“ zumindest eine Handlungsoption zuzuweisen und sich selbst dadurch von der Vorstellung des Ausgeliefertseins zu entlasten. Nicht wenige Mobbing-Opfer haben mir berichtet, die Möglichkeit, an irgend einem Punkt des Geschehens einen Fehler gemacht zu haben, sei erträglicher als das Wissen um die Ohnmacht und die Unausweichlichkeit. Es gibt aber noch eine weitere, tiefere Dimension:

Das „schuldige Opfer“ ist in meinen Augen ein Archetyp. Im kollektiven Unbewussten unserer Menschheitsseele hausend, trachtet er danach, die Unerträglichkeit des Täter-Opfer-Geschehens dadurch auszugleichen, dass er die Asymmetrie dieser Beziehung auflöst, indem er den Täter ent- und das Opfer beschuldigt. Es ist der vermeintliche Ausweg aus unserem  Erleben, dass wir selbst immer wieder zum Täter werden, die meisten im Kleinen, manche im Großen. Durch die Vorwegnahme einer „Mitschuld“ beim Opfer relativieren wir unbewusst unsere eigene Täterschaft.

Depression, Angst und Schlafstörungen

Weitab von soziologischen, medien- und tiefenpsychologischen Sichtweisen begegne ich in meinem Therapiezimmer einer anderen, der wichtigsten Dimension des Opfer-Seins. Ich sitze mit Christina zusammen, die seit langem meine Patientin ist. Der junge Mann aus dem Freundeskreis, mit dem sie seit einigen Wochen zusammen ist, hatte Sex mit ihr, ohne dass sie davon wusste. Christina ist auf die Einnahme von Psychopharmaka angewiesen und diese in Zusammenhang mit zwei Gläsern Wein hatten dazu geführt, dass sie bereits eingeschlafen war, als der Freund Sex wollte. Am nächsten Tag erwähnte er mehr nebenbei, dass er sich diesen genommen habe, als sie schlief. Er sei sich sicher gewesen, dass sie „wohl nichts dagegen haben“ würde.

Christina ist nicht die einzige Patientin, der so etwas widerfahren ist. Und wie bei den meisten anderen ist auch sie sich unsicher, was sie davon halten soll. In ihrer Empörung über das Vorgefallene hat sie sich der besten Freundin anvertraut. Bei dieser sei sie auf völliges Unverständnis gestoßen. Schließlich hätte sie doch eine Beziehung zu ihrem Freund, da sei Sex doch nichts Ungewöhnliches. Die Freundin habe sich geweigert, im Verhalten von Christinas Partner etwas Verwerfliches zu sehen. Christina hat jetzt den Eindruck, auf einmal sei sie diejenige, die das Problem darstellt. Sie hat Angst, in ihrer Clique wegen „Zickigkeit“ ausgegrenzt zu werden.

Christina ist zum Opfer geworden. Der sexuelle Übergriff ohne ihr Einverständnis und die Ablehnung durch ihr soziales Umfeld haben Depression, Angst und Schlafstörungen ausgelöst. Mit Christinas „Fall“ werden sich keine Zeitungen befassen, er wird in keinem sozialen Medium erwähnt werden. Auch eine gerichtliche Auseinandersetzung wird es nicht geben, denn Christina wird ihren Freund nicht anzeigen. Sie wird die Beziehung beenden und versuchen, mit dem Geschehenen fertig zu werden. Ich hoffe, ich kann ihr dabei helfen.

Opfer zu sein mag in manchen Fällen eine soziale, journalistische oder juristische Dimension bekommen. Immer aber ist es eins: Eine zutiefst persönliche Tragödie.


 

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Peter Teuschel

Peter Teuschel

Peter Teuschel, Jahrgang 1959, ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Nach seiner Ausbildung in München und Augsburg war er einige Jahre Chefarzt der Fachklinik Inzell-Eck. Heute hat er eine eigene Praxis in München. Peter Teuschel ist verheiratet und hat zwei Söhne. Sein Buch Der Mann, der sich in die Zebrafrau verliebte ist am 14.11.2014 bei Ullstein extra erschienen.

Foto: © privat

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2 Kommentare

  1. „Eine Frau auf ihre erotische Ausstrahlung zu reduzieren, und sei sie auch noch so selbstgewählt, und daraus Schlüsse auf die Gesamtpersönlichkeit zu ziehen, ist ein Primitivismus, …“

    Dann ist aber auch das Selbstwählen des sexualisierten Erscheinungsbildes inkl. der zu erwartenden Schlüsse ein Primitivismus.

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