Stell dir vor, es ist Griechenland-Krise, und keiner geht hin

Es ist ein bisschen ruhiger geworden um die Finanzkrise in Griechenland. Unsere Autorin Stella Bettermann hat nachgefragt, wie die Griechen sich fühlen. Ein persönlicher Blick jenseits von Banken, Börse und Politik.

von Stella Bettermann

Theophilos Papadopoulos

Es ist, soweit man es von Deutschland aus beurteilen kann, wieder ein wenig Ruhe eingekehrt in Griechenland, oder immerhin eine gewisse Normalität. Die Kamerateams sind von ihren Posten an den Geldautomaten wieder abgezogen, und auch die schwarzgekleideten Greisinnen stehen nicht mehr vor den Geldinstituten, sondern sitzen zu Hause und tun, was alte Leute heute nun mal so tun: wahrscheinlich skypen, mit den Enkeln im Ausland. Ach ja, und mein alter Onkel in Athen ist nicht mehr sauer auf mich.

Neulich nämlich hatte er sich ziemlich über mich geärgert. Der Grund war, dass ich mich dazu hinreißen ließ, mir Sorgen um ihn zu machen. Schließlich hatten die Banken geschlossen. Hätte ja sein können, dass er etwas braucht, zum Beispiel Geld. Wie es ihm und meiner übrigen Verwandtschaft in Griechenland nun erginge, wollten jetzt auch Freunde hier in München von mir wissen. Also griff ich zum Hörer und wählte Onkels Nummer.

Es war nicht so, dass ich ihn dann mit einem flapsigen Spruch brüskiert hätte, etwa einem „Hallo, wie geht’s, habt ihr schon Hunger oder gibt’s noch Tsatsiki?“ Im Gegenteil, ich bilde mir ein, ich hätte sehr einfühlsam nachgefragt. Die Antwort aber war Schweigen.

Ungewöhnlich, denn ich habe meinen Onkel bisher nur selten schweigen gehört. Erst an seinem verkrampften Lachen nach einer ganzen Weile erkannte ich meinen Fauxpas: Allein schon meine Nachfrage hatte mich arrogant erscheinen lassen – und ihn auf kränkende Weise zum armen Verwandten degradiert.

Die Frage, ob jemand Hilfe braucht, kann ja für sich schon beleidigend wirken. Dann nämlich, wenn der andere sie keineswegs benötigt – was diese Frage aber impliziert. Aber auch, wenn jemand sehr wohl Hilfe bräuchte, denn dies ist eine grundsätzlich demütigende Erfahrung. Bietet man jemandem in Notzeiten aber keine Unterstützung an, könnte das ebenfalls ungünstig sein – ach, es ist schwierig!

Ich jedenfalls hatte also wieder alles falsch gemacht. Das immerhin bin ich schon gewöhnt. Seit der Griechenlandkrise läuft einiges komisch zwischen Griechenland und mir, dabei bin ich selbst (halbe) Griechin. Zum Beispiel hat mich seither eine Art Krisenschizophrenie befallen. Sie wirkt sich so aus: In Deutschland bin ich in der Lage, flammende Reden gegen die Austeritätspolitik zu führen. Doch sobald ich griechischen Boden betrete, ärgere ich mich total über die dortige laxe Steuermentalität.

Das behalte ich aber vorsichtigerweise eher für mich. Dennoch scheint jeder aus der Familie in Athen ganz selbstverständlich zu glauben, ich fände Herrn Schäuble total gut. Und von Fremden wurde ich sogar schon mal als „Merkels Schwester“ tituliert. Nicht wegen einer etwaigen Ähnlichkeit, sondern nur, weil ich in Deutschland lebe. Man sieht: Griechenland und ich, wir haben manchmal ein Problem.

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Mit „richtigen“ Ausländern hat Griechenland übrigens kein solches Problem – solange sie keine Politiker sind, versteht sich. Touristen werden eigentlich nie angegangen. Die Griechen – das ist das Nette an ihnen – schimpfen zwar ausufernd über die EU-Politik, aber sie meinen das nicht persönlich. Sie wissen, den ganz normalen Durchschnitts-Deutschen, -Franzosen oder -Polen trifft ja keine Schuld, und das zeigen sie ihm auch. Mit mir hingegen sind sie nicht so tolerant, wenn ich nicht die richtigen Worte finde.

Meine Unsicherheit bei der Krisenetikette ist kein Luxusproblem und auch keineswegs zynisch: Gerade Menschen, denen es jetzt wirklich schlecht geht, möchte man ja erst recht nicht kränken. Und es gibt viele, denen es in Griechenland zurzeit schlecht geht. Die Armenspeisungen in den Kirchen sind überfüllt. Zahlreiche Familien können ihren Strom nicht mehr zahlen. Läden schließen in Scharen. Ärzte berichten von unterernährten Schwangeren und Babys, die keine Impfungen kriegen, weil die Eltern arbeitslos sind und keine Krankenkasse zahlen können. All das habe ich nicht nur aus den Nachrichten, sondern vor Ort mit eigenen Augen erlebt, bei Recherchen für deutsche Medien.

Mit meinem Onkel kann man darüber schwer reden. „Schlimm, schlimm! Aber jetzt hör auf mit dem Thema, sonst bekomme ich schlechte Laune“, sagt er immer. Klar, auch seine Rente wurde radikal gekürzt, was ihn sehr erboste, und vergangenes Jahr erregte er sich extrem über die damals eingeführte Immobiliensteuer. Sonst aber lebt er frei nach dem Motto „Stell dir vor, es ist Krise, und keiner geht hin“. Wahrscheinlich ist das einfach eine Sache des Stolzes.

Für Krisen hat er außerdem keine Zeit: Er will nämlich seine Enkel besuchen. Die sind für sechs Wochen im Zeltlager, denn in Griechenland dauern Sommerferien drei Monate lang. Es ist schwer für berufstätige Eltern, eine Ferienbetreuung für so lange Zeit zu organisieren. Damit die Kleinen beim Zelten kein Heimweh kriegen, guckt mein Onkel öfter mal vorbei. Abends will dann seine Tochter zu ihm kommen. Sie hat es im Rücken, braucht Physiotherapie, und er hilft ihr bei dem Wust an Antragsformularen (die griechische Bürokratie!). Ganz normaler Alltagsstress also, den gibt’s beruhigenderweise auch noch, nur ist er in Griechenland stressiger als anderswo – ob mit Krise oder ohne.


 

Weblinks
„Griechischer Abschied” auf den Seiten der Ullstein Buchverlage

Stella Bettermann

Stella Bettermann

Stella Bettermann ist Autorin des Krimis Griechischer Abschied. Kommissar Nick Zakos ermittelt, erschienen im Mai 2015 im Ullstein Verlag, und halbe Griechin. Sie lebt mit ihrer Familie in München, ihre griechische Verwandtschaft wohnt in Piräus und Athen.

Foto: © privat

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