Paris danach

Ein Hieb, der die freie Welt taumeln lässt – die Attentate vom 13. November erschütterten Paris. Dort lebt Bettina Foulon, Ullstein-Scout für französische Literatur. Für den Resonanzboden beschreibt sie, wie die Bewohner der Stadt nur langsam ins Leben zurückfinden.

von Bettina Foulon

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Die Stimmung in Paris ist bleiern nach den blutigsten Terroranschlägen, die die Stadt je getroffen haben, bereits die zweiten in zehn Monaten. Die Stadt löst sich nur langsam aus der Schockstarre, in die sie verfallen ist und es fällt schwer, wieder ein normales Leben aufzunehmen. Die Boutiquen und die Pariser Kaufhäuser sind leer, auf den Straßen fehlt das vertraute, lärmende Gewimmel, in den Cafés und Restaurants ist abends das unbeschwerte Leben noch nicht zu spüren. Die Geräuschkulisse ist gedämpft, wie nach einem Schneefall. Die Nerven der Menschen liegen blank.

Meine Freunde, deren Kinder oder meine Töchter hätten an jenem Abend beim Fußballspiel sein können

Wie lebt man mit der ständigen Angst vor einem Attentat?
Im Gegensatz zum Massaker in der Redaktion von Charlie Hebdo im Januar 2015, bei dem jene umgebracht wurden, die für einen provokanten Humor und eine uneingeschränkte Meinungsfreiheit standen, hätte es dieses Mal jeden von uns treffen können. Dafür hätte man nur zur falschen Zeit am falschen Ort sein müssen: in Restaurants, Cafés, einem Konzertsaal mit einer Bar, nicht ungewöhnlich für einen Freitagabend. Oder im Stade de France, wo das Freundschaftsspiel Deutschland‑Frankreich stattfand und man ‑ wäre die Bombe im Stadion explodiert und nicht davor ‑ gleich zwei Nationen hätte treffen können. Meine Freunde, deren Kinder oder meine Töchter hätten an jenem Abend dort sein können, beim Fußballspiel oder in einem der Cafés, auf deren Terrasse man an diesem ungewöhnlich milden Novemberabend noch sitzen konnte.

Die Vorgehensweise der Attentäter machte mich fassungslos, so unendlich banal kommt sie mir noch immer vor: Bewaffnet bis unter die Zähne steigen „die Bösen“ aus dem Auto, schießen wahllos in die Menge und ergreifen die Flucht ‑ schon hunderte Male in Actionfilmen gesehen. Wo bekommen die nur die Waffen her? Die Bilder im Fernsehen betrachtete ich ungläubig. Sie halfen mir nicht beim Verstehen, verstärkten nur mein Entsetzen und ließen das Blutbad noch viel irrealer erscheinen als es ohne Bilder bereits war. Ich brauchte Worte und Zeichen, um zu verstehen, was geschehen war.

Erstmals wirklich begriffen habe ich diese barbarische Tat, als ich zwei Tage nach den Attentaten am Place de la République stand und das Meer aus Blumen und Kerzenlichtern sah sowie die unzähligen Menschen, die sich Zeit zum Innehalten nahmen, miteinander sprachen oder sich an die Hand nahmen.

Das Attentat galt diesem weltoffenen, toleranten Lebensmodell, das alles repräsentiert, was der IS hasst

Die Liste der Todesopfer mit Name, Alter, Beruf wurde wenige Tage später in der Presse veröffentlicht und im Fernsehen verlesen. Das Verlesen schien endlos, und dennoch half es mir, mit diesem Verbrechen Gesichter von Menschen in Verbindung zu bringen, die ihm zum Opfer gefallen waren. Die meisten waren zwischen 20 und 45 Jahre alt, auch zwei junge Lektorinnen kamen im Bataclan um. Sie hießen Lola Salines und Ariane Theiller und waren 23 und 29 Jahre alt.

(Foto: FranceBleu)

(Foto: FranceBleu)

Die Anschläge trafen mitten ins Herz des lebendigen, multikulturellen Paris des 10. und 11. Arrondissements. Das sind jene Bezirke der Stadt, in denen Menschen der unterschiedlichsten Kulturkreise, unterschiedlicher Religionen und Hautfarben seit Jahrzehnten friedlich zusammen leben. Straßenzüge, in denen Halal-Metzgereien neben Afro-Shops zu finden sind, Nagelstudios neben den Ateliers junger Pariser Designer, angesagte Biobäcker neben Architektenbüros, Sexshops, zahllose kleine Restaurants. Das sind Viertel, in denen die Wohnungen noch nicht grundsaniert und die Mieten noch bezahlbar sind. Das Attentat galt diesem weltoffenen, toleranten Lebensmodell, das alles repräsentiert, was der IS hasst.

Was aber kann man tun gegen indoktrinierte Islamisten, für die weder das eigene noch das Leben der anderen einen Wert hat?

Es sind viele Fragen, die offen bleiben, es ist die latente Angst vor einem neuen Terroranschlag, jederzeit und überall, die den Menschen seit dem 13. November nicht mehr aus dem Kopf geht. Ich glaube, dass dieses erneute Trauma der Franzosen, dass Tod und Terror bald ihren Platz in der französischen Literatur finden werden. Ich hoffe, dass Schriftsteller in Worte fassen und bedenken werden, was die meisten von uns noch sprachlos zurücklässt.


→ mehr über die Autorin

Bettina Foulon lebt in Paris und arbeitet dort als Scout für französische Literatur.

 

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