Jörg Friedrich: Unwetterwarnung
– die Wurzeln des Koreakonflikts

Seit Nordkoreas jüngstem Atomtest ist ein Schreckensszenario denkbar, das schon in weite Ferne gerückt schien – der nukleare Angriffskrieg. Nordkorea hat die jüngste Verschärfung der UN-Sanktionen gegen das Land zurückgewiesen und den USA mit Vergeltung gedroht. Doch was sind eigentlich die Hintergründe dieses Konflikts? Jörg Friedrich über einen seit 64 Jahren unterbrochenen, aber nie beendeten Krieg.


 


Ein Sherman-Panzer beschießt eine feindliche Bunkerstellung (Mai 1952) Ι

 

Artikel 36 der Haager Landkriegsordnung regelt den Waffenstillstand. Er ist ein kündbares Übereinkommen, das „die Kriegsunternehmungen unterbricht“, die Feindseligkeiten können jederzeit wieder aufgenommen werden, bei rechtzeitiger Benachrichtigung. Die Befehlshaber der Koreanischen Volksarmee, der Chinesischen Volksfreiwilligenarmee und einer UNO-Interventionstruppe haben am 27.7.1953 einen dreijährigen Krieg unterbrochen, welcher materiell ein chinesisch-amerikanischer Krieg war. Die kommunistische Seite focht mit russischen Waffen und unter Vorgaben Joseph Stalins.

Die amerikanische Seite hegte zeitweilig die Absicht, die bei ihrem Vormarsch nach Norden erreichte koreanisch-mandschurische Grenze, den Fluß Yalu, zu überschreiten und die vorjährige kommunistische Machtergreifung in China auszutilgen. Bevor die undefinierte US-Strategie zwischen dem tatendurstigen Militäroberbefehlshaber Douglas McArthur und dem Präsidenten Truman geklärt war, kreuzten Maos Truppen den Yalu und jagten die Amerikaner in der bisher schmählichsten Schlappe ihrer kurzen Geschichte südwärts. Dann fraß sich der Krieg Anfang 1951 fest, der hinfort die Gestalt eines blutigen Verschleißringens um den 38. Breitengrad und einer noch blutigeren Bombenoffensive annahm. Diese kostete etwa ein Viertel der Einwohner Nordkoreas das Leben.

Der Tod Stalins im März 1953 erschütterte das sowjetische Imperium so tief, dass die untereinander verzankten Nachfolger den Chinesen die Waffenversorgung entzogen. Ohne sowjetische Jets und Artillerie, ohne die von General Peng Dehuai brilliant geführten chinesischen „Volksfreiwilligen“ wäre der nordkoreanische Diktator Kim Il Sung in einer Woche geschlagen worden. Er war eine Marionette des kommunistischen Blocks. Die USA kontrollierten ihrerseits eine Marionette in Seoul sowie die Regierung Japans, die westliche Nachschubbasis. Der mit einem Unentschieden unterbrochene Krieg stellte die heißeste Phase der Ost-West Konfrontation 1947-90 dar; die US-Atombombe harrte im Dezember 1950 im Anschlag.

Die Dreiecke Moskau-Peking-Pjöngjang auf der einen und Washington-Tokio-Seoul auf der anderen Seite bilden heute wieder das strategische Grundmuster. Ohne Betrachtung ihrer tiefen historischen Wurzeln ist die heutige Lage völlig unbegreiflich. Geht es um nichts weiter, als um einen dicken, übergeschnappten Provokateur, der sich aus seinem kalten Bergrefugium am Nordostzipfel Asiens mit der stärksten Militärmacht der Erde anlegt? Wie ist das zu glauben?

Erwiesen ist es, dass Kim Jong Un seine Raketen und Bomben technischen und ökonomischen Ressourcen aus China und Russland verdankt, wo nichts ohne Einverständnis der Regierungen erfolgt. Die kapriziöse Natur des jungen Kim, dessen taktischer Zirkus und Sprachgestus nicht nur zum Wohlgefallen seiner Vormünder ausfällt, kann sich so etwas selbstverständlich nur in deren Gehege leisten. Sie führen an langem Zügel, schütteln bedenklich die gereiften Häupter und mahnen zu allseitiger Vernunft. Das hat Stalin 1950 nicht anders gehalten: Er hatte mit alledem nichts zu tun und Mao half nur einem von grundloser Enthauptung bedrohten Nachbarn. Was besorgen Yankees am Yalu?

Von Asien aus betrachtet war die damalige Einmischung der Weltpolizei vom anderen Pazifikufer ein unerträgliches Gebaren aus verstrichener Kolonialzeit. Die Unterwerfung Japans im Zweiten Weltkrieg hatte stattgefunden, um ihm die begonnene Kontrolle Chinas zu entreißen. Als nunmehriger Kontrolleur Japans bemächtigte sich der Sieger des Brückenkopfes Südkorea um den Lohn seiner Anstrengungen zu ernten, die wirtschaftliche Beherrschung des ältesten Reiches der Erde.
Dies ist nun wahrlich Schnee von gestern, nur, wie eine alte Kreuzfahrerfestung steht die US-Garnison um Seoul noch auf dem damaligen Schlachtfeld. Soweit die Perspektive Chinas, das mit den USA um die industrielle Weltspitze ringt. Den Auguren zufolge wird die Rivalität dieser zwei Mächte das 21. Jahrhundert bestimmen. So ist Korea beides, ein Relikt aus dem Kalten Krieg und Vorbote künftigen Streits. Daraus ergeben sich ein paar einfache Schlüsse:

  1. China und Russland, die Nachbarn und Paten Nordkoreas, werden keine amerikanischen Militärschläge dicht vor ihren Grenzen dulden zumal keine nuklearen, und andere wirken nicht!
  2. Die kontinuierlichen leeren Drohungen des ohnmächtigen Riesen in stars and stripes können die Führer Xi und Putin nur entzücken. Sie sind die einzigen Realisten, ihr Antagonist ist gefesselt. Er zittert vor einem Schlag auf seine schwach geschützten Mannschaften in Südkorea und die Städte an der eigenen Westküste. Ein Hiroshima-Schicksal für Seattle und San Francisco? Oh my God! Dies von young Kim bewirkte Zittern ist durchaus ein Schauspiel.
  3. Die USA können sich von der selbstgestellten Falle an und für sich lösen: Der Waffenstillstand von 1953 geht auf natürliche Weise in Friedensverhandlungen über mit den alten Gegnern Peking und Pjöngjang. Die zwei Staaten auf der Halbinsel werden bestätigt, die Grenzen festgeschrieben. Dazu ist Washington bereits bereit. Nicht bereit ist es zur Fortsetzung von Atomrüstung während der Verhandlungen, sowie zur Fortexistenz einer nordkoreanischen Nuklearwaffe. Aber warum sollte Kim sich des Zauberstabs entschlagen, dem er seine ganze komfortable Rolle verdankt? Wer setzt sich wehrlos an den Verhandlungstisch? Warum sollen Xi und Putin ihren Joker dazu nötigen, dort amerikanische Befehle entgegenzunehmen? Das ist unwahrscheinlich.
  4. Der Friedensvertrag, der den Koreakrieg beendet, müsste die Sicherheitsarchitektur des westpazifischen Raums neu ordnen. Was wird aus den bisherigen US-Klienten Südkorea, Japan, Philippinen, Taiwan? Alles erkaltete Schlachtfelder des Zweiten Weltkriegs, wo ein Sieger dominiert, dem zusehends die Kräfte schwinden. Keinen seiner Kriege auf dem asiatischen Kontinent hat er seit 1945 für sich entscheiden können. Zu Hause keimt eine Art von Bürgerkrieg, die Führung ist konfus.
  5. Dies wird ein so zähes wie ersatzloses Ringen. Bitterste Realitäten erheischen Anerkennung, leer gewordene Illusionen erwartet ein herzzerreißendes Begräbnis. Wozu hat der gütige Weltwächter in seinem Weißen Haus all das Blut auf den trostlosen Stränden der japanischen Pazifikinseln, den fernen Hügeln Koreas, den Dschungeln Vietnams, den Stadt- und Sandwüsten des Irak und den Karstflächen Afghanistans vergossen? Ein Hort der Weltordnung, der Weltunordnung? Jedenfalls sind die erhabenen Träume ausgeträumt, die Bahn weist abwärts, die Emporkömmlinge reizen mit ihrer Zuversicht. Eine Gewitterschwüle ist aufgekommen

Das Buch

In „Yalu. An den Ufern des dritten Weltkriegs“ wagt Historiker Jörg Friedrich, bekannt für unorthodoxe Fragen an die Geschichte, einen neuen, verstörenden Blick auf das dramatische Jahrzehnt 1945 bis 1955, als das Ringen um Hegemonie zwischen den beiden Weltkriegssiegern USA und Sowjetunion nicht nur in Europa, sondern vor allem in Fernost einem neuen Weltbrand entgegensteuert. Schon in der Berlinkrise 1948/49 werden nukleare Kriegsszenarien mit Millionenverlusten wie selbstverständlich erörtert und geplant. In Korea steht die Menschheit dann am Rande des atomaren Weltkriegs. Eindringlich schildert Friedrich dieses weitgehend vergessene Kapitel unserer jüngsten Zeitgeschichte, ein Untergangsszenario von beklemmender Aktualität.

 

Links

Jörg Friedrich auf den Seiten der Ullstein Buchverlage

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich, geboren 1944, erzielte mit seinem Buch »Der Brand« über den Bombenkrieg gegen Deutschlands Städte einen Welterfolg. Auch der Folgeband »Brandstätten« wurde zum Bestseller. 2007 erschien „Yalu. An den Ufern des dritten Weltkriegs“ über den Koreakrieg. Zuletzt erschien von ihm bei Propyläen „14/18. Der Weg nach Versailles“. Friedrichs umfangreiches Werk umfasst Standardtitel zur NS-Zeit, die ihm internationale Auszeichnungen eintrugen.

Foto: © Hans Scherhaufer

Print Friendly, PDF & Email