Hidschabisten, Koranisten und muslimische Feministinnen

Ist der Schleier die Unterdrückung der islamischen Frau? Funktioniert Feminismus im Islam? Die Autorin Johanna Holmström interessiert sich schon seit langem für den Clash zwischen Islam und säkularisierter Welt, zwischen Tradition und Moderne und die Frage, inwieweit der Islam tatsächlich so reformunfähig ist, wie gemeinhin behauptet wird.

von Johanna Holmström
aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn

 

Am 23. Juli twitterte der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins, offensichtlich bekümmert über die Stellung der muslimischen Frau, dass der Islam eine feministische Revolution braucht, und er überlegte, wie „wir“ dabei helfen könnten. Die Reaktionen der islamischen und muslimischen Feministinnen weltweit ließen nicht lange auf sich warten. Und die Message war ganz eindeutig: Dieser Zug ist bereits abgefahren, weil die feministische Revolution innerhalb des Islam nämlich bereits in Gang gesetzt worden ist, von muslimischen Frauen für muslimische Frauen, und sie braucht keine Hilfe von weißen, westlichen Männern. Aber können Frauen in der heutigen, nicht-gleichberechtigten muslimischen Gesellschaft, in der das Geschlecht oft von ausschlaggebender Bedeutung ist, sowohl für Religion als auch für Gleichberechtigung votieren?

Tanzen wie ein Derwisch

Stellen Sie sich folgende Szene vor: Sie stehen in einem großen stillen Saal. Hoch über Ihnen erheben sich die Bögen des Dachgewölbes. Der Boden in der Saalmitte wird geziert von einem kreisförmigen Mosaikornament, rundherum stehen massive Steinsäulen. Zwischen den Säulen auf der linken Seite steht eine Gruppe von Männern und Frauen in bodenlangen weißen Gewändern. Einzelne Sonnenstrahlen fallen durch die großen Fenster und spenden dem Raum ein spärliches Licht. Sie können Ihren eigenen Atem hören. Einen Moment lang ist die Stille vollkommen.

Dann kommen die Derwische durch eine Tür ganz hinten im Saal. Sie tragen weiße Blusen, schwarze Gürtel und weite Röcke über ihren weißen Hosen. Auf dem Kopf haben sie rote, spitz zulaufende Hüte. Sie stellen sich mitten in den Saal, schließen die Augen, konzentrieren sich eine Weile und dann beginnen die Männer und Frauen in den bodenlangen Kaftanen ihr rhythmisches: „Allah, Allah, Allah, Allah …“.

Die Derwische heben die Hände über den Kopf und beginnen sich zu drehen, immer im Kreis herum, sie rotieren um die eigene Achse, um ihr Gravitationszentrum. Das Rezitieren geht in Gesang über, taktfest begleitet von Schlaginstrumenten, und die wirbelnden Derwische bewegen sich in einem weiten Kreis um das Bodenmosaik. Ihre Augen sind geschlossen oder halb geschlossen, aber sie bewegen sich trotzdem mit absoluter Präzision, sie taumeln nicht, sie stoßen nicht zusammen, in perfekter Harmonie und mit verzücktem Gesichtsausdruck. Zwanzig Minuten später drehen sie sich noch immer im Kreis, und es sieht nicht so aus, als wollten sie demnächst aufhören. Vielleicht geht Ihnen in diesem Moment auf, dass vier von diesen sechs Tänzern Frauen sind.

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In Gefahr ohne „Vormund“?

Mitte August 2013, ein Samstag, kurz vor Mitternacht. Weit weg von den wirbelnden, sufischen Derwischen in der Türkei wird eine Frau mit einem hidschab, der traditionellen arabischen Kopfbedeckung, von einem unbekannten Mann misshandelt. Er packt sie und schlägt ihren Kopf mehrmals gegen ein parkendes Auto. Dann lässt er sie liegen. Sie ist hochschwanger mit ihrem vierten Kind. Das Ganze passiert nicht in einer dunklen Seitengasse in Saudi-Arabien, sondern in Farsta in Schweden. Aber es ist trotzdem eine Bestrafung dafür, dass sie dort entlanggegangen ist, alleine, wehrlos, eine Frau ohne männlichen Beschützer.

Auf Arabisch heißt der männliche Beschützer, der eine Frau begleiten soll, wali. Konservativere Strömungen des Islam legen die religiösen Vorschriften so aus, dass muslimische Frauen sich nicht ohne einen wali in der Öffentlichkeit bewegen dürfen – dieses Wort bedeutet so viel wie „Vormund“. Nach unserer heutigen Auffassung ist das ein Zeichen dafür, dass die Frau in einer Gesellschaft mit solchen Sitten zu wenig Rechte hat. Die hochschwangere Frau, die in oben genanntem Fall misshandelt wurde, war ohne eine wali unterwegs – dieses Wort bedeutet nicht nur „Vormund“, sondern auch „Beschützer“ –, das Ganze geschah im schwedischen Farsta, und der Täter war ein schwedischer Mann. Vielleicht hätte sie ein wali, ein männlicher „Beschützer“, der sie begleitet hätte, verteidigen können? Wäre es möglich, dass die Forderung, eine Frau solle nicht ohne wali unterwegs sein, in einer prämodernen arabischen Welt vor vierzehn Jahrhunderten erging, um die Sicherheit der Frau zu garantieren? In einer Welt, die tatsächlich wesentlich gefährlicher für eine Frau war als eine Spätsommernacht im modernen Schweden.

Hidschabaufruf oder Hidschabgate?

Um gegen dieses Verbrechen zu protestieren, riefen schwedische Politiker und Feministinnen am 19. August 2013 zu einem Hidschabtag auf. Alle Frauen, Musliminnen wie Nicht-Musliminnen, wurden aufgefordert, sich in weite Gewänder zu hüllen und ihr Haar zu bedecken, um ihre Solidarität mit den verschleierten Schwestern zu bekunden. Der Hintergrundgedanke war wohl der, dass die Frauen einen Tag lang alle gleich sein sollten. So dass kein Mann anhand der Kleidung unterscheiden konnte, welche Muslimin war und welche nicht, und die Botschaft war die, dass jede Frau selbst entscheiden darf, wie sie sich anziehen will.

Innerhalb weniger Stunden war daraus eine nationale Bewegung geworden. Facebook füllte sich mit Bildern von jungen, hübschen, geschminkten Schwedinnen mit stylishen Kopftüchern. Der Einfall fand sein Echo z.B. in Ägypten, wo man ein „We will wear dresses today“-Event lancierte, um den Ägypterinnen das Recht zurückzugeben, Kleider zu tragen.

Der Hidschabaufruf weckte sowohl Bewunderung als auch Abscheu und wurde in den sozialen Medien ebenso wie in den meisten schwedischen Zeitungen eifrig diskutiert. Sara Mohammad und Virpi Hellmark, Vorsitzende bzw. Sekretärin der GAPF (= Glöm Aldrig Pela och Fadime = ”Vergesst niemals Pela und Fadime”, gemeint sind zwei Opfer von Ehrenmorden) gingen in der Göteborgs-Posten so weit, den Hidschabaufruf als Verhöhnung feministischer Aktivistinnen zu bezeichnen.

Wer glaubt, dass alle Frauen, die einen Hidschab tragen, das freiwillig tun, ist naiv. Das Kopftuch ist ein religiöses Symbol für die Unterdrückung der Frau. Es ist beklemmend, wie Politiker und Menschen, die sich als Feministinnen betrachten, in diesem Fahrwasser mitschwimmen, ohne mit der Wimper zu zucken”,

Sanna Rayman, Verfasserin eines Leitartikels im Svenska Dagbladet, fand, der Zweck des Hidschabaufrufes liege darin, die Symbole muslimischer Frauenunterdrückung zu normalisieren.

„Vielerorts ist der Schleier Voraussetzung dafür, dass man sich überhaupt in der Öffentlichkeit bewegen darf. Ohne ihn ist die Frau und ihr Körper ein unzulässiges Element. Außerdem schreibt er den Männern eine Sexualität zu, die so unkontrolliert ist wie die Vergewaltigungsfälle in Indien. Nach dem Motto: ‚Verhülle dich, sonst ergeht es dir schlecht.‘
Es fällt mir unglaublich schwer, dieses Kleidungsstück aus seiner belastenden Symbolik herauszulösen. Und bevor jetzt die Einwände auf mich herunterprasseln: Nein, ich habe die Vergleiche mit unserem westlichen Schönheitsdiktat nie nachvollziehbar gefunden. Die „Unterdrückung“ durch Make-up, Schlankheitswahn und Brust-OPs sind einfach nicht vergleichbar. Noch nie hätte irgendeine Sittenpolizei kontrolliert, ob wir uns auch genug Botox gespritzt haben. Kein Staat hätte jemals reglementiert, wie Frauen sich schminken sollen, weil sie ‚nicht so hässlich rumlaufen sollen‘.“

Der Staat als Mittäter

Sanna Rayman unterschätzt jedoch die kollektiven, indirekten Forderungen, die die moderne westliche Gesellschaft an die Frauen stellt. Die Forderungen, die durch diese ganze Maschinerie kapitalistischer Denkart hindurchschimmern, in Form von Werbung, Filmen, Dokumentationen usw., die Frauen unablässig mit subtilen bis unverhohlenen Botschaften bombardieren, wie sie auszusehen haben. Der Staat muss gar nicht dafür sorgen, dass Frauen, die nicht attraktiv genug sind, offen und direkt bestraft werden, denn sie werden indirekt und im Verborgenen bestraft. Der Staat muss die Arbeit gar nicht tun, weil wir sie als Kollektiv für ihn erledigen. Es gibt Arbeitsplätze, an denen die Frauen laut Vorschrift Röcke und/oder Make-up tragen müssen. Wenn der Staat nicht verbietet, dass Unternehmen solche Regeln für einen Teil der Bevölkerung erlässt – dann macht sich der Staat zum Mittäter. Man könnte nun freilich argumentieren, dass Frauen freiwillig in solchen Firmen arbeiten, doch da das Make-up eine Voraussetzung für diese Freiwilligkeit ist, kann von einer freien Entscheidung nicht die Rede sein. Vor allem dann nicht, wenn man sich zwischen Make-up und potenzieller Arbeitslosigkeit entscheiden darf.

Die ägyptische, säkulare Feministin Nawal el-Sadaawi hat Make-up „den postmodernen Schleier“ genannt. Sie findet, dass man die Frauen verleitet zu glauben, sie würden sich freiwillig verschleiern – ganz egal ob durch Make-up oder einen hidschab – denn sie sind sich der sozialen, politischen, religiösen oder geistigen Unterdrückungsmechanismen nicht bewusst.

El-Sadaawi vertritt die Ansicht, dass in der postmodernen Gesellschaft die geistige Unterdrückung an die Stelle der religiösen getreten ist. Nacktheit und Verschleierung sind nur zwei Seiten derselben Medaille, und beide reduzieren die Frau auf ihren Körper: einen Körper, der entweder mit Hilfe religiöser Motive verhüllt oder auf dem kapitalistischen, postmodernen freien Markt enthüllt wird. So etwas wird toleriert in Zeiten, in denen es fast schon revolutionär und unglaublich provokativ ist, wenn eine Frau sich grundsätzlich weigert, Make-up zu tragen.

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Der Schleier – Freiheit oder Unterdrückung?

Die Diskussionen um die Position der Frau im Islam beginnt und endet allzu oft bei einem einzigen sichtbaren Attribut: dem Schleier. Vielleicht, weil man ihn so leicht angreifen kann. Vielleicht, weil uns dieses Phänomen so unbegreiflich ist, in unseren Zeiten, in denen Sichtbarkeit alles ist und eine Person, die sich nicht um maximale Sichtbarkeit bemüht, sofort unsichtbar ist. Eine verschleierte Frau ist nicht unsichtbar, jedenfalls nicht in einer Gesellschaft wie der unseren, in der die Mehrheit der Frauen unverschleiert herumläuft.

Der Koran macht keine eindeutigen Vorschriften, wie Frauen sich kleiden sollen. Er fordert gläubige Männer und Frauen nur auf, bei der Wahl ihrer Kleidung auf ”Sittsamkeit” zu achten. Und die Frauen werden aufgefordert, ihre ”Brust zu bedecken”. Der Koran schreibt keinen hidschab vor, keine Burka und auch kein anderes Kleidungsstück, das sich nicht an verschiedenste Epochen und Bedürfnisse anpassen ließe. Der Schleier gilt als persische und byzantinisch-christliche Tradition, die vor allem den Frauen der Oberschicht zugeschrieben wurde. Als das Ansehen des Propheten Mohammed stieg und mit ihm das Ansehen seiner Frauen, ließen sie sich von den Idealen ihrer byzantinischen und persischen Umgebung beeinflussen und legten einen Schleier an, um ihren gestiegenen sozialen Status zu betonen. Sie wollten zeigen, dass sie freie muslimische Frauen waren, im Unterschied z.B. zu den Sklavinnen, die kein Recht hatten, sich zu verschleiern, weil ihre Körper als Gemeingut galten.

Für einen großen Teil der modernen muslimischen Frauen ist der Schleier Teil ihrer religiösen Identität geworden und eine Abgrenzung zu westlichen Normen und Werten.

In einem Artikel in The Guardian vom 19.6.2006 begrüßt Juraprofessorin Maleiha Malik eine gesunde und differenzierte Debatte über die Stellung der muslimischen Frau. Sie hat nichts dagegen, dass westliche Denker und Feministinnen die muslimischen Frauen im Kampf gegen männlichen (religiösen) Machtmissbrauch unterstützen, doch sie findet auch, wir Bewohner der westlichen Welt sollten in der Lage sein, die Mängel und Schwächen unserer eigenen (nicht) gleichberechtigten Gesellschaft zu sehen und zuzugeben. Der westliche Feminismus versucht sich selbst als universell akzeptiert, demokratisch, fortschrittlich und emanzipiert hinzustellen. Und so erhöht er sich selbst zu der Norm, der weltweit jede Frau nachzueifern hat, und die einen der allergrößten Siege der Menschheit repräsentiert.

Als Gegengewicht wollen die islamischen Feministinnen zeigen, dass Feminismus keine weiße, westliche Erfindung ist, und sie suchen nach den Antworten für die Befreiung der Frau innerhalb eines religiösen Kontexts, dessen Streben und Ziele bis in die frühesten Zeiten des Islam zurückgehen – lange bevor der westliche Feminismus aufkam.

Der Schleier im Wandel

Maleiha Malik erinnert daran, dass die Bedeutung des Schleiers nicht statisch fixiert ist. Er lebt mit der Geschichte und verändert sich. Wenn muslimische Frauen in Europa den Schleier tragen, ist es jederzeit denkbar, dass sie damit einfach ihre eigene religiöse Identität festigen wollen, während sie selbstbewusst in den öffentlichen Raum treten, als vollwertige und gleichberechtigte Mitbürgerinnen. Damit versuchen sie die kulturelle und politische Bedeutung des Schleiers zu verändern. So gab es z.B. viele junge muslimische Frauen, die sich nach dem 9. September 2001 das Kopftuch umbanden – und das nicht, um gegen ihre eigene Gesellschaft Stellung zu beziehen, sondern für ihre Religion. Und das waren Frauen, die sich vorher nicht verschleiert hatten.

Für manche kann der Schleier Teil eines patriarchalischen Zwangs sein, für andere ein Symbol für Emanzipation in einer Gesellschaft, in der patriarchalische Strukturen fortbestehen. Für manche Frauen kann der Schleier überdies eine Distanzierung von westlichen Normen sein und ein Protest gegen die Ausbeutung des weiblichen Körpers. Wenn ein westlicher Weißer eine muslimische Frau mit hervorragender Ausbildung sieht, eine Juristin oder eine Konzernchefin, die den hidschab trägt, und sie automatisch bemitleidet, weil sie so unterdrückt ist, liegt das Problem beim Betrachter, der nicht über das Kopftuch hinauszublicken vermag.

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Der Koran aus weiblichem Blickwinkel

Am Freitag, den 18. März des Jahres 2005 kniet Amina Wadud in einer Moschee in New York zum Beten nieder. Hinter ihr kniet eine gemischte Gemeinde, Frauen und Männer, die ihren Bewegungen folgen und mit ihr beten. An diesem Ereignis sind zwei Dinge aufsehenerregend, ja, schlichtweg verboten: Amina Wadud fungiert als Gebetsleiterin, als imam, und die Gemeinde, die sie im Gebet anführt, besteht aus Frauen und Männern.

Amina Waduds Tat löste einen Aufschrei der Empörung bei traditionellen orthodoxen Muslimen aus, die ihr Handeln als Schande für den Islam betrachteten. Sie selbst vertrat die Ansicht, dass es im Islam kein ausdrückliches Verbot gibt, das sie daran hindern sollte, das Gebet anzuführen.

Islamwissenschaftlerin, Konvertitin und Aktivistin Amina Wadud ist gegenwärtig vielleicht die allerwichtigste Pionierin des islamischen Feminismus. Ihr Buch Qur‘an and Woman: Re-reading the Sacred Text from a Woman’s Perspective (1992) war der erste umfassende Versuch, den Koran aus einer Perspektive zu deuten, die die Sicht der Frau bewusst mit einschließt. In fast 1400 Jahren islamischer Theologie hatte sich keiner jemals an dieser Aufgabe versucht, und die verblüffte Amina Wadud wusste zu Anfang gar nicht, wie sie rein praktisch zu Werke gehen sollte. Das illustriert, warum der Mann auch in der muslimischen Gesellschaft der normative Maßstab für „Mensch“ wurde, und Amina Wadud nahm sich vor, die Frau von der Forderung zu befreien, sich in einer Gesellschaft, die von Männern für Männer geschaffen wurde, ständig am Mann messen zu müssen. Stattdessen wollte sie auf Möglichkeiten zur Gleichberechtigung in der Religion hinweisen, was in der Zukunft als Sprungbrett für eine tiefgreifende gesellschaftliche Revolution fungieren kann.

Die islamischen Feministinnen wollen – übrigens im Gegensatz zu den meisten muslimischen Feministinnen – mit ihrer Forschung zeigen, dass der Islam den Frauen wirklich Rechte gegeben hat, die sie zuvor nie gehabt hatten. Sie behaupten, dass der Islam im Grunde eine reformfreundliche Religion ist, dass der Islam ursprünglich auch eine Verbesserung der Stellung der Frau in der Gesellschaft anstrebte, und dass Reform daher nicht gegen die Grundprinzipien des Islam verstößt, sondern eher in seiner grundlegenden Natur liegt.

Mohammed und die Frauen

In einer Welt, in der muslimische Mädchen in Afghanistan Gefahr laufen, von Islamisten ermordet zu werden, weil sie in die Schule gehen wollen, mag es schwer zu verstehen sein, warum der Koran es als Pflicht jedes Muslim erachtet – egal ob Mann oder Frau – lesen zu lernen und sich zu bilden. In einer Welt, in der muslimische Männer, in England, in den USA, ihre muslimischen Schwestern daran zu hindern versuchen, zum Beten in die Moschee zu gehen, kann es schwer fallen, sich zu erinnern, dass zu Lebzeiten des Propheten Mohammed Männer und Frauen in gemischten Gemeinden zusammenfanden. Der Widerstand gegen muslimische Frauen, auch solche, die nur ihre Religion auf die Art ausüben wollen, wie sie im Koran vorgeschrieben ist, ist oft übertrieben gewaltsam, und wir sollten uns die Frage stellen, warum das so ist. Haben muslimische Männer tatsächlich Angst vor den Veränderungen, die sich in ihren eigenen Gemeinden vollziehen?

Muslimische Frauen, unter anderem in den westlichen Ländern, haben immer öfter eine exzellente Ausbildung vorzuweisen, und sie sind sich ihrer Rechte bewusst, sowohl außerhalb als auch innerhalb ihrer Religion. Sie kennen den Koran und sie wissen, wie der Prophet Mohammed Frauen behandelte. Mohammed führte fünfzehn Jahre lang eine monogame Ehe mit der reichen Kaufmannswitwe Khadidja, einer Frau, die ein eigenes Unternehmen besaß und außer Haus arbeitete. Mohammed und Khadidja hatten vier Töchter. Sie bekamen auch drei Söhne, die aber noch im Kindesalter starben. Khadidja unterstützte den Propheten, als ihm der Koran offenbart wurde, und als er zweifelte, überzeugte sie ihn davon, dass er wirklich auserwählt war.

Nach Khadidjas Tod heiratete Mohammed mehrere Frauen, aus mehreren Gründen. Einen Teil seiner Ehen schloss er aus Barmherzigkeit für verwitwete Frauen, andere, um mit ehemaligen eingeschworenen Feinden zu paktieren und so Frieden zu schaffen. Und einen Teil aus Liebe. Egal wie viele Frauen er hatte oder warum er sie heiratete – eines ist offensichtlich: Abgesehen von seinen engen männlichen Freunden umgab sich der Prophet Mohammed die meiste Zeit seines Lebens nur mit Frauen. Er hatte vier Töchter und elf Ehefrauen. Er unterrichtete sie, fragte sie um Rat, hörte ihnen zu, lebte mit ihnen und liebte sie. Von seiner Tochter Fatima sagte er, dass sie das perfekte menschliche Wesen sei. Nach Mohammeds Tod verwaltete seine Frau Aisha das Erbe des Propheten. Sie war zweifellos die erste Autorität, was das tägliche Leben des Propheten anging, und Männer wie Frauen kamen zu ihr, um sie in religiösen Fragen um Rat zu bitten. Eine andere Frau des Propheten, Hafsa, hatte den ganzen Koran auswendig gelernt, und ihr wurde das einzige Exemplar der Heiligen Schrift anvertraut, als der Prophet starb. Sie war damals eine der wenigen Frauen, die lesen konnten. Diese Frauen spielten eine entscheidende Rolle für die Bewahrung der Religion, und inspiriert von diesen Frauen, den ersten Frauen des Islam – stark und religiös gebildet, schlau und tatkräftig – holen sich heute die modernen muslimischen Frauen ihre religiösen und gesellschaftlichen Rechte zurück. Und dabei stützen sie sich auf das, was auch ihre gläubigen Brüder mehr als alles andere respektieren sollten: die Religion.

 

Der Artikel erschien 2013 in längerer Fassung 2013 auf NYA Argus und wurde für resonanzboden.com aktualisiert und gekürzt.


Weblinks
„Asphaltengel” auf den Seiten der Ullstein Buchverlage

Johanna Holmström

Johanna Holmström

Johanna Holmström wurde 1981 in Sibbo geboren. Sie gehört der schwedischsprachigen Minderheit in Finnland an. Seit einigen Jahren lebt sie mit ihren zwei Töchtern in Helsinki. Sie ist Journalistin und studiert arabische Literaturwissenschaft. Für ihre Erzählungen erhielt sie unter anderem den Literaturpreis des Svenska Dagbladet. Ihr Roman Asphaltengel erschien 2014 im Ullstein Verlag. Das Taschenbuch erscheint am 9.10.2015

Foto: © Riika Hurri

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