Gott: ein Postulat der praktischen Vernunft?

„Ist die Religion eine gewaltige psychische Hilfe für die Menschheit, die ohne sie verzweifeln müsste, ein Topos der Hoffnung, allerdings jenseits aller Realität?“ Im Angesicht allen Leids, das in der Welt existiert, übt Heiner Geißler grundlegende Kritik am Gottesbild der christlichen Kirche. An diesen Gott kann man seiner Ansicht nach nicht glauben. Woran es sich dennoch zu glauben lohnt, sagt er hier. Ein aktueller Zwischenruf zum Deutschen Evangelischen Kirchentag.

von Heiner Geißler

 

Ich weiß nicht, ob Immanuel Kant und Dostojewski sich gekannt haben. Sie haben beide voneinander unabhängig den nach meiner Auffassung einzigen Gedanken formuliert (der eine negativ, der andere positiv), der die Existenz eines Gottes wenigstens plausibel macht. Dostojewski sagte: Wenn Gott nicht existiert, ist alles erlaubt. Das hat bei vielen Atheisten großen Ärger verursacht: als ob die Atheisten a priori kriminell wären und sich an keine Gesetze hielten.

Kant sagt dasselbe, akademischer und ins Positive gewendet. Er gibt zunächst einen Kommentar auf die Behauptung vieler, sie handelten nicht nach Gott, sondern folgten ihrem Gewissen. Aber dann kommt die Frage: „Woher haben wir unser Gewissen?“ Woher stammen die Regeln, nach denen sich das Gewissen richtet? Man kann auch etwas grundsätzlicher sagen: Die Unbedingtheit eines ethischen Anspruchs (was wir sollen) lässt sich nur von einem Unbedingten her begründen, von einem Absoluten. Etwas, das nicht der Mensch als Einzelner oder die menschliche Gemeinschaft sein kann, sondern eine übergeordnete Instanz, die man Gott nennen kann. Kant war der Auffassung, dass man mit der reinen Vernunft, mit dem Verstand, Gott nicht beweisen könne. Aber er schreibt, dass Gott das Ergebnis der praktischen Vernunft sei, also die Erkenntnis, dass ein geordnetes Zusammenleben der Menschen ohne eine in Gott gegründete Moral nicht möglich wäre.

Wir wissen, dass der Glaube an die Existenz eines Gottes vielen durchaus sinnvoll erscheint. Man kann ihn erahnen in der kosmischen Singularität vor dem Urknall, vielleicht auch in der Musik von Bach, Mozart oder Beethoven. Man kann Gott nicht beweisen wie den Satz des Pythagoras oder wie die schlichte Gleichung, dass zwei mal zwei vier ist. Aber sicher ist auch, dass die Naturwissenschaften die Existenz Gottes nicht widerlegen. Es gibt das plausible Argument von Dostojewski und Kant, Gott sei das Postulat der praktischen Vernunft.

Aber selbst die Vorstellung dieses Gottes kann nicht in Übereinstimmung gebracht werden mit dem millionenfachen Unrecht, dem Hungertod, den Leiden und den Schmerzen der Menschen und der seit Tausenden Jahren praktizierten Gewaltanwendung der Stärkeren gegen die Schwachen, der Mächtigen gegen die weniger Mächtigen. Aber noch etwas steht mit Sicherheit fest: Den Gott, wie ihn die Theologie der christlichen Kirchen beschreibt, kann es nicht geben.

Was für ein Gott, der Frauen wie Menschen zweiter Klasse behandelt!

Was für ein Gott, der uns auf der Frage sitzenlässt, weshalb er Schmerz und Leid überhaupt ermöglicht hat – nur um uns hinterher durch seinen Sohn wieder davon zu befreien!

Was für ein Gott, der Menschen wegen ihrer Sünden leiden lässt!

Was für ein Gott, der Schmerzen und Unglück den Menschen höchstpersönlich schickt, weil er ihnen wohlwill!

Was für ein Gott, für den Anfragen wegen des Leides auf der Erde eine Anmaßung sind!

Was für ein Gott, der geliebt werden will und dafür in Kauf nimmt, dass Menschen ihre Freiheit zu ungeheuerlichen Verbrechen missbrauchen!

Was für ein Gott, der es dem Teufel ermöglicht, die Menschen mit Krankheiten zu quälen!

Was für ein Gott, der sich trotz täglichem millionenfachem

Leid in Gebeten und mit Liedern loben und preisen lässt!

Was für ein Gott, der nur durch seine Gnade die Menschen auf dieser Welt erlöst, die er selber geschaffen hat!

Was für ein Gott, der alle Menschen sich für die Ursünde rechtfertigen lässt, die Adam und Eva angeblich begangen haben!

Was für ein Gott, der sich nicht zeigt, sondern versteckt!

Was für ein Gott, der Gebete erhört oder auch nicht!

Was für ein Gott, der Krankheiten heilt, aber nicht bei jedem!

Was für ein Gott, der die einen durch Christus zum Vater kommen und andere in ihren Sünden sterben und verderben lässt!

Der Glaube an diesen Gott gibt uns keine Antwort, welchen Sinn das Leiden auf der Erde hat. Wir müssen also mit der Sinnlosigkeit des Leidens leben. Wir haben als Christen keine bessere Sinndeutung des Leidens in der Welt als jeder andere auch. Deswegen wird das Leiden für viele immer mehr zum „Fels des Atheismus“.

Aber muss dies die letzte und einzige Antwort sein?

Ein Vorschlag

Der damalige Bischof von Mainz, Kardinal Volk, schleuderte Weihnachten 1969 den schockierten Kirchenbesuchern, die sich auf eine friedliche und fröhliche Christmette eingestellt hatten, den Satz ins Gesicht: „Es gibt nur eine Alternative: entweder Glauben oder Saufen.“ Winzer und Bierbrauer hätten ihm antworten können: Noch besser ist beides. Aber der Mensch muss weder glauben noch saufen. Wer nicht an Gott glaubt, ist nicht zum Saufen verurteilt, auch nicht als Christ.

Wer nicht glauben kann, dem bleiben Hoffnung und Liebe, die nach Auffassung des Apostels Paulus größer ist als der Glaube. Dem Christen bleibt vor allem auch die Hoffnung, dass in dem Restgeheimnis der Astrophysiker Gott existiert. „Es ist eine Hoffnung gegen alle Hoffnung, eine Hoffnung gegen den Augenschein, aber eine Hoffnung als Energiequelle“, sich mit der Sinnlosigkeit nicht abzufinden. Viele Menschen haben den Wunsch, dass das, woran sie zweifeln, dennoch wahr sein möge. Die Jesuiten nennen dieses Verlangen desiderium desiderii, die Sehnsucht nach der Sehnsucht, glauben zu können. Das reicht, um Christ zu sein. Davon bin ich überzeugt. Milliarden Menschen verfielen in Hoffnungslosigkeit oder Gewaltexzesse, wenn sie nicht die Hoffnung auf ein besseres, jenseitiges Leben hätten.

Ist die Religion eine gewaltige psychische Hilfe für die Menschheit, die ohne sie verzweifeln müsste, also ein Topos der Hoffnung, allerdings jenseits aller Realität? Wenn man sich die Existenz der Weltreligionen wegdenkt, verschwindet mit ihnen Furchtbares: Witwen- und Ketzerverbrennungen, Hexenwahn, Frauendiskriminierung, Scharia, Kolonialismus, Rigorismus, religiös motivierte soziale Kontrolle, Verfolgung der Abweichler von religiös begründeten Sexualnormen. Es verschwänden aber auch die von den Religionen verkündeten ethischen Normen, etwa die Zehn Gebote und die Hoffnung auf Gerechtigkeit und ein besseres Leben in einer anderen Welt. Schon aus diesen praktischen Gründen wäre es eine für die Menschheit schlechte Entwicklung, wenn die Religionen ihre Kernbedeutung verlören, den Menschen eine Perspektive für ein anderes Leben zu erhalten. Aber Religion kann auch von Machthabern jeder Art als Opium für die Völker missbraucht werden, wie Karl Marx gesagt hat, damit diese ja keine Revolution machen, um das Unrecht selber zu beseitigen. Deshalb müssen die Kirchen unbestechliche Anwälte der Menschen sein und – wie Jesus – an ihrer Seite stehen.

Der Sinn des Lebens?

Sinnlosigkeit ist nicht unser Schicksal. Christen können dem entgehen, auch wenn sie an Gott zweifeln. Denn sie können an drei Tatsachen nicht zweifeln: Jesus ist eine historische Person. Er hat gelebt, und er existiert in den Köpfen und Herzen von Milliarden Menschen. Er hat die größte Volksbewegung der Weltgeschichte in Gang gebracht und die beste und glänzendste Botschaft der Menschheit verkündet, die auch heute noch die Welt verändern kann. Er hat der Nächstenliebe, das heißt der Solidarität unter den Menschen, denselben Rang gegeben wie der Gottesliebe.

Die Pharisäer schickten einen der Ihren zu Jesus mit der Frage: „Wer ist denn mein Nächster?“ Sie wollten wissen, ob der Nächste für Jesus derselbe sei wie für sie, die nämlich die Nächstenliebe einschränkten auf die Volksgenossen und diejenigen, die Gastrecht hatten. Als Antwort erzählte Jesus zunächst die Geschichte aus dem Wadi el Kelt, von der Adummin-Steige, der Blutsteige, der Schlucht, die herabzieht von Jerusalem nach Jericho, wo ein Jude überfallen, ausgeraubt und halb totgeschlagen wird.

Der Priester, fährt Jesus fort, kommt vom Tempel herunter und läuft vorbei, genauso der Levit, und dann kommt der Mann aus Samaria, ein Feind in den Augen der Juden, ein Apostat, ein Renegat, der für die rechtgläubigen Juden schlimmer war als die Heiden. Der versorgte den Verletzten medizinisch, brachte ihn ins nächste Hotel und gab dem Wirt noch Geld, damit er sich um ihn kümmere. Und dann erst stellte Jesus die Gegenfrage. Er fragt nicht das, was wir normalerweise fragen würden, ob der Verwundete der Nächste sei. Er fragte den Pharisäer, wer von den dreien nun der Nächste für den Überfallenen gewesen sei. Der Pharisäer musste notgedrungen gestehen, obwohl es ihn wahrscheinlich fast umbrachte: der Mann aus Samaria.

Das heißt aber, dass wir alle – Pastoren, Priester, Laien, Politiker und Minister, Arbeitnehmer und Unternehmer – die Nächsten sind für diejenigen, die in Not geraten. Wir müssen nicht die ganze Welt lieben, aber wir müssen denen helfen, die in Not sind. Das kann auch der Feind sein. Die Nächstenliebe ist eine Pflicht. Neoliberale und die selige Maggie Thatcher, die im letzten Fünftel ihres Lebens gefüttert werden musste, nannten sie Gefühlsduselei  und Gutmenschentum. Aber erst Nächstenliebe und solidarisches Handeln geben dem menschlichen Leben einen Sinn. Denn wenn wir schon die Frage nicht beantworten können, ob es ein zweites Leben gibt, dann können wir uns mit unseren Kräften dafür einsetzen, dass es den Menschen in dem jetzigen Leben immer besser geht. Wir können versuchen, unserem Leben und dem anderer dadurch einen Sinn zu geben, dass wir den Pfusch dieser Welt selber beseitigen. Statt Waffen zu produzieren, können wir für den Frieden arbeiten, Notleidenden helfen, Forschung betreiben, umweltverträgliche und energiesparende Techniken entwickeln sowie weitere Medikamente und Therapien erfinden, um Krankheiten zu heilen. Mit einem Wort: die Lebensbedingungen der Menschen verbessern. Das kann jeder in der Familie, in der Gemeinde, in der Politik, in Wissenschaft und Kunst. Die Pharmaindustrie ist mehr wert als Hunderttausend Prozessionen und Wallfahrten. Schmerzen lindern, Diktatoren bekämpfen, Folterer bestrafen: all das tun, was Gott offensichtlich nicht tut, aber tun müsste, wenn es ihn gäbe. All das tun, was auch Jesus täte, das ist Aufgabe aller Menschen, müsste die Predigt der Kirchen lauten und so die politische Dimension des Evangeliums umfassen.

Metanoeite

Metanoeite, ihr sollt umdenken, forderte Jesus am Jordan. (Hieronymus hat in der Vulgata metanoeite willkürlich mit poenitentiam agite = „Tuet Buße“ übersetzt und dadurch entscheidend verfälscht.) Viele in den Kirchen widmen sich der Liturgie, dem Gottesdienst, dem Beten und der Kirchenmusik. Das ist nicht anstrengend und macht sogar Spaß, wenn man musikalisch ist. Aber es ist nur die Hälfte der jesuanischen Botschaft. Jesus hat die für unser Leben sinnvollste Botschaft hinterlassen – er hat auch die Liebe zu Gott gepredigt –, die Nächstenliebe aber war ihm genauso wichtig, und ohne Nächstenliebe war ihm die Liebe zu Gott nichts wert.

In seiner Endzeitrede (Matthäus 25,35) formuliert Jesus – aktueller geht es kaum – sieben Forderungen für diejenigen, die zu ihm gehören, also Christen sein wollen:

Den Hunger bekämpfen

Allen Menschen Trinkwasser verschaffen

Obdachlosen eine Wohnung geben

Flüchtlinge aufnehmen

Den Frierenden Kleider geben

Kranke pflegen

Gefangene betreuen

Er begründet diese Forderungen mit der Zugehörigkeit zum Reich Gottes.

Die Sündentheologie des Martin Luther, die Erbsündenlehre des Paulus und Augustinus und die Rechtfertigungsdogmen beider Kirchen, die den Menschen alle Schuld zuschieben, sind nicht maßgebend für das Christsein und versperren den Weg zu einem möglichen Gott. Die Nächstenliebe, das heißt die Pflicht, denen zu helfen, die in Not sind, sprengt nationale, kulturelle und religiöse Grenzen. Sie gilt allen Menschen unabhängig von Klasse, Rasse, Geschlecht, Nation und Vermögen. Zwei Milliarden Menschen bekennen sich als Christen zu Jesus. Sie sind die größten Global Player der Welt. Ihre Führer könnten die treibende Kraft für eine neue, gerechte Welt sein. Dieser Jesus verkörpert das Ideal der Glaubwürdigkeit, das heißt der Einheit von Idee, Reden und Handeln, der Einheit von Anspruch und Wirklichkeit. So wie er damals die Menschen gegen die Machthaber sowie Sitten- und Glaubenswächter vertreten hat – unabhängig, freimütig, selbstbewusst, furchtlos –, müssten auch heute Bischöfe, Kirchenpräsidenten und charismatische Führer mit dem Widerstandsgeist eines Martin Luther zur treibenden Kraft für eine neue und gerechte Welt-, Friedens- und Wirtschaftsordnung werden.

Auch heute, am Anfang des 21. Jahrhunderts, werden auf der Erde Milliarden von Menschen aufgrund ihres Glaubens und Gewissens oder ihres Geschlechts, ihrer Rasse und ethnischen Zugehörigkeit unterdrückt. Sie werden gefoltert, getötet oder müssen arm, arbeitslos oder in Sklaverei leben. Hilft ihnen ein Gott? Sie alle könnten sich aber leicht mit Jesus identifizieren. Jesus als Helfer der Armen, als Freund verstoßener Frauen, als Diener, der anderen die Füße wäscht, als Helfer der Behinderten, oder als Verbrecher, der nichts verbrochen hat, am Kreuz. In der kapitalistischen Welt des „Shareholder-Value“, der Investment-Banker, einer gigantischen Finanzindustrie mit ihren gesellschaftlichen Leitbildern Egoismus, Gier, Geiz, Erfolg, Dividende, Konsum, Rang und Titel ist Jesus eine totale Provokation und die Verkörperung von Menschlichkeit und Barmherzigkeit. Sein Denken und Handeln stellen heute wie damals die herrschenden Werte und Maßstäbe auf den Kopf. Ihm und an seine Botschaft können wir glauben.

Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen Auszug aus Heiner Geißlers Streitschrift „Kann man noch Christ sein, wenn man an Gott zweifeln muss?“

 


Das Buch 

Wenn es Gott gibt, warum ist die Welt dann voller Katastrophen, Krankheiten und Kriege? Immer mehr Menschen rebellieren gegen die Sprachlosigkeit der Kirchen auf die Frage nach der Gerechtigkeit eines angeblich allmächtigen Gottes. Sie verlangen nicht Rituale und fromme Lieder, sondern Wahrheit. Heiner Geißler übt fundamentale Kritik an den theologischen Trugbildern von der Verantwortung Gottes für die Leiden der Menschheit.

Links

„Kann man noch Christ sein, wenn man an Gott zweifeln muss?“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage 

Die offizielle Website von Heiner Geissler 

Heiner Geißler auf Twitter 

Heiner Geißler

Heiner Geißler

Dr. Heiner Geißler, geboren 1930, war 25 Jahre lang Mitglied des Deutschen Bundestages, Landesminister, Bundesminister, Schlichter von Stuttgart 21 und gilt als einen der besten politischen Redner der Bundesrepublik. Er ist Autor zahlreicher Bestseller, u.a. von „Sapere aude!“ und „Was müsste Luther heute sagen?“

Foto: © privat

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