„Frau CEO, einen Kaffee bitte!“
Sheryl Sandberg und Adam Grant über „office housework“ von Frauen

Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern ist und bleibt ein hart umkämpftes Thema. Vor allem im Job ist die Diskriminierung von Frauen immer noch an der Tagesordnung. An Arbeitsplätzen rund um die Welt sind Frauen hilfsbereiter als ihre männlichen Kollegen, profitieren aber weniger – das sagen Sheryl Sandberg und Adam Grant. Warum das so ist und was dagegen zu tun ist, beschreiben sie hier.

von Sheryl Sandberg und Adam Grant

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An einem späten Freitagnachmittag traf in einem führenden Beratungsunternehmen die Last-Minute-Anfrage eines Kunden ein. Die Erste, die anbot, ihre Zeit zu opfern, war eine Managerin. Sie hatte bereits den ganzen Tag damit zugebracht, jüngere Kollegen, obwohl sie nicht zu ihrem Team gehörten, in Karrierefragen zu beraten. Im Laufe der Woche hatte sie auch schon mehrere Neueinstellungen angelernt, einem Kollegen dabei geholfen, seine  Präsentation zu optimieren und zugesagt, die Büro-Weihnachtsfeier zu organisieren. Als der Zeitpunkt kam, ihre Eignung als Gesellschafterin zu prüfen, hätte sie dank ihrer klaren Erfolgsbilanz als Teamplayerin und ihren exzellenten Leistungen eigentlich eine todsichere Kandidatin sein müssen. Stattdessen wurde ihre Beförderung erst um sechs Monate, dann um ein Jahr verschoben.

Ihn überschütten wir mit Lob und Lohn

So sieht die traurige Realität an Arbeitsplätzen rund um den Globus aus: Frauen helfen mehr, profitieren aber weniger davon. Gemäß tief verwurzelter Geschlechterstereotype erwarten wir von Männern, dass sie ehrgeizig und ergebnisorientiert sind und von Frauen, fürsorglich und gemeinschaftsorientiert zu sein. Wenn ein Mann seine Hilfe anbietet, überschütten wir ihn mit Lob und Lohn. Wenn aber eine Frau Hilfe leistet, fühlen wir uns weniger in der Schuld. Schließlich ist sie von sich aus gemeinschaftsorientiert, oder etwa nicht? Sie will eine Teamplayerin sein. Auch das Umgekehrte trifft zu. Wenn eine Frau sich weigert, einem Kollegen zu helfen, macht sie sich unbeliebt und ihre Karriere leidet. Sagt aber ein Mann Nein, hat er nichts zu befürchten. Ein Mann, der nicht hilft, ist „beschäftigt“, eine Frau ist „egoistisch”.

In einer von Madeline Heilman, einer Psychologin der New York University, geleiteten Studie, bewerteten die Teilnehmer das Verhalten von männlichen und weiblichen Angestellten, die entweder länger im Büro blieben oder nicht, um Kollegen bei der Vorbereitung auf ein wichtiges Meeting zu helfen. Für das Bleiben und Helfen wurde ein Mann 14 Prozent positiver bewertet als eine Frau. Lehnten beide ab, wurde eine Frau zwölf Prozent niedriger bewertet als ein Mann. Insgesamt war es nach identischer Hilfeleistung im Falle eines Mannes bedeutend wahrscheinlicher, dass er für Beförderungen, wichtige Projekte, Gehaltserhöhungen und Boni empfohlen wurde. Bei einer Frau reichte Hilfe überhaupt nur, um dieselbe Wertung wie ein Mann zu erhalten, der gar nicht half.

Frauen erledigen die „Hausarbeit“ im Büro

Vor kurzem saß eine uns bekannte leitende Angestellte in einer Vorstandssitzung neben mehreren jüngeren männlichen Kollegen, als der Vorsitzende sie bat, ihm ein Sodawasser zu holen.

Die Harvard-Professorin Rosabeth Moss Kanter beobachtete, dass Frauen den Großteil der „Hausarbeit“ im Büro erledigen — administrative Aufgaben also, die hilfreich sind, sich aber nicht bezahlt machen.

Irgendwer muss Protokoll führen, in Ausschüssen tätig sein und Meetings planen — und genau wie bei der Hausarbeit daheim ist dieser Jemand für gewöhnlich eine Frau.

Joan C. Williams, eine Professorin am Hastings College of the Law der University of California, sagt, dass von qualifizierten Frauen in Wirtschaft, Recht und Wissenschaft immer noch erwartet wird, Cupcakes mitzubringen, Anrufe anzunehmen und Protokoll zu führen. Diese Tätigkeiten kosten nicht einfach nur wertvolle Zeit. Sie sorgen auch dafür, dass Frauen wichtige Gelegenheiten verpassen. Die Person, die während des Meetings gewissenhaft Protokoll führt, setzt sich so gut wie nie entscheidend in Szene.

Wenn Männer helfen, dann tun sie das mit größerer Wahrscheinlichkeit öffentlich, während Frauen sich eher hinter den Kulissen engagieren. Studien zeigen, dass Männer ihren Beitrag eher in Form sichtbarer Verhaltensweisen leisten — beispielsweise durch die Teilnahme an freiwilligen Meetings — während Frauen sich eher im Privaten zeitraubenden Aktivitäten wie der Unterstützung anderer oder der Betreuung von Kollegen widmen. Wie die Management-Professorin Joyce K. Fletcher vom Simmons College feststellte, neigen die Beiträge, die Frauen zur Gemeinschaft leisten, schlicht zum „Verschwinden“.

Von Hilfsbereitschaft zu Burnout

Dass Menschen sowohl hinter den Kulissen als auch in der Öffentlichkeit behilflich sind, ist für den Erfolg eines Unternehmens unerlässlich. Die Forschung zeigt, dass bei Teams mit größerer Hilfsbereitschaft auch GewinnUmsatzQualität, EffektivitätErtrag und Kundenzufriedenheit höher sind. Aber diese Schwerstarbeit zu leisten, kann einen psychischen Tribut fordern. In einer Auswertung von 183 verschiedenen Studien, die 15 Nationen und Dutzende verschiedener Berufe umfassten, erwies sich die Wahrscheinlichkeit, sich emotional erschöpft zu fühlen, für Frauen als bedeutend höher. In ihrem Bestreben, sich um andere zu kümmern, opfern Frauen sich oft selbst auf. Auf 1.000 Werktätige kommen 80 mehr Frauen als Männer, die einen Burnout erleben — zu einem großen Teil, weil sie es versäumen, ihre eigenen Sauerstoffmasken anzulegen, bevor sie anderen behilflich sind.

So wie wir noch immer die Hausarbeit und Kinderbetreuung daheim neu gewichten müssen, müssen wir auch die Hausarbeit im Büro austarieren und wertschätzen. Das meint zuallererst, das Ungleichgewicht zu erkennen und anschließend zu korrigieren.

Die meisten Unternehmen beurteilen regelmäßig individuelle Leistungen. Warum sollte man nicht auch Akte der Hilfe berücksichtigen? Gemeinschaftliche Aufgaben gleichmäßig zu verteilen, statt sich auf Freiwillige zu verlassen, kann ebenfalls sicherstellen, dass unterstützende Arbeiten geteilt, wahrgenommen und geschätzt werden.

So erhalten Frauen größeren Einfluss und mehr Kraft

Für Frauen ist der erste Schritt zu diesem äußerst wichtigen Wandel ein Umdenken: Wenn wir uns um andere kümmern wollen, müssen wir uns auch um uns selbst kümmern. Einer von uns beiden, Adam, hat zahlreiche Studien durchgeführt und begutachtet, die zeigen, dass Frauen (und Männer) die höchste Leistung erreichen und sich am wenigsten ausgebrannt fühlen, wenn sie ihre eigenen Bedürfnisse und die Bedürfnisse anderer gleichrangig behandeln. Wenn sie die Sorge um sich selbst mit der Fürsorge für andere gleichstellen, haben Frauen vielleicht das Gefühl, weniger uneigennützig zu sein, aber sie versetzen sich in die Lage, größeren Einfluss zu erlangen und mehr Kraft zu bewahren. Tatsächlich haben sie unterm Strich sogar mehr zu geben.

In der Beratungsfirma ersann die Managerin, die bei der Beförderung übergangen worden war, effizientere Methoden der Hilfe. Statt Vieraugengespräche mit Dutzenden jüngerer Kollegen zu führen, begann sie damit, ihre Schützlinge zu kollektiven Mittagessen einzuladen. Das sparte ihr Zeit und stellte ihnen ein Netzwerk zur Verfügung, sich gegenseitig zu helfen. Statt Fragen reaktiv in zeitraubenden Telefongesprächen abzuhandeln, verfasste sie ein FAQ-Handbuch und teilte es mit Kollegen. Und wenn Kunden unzumutbare Anforderungen stellten, sagte sie nicht mehr, dass sie zu beschäftigt sei, sondern dass es ihr Team bis über die Belastungsgrenze hinaus in Anspruch nehmen würde. Indem sie anführte, dass sie sich schützend vor andere stellte, war sie in der Lage, Nein zu sagen, aber immer noch großzügig und fürsorglich zu wirken. Nachdem sie diese Veränderungen umgesetzt hatte, wurde sie schließlich zur Gesellschafterin befördert.

Männer können zur Lösung des Problems beitragen, indem sie ihre Stimme erheben. Männer haben die Gewohnheit, Meetings zu dominieren und Frauen das Wort abzuschneiden. Statt nun zu verstummen, können Männer ihre Stimme dazu einsetzen, auf die Beiträge von Frauen aufmerksam zu machen. Sie können auch mehr tun, indem sie ihren Anteil an den unterstützenden und betreuenden Tätigkeiten übernehmen. Bei einer Veranstaltung, die wir kürzlich besuchten, hatten sich 30 Chief Executives zum Abendessen an einem Tisch versammelt, um über die Überwindung des geschlechtsspezifischen Gefälles zu diskutieren. Angesichts des gleichmäßigen Verhältnisses zwischen Männern und Frauen im Raum, gingen wir davon aus, dass die Büro-Hausarbeit einer Frau zufallen würde. Aber die Person, die über den gesamten Zeitraum Protokoll führte, war Richard Branson, der Gründer der Virgin Group.

Oft heißt es, dass keine gute Tat ungestraft bleibt. So muss es nicht sein. Wir können alle davon profitieren, sowohl  Männer als auch Frauen zur Hilfe zu ermuntern und sie in gleichem Maße dafür zu belohnen. Wir hoffen, dass Sie in dieser Richtung aktiv werden und Ihre Erfahrungen hier im Kommentarbereich oder auf Facebook teilen.

Aus dem Amerikanischen von Daniele Raffaele Gambone


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Adam Grant

Adam Grant

Adam Grant ist Professor für Psychologie an der Wharton Business School of Pennsylvania und Autor der New York Times-Bestseller „Non-Konformisten“ und „Geben und Nehmen“. Er ist Experte dafür, wie Menschen Motivation und Sinn finden und so freigiebiger und kreativer leben können. Adam Grant wurde für seine Arbeit vielfach ausgezeichnet, unter anderem von der American Psychological Association und der National Science Foundation. Zudem schreibt er als Kolumnist für die New York Times. Er lebt in Philadelphia mit seiner Frau und drei Kindern.

Foto: © Matt Albiani

Sheryl Sandberg

Sheryl Sandberg

Sheryl Sandberg, geboren 1969, ist COO und Mitglied des Verwaltungsrates von Facebook. Nach dem Studium in Harvard arbeitete sie bei der Weltbank und als Stabschefin von Finanzminister Larry Summers im Kabinett von Bill Clinton. Danach ging sie zu Google. Ihr Buch Lean In wurde zum weltweiten Bestseller.

Foto: © Matt Albiani

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