„Es sind nicht nur die anderen, deren Toleranz schnell ihre Grenzen hat“:
Was nordkoreanische Irrtümer und islamistische Irrläufer mit Ines und Ingo zu tun haben.

Zur Berlinale startete der umstrittene Film „The Interview“ auch in den deutschen Kinos. In Nordkorea löste die Story um ein Mordkomplott gegen das amtierende Staatsoberhaupt Kim Jong-un einen Eklat aus – sehr zum Unverständnis der restlichen Welt, die sich, nicht zuletzt seit Charlie Hebdo, auf Presse- und Meinungsfreiheit beruft und so ihr Bild von der nordkoreanischen Eigenartigkeit wieder einmal bestätigt sieht.
Dabei sind es, laut Ullstein-Autor Christian Eisert, nicht nur „die anderen“, deren Toleranz schnell ihre Grenze erreicht – sondern viel zu oft auch wir selber.

von Christian Eisert

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Foto: Travis Wise / Flickr.com / CC BY 2.0

Das nordkoreanische Außenministerium forderte die Festspielleitung der Berlinale auf, die Aufführung der Nordkorea-Komödie The Interview zu unterbinden. Auf der Website der nordkoreanischen Nachrichtenagentur KCNA droht man allen, die gemeinsam mit den USA die Würde Nordkoreas verletzten, sie würden einer „gnadenlosen Bestrafung nicht entkommen“.
Ursache der Aufregung: Dieser Tage startete The Interview in den deutschen Kinos. Und zeitgleich begann die Berlinale.
Entscheidendes Detail: Beide Ereignisse verband nur der Wochentag. Berlinale-Festspielleiter Dieter Kosslick wies den nordkoreanischen Botschafter San Hong-ri bei einem extra einberufenen Treffen persönlich auf diesen Zufall hin.
Verkompliziert wird die Angelegenheit – und insofern darf man über den Irrtum der Nordkoreaner nicht allzu sehr schmunzeln – dass The Interview bei der während der Berlinale stattfindenden und von deren Glanz profitierenden Berliner Filmgala „Cinema for Peace“ für einen Preis nominiert wurde.

Wo wir nun schon im Dickicht der Empfindlichkeiten stecken: Warum wird ein Film, der die Ermordung eines Staatsoberhauptes zum Inhalt hat, nominiert bei einer Filmgala, die unter der Überschrift „Kino für den Frieden“ läuft?
Ohne Zweifel verantwortet die nordkoreanische Staatsführung mit Kim Jong-un an der Spitze (für Detailversessene: Nominell bekleidet Kim Jong-nam das höchste Amt im Staate) die Unterdrückung von Millionen Mitbürgern und beispielloses Hinsiechen und Sterben von hunderttausenden Inhaftierten.
Aber sollten sich aufgeklärte, humanistisch geprägte Europäer, als die wir uns in Zeiten des islamistischen Terrors mehr denn je verstehen, nicht längst verabschiedet haben vom alttestamentarischen Prinzip „Auge um Auge“? Und sollte nicht gelten, dass nichts – nichts! – den mutwillig herbeigeführten Tod eines anderen Menschen rechtfertigt, ausgenommen Notwehr und – Stichwort Sterbehilfe – das unerträgliche Leiden Todkranker?

Die Formel „Nichts rechtfertigt die Ermordung von …“ tauchte im Zusammenhang mit den islamistischen Attentaten in Paris häufig auf. Ein Blick ins deutsche Grundgesetz hätte genügt, um dem „nichts“ ein „außer“ zur Seite zu stellen. So heißt es in Artikel 20 Absatz 4 (in anderen europäischen Verfassungen findet man Ähnliches): „Gegen jeden, der es unternimmt, diese [verfassungsmäßige] Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“ Das klingt harmlos, meint aber letztlich: Wenn alle Stricke reißen, kann man auch das Staatsoberhaupt um die Ecke bringen.
„Widerstand“ als „Töten“ auszulegen scheint übertrieben. Tatsächlich gilt dieser Absatz des Grundgesetzes jedoch als Legitimation für einen „legalen Tyrannenmord“, und das nicht nur bei Wikipedia, sondern insbesondere vor dem Hintergrund des Dritten Reiches, in dem die Ermordung Hitlers der Welt einiges erspart hätte. Insofern wird die Nominierung von The Interview bei „Cinema for Peace“ etwas nachvollziehbarer – solange man verdrängt, dass es in diesem Film über weite Strecken um Pupsen und Pullermänner geht …
Auf Basis des „legalen Tyrannenmordes“ lässt sich freilich ziemlich leicht eine Argumentation für die Schreckenstaten von Paris zimmern. Etwa im Sinne von „die Zeichner drohten unsere islamische Ordnung zu beseitigen, also müssen wir sie beseitigen“.

In meinem Buch Kim und Struppi erzähle ich von meiner Reise durch Nordkorea in Begleitung meiner guten und gern widerspenstigen Freundin Thanh und zwei nordkoreanischen Reiseleitern, deren Aufgabe es war, uns nur das Erlaubte vom Land zu zeigen und uns zu bewachen. Er wäre einfach gewesen, sich im Buch über den übergewichtigen Kim und seine bisweilen bizarren Ideen lustig zu machen. Das bezeichnet man dann gern als „platt“. Platter Humor heißt deswegen so, weil er keine Tiefe hat. Weil er offensichtlich ist, effektheischend und auf den schnellen Lacher abzielt. So wie The Interview. Tiefe erreicht man hingegen, indem man Leser oder Zuschauer zwingt, mitzudenken und zu dechiffrieren – auch auf die Gefahr hin, dass er dabei manches übersieht.

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Foto: Matt Paish / Flickr.com / CC BY 2.0

Der Humor in Kim und Struppi geht vor allem auf Kosten von Autor und Begleitung, also mir und Thanh, und hier wird es auch mal platt. Der tiefere Humor erwächst aus dem unterschiedlichen Umgang von Thanh, mir und anderen Touristen mit den Umständen im Land – da sind dann auch Bewertungen und Wertesysteme des Lesers gefragt –,  und er entsteht aus der bloßen Nennung nordkoreanischer Eigenheiten, bei denen es dem Leser überlassen bleibt, sie lustig, beschämend oder erschreckend zu finden.  So erzähle ich bei Lesungen gerne, dass sehr oft Gegenstände, die einer der drei großen Kims während ihrer zahllosen Reisen durchs Land berührt hat, anschließend mit einem Messingschildchen versehen wurden, auf dem Ort, Zeit und Anlass des Besuchs festgehalten sind. Oder dass, nach offizieller Darstellung, bei der Geburt von Kim Jong-il (dem Vater des jetzigen Kim) ein doppelter Regenbogen am Himmel erschienen sein soll und bei seinem Tod im Dezember 2011 laut der nordkoreanischen Presseagentur KCNA vor der Botschaft Nordkoreas in Berlin eine Meise eine Stunde lang vor der Eingangstür ausharrte und trotz Winterkälte eine Pflanze zu blühen begann. Da schmunzeln dann die Zuhörer.

Wenn ich zitierend anfüge: „Und es erschien ein Engel, der verkündete: Heute ist uns ein Heiland geboren“, und darauf hinweise, dass viele Deutsche sich regelmäßig Leitungswasser auf die Stirn tupfen und vor halbnackten Holzmännchen niederknien, schmunzeln sie schon weniger. Besonders im west- und süddeutschen Raum, wo die katholische Ordnung noch gilt.

Es sind eben nicht nur die anderen, die Fremden, deren Toleranz schnell ihre Grenzen hat. Im Banalen wie im Existenziellen. Während viele von uns vor kurzem noch Charlie waren und damit die Freiheit der Meinungsäußerung als höchstes Gut behaupteten, müssen seit Jahren jedes Bundesligawochenende tausende Fußballfans durch tausende von Polizisten in Kampfmontur voneinander auf Abstand gehalten werden, weil die einen den einen Balltreterverein mögen und die anderen den anderen. In puncto Gegner-Schmähung spielen Ultrafans und der Kim-Clan rhetorisch in einer Liga. Auf politisch-ideologischer Ebene tobte zuletzt ein ähnlicher Kampf zwischen Pegida und NoPegida und es hatte über Wochen den Anschein, man müsse sich diskussionslos für eine Seite entscheiden, wollte man in den sozialen Netzwerken nicht den Zorn der Massen auf sich ziehen. Die auf beiden Seiten herrschende Haltung „Bist du nicht für uns, bist du für die anderen“ sollte jeden Demokraten beunruhigen. Gleiches gilt für YouTube-Videos, in denen Katzenbabies oder Hundewelpen misshandelt werden. Mehr noch als deren Inhalt verstören die Kommentare darunter, in denen mehrheitlich Folter und Todesstrafe für den Misshandler gefordert werden – und zwar nicht von islamistischen Irrläufern, sondern von Ines und Ingo.

So gern wir auch Charlie sein wollen, so viel häufiger sind wir Kim. Und – so lehrt uns The Interview – mit dem nimmt es ein schlechtes Ende.


Weblinks
Die offizielle Website von Christian Eisert
Christian Eisert bei Twitter
Die Facebook-Seite zu „Kim und Struppi“
„Kim und Struppi – Ferien in Nordkorea“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage

Christian Eisert

Christian Eisert

Christian Eisert, geboren 1976 in Berlin (Ost), ist TV-Autor, Satiriker und Comedy-Coach. Er war acht Jahre  Autor für Harald Schmidt und schreibt für die Fernsehshows „Alfons und Gäste“ und „Grünwald Freitagscomedy“ sowie für „Shopping Queen“ und „Löwenzahn“. Sein Reisebericht „Kim und Struppi – Ferien in Nordkorea“ stand über ein Jahr lang ganz oben in der Spiegel-Bestseller-Liste. Sein aktuelles Buch „Viele Ziegen und kein Peter“ ist am 15. April 2016 bei Ullstein extra erschienen.

Foto: © privat

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