Es kotzt uns nicht an

An den Übergriffen in Köln verzweifelt das ganze Land. So unerklärlich und unfassbar erscheinen einem die Vorkommnisse, rühren sie doch tief an unserem Selbstverständnis als Gesellschaft. Nun überschlagen sich alle Lager um die richtige, die dienliche Deutung. Jacinta Nandi zeigt gefährliche Parallelen auf – und bittet um Besonnenheit.

von Jacinta Nandi

© Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Einmal bin ich von einer Gruppe nicht-weißer Jungs, na ja, wenn nicht sexuell angegriffen dann zumindest ein bisschen sexuell belästigt worden. Ein bisschen. Ich war 20 Jahre alt, neu in Berlin, ich hatte einen Sarong umgewickelt und trug obenrum ein Bikini-Top und eine Strickjacke. Ich dachte, ich sah heiß aus. Die Jungs kamen zu mir und sagten, dass ich eine Schlampe wäre, einer hat sogar erklärt: „Du denkst, dass wir denken, dass du schwimmen gehst, aber eigentlich wissen wir, dass du eine Schlampe bist.” Dann hat ein deutscher Mann mir erklärt, was das Problem sei: „Ich glaube für die Herren da sind Sie zu leicht angezogen.”

„Und ist das etwa nicht illegal bei euch?”
„Nee”, sagte ich. „Das ist Brauch.”

Es ist irgendwie eine absurde, fast lustige Geschichte – sie hatten mich nicht durchschaut, die Jungs. Ich war an dem Tag zu keinem Zeitpunkt in der Nähe eines Schwimmbads. Damals habe ich das ehrlich gesagt gar nicht als sexuelle Belästigung erlebt, da ich gerade neu aus England angekommen war. Es gibt kulturelle Unterschiede zwischen verschiedenen Ländern – einer zwischen England und Deutschland zum Beispiel ist, dass in England, zumindest in den Neunzigern, sexuelle Belästigung auf den Straßen und vor allem in der Disko oder in der U-Bahn so normal war, dass ich gar nicht erst wusste, dass es eigentlich illegal sein müsste.

„Warum rufen die deutschen Bauarbeiter einem nicht hinterher, wenn eine Frau an der Baustelle vorbeiläuft? Ist das illegal in Deutschland?”, fragte ich meinen ersten deutschen Freund.

„Rufen sie euch in England hinterher? Was rufen sie so?”

„Oh, so Sachen, also sie rufen und sie stöhnen, sie stöhnen so porno und grunzen, und dann rufen und pfeifen sie und sagen: ‚Sexy Lady, nimm mich mit nach Hause!‘, oder manchmal werden sie frech und sagen: ‚Setz dich auf mein Gesicht!‘, so was.”

Mein deutscher Freund runzelte sich die Stirn.

„Und ist das etwa nicht illegal bei euch?”

„Nee”, sagte ich. „Das ist Brauch.”

Oder in der Disko: damals, mit 16, 17, 18, 19, dachte ich, dass Frauen in der Disko angefasst werden. An der Schulter, am Po, überall eigentlich, fremde Hände an deinem Körper, weil du in der Disko bist. Oder mit 18 in der U-Bahn, ich arbeitete einen Sommer lang in West-London. Eineinhalb Stunden musste ich mit der U-Bahn fahren, in diesen drei Monaten hat man mir insgesamt zweimal unter den Rock gefasst. Als ich nach Hause kam und meiner Mama davon erzählte, war sie richtig traurig und machte mir eine Tasse Tee, es tat ihr richtig leid. Sie sagte, man darf schreien und Theater machen, dann kriegen sie Angst und hören auf. Aber sie gab mir nicht das Gefühl, das etwas Illegales stattgefunden hatte.

Es gibt also kulturelle Unterschiede zwischen England und Deutschland, es muss auch kulturelle Unterschiede zwischen arabischen und europäischen Ländern geben. Diese kulturellen Unterschiede könnten viele Sachen erklären, wir könnten unser Wissen über diese kulturellen Unterschiede dafür nutzen, um die neu-in Deutschland-angekommenen Migranten in die deutsche Gesellschaft zu integrieren, so dass sie auf eine Art und Weise mit Frauen umgehen, wie wir sie in Deutschland erwarten. Unterricht und so. Vielleicht beim Integrationskurs. Hätte ich nichts dagegen.

Ich bin aber auch von weißen Männern angegriffen worden. Manche dieser Geschichten sind lustig, manche nicht. Einmal im Zug habe ich nicht mal Nein gesagt, weil ich nicht unhöflich sein wollte. Ich bin von fremden weißen Männern angegriffen worden, ich bin von weißen Partnern angegriffen worden. Ich bin, wie so viele Frauen auf diesem Planeten, von einem weißen Partner vergewaltigt worden. Wenn kulturelle Unterschiede diese Angriffe von nicht-weißen Männern erklären können, was kann dann diese Angriffe von weißen europäischen Männern erklären, außer kulturelle Gemeinsamkeiten?

Alle, die nur ein bisschen ausländische Wurzeln haben, Menschen mit homöopathischen Dosen von ausländischem Blut im eigenen, sehen hier in diesem weißen Land eigentlich arabisch aus.

Wir wissen nicht, wer in Köln Flüchtling war und wer nicht. Die Aussagen sind unterschiedlich, die Fakten werden noch gesammelt, Anzeigen kommen immer noch rein. Ich würde gerne ein bisschen warten, bevor ich der nordafrikanischen Kultur die Schuld an den Ereignissen in Köln gebe. Denn: nordafrikanisch oder arabisch aussehen tun alle, die in Deutschland wohnen, und nicht-weiß sind. Alle, sogar Italiener. Alle, die nur ein bisschen ausländische Wurzeln haben, Menschen mit homöopathischen Dosen von ausländischem Blut im eigenen, sehen hier in diesem weißen Land eigentlich arabisch aus. Ich sehe arabisch aus – manchmal, wenn ich in den arabischen Supermarkt einkaufen gehe, sagen mir die Angestellten den Preis auf Arabisch. Sogar total-deutsche-Deutsche, diese berühmten Bio-Deutschen, sogar die sehen „nordafrikanisch” aus, wenn sie Solarium-Fans sind. Ich würde gerne warten. Denn wie können wir wissen, ob oder inwiefern kulturelle Unterschiede eine Rolle gespielt haben, bevor wir wissen, aus welchen Kulturkreisen diese Männer stammen?

„Sie haben Krieg gespielt!”, sagt mir eine bis zu der letzten Silvesternacht echt ziemlich unrassistische Freundin. „Sie sind losgegangen, um Krieg zu spielen. Sexuelle Gewalt ist ein Symptom von Krieg, beim Krieg werden Frauen immer vergewaltigt.”

„Aber es war kein Krieg”, sage ich. „Es waren eher Krawalle. Es war eine Situation, die außer Kontrolle geraten ist.”

„Du musst zugeben, dass das nicht in der deutschen Kultur passiert. Tausende von Männern sammeln sich nicht, um Frauen zu beleidigen, sie zu erniedrigen, anzufassen und sogar zu vergewaltigen.”

„Aber sie sind nicht losgegangen, um Frauen zu belästigen”, sage ich. „Sie sind losgegangen, um Silvester zu feiern und beim Feiern haben dann ein paar von denen das gemacht, es war keine Armee von Vergewaltigern, sie hatten keinen Plan.”

„Sie hatten einen Plan”, sagt meine Freundin. „Es war eine organisierte, koordinierte Attacke auf deutsche Frauen.”

„Ich glaube nicht, dass das organisiert war”, sage ich.

„Doch”, sagt sie.

Ich will nicht streiten, denke ich, ich will echt nicht streiten. Ist das unsolidarisch von mir? Ich will einfach nicht streiten. Ich sage: „Was ist mit den Türstehern und Hooligans und Nazis und so, die Menschen mit brauner Haut angegriffen haben gestern? War das auch nicht geplant?”

„Nein, Jacinta”, sagt sie, „das war nicht auf dem selben Level geplant. Das war nicht organisiert, es war kein organisiertes Angreifen.”

„Okay”, sage ich.

„Du wirfst Frauen weg, um Solidarität mit Tätern zu zeigen, nur weil sie nicht-weiß sind”, sagt sie.

Es kotzt uns nicht an.

Ich sage dann nichts mehr, ich glaube aber nicht, dass ich das tue. Ich denke, dass, wenn weiße Männer Gewalt ausüben – wenn sie Flüchtlingsheime anzünden, wenn sie ihre Frauen vergewaltigen, wenn sie Kriege anfangen, wenn sie  auf ihre Kinder einschlagen – dann merken wir nicht, dass es Gewalt gegeben hat. Wir nennen diese Gewalt nicht organisiert. Die Kriege, die weiße Männer organisieren, sind Anti-Terror-Maßnahmen, die Vergewaltigungen, die sie durchführen, sind Privatsachen. Und der Grund dafür ist, ganz einfach: weil wir denken, dass weiße Gewalt nicht unnatürlich ist. Es kotzt uns nicht an. Wir akzeptieren das. Ich meine nicht unbedingt bewusst – ein bisschen bewusst ist es uns doch – aber diese Akzeptanz sitzt tief in unseren Herzen.

Ich schicke meine ganze Solidarität und Liebe jedem einzelnen Opfer in Köln. Mein Wunsch ist nicht, dass man weniger über sexuelle Gewalt spricht, oder dass Frauen weniger über sexuelle Gewalt und die Rolle der kulturellen Unterschiede dabei sprechen. Mein Wunsch ist es, dass man nach Köln offener über sexuelle Gewalt sprechen kann, von weißen Männern, von nicht-weißen Männern, gegenüber weißen Frauen und nicht-weißen Frauen. Mein Wunsch ist einfach, dass es den Frauen irgendwann in der Zukunft besser geht als jetzt.


 Weblinks
„Nichts gegen blasen“ auf den Seiten der Ullstein Buchverlage
Jacinta Nandi bei Twitter

Jacinta Nandi

Jacinta Nandi

Jacinta Nandi wurde 1980 in Ost-London geboren und kam mit zwanzig nach Berlin. Sie schreibt für die taz die Kolumne „Die gute Ausländerin“ und den Blog „Riotmama“ sowie als Amok-Mama einen Blog für das englischsprachige Stadtmagazin Exberliner. Jacinta Nandi ist Mitglied der Lesebühne Rakete 2000. Ihr Buch „Nichts gegen blasen“ ist im April 2015 bei Ullstein extra erschienen.

Foto: © privat

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